Ausgabe #18 vom

Keine Pflichtlektüre

SOL STERN

Im März 2013 veröffentlichte der C.H. Beck Verlag die deutsche Übersetzung von Peter Beinarts Buch The Crisis of Zionism unter dem jedem Verschwörungstheoretiker schwitzige Hände bereitenden Titel Die amerikanischen Juden und Israel. Was falsch läuft. Die üblichen Verdächtigen sind ganz aus dem Häuschen über diese „schonungslose gesellschaftliche Analyse der Gegenwart“ (Detlev Claussen), die angeblich eine „Pflichtlektüre“ (Micha Brumlik) sei. Dass man sich die Lektüre dennoch sparen kann, zeigt eine Rezension von SOL STERN, die in der April-Ausgabe 2012 des Commentary Magazine erschienen ist. Im Folgenden sei sie in deutscher Übersetzung wiedergegeben.1

 

Im Zentrum von Peter Beinarts neuem Buch The Crisis of Zionism steht ein simples moralisches Lehrstück. Auf der einen Seite stehe der „liberale Zionismus“, in dem Beinart erzogen worden ist. Diese Tradition verläuft in Beinarts Darstellung von seinem Helden, dem führenden amerikanischen Reformrabbiner der Depressionsära und Streiter für die Sache des Zionismus, Stephen Wise, über Israels sozialistische Gründerväter bis hin zu… Barack Obama. Auf der anderen Seite stehe der revisionistische Zionismus Vladimir Jabotinskys, der durch den jetzigen israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu vertreten und von einem ängstlichen jüdischen Establishment in Amerika unterstützt werde. Was in diesem epischen Kampf auf dem Spiel stehe, so will uns Beinart glauben machen, sei nichts anderes als die Zukunft der israelischen Demokratie.

 

Die Schriftstellerin Toni Morrison titulierte Bill Clinton als den „ersten schwarzen Präsidenten“. Beinart, der behauptet, über die einzigartige Fähigkeit zu verfügen, Barack Obamas Gedanken lesen zu können, bezeichnet den derzeitigen Bewohner des Weißen Hauses als den „jüdischen Präsidenten“, als einen idealistischen liberalen Zionisten, der seine Amtszeit mit der Hoffnung angetreten sei, Israels Zukunft in einem friedlichen Nahen Osten zu sichern, nur um dann feststellen zu müssen, dass er von einer mächtigen politischen Koalition, bestehend aus einer Pro-Israel-Lobby und Netanjahus rechten Verbündeten im Kongress, in seinen Bemühungen behindert wird. Beinart malt sich aus, wie es wäre, wenn Stephen Wise bei einem Treffen des Präsidenten mit heutigen Vertretern des jüdischen Establishments im Oval Office auftauchen würde. Wise, konstatiert Beinart, „würde nur eine Person finden, die den liberalen Zionismus vertritt, für den er sich selbst eingesetzt hat. Und das wäre der schwarze Mann mit dem muslimischen Namen: Barack Hussein Obama.“

In Beinarts Erzählung hat sich Obamas bemerkenswerte Konversion zum Zionismus in den 1990er Jahren ereignet, als der zukünftige Präsident in die „jüdische Welt“ des Hyde Park Viertels in Chicago eingebettet gewesen und unter den Einfluss des Rabbiners Arnold Wolf sowie anderer progressiver Juden geraten sei. Es seien diese angeblichen „liberalen Zionisten“ gewesen, die Obama eine „spezifische und subversive Vision amerikanisch-jüdischer Identität und des jüdischen Staates“ vermittelt hätten, schreibt Beinart. Keine Rede davon, dass Obama während dieser Zeit auch seine Freundschaften mit notorischen Israelhassern wie Reverend Jeremiah Wright, den früheren Weather Underground-Terroristen Bill Ayers und Bernardine Dohrn sowie dem Professor der Universität Chicago und einstigem PLO-Funktionär Rashid Khalidi kultiviert hat. Ohne Belege anzuführen, die auf dem basieren, was Präsident Obama tatsächlich gesagt oder geschrieben hat, weiß Beinart ganz sicher, dass der Einfluss von Obamas jüdischen Nachbarn entscheidend für seine Hinwendung zum liberalen Zionismus gewesen sei.

Beinarts magische Gedankenleserfähigkeiten werden auch in dem Kapitel über Benjamin Netanjahu sehr anschaulich. Netanjahus engstirnige und unterdrückerische Politik gegenüber den Palästinensern und seine Zurückweisung von Obamas gutem Willen seien dem verleumderischen Einfluss seines 102 Jahre alten Vaters Benzion Netanjahu geschuldet. Die brutale antiarabische Ideologie des alten Netanjahu sei durch dessen Mentor, Vladimir Jabotinsky, den Führer der zionistischen revisionistischen Bewegung, geprägt worden. Laut Beinart haben Jabotinsky und seine Anhänger den Militarismus der europäischen faschistischen Bewegungen bewundert, und ihre „faschistische“ Affinität sei dann durch Benzion vermittelt in dessen loyalen Sohn gefahren. Und dies erkläre, warum „Netanjahu Obama nicht traut und wahrscheinlich niemals trauen wird“, schreibt Beinart. „Der Grund ist einfach: Obama erinnert Netanjahu an das, was Netanjahu an Juden nicht mag.“

Beinart sagt, er habe The Crisis of Zionism hauptsächlich geschrieben, um junge amerikanische Juden davon zu überzeugen, dass sie das American Israeli Public Affairs Committee (AIPAC) und das jüdische Establishment infrage stellen und sich hinter Barack Obama versammeln. Dadurch könne der amerikanische Präsident fortfahren, die israelische Regierung unter Druck zu setzen, damit sie die Besetzung des Westjordanlandes und des Gazastreifens beendet. (Israel hat sich 2005 aus dem Gazastreifen zurückgezogen, aber Beinart sieht das Territorium immer noch als eigentlich besetzt an.) In einer jüngsten E-Mail-Aussendung gab Beinart bekannt, er werde The Crisis of Zionism auf der diesjährigen Konferenz von J Street, dieser selbstgebastelten „Pro-Israel, Pro-Frieden“-Alternative zu AIPAC, herausbringen. Beinart sagte, sein Buch biete „eine Agenda für das, was amerikanische Juden – besonders junge amerikanische Juden – tun müssen, wenn wir keine Generation sein wollen, die zuschaut, wie der Traum eines demokratischen jüdischen Staates stirbt“, und forderte die Empfänger seiner E-Mail auf, ihn zum J Street-Treffen zu begleiten, um an dem „Kampf unseres Lebens“ beteiligt zu sein. Das ergibt ein rechtzeitiges Zusammenfließen von Interessen, schließlich wurde J Street, wie Beinart in seinem Buch schreibt, gegründet, um „als Obamas blocking back im Kongress zu fungieren, als er versuchte, den Friedensprozesses wiederzubeleben“.

Demzufolge erkennt Beinart explizit die Tatsache an, dass sein Buch trotz seiner wissenschaftlichen Fassade nicht mehr als ein bloßer politischer Traktat ist, der dazu gemacht wurde, Präsident Obamas Agenda für den Nahostkonflikt voranzutreiben. Die Danksagung enthält Namen von 24 jungen Wissenschaftlern (warum so wenige?), die Beinart assistiert und ihm dabei geholfen haben, 74 Seiten Fußnoten (insgesamt etwa 800) zu produzieren – alles, um weniger als 200 Seiten regulären Text abzustützen. Dennoch können alle Fußnoten der Welt nicht die Tatsache verdecken, dass Beinart willentlich alle Aussagen und Quellen ignoriert, die sein unkompliziertes Narrativ des guten liberalen versus des bösen reaktionären Zionismus unterminieren könnten.

Diese Auslassung ist in Beinarts Bewertung Stephen Wises evident, den er als Modell dessen rühmt, wofür ein jüdischer Anführer in Amerika stehen sollte: den Glauben an die prophetische Tradition der sozialen Gerechtigkeit in Amerika, die Verpflichtung gegenüber einem besonnenen, friedlichen Zionismus und einen gesunden Respekt für abweichende Meinungen. Und er kontrastiert Wises demokratische Instinkte mit den heutigen jüdischen Anführern, die nicht nur im Gleichschritt mit dem primitiven Netanjahu marschierten, sondern auch ihre Macht nutzten, um Dissens über Israels Unterdrückungspolitik gegenüber den Palästinensern innerhalb der jüdischen community niederzuhalten. (Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, wie wenig diskutiert das Thema Palästina ist.)

Selbstverständlich war Wise ein ehrwürdiger jüdischer Anführer in den 1930er Jahren, als er sich mutig gegen Rassismus und Antisemitismus aussprach und dafür kämpfte, dass Amerikas Türen für die aus Europa vor Hitler fliehenden Juden aufgebrochen wurden. Aber der größte Test für den amerikanischen Zionismus sollte kommen, nachdem die US-Regierung im November 1942 offiziell anerkannt hatte, dass Hitler über einen Plan zur Vernichtung des europäischen Judentums verfügte und dass zwei Millionen Juden bereits ermordet worden waren. Es gibt keinen Zionismus, der seinen Namen verdient, der nicht die oberste Priorität hat, Juden aus tödlicher Bedrohung und Not zu retten. Wise hat bei diesem Test versagt, auch wenn darüber aus Beinarts Buch nichts zu erfahren ist.

Beginnend mit David S. Wymans bahnbrechender Studie The Abandonment of the Jews von 1984 entwickelte sich ein wissenschaftlicher Konsens, dass Roosevelts Administration eine moralisch inadäquate Antwort auf den Holocaust gegeben hat. Präsident Roosevelt richtete sich unerbittlich gegen besondere Bemühungen der Alliierten, den von der Auslöschung bedrohten Juden zu helfen. Und die Roosevelt-Administration tat alles, um jede öffentliche Agitation von (jüdischen und nichtjüdischen) Amerikanern für besondere Bemühungen um die europäischen Juden abzufangen. Wise war der Anführer von einem Dutzend jüdischer und zionistischer Organisationen zu dieser Zeit. Im Gegensatz zu dem, was Beinart schreibt, war nichts besonders demokratisches an der Art, wie er diese Gruppen leitete, weshalb er auch häufig als „König der Juden“ bezeichnet wurde.

Trotzdem mag er an der Aufgabe gewachsen sein und nutzte seine Position, um die Administration unter Druck zu setzen, damit sie ihre Rettungspolitik ändere. Aber der zionistische Anführer war vorbelastet durch seine enge persönliche Beziehung zum Präsidenten (seine Briefe an Roosevelt trugen gewöhnlich die schleimige Anrede „Lieber Boss“). Trotz Roosevelts öffentlicher Bekundung seiner Freundschaft mit den Juden blieben die Vereinigten Staaten und die Alliierten Zuschauer des Massenmordes an den europäischen Juden.

Eine Gruppe in Amerika, das Emergency Committee to Save the Jewish People of Europe, nahm die Herausforderung an und stemmte eine öffentliche Lobbykampagne, um die Administration zur Änderung ihrer Rettungspolitik zu bewegen. Die neue Organisation wurde von einem kleinen Kader junger Juden geführt, die ursprünglich aus Palästina in die Vereinigten Staaten gekommen waren, um mit Vladimir Jabotinsky zusammenzuarbeiten. (Der revisionistische Anführer verstarb 1940 in New York.) Auch nach ihrem Anführer Peter Bergson als Bergson-Gruppe bekannt, war sie erfolgreich darin, die Administration schließlich dazu zu bringen, das War Refugee Board ins Leben zu rufen, das es fertig brachte, Tausende von Juden zu retten, besonders aus Ungarn in den letzten Kriegsmonaten. Aber das war nicht das Verdienst von Rabbiner Wise. Anstatt mit Bergson zusammenzuarbeiten, um maximalen Druck auf die Administration zur Änderung ihrer Politik auszuüben, richtete sich Wise gegen die Abweichler, versuchte ihre Organisation zu untergraben und ihren Einfluss abzublocken.

Es steht nicht ein Wort über dieses unselige Kapitel amerikanisch-jüdischer Geschichte in Beinarts Buch, nur schrankenloses Lob für Wises demokratischen Zionismus. Noch erstaunlicher ist, dass Beinart nicht das Buch A New Voice for Israel erwähnt, das der Präsident von J Street, Jeremy Ben-Ami, letztes Jahr veröffentlicht hat. Wie es der Zufall will, war Ben-Amis Vater Yitzhak eine führende Figur in der Bergson-Gruppe und Jeremy ist nicht so beeindruckt vom Wert des liberalen Zionismus von Rabbiner Wise für die europäischen Juden in den 1940er Jahren wie Beinart es ist. Wise und das jüdische Establishment, schreibt Ben-Ami, „verschlossen mit einer Schmutzkampagne, die von einer für die höheren Interessen blinden politischen Agenda angetrieben war, die Tür für eine amerikanische Unterstützung ihrer [der Bergson-Gruppe] Arbeit, die Tausende oder mehr hätte retten können“. Offenbar konnte Beinarts Armee von Forschern Ben-Amis Buch nicht finden (so wie sie Wymans nicht finden konnten), und so bleibt es unerwähnt in den Fußnoten und im Text von The Crisis of Zionism.

Was neu ist an Beinarts Buch – seine Psychogeschichten über Barack Obama und Benjamin Netanjahu – ist unseriös. Was an Beinarts Buch seriös ist – sein Argument, dass die fortgesetzte Besatzung und Kontrolle über Millionen Palästinenser in der Westbank für Israel gefährliche Konsequenzen hat – ist nicht neu. Was an Beinarts Buch nervtötend ist, ist seine falsche Frömmigkeit und seine unberechtigte Selbstbedeutsamkeit.

Was falsch ist an Beinarts Buch ist im Titel enthalten, The Crisis of Zionism. Nicht der Zionismus selbst ist in der Krise. Der liberale Zionismus, für den Beinart eintritt, ist es, weil Beinart und andere wie er sich entschieden haben, ihren Glauben an eine jüdische nationale Heimstätte an die Bedingung zu knüpfen, dass deren politisches Streben ihnen ein gutes Gefühl verschafft. Sie bevorzugen ein Israel gemäß sozialdemokratischer Fantasie – ein Israel, das sich um das Verhalten der palästinensischen Gesprächspartner, um die Sicherheit seiner eigenen Bevölkerung und um die Ansichten und Wünsche seiner Wählerschaft nicht zu kümmern braucht. Indem er die ideale Form des Zionismus in der Perspektive Stephen Wises verortet, der weniger als ein Jahr nach der Gründung des jüdischen Staates gestorben ist, möchte Beinart Israel in die unkomplizierte Zeit seines Ruhmes, etwa 1949, zurückversetzen.

 

Besprochene Literatur:

Peter Beinart, The Crisis of Zionism, Times Books: New York, NY 2012, 304 Seiten, 17,95 $.

Peter Beinart, Die amerikanischen Juden und Israel. Was falsch läuft, C. H. Beck: München 2013, 320 Seiten, 24,95 €.

 

Anmerkungen:

  1. Übersetzung von Philipp Lenhard. Der Originaltitel lautet Beinart the Unwise. Er wurde nicht übernommen, weil das Wort „unwise“ nicht nur „unklug“ bedeutet, sondern auch eine Anspielung auf den im Text vorkommenden Stephen Wise beinhaltet.