Ausgabe #18 vom

Jargon der Israelkritik

Dokumentation eines Vortrags gehalten am 18. April 2013 in Bonn

LEO ELSER

Was den Jargon der Israelkritik letztlich zum Jargon macht, ist sein überaus formeller Charakter. Dieser formelle Charakter zeigt sich darin, dass über Israel in der gesamten deutschen Presse niemals anders gesprochen wird als in einer eingeschliffenen Phraseologie, die die jeweils aktuelle Wirklichkeit – also die sogenannten Nachrichten, die vorgeblich den Gegenstand des journalistischen Berichts ausmachen – nur zu ihrer selbstbestätigenden Illustration gebraucht. Beispielhaft ließe sich das an dem Wörtchen „Gewaltspirale“ illustrieren, das wider aller Evidenz immer dann zum Einsatz kommt, wenn nach monatelangem Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen die israelische Armee ihrerseits versucht, ihre Gegner durch Zerstörung der Abschussanlagen für Raketen, der Tunnel, durch die diese geschmuggelt werden und der Waffenlager, sowie führender Hamas Offiziere zu schwächen. Auffällig ist, dass mit dem Wort „Gewaltspirale“ zunächst von allen politischen Interessen des jeweiligen konkreten Gewalteinsatzes abstrahiert wird. Davon nämlich, dass es das erklärte Ziel der Hamas ist, was jeder in ihrer offiziellen Charta nachlesen kann, Israel als jüdischen Staat zu zerstören und seine jüdischen Bewohner umzubringen – ein programmatisches Ziel, das etwa wöchentlich in Fernsehsendungen wiederholt wird. Umgekehrt tut Israel genau das, was jeder Staat in einer irgendwie vergleichbaren Situation täte, nämlich seine selbsterklärten Todfeinde – so gut es geht und eben mit den dazu nötigen, selbstverständlich auch gewalttätigen Mitteln – in ihrem Mordtreiben einzuschränken. Schon alleine darum ist der Gestus der Äquidistanz, den sogenannte Nahost-Experten und -Korrespondenten für den Garant vermeintlicher Objektivität halten, von Grund auf falsch. Denn gegenüber einem selbsterklärten Mordkollektiv und seinen potentiellen Opfern verbietet sich von vorneherein jede Neutralität – auch und gerade dann, wenn die Angegriffenen sich zur Wehr setzen.

Der Einwand, dass doch etwa die palästinensischen Kinder, die fraglos gelegentlich zu Opfern israelischer Luftangriffe werden, nicht für die Taten der Hamas verantwortlich gemacht werden können, ist dabei selbst ein Stück dieser Phraseologie. Denn nicht nur dürfte sich inzwischen auch hierzulande herumgesprochen haben, dass die Gegner Israels selbst auf die Produktion jener bekannten Bilder setzen, die europäische Medien so gerne senden: die klagenden Eltern, die den Leichnam eines angeblich oder tatsächlich bei einem israelischen Luftangriff getöteten Kindes durch eine zerstörte Straße tragen, umringt von einer aufgebrachten Meute.1 Ebenfalls bekannt ist, dass sowohl die Hisbollah im Libanon, als auch die Hamas Abschussvorrichtungen wie Waffenlager allzu gerne in oder unmittelbar bei Schulen und Kindergärten sowie Krankenhäusern errichtet, um für den Fall des Gegenschlages den Krieg gegen Israel noch mit den entsprechenden Propagandabildern nach Europa bringen zu können. Dieser Umstand kann am wenigsten den Nahost-Büros der europäischen Nachrichtensender entgangen sein. Man muss schon ein europäischer Journalist sein, um die Niedertracht aufzubringen, solchem Wissen zum Trotz immer wieder aufs Neue jene Bilder in Fernsehbeiträge einzubauen und damit sicherzustellen, dass die Feinde Israels auch weiterhin erfolgreich der Weltöffentlichkeit getötete Kinder präsentieren können. Die toten palästinensischen Kinder, die Israel, wenn es sich gegen die Hamas verteidigen will, gezwungen ist, in Kauf zu nehmen, werden umgekehrt nicht nur von der Hamas, sondern auch von den sich dann schrecklich empört gebenden europäischen Journalisten ganz bewusst und ohne jede Not einkalkuliert. Würden nämlich europäische Fernsehsender und Zeitungen diese Bilder einfach nicht mehr veröffentlichen, vielleicht wäre die Produktion palästinensischer Kinderleichen bei den Feinden Israels nicht mehr so beliebt. Die scheinbar neutrale Grundhaltung der deutschen Nahost-Berichterstattung wird hier mit Absicht als Gestus der Äquidistanz bezeichnet, denn die Phrase von der Gewaltspirale ist ihrerseits durchaus doppeldeutig: Einerseits suggeriert sie eine angeblich von beiden Seiten gleichermaßen betriebene Gewalt, die sich dann wechselseitig hochschaukelt. Unterstrichen wird dies üblicherweise durch Untertitel wie „Es regiert bzw. spricht wieder die Gewalt“.

Doch andererseits ist es vielleicht nicht ganz zufällig, dass der Terminus der Gewaltspirale eigentlich der Konfliktforschung zu familiärer Gewalt entstammt und dabei eine bestimmte Abfolge von Eskalationsstufen im Verhalten der zumeist männlichen Gewalttäter und ihrer meist weiblichen Opfer meint, also ein zwar durchaus wechselseitiges Verhalten beschreibt, in dem aber sowohl die moralische wie juristische Schuld durchaus eindeutig für eine der beteiligten Personen feststellbar ist. Wenn man einmal versuchsweise die Begriffe Gewaltspirale und Nahost googelt, stellt man ohne Probleme fest, dass der größte Teil der Suchergebnisse auf den November 2012 datiert, also auf die israelische Militäroffensive im Gazastreifen, die eine konsequente Reaktion auf den monatelangem Raketenbeschuss war. Nachdem am 7. April diesen Jahres, ausgerechnet während der Auftaktgedenkveranstaltung zum Holocaustgedenktag Yom haShoah, Raketen auf Israel abgeschossen wurden, fand sich in den Google-News bei einer Suche nach „Gewaltspirale“ auch in den auf die Angriffe folgenden Tagen kein einziger Treffer.2 Das kann wiederum nur bedeuten, dass in der öffentlichen Wahrnehmung, analog zur Gewalt in familiären Verhältnissen, ein eindeutiges Täter-Opfer-Verhältnis gedacht wird und die vermeintliche Äquidistanz tatsächlich nur Schein ist. Hinter dem Gestus der Äquidistanz steckt das Bedürfnis, Israel zu denunzieren.

In Miniatur lässt sich dieser Zusammenhang ebenfalls an der inzwischen berühmt gewordenen Spiegel-Kolumne von Jakob Augstein zum letzten Gaza-Krieg, die den Titel: „Gesetz der Rache“3 trägt, darstellen. Sie eröffnet mit den Worten: „Der Wahnsinn geht weiter – die Hamas und Israel schießen pausenlos aufeinander. An Frieden haben beide Seiten kein Interesse. Im Nahen Osten gilt immer noch: Der Krieg ist der Vater aller Dinge“ – wer die Fußballtalkshow „Doppelpass“ kennt, weiß, dass allein diese zwei Sätze mindestens dreimal drei Euro in das Phrasenschwein gekostet hätten. Allerdings kann sich damit jemand wie Augstein fast in den Rang eines Nahost-Experten, mindestens jedoch Intellektuellen schreiben und einmal angedreht, hört die Phrasenspirale gar nicht mehr auf. „Die Hamas feuert Raketen auf Israel. Israel bombardiert den Gazastreifen. In den ersten beiden Tagen 350 Raketen und mehr als 600 Luftangriffe: Das ist Krieg. Er ist wieder ausgebrochen. Unter der Oberfläche schwelt er immerzu. Schlag und Gegenschlag halten ihn am Leben“. Und dann weiter: „das Gesetz der Rache kennt kein Ende“; „dieser Krieg wird erst enden, wenn die Krieger die Lust daran verloren haben“.

Man darf Augstein dankbar dafür sein, klargestellt zu haben, worauf der Gestus der Äquidistanz zielt: Auf die Neutralität verbürgen sollende Beteuerung, dass beide Seiten gleichermaßen von kriegerischer Lust getrieben wären, folgt sogleich die Unterstellung, Israel sei erstens gleichermaßen von religiösen Fanatikern regiert wie Gaza. Gemeint sind die Ultraorthodoxen. Für den „Fanatismus“ der Palästinenser ist Israel jedoch ebenfalls verantwortlich: „Gaza ist ein Ort aus der Endzeit des Menschlichen. 1,7 Millionen Menschen hausen da, zusammengepfercht auf 360 Quadratkilometern. Gaza ist ein Gefängnis. Ein Lager. Israel brütet sich dort seine eigenen Gegner aus“. Zusammengepfercht auf immerhin über 200 Quadratmeter pro Person. Doch man muss nicht das palästinensische Elend kleiner reden als es ist, um zu erkennen, worauf Augstein aus ist. Es lohnt sich, bei diesem Satz „Israel brütet sich dort [in Gaza] seine eigenen Gegner aus“ einen Moment zu verweilen. Bei den „fanatischen“ Palästinensern handle es sich nach Augstein erstens wohlgemerkt um „Gegner“, nicht um Feinde, also Leute, die wohl eine Art sportlichen Wettkampf mit Israel führen möchten. Zweitens würden diese angeblich überhaupt erst durch die israelische Politik zu Gegnern Israels „ausgebrütet“. Gewiss lässt sich dagegen leicht einwenden, dass der Kampf arabischer und islamischer Gruppen gegen die Existenz von Juden im Nahen Osten länger zurückreicht, als die Existenz des jüdischen Staates. Ebenso, dass die Hamas und auch die Fatah immer wiederholen, dass der Kampf gegen Israel und die Juden solange fortgesetzt wird, wie auch nur ein einziger Jude im Nahen Osten existiert. Was aber bei dieser Floskel weit mehr noch auffällt, ist die Verschwommenheit des gewiss metaphorischen Satzes selbst. Nimmt man diesen Satz ernst, dann ist damit nicht einfach bloß die Aufteilung der Täter-Opfer Rollen zwischen Israelis und Palästinensern beantwortet, sondern den Palästinensern auch – nicht sehr schmeichelhaft – jede Form von Selbstständigkeit abgesprochen. Wer Aufsätze von Jakob Augstein kennt, der weiß, dass er meistens genauso schreibt wie er spricht. Das mag einkalkulierte Volksnähe sein, könnte aber genauso gut darauf hinweisen, dass der weitere Reflexionsschritt beim Schreiben, der den schriftlichen Gedanken meist einer weit strengeren logischen Prüfung unterzieht als den gesprochene Gedanken, bei Augstein schlicht ausfällt. Wer den von Narzissmus und Selbstüberschätzung nur so triefenden Augstein einmal öffentlich hat auftreten sehen, kann sich durchaus vorstellen, dass es diesem schlichtweg an jenem Minimum an Selbstkritik mangelt, welches normalerweise zwischen gesprochenem und geschriebenem Wort als korrigierende Instanz die logische Reflexion schaltet. Wenn das stimmt, dann müsste man die suggestive Phraseologie Augsteins nicht etwa als Propaganda-Trick, sondern als Ausdruck eines selbst nur assoziativen Denkens deuten. Die Phrase „Israel brütet sich seine eigenen Gegner aus“ wäre demnach keineswegs bloß ein geschickter Versuch, die Behauptung, dass die Israelis im Grunde selbst schuld am Terror der Hamas sind, nicht ganz so offen auszusprechen, sondern im Grunde genommen eine merkwürdige Ungenauigkeit des Augstein’schen Denkens. Um von vorneherein jedes Missverständnis auszuschließen: Mit dieser Überlegung soll Augstein keineswegs von der Verantwortung für das, was er geschrieben hat, entlastet werden. Vielmehr geht es darum, dass die auffällige Phraseologie, die der alltäglichen Israelkritik eigentümlich ist, ihrerseits eigentlich nur dadurch zu erklären ist – und zwar nicht nur im Falle Augstein, sondern generell –, dass bezogen auf Israel eine fast schon systematisch zu nennende Ungenauigkeit des Denkens am Werke ist. Diese Ungenauigkeit allerdings ist nicht einfach nur auf Schlamperei, also subjektive Unzulänglichkeit zurückzuführen, sondern sie bestimmt geradezu die Weise, wie über Israel im Allgemeinen gesprochen wird. Auch der Ausdruck „Israelkritik“ gehört selbst in jenes Wortfeld der Ungenauigkeiten. Unterstellt man z.B. denjenigen, die ihr eigenes Schaffen als Israelkritik betreiben, sie wären auf eine Fundamentalkritik an Israel – also letztlich die Abschaffung Israels – aus, dann werden sie diesen Vorwurf in der Regel zurückweisen und beteuern, sie wollten nur eine ganz bestimmte politische Handlung der aktuellen israelischen Regierung kritisieren und nicht den israelischen Staat selbst in Frage stellen. Doch würde ja bekanntlich niemand bei einer ganz bestimmten Kritik an einer einzelnen Handlung oder Position z.B. der französischen Regierung von Frankreichkritik sprechen. Das aber wiederum ist keineswegs zufällig, denn fast alle Kritik, die doch vermeintlich nur eine bestimmte Position der israelischen Regierung betrifft, läuft angesichts des Umstandes der permanenten Bedrohungslage, die dafür sorgt, dass jede gewichtige politische Entscheidung in Israel Folgen für die Sicherheit und mithin den dauerhaften Fortbestand Israels als jüdischen Staat haben kann, darauf hinaus, doch den Fortbestand Israels zumindest potentiell in Frage zu stellen. Dass genau dies im Grunde auch ständig passiert, zeigt gerade die gerne auch von vermeintlichen Freunden Israels bemühte Redewendung vom Existenzrecht Israels an.4 Die Ungenauigkeit in diesen Formulierungen ist also keineswegs zufällig oder bloß subjektiver Mangel an sprachlicher Genauigkeit, sondern sie ist zurückzuführen auf eine Unaufrichtigkeit derjenigen, die sie aussprechen. Die Unaufrichtigkeit nämlich, einerseits sehr wohl Israel in Frage zu stellen, diese Delegitimation aber gleichwohl selbst im Bereich der Uneindeutigkeit zu lassen, wohl aus der Ahnung, dass man sich doch mit der unverblümten Aufforderung, Israel von der Landkarte verschwinden zu lassen, allzu sehr eines ordinären Antisemitismus verdächtig machen würde.

Auch die Beteuerung, dass man doch wohl Israel selbstverständlich kritisieren dürfe, gehört in diesen Bereich. Denn ohne Zweifel ist es weder verboten, noch gibt es irgendetwas, das man ernsthaft als Tabu bezeichnen könnte, Israel zu kritisieren. Die Frage müsste, präzise gestellt, vielmehr lauten, ob man Israel auch wahrheitsfähig kritisieren kann – d.h. ob objektiv und im Angesicht der existentiellen Bedrohung Israels eine Kritik überhaupt möglich ist, die mehr und anderes ist als ein bloßes Geschmacksurteil, das von allen gesellschaftlichen, philosophischen und historischen Zusammenhängen abstrahiert. In Augsteins Text setzt sich diese Ungenauigkeit drastisch in der suggestiven Steigerung vom Gefängnis zum Lager fort, die, ohne es ausdrücklich gesagt haben zu wollen, doch das Assoziationsfeld eröffnet, dass die Israelis mit den Palästinensern auch nichts anderes machen als die Nazis mit den Juden. Eine Assoziation, die in dem von Augstein herausgegeben Freitag besonders beliebt ist. Als Stephan Kramer anlässlich der Verleihung des Adorno-Preises an Judith Butler dieser wegen ihrer Liebelei mit Hamas und Hisbollah „moralische Verderbtheit“ vorwarf, kommentierte der Freitag: „Moralische Verderbtheit! Dass muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Sorry, klingt nicht wirklich nach 2012, eher nach 1933-45“.5 Der „geifernde Kramer“ (ebd.) als Wiedergänger von Joseph Goebbels, das zwingt freilich die Frage auf, ob sich der Zentralrat doch nur als „5. Kolonne von Netanjahu und Konsorten“ begreift. Als fünfte Kolonne, das verrät der entsprechende Wikipedia-Artikel, werden „heimliche, subversiv tätige oder der Subversion verdächtige Gruppierungen bezeichnet, deren Ziel der Umsturz einer bestehenden Ordnung im Interesse einer fremden aggressiven Macht ist“. Georg von Grote, der Verfasser des Freitagsartikels hat auch offenbar nähere Informationen über die Pläne der fremden, aggressiven Macht Israel: „Der Mossad wird kein Killerkommando auf sie ansetzen, dieses Risiko der Zirkumzision deutscher Souveränität werden weder Netanjahu noch sein ultra-rechter Innenminister wagen“ (ebd.). Mal davon abgesehen, dass es im deutschen Sprachgebrauch „ultra-rechte“ eigentlich immer nur in Israel gibt, ist es mit Sicherheit kein Zufall, dass dieser Text vom 28.08.2012, also eine Woche nach Beginn der Beschneidungsdebatte, ausgerechnet von der Zirkumzision deutscher Souveränität spricht. Kurz zuvor nämlich hatte sich der Zentralrat der Juden das Recht herausgenommen, ein deutsches Gericht für seine Verurteilung der Beschneidung zu kritisieren.

Mit diesem Beitrag begann die sogenannte Augstein-Debatte: Henryk M. Broder reagierte darauf auf seinem Blog „Achse des Guten“ mit dem Vorwurf, Augstein sei ein Salonantisemit.6 Einen Monat später, im September 2012, kommentierte Augstein die Krawalle anlässlich des Mohamed-Films in islamischen Ländern folgendermaßen: 

Die zornigen jungen Männer, die amerikanische – und neuerdings auch deutsche – Flaggen verbrennen, sind ebenso Opfer wie die Toten von Bengasi und Sanaa. Wem nützt solche Gewalt? Immer nur den Wahnsinnigen und den Skrupellosen. Und dieses Mal auch – wie nebenbei – den US-Republikanern und der israelischen Regierung.7

Wegen der ohne Zweifel abstrusen Andeutung, die Krawalle wären auf die US-Republikaner und auf die israelische Regierung zurückzuführen, bezeichnete Broder Augstein als „lupenreinen Antisemiten“. Das Simon-Wiesenthal-Center wurde dadurch auf Augstein aufmerksam und setzte seinen Kommentar auf die Liste der Top Ten der antisemitischen Beleidigungen im Jahr 2012, woraufhin sich wiederum die gesamte deutsche Öffentlichkeit – mal mehr, mal weniger distanziert – zu Augsteins Äußerungen verhielt, aber einig darin war, dass Augstein gewiss kein Antisemit sei. Bemerkenswert war dabei, dass eigentlich kaum jemand auf die Zitate Augsteins eingehen wollte, auf die sich das Simon-Wiesenthal-Center berief und dass fast alle Kommentatoren sich als unfähig erwiesen, zu bemerken, dass es sich um eine Liste antisemitischer Kommentare bzw. Beleidigungen („slurs“) aus dem Jahr 2012 handelte und nicht, wie meist behauptet wurde, um die Liste der weltweit größten oder gefährlichsten Antisemiten. Verwundern kann sich darüber allerdings nur, wen es ebenfalls wundert, dass auch die Nahostberichterstattung es meistens weder mit der Empirie, noch mit der Logik so genau nimmt. Gleichwohl verdient die Augstein-Debatte in der jüngsten Entwicklung des bundesdeutschen Antisemitismus einige Aufmerksamkeit: Denn während bei vorangegangen vergleichbaren Diskussionen zumeist zwar stets von allen Beteiligten das unverbrüchliche Recht, doch gefälligst Israel kritisieren zu dürfen, betont wurde, drehten sich die Diskussionen dennoch stets um die Frage, wo vermeintlich     legitime Israelkritik aufhöre und wo Antisemitismus beginne. Wohlgemerkt ging es bei dieser Diskussion auch nicht, wie oft geschrieben wurde, um die Frage der Meinungsfreiheit, denn schließlich hat auch Broder nicht gefordert, Augstein seine antisemitischen Ausfälle zu verbieten. Indem bei der Augstein-Diskussion Augstein von allen Beteiligten gegen das Wiesenthal-Center und Broder verteidigt wurde und dies, von wenigen Ausnahmen abgesehen, meist ohne jede Rücksicht auf das, was Augstein nun eigentlich gesagt hatte, wurde de facto nicht nur für Jakob Augstein, sondern für die gesamte deutsche Israelkritik ein Freibrief ausgestellt. Dieses Absehen vom Inhalt deutet an, dass nicht nur der Jargon der Israelkritik selbst, sondern auch die Weise, wie über ihn geredet wird, in dem eingangs genannten Sinne formellen Charakters ist. Die Augstein-Debatte war insofern selbst schon Sprache im Jargon, als sie von ihrem Gegenstand von Anfang an eigentlich nichts wissen wollte. Damit ist ihre Wirkung zwar politisch nach wie vor katastrophal, hilfreich aber ist sie zugleich auch um aufzuklären, was man immer schon ahnen konnte und nun bestätig wurde: Dass all die Vorgängerdebatten um die Grenze zwischen vermeintlich legitimer und antisemitischer Israelkritik nur Scheindebatten waren, die dazu dienten, auszuloten, wie weit man in der deutschen Öffentlichkeit gegen Israel hetzen kann, ohne sich als Antisemit unmöglich zu machen. Seit der Augstein-Debatte weiß man: Viel wichtiger, als das, was man sagt, ist wohl wer es sagt. Gehört man nicht zur NPD oder den freien Kameradschaften ist eigentlich alles drin.

Dieser Befund über den Stand der deutschen Debatte um Israel erscheint als Widerspruch zu einer Entwicklung, die zumindest äußerlich stattgefunden zu haben schien. So finden sich seit einigen Jahren auch in den                               Mainstream-Medien einige der Argumente, die kurz zuvor noch nur in israelsolidarischen, meist antideutschen Kreisen zu vernehmen waren. Dass etwa die Hamas in ihrer Charta die vollständige Vernichtung Israels fordert, konnte man z.B. während der zweiten Intifada fast nur in den einschlägigen Publikationen lesen. Inzwischen erwähnt das sogar gelegentlich die Süddeutsche Zeitung. Dass alles dafür spricht, dass der Iran eine Atombombe baut, wurde noch in den sogenannten Nullerjahren von den meisten der großen Zeitungen als unbewiesene Spekulation abgetan, inzwischen ist es auch dort angekommen. Dass die Hamas ihre Abschussanlagen für Raketen usw. an öffentlichen Orten installiert, um Bilder von zivilen Opfern zu produzieren, ist längst kein „Insider-Wissen“ mehr.

Auffällig ist nun, dass eben dieses Wissen keineswegs dazu führt, dass sich die deutsche Öffentlichkeit eindeutig für Israel positionieren würde. Dabei ist es zumindest nach den Regeln der Logik nicht möglich, z.B. erstens die Sicherheit Israels für unverhandelbar zu erklären, zweitens die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass der Iran eine Atombombe baut und drittens von vorneherein auszuschließen, eine atomare Bewaffnung des Iran notfalls auch militärisch zu verhindern. Ebenso abstrus ist es, die Vernichtungserklärungen genauso wie deren praktische Umsetzung in Form von Raketenangriffen und Selbstmordanschlägen der Hamas zur Kenntnis zu nehmen und trotzdem von Israel zu verlangen, die Blockade des Gazastreifens zu beenden, wie es der deutsche Bundestag einstimmig in seiner Resolution zur Gaza-Flotille getan hat.

Man muss sich nicht auf die Ebene der Vernunftfähigkeit des Denkens begeben, sondern es genügt logischer und politischer Verstand, diese Widersprüchlichkeit selbst wahrzunehmen. Es handelt sich hierbei aber nicht um eine Widersprüchlichkeit im Gegenstand selbst oder um eine Widersprüchlichkeit, die auszuhalten der Verstand vom Gegenstand genötigt wird, sondern letztlich um eine subjektive Widersprüchlichkeit, die Resultat bloß willkürlicher Setzungen der Israelkritiker ist.

Sowohl für die Phraseologie als auch für den formellen Charakter des Jargons lässt sich feststellen, dass es sich wesentlich um eine Flucht aus der Bedeutung handelt. Mit Phraseologie war gemeint, dass bestimmte Wortphrasen – etwa die Rede von der Gewaltspirale – in der ganz alltäglichen Berichterstattung den Gegenstand verstellen, um den es eigentlich geht. Durch die Verwendung einer leeren und kontextlosen Worthülle umgeht der Berichterstatter es über den Gegenstand zu sprechen. Eine ähnliche Funktion erfüllt die in Debatten um Israel immer wieder auftretende Flucht in Allgemeinplätze und Bekenntnisse, wie die, dass man doch wohl Israel noch kritisieren dürfe, dass jede Einseitigkeit im sogenannten Nahost-Konflikt doch wohl schlecht sei, dass ohnehin Krieg doch keine Lösung sei, dass Gewalt wiederum nur Gegengewalt erzeuge, bzw. dass Gewalt kein adäquates Mittel gegen Angriffe auf Israel wäre.8 All diese Weisheiten sind formal, sofern der konkrete Gegenstand dabei so unbestimmt wie möglich gelassen wird. Es handelt sich also im Grunde um eine Vermeidungsstrategie, um gerade nicht über den konkreten Gegenstand reden zu müssen, um sich beim kollektiven Selbstgespräch nicht von der Realität stören zu lassen. Gleichwohl wird aber über kaum einen Gegenstand der sogenannten Weltpolitik so viel geredet wie über Israel und das Leid der Palästinenser. Jede Störung, jede Irritation des selbstbezogenen kollektiven Monologs evoziert äußerst emotionale Reaktionen.

Das offensichtliche Bedürfnis, immer wieder über Israel reden zu müssen und doch nichts über die konkreten Verhältnisse im Nahen Osten zu sagen, kann nur bedeuten, dass das Israel von dem die Israelkritiker reden, nicht einfach identisch mit jenem Israel ist, das im Nahen Osten liegt und sich dort als Staat der Shoa-Überlebenden gegen seine Feinde verteidigen muss. Vielmehr wird ein Israel imaginiert, dass Teil des Seelenlebens der Israelkritiker ist. Auf das real existierende Israel richtet sich der Blick der Israelkritiker nur, insofern es zur Bebilderung dieses innerpsychischen Israels dient. Die Vernichtungsdrohungen aus dem Iran, dessen Atomprogramm, die Raketenangriffe aus Gaza, all das betrifft das „äußere“ Israel und bleibt dem Israelkritiker daher äußerlich. Was bloß als Zynismus erscheint, nämlich einerseits nicht auszuschließen, dass der Iran eine Atombombe baut und damit die Möglichkeit hätte, Israel zu vernichten und andererseits Israel dafür anzuklagen, dass es so eine Situation mit einem Präventivschlag verhindern will, dürfte in Wahrheit auf eine an Schizophrenie grenzende Spaltung der Wahrnehmung Israels zurück zu führen sein. Während sich also der Israelkritiker für das „äußere“, reale Israel so wenig interessiert, wie für das reale Leiden der Palästinenser, gilt seine Passion jenem „inneren“ Israel, das seinerseits eine bestimmte Funktion innerhalb des Seelenlebens erfüllt. Dieses innere Israel verweist auf einen Gegenstand, der entgegen dem realen Israel, den Israelkritikern wirklich wichtig ist, was die hohe Emotionalität und das Bedürfnis über Israel zu reden erklärt. Dieser Gegenstand, der auf Israel verschoben wird, muss sich gleichwohl seinem Wesen nach in jenem Bild von Israel wiederfinden, das von den Israelkritikern entworfen wird. Bei dem gesuchten Gegenstand handelt es sich um das Wesen der Staatlichkeit selbst.9

Wird Israel beispielsweise dafür kritisiert, dass es auf permanenten Raketenbeschuss so reagiert, wie jeder Staat darauf reagieren würde und muss, nämlich mit Gegengewalt, der abstrahiert im Grunde genommen von der generellen Gewaltförmigkeit des Staates, um sie an Israel zur Darstellung zu bringen. Die Rede vom Existenzrecht Israels verdeckt in der Verschiebung auf Israel zugleich etwas, das grundsätzlich für jede Staatlichkeit gilt: Dass Staaten erstens ihr „Existenzrecht“ nicht durch eine äußere Instanz verliehen bekommen, sondern durch Gewalt nach Innen und Außen sich selbst verleihen10 und zweitens, dass alle Staaten ihrerseits, das Ergebnis historischer Kontingenzen sind. Die Existenz eines Staates beruht also gleichermaßen auf Gewalt wie daraus notwendig folgender Künstlichkeit, die das Bedürfnis nach kollektiver Identität so inhaltsleer macht.

Von den Israelkritikern werden aber beide Bestimmungen des Staates nicht als allgemeine Bestimmungen von Staatlichkeit gedacht, sondern ausschließlich auf Israel projiziert. Die Rede vom „künstlichen Gebilde“ Israel – die ja nur bedeuten kann, dass alle anderen Staaten naturwüchsige Dinge wären – spricht diese Projektionsleistung offen aus. 

Antisemitisch ist diese Projektionsleistung erstens, weil sie wesentlich am jüdischen Staat die Gewalttätigkeit von Staatlichkeit zur Darstellung bringt. Zweitens in jenem spezifischen Sinne, dass sie die weltpolitische und geschichtliche Rolle des Antisemitismus verdrängt: Während in der Tat jeder Staat der Welt künstlich ist, und von daher keinen höheren Grund angeben kann, warum es ausgerechnet ihn geben sollte, ist Israel, als bewaffneter Versuch der Juden, sich gegen den Antisemitismus zur Wehr zu setzen, weltweit der einzige Staat, der tatsächlich einen mit den Mitteln der Vernunft nicht bestreitbaren Zweck hat. Weil der Antisemitismus jedoch nicht irgendeine Ideologie oder Abart von „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ ist, sondern die Ideologie der Fortsetzung der Herrschaft in der Krise ihrer Vermittlungsformen – welches selbst in das Wesen der falschen Gesellschaft mit der Wannseekonferenz eingegangen ist – muss die herrschende Ideologie die fundamentale Rolle, die der Antisemitismus in der Weltgeschichte eingenommen hat, verleugnen und damit auch den spezifischen Charakter israelischer Staatlichkeit. Und drittens ist die Israelkritik ihrer immanenten Logik nach antisemitisch, insofern der Antisemitismus eine Form der pathisch-projektive Erklärung von Gesellschaft überhaupt ist, nachdem die liberale Ideologie der Gesellschaft sich endgültig blamierte. Indem die kapitalistische Totalität zerspalten wird, in raffendes und schaffendes Kapital – also ökonomisch in die Bankster und Manager auf der einen – und die produktive Sphäre der guten und ehrlichen Arbeit auf der anderen Seite (als wären z.B. Hedge-Fonds nicht besonders produktiv); in den gewalttätigen, künstlichen und historisch zufälligen Staat Israel einerseits und den naturgewachsenen deutschen Staat des ganzen Volkes; indem also die Bestimmungen der gesellschaftlichen Totalität selbst, anstatt sie aufeinander zu beziehen, auseinandergerissen werden, ermöglicht es diese Logik des Antisemitismus, der bestehenden Gesellschaft die Treue zu halten, obwohl insgeheim doch jeder weiß, dass Hunger kein Grund zur Produktion ist und damit mehr als genug Gründe vorliegen, die bestehende Gesellschaft abzuschaffen.

 

Anmerkungen:

  1. Bekannt ist, dass sich zahlreiche dieser Bilder im Nachhinein als Fälschungen erwiesen haben: Im Internet lassen sich heute noch leicht die gesammelten Werke des unter dem Stichwort „Green Helmet“ während des Libanonkriegs 2006 bekannt gewordenen libanesischen Propagandaschauspielers Salam Daher recherchieren.



  2. In den Google-News sind sämtliche deutschsprachigen überregionale, sowie zahlreiche regionale Zeitungen gelistet, d.h., es ließ sich keine einzige Zeitung oder Presseagentur finden, die die durchaus symbolträchtigen Angriffe auf Israel am Holocaust-Gedenktag mit der sonst so beliebten Phrase von der Gewaltspirale illustrierte.






  3. Würde sich ein deutscher Minister zum Existenzrecht Frankreichs bekennen, würde dies doch offensichtlich einen Skandal auslösen, weil es sich dabei um eine äußere Einmischung in die staatliche Souveränität und Autonomie Frankreichs handelte. Im Falle Israels jedoch, erwartet man von den Israelis sogar, dass man dort für Bekenntnisse zum Existenzrecht dankbar ist.












  4. Was z.B. der letzte Libanonkrieg und der letzte Gazakrieg durchaus widerlegen. Aller Formalität dieser Phrase zum Trotz läuft sie logisch freilich auf die Kapitulation Israels vor seinen Feinden hinaus.



  5. Diese ist in der Tat nur scheinbar abstrakt: Dass sie das Opfer des eigenen Lebens verlangen kann, weiß jeder und bekam, sofern männlichen Geschlechts, noch bis vor kurzem einen Vorgeschmack davon, wenn er bei der Musterung vermessen und ihm ans Geschlecht gegriffen wurde. Abstrakt ist dagegen vielmehr, was äußerste Konkretion zu sein wünscht, nämlich das unausrottbare Bedürfnis Deutscher zu sein, das von der Staatlichkeit wiederum nicht zu trennen ist.



  6. Was nicht ausschließt, dass dem jeweiligen Souverän zur Durchsetzung dieser Gewalt, sei es aus geostrategischen Gründen, sei es zur Integration in den Weltmarkt, von anderen Staaten erst verholfen wird. Auch die Anerkennung durch andere Staaten ist innerhalb des Verhältnisses zwischen Staaten sowohl politisch wie ökonomisch essentiell. So wenig der jeweilige Souverän als Robinson außerhalb der konkreten Verhältnisse zwischen den Staaten steht, so wenig darf davon abstrahiert werden, dass die Gewalt auch die Bedingung der diplomatischen Beziehungen ist.