Ausgabe #18 vom

„Immer weida mitanand’“

Wie eine Flutkatastrophe von deutschen Künstlern ideologisch ausgeschlachtet wurde

MARIO BOGGIA

Die Flutkatastrophe vom Juni letzten Jahres, die durch tagelange Regenfälle und damit einhergehende Überschwemmungen ausgelöst wurde, hat europaweit Schäden in Milliardenhöhe, verwüstete Innenstädte, Dörfer und Landstriche sowie mindestens 25 Tote hinterlassen. Daraufhin fanden sich in den Krisengebieten emsige Ehrenämtler zu Sandsackschleppgemeinschaften zusammen, die im Angesicht der Katastrophe ihre Einheit feierten und jeden Zuschauer, der sich weigerte zu helfen, als Volksfeind denunzierten.1 Politiker versprachen, die Geschädigten nicht im Stich zu lassen und ließen vor der nahenden Bundestagswahl ein paar Gelder springen.

Als wäre es des Unglücks durch die Flut allein nicht genug, taten sich allerdings auch bayerische Liedermacher, Popmusiker und Kabarettisten unter dem Namen CPT. NEPOMUK’s Friendly Heart Choir Club zusammen, um die Katastrophe und ihre Folgen nachträglich zu besingen, denn: „[D]iese Flut brachte mehr als Wasser und Zerstörung: Eine beeindruckende Welle der Solidarität, Mitgefühl binnen kürzester Zeit, unbürokratisches Anpacken. Wildfremde Menschen machten sich deutschlandweit auf den Weg, um denen zu helfen, die vor den Trümmern ihrer bisherigen Existenz stehen.“2 Unter den zahlreichen Musikern und Künstlern, die sich einfanden, tummelten sich prominente Größen wie Konstantin Wecker, Wolfgang Niedecken und Monika Gruber ebenso wie die Jungmusiker der Sportfreunde Stiller und LaBrassBanda. Die Erlöse sollten aufopferungsvoll an eine Fluthilfe gespendet werden. Heraus kam der Song Weida mitanand, in dessen Titel sich schon der ideologische Unrat ankündigt, der hier in Schlagerform gegossen worden ist. Wie Katastrophen in Deutschland seit jeher als Chancen wahrgenommen werden, endlich wieder neu anfangen zu können – man hat aus der Geschichte gelernt, dass noch das monströseste Verbrechen für die Täter keine negativen Folgen hat – so wurde auch die Flutkatastrophe als sinnstiftendes Gemeinschaftserlebnis zelebriert, das die Deutschen endlich wieder gemeinsam zupacken ließ.

Dass der Hörer des erwähnten Schlagers vor lauter Kinderchor- und Streicherbrimborium den Text gar nicht bewusst wird aufnehmen können – zumal, wenn er des Bayrischen nicht kundig ist –, ändert nichts daran, dass die Botschaft trotzdem ankommt: Das apriorische Einverständnis, auf das die Musiker zielten, benötigt weder einen sprachlichen noch einen künstlerischen Ausdruck. Das Hymnenhafte, Mantraartige der einschlägigen popkulturellen Muster fungiert vielmehr als bloßes Einstimmen auf das rhythmische Kopfnicken der Konsumenten. Überhaupt besteht der Song einzig aus einer Kombination zur Genüge bekannter Versatzstücke kitschiger und harmonieheischender Akkordfolgen, welche das Hau-Ruck des Sandsackschleppens ebenso wabernd begleiten wie die gleichmäßig in bayrischen Kellern sich ausbreitende Flut. Man könnte die musikalische Nachahmung des ewigen Kreislaufs der Natur für eine bösartige Parodie auf Adornos Diktum des Eingedenkens der Natur halten, wenn nicht völlig offensichtlich wäre, dass die Musikanten nicht einmal merken, wie sehr sie sich dem, was sie besingen, bereits angeglichen haben. Dem steht ihr Gebaren, wie es im dazugehörigen Musikvideo dargestellt wird, scheinbar widersprüchlich gegenüber: Da wird gelacht und geschäkert, sich auf die Stirn geküsst und unbändige Lässigkeit simuliert, während man mit Kopfhörer vom Blatt absingend suggeriert, das Zeug werde gerade eingespielt. So viel gemimte und allein deswegen schon verkrampfte Spontaneität und Fröhlichkeit, wie sie hier fingerdick aufs bundesdeutsche Vollkornbrot geschmiert wird, ist wahrlich schwer zu ertragen. Die künstliche Freude, die die Musiker ausstrahlen, entspricht dem schallenden Gelächter über die ja tatsächlich bemitleidenswerten Opfer, deren niedergeschlagenes Haupt man, verhärtet und auf gesellschaftliche Anerkennung spekulierend, grinsend tätschelt, während man sie zu Statisten in einem enervierend selbstdarstellerischen kommerziellen Schauspiel degradiert.

Erst der Blick auf den Liedtext offenbart allerdings, dass in Deutschland wirklich nichts als unideologisch und letztlich gleichgültig angesehen werden kann. Während die Kulturindustrie zwar stets ideologisch ist, aber gerade in ihrer Folgenlosigkeit auch eine gewisse Harmlosigkeit an sich hat (was beileibe kein Lob ist), hat ihre deutsche Variante noch immer die Tendenz, in schnöde Propaganda umzuschlagen: Eine Naturkatastrophe wie die eben erlebte Flut, die passiert ist und auch in Zukunft passieren wird und von der man höchstens sagen kann, dass sie schlimm war und in Zukunft durch entsprechende bauliche Maßnahmen weniger katastrophisch gestaltet werden sollte3, schlachten musizierende Ideologen hierzulande sofort für ihren Eigentlichkeitskitsch aus.

Schon die ersten Verse dieses unheimlichen Gebräus lassen erschaudern: Erst warns Stona baut auf Sand / Mauern in de Kepf und vuil schöns Gwand / Alle Fassaden spiegelglott poliert / Auf oamal is nix mehr wie’s g’hert. Die Häme und der kulturpessimistische Gestus, der alles Menschliche stets als auf Sand gebaut und damit als verdientermaßen früher oder später wieder abzureißende „schöne Fassade“ betrachtet, führen ganz folgerichtig „Mauern in den Köpfen“ auf die zivilisierende Beherrschung der Natur zurück, die sich jetzt räche. Man kann daraus eigentlich nur folgern, dass die Singenden mit der Rückkehr der Natur an Orte, wo einst Supermärkte, Buchläden und Sonnenstudios standen, auch das Unterscheidungsvermögen der Denkenden ausrotten wollen – wo Mauern und Trennlinien im begreifenden Geiste waren, soll nur noch die als Offenheit gefeierte Leere herrschen. Wie schon Edmund Stoiber sagte: „Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein.“

Die Natur aber, meinen die engagierten Künstlerdarsteller, soll die selbstvergessene Menschheit wieder auf das zurückwerfen, was sie eigentlich ist: ‘S is wia im Traum, bloß grod vakehrt / Ois wos von uns bleibt is wos mia san. Da die Zivilisation und alles, was über den unmittelbaren Naturzusammenhang hinausweist, durch die Flut zerstört worden sein soll (was man sich offensichtlich wünscht, was Gott sei dank aber nicht so war), singe der Mensch, auf’s Dasein zurückgeworfen, beglückt: I woas jetzt wer i bin / i woas jetzt wer i war / i woas jetzt wer mia san / und auf einmal is ois klar / A bisl mehr von mir, a bisl mehr von dir. Endlich, so will man sagen und so singt man es daher, können wir wieder sichtbar werden, wie wir ursprünglich und bar jeder gesellschaftlichen Verformung sind. Das Sein, das Heidegger bedachte, wird von Leuten besungen, die diesen wohl nie gelesen haben. Die ganze Volkstümlichkeit des scheinbar so schwer verständlichen Naziphilosophen zeigt sich darin, dass ihn die Deutschen verstehen, ohne ihn lesen zu müssen: weil er ihnen aus der Seele spricht und nicht umgekehrt. Wer „wir“ sind, was mit „mehr von mir und dir“ gemeint sein soll, ist bei aller angekündigten Klarheit wie beim Meisterdenker der Eigentlichkeit alles andere als klar. Doch alle auf das Begreifen abzielenden Nachfragen verkennen, dass der Lustgewinn gerade darin besteht, sich Argumenten nicht mehr stellen zu müssen, sondern „mich“ und „dich“ endlich unmittelbar zu erleben, ganz frei von rationalen Erwägungen.

Ans „verhärtete Kollektiv“ (Horkheimer) erinnert nicht nur der implizite Bezug auf den deutschen Großdenker, sondern auch der sich von aller Empirie unbeeindruckt zeigende Appell ans ewige Weitermachen. Der eiserne Durchhaltewille zeigt sich in Formulierungen, die klar machen, dass die Deutschen, wenn die Welt heute untergeht, morgen erst recht noch einen draufsetzen würden: Wann sie unser Woid / auf oamal nimma draht / Drahn uns imma weida mitanand. Dass Leute, die ankündigen, sich immer weiter zu drehen, komme was da wolle, entweder Derwische sind oder aber einen Vogel haben, leuchtet ein. In der Realitätsverleugnung: Geht Sunn mal nimma auf / Schau mer trotzdem zu ihr nauf / Drahn uns imma weida mitanand kündigt sich jedoch ein wahnhaftes Moment an, dem es eigentlich ganz gleich, wenn nicht recht ist, dass da nichts mehr aufgeht. Gefangen im lustigen Taumel, in dem die Katastrophe vertont wird, werden dem Singenden die Flut wie ihre Opfer und überhaupt „die Welt bloße Gelegenheit für seinen Wahn“4. Alles wird zum Mittel, das selbst, wenn es schon verschwunden ist, zum Füllsel für’s beschworene Kollektiv hergenommen wird.

Vollends nazistisch wird der Text, wenn die antiisraelischen Rapper der Band Blumentopf5 im Verbund mit unbekannteren Kollegen ans Mikro steppen. Das im Einzelfall brutale Einbrechen der Flut in bewohnte Regionen wird bei den Münchner MCs zur schicksalhaften Erbauungsschlacht, die im Nachbarn den Volksgenossen aufscheinen lässt: Es gab einen der blieb / bis das Wasser ihm am Halse stand (…) Die Überreste von Haus und Hof/nach und nach wurde daraus ein Floß. / Darauf trieb er eine Zeit allein in trüben Gewässern. / Doch irgendwann/traf er die ersten seiner Brüder und Schwestern. / Jeder trieb auf seinem eigenen Stapel Sachen. / Er erkannte, dass sie alle es ihm gleich getan hatten. Wenn aus Bürgern im Handumdrehen Brüder und Schwestern werden und alle es allen gleich tun, ist man bei der Affirmation der Wehrgemeinschaft des Schützengrabens gelandet. Diese erscheint bei kreativen Musikern von heute – wie einst bei den REPs in der Wahlwerbung – als großes Boot: Drum begann man Knoten zu knüpfen / und Brücken zu schlagen, / aus den Booten wurden Häuser / und dazwischen kamen Straßen,/alles schwamm und schwankte, / aber nass war es nicht / denn von nun an war die Stadt ein Schiff! Es ist der hier ans Licht drängende Wunsch nach einem neuen apokalyptischen Kriegsinferno mit anschließendem Wirtschaftswunder, in welchem alles wieder aufgebaut werden kann und jeder Arbeit hätte, der schlussendlich als gewünschtes Resultat erscheint – Geschichte soll sich wiederholen, und dafür braucht es die Katastrophe.

Das ideologische Unwesen, das sich in diesem im Kern nazistischen und bis ins letzte von der gemeinschaftlichen Sehnsucht beseelten Lied kundtut, ist umso wirkungsvoller, je arg- und gedankenloser es daherkommt – was es leider nicht minder bedrohlich macht. Die Volksgemeinschaft west fort als eine der Herzen. Der Erkenntnis, dass der schlichteste Weltzugang von schlichten Menschen noch vom dämonischsten Ungeist erfüllt ist, folgt der Schock auf dem Fuße, dass die Hoffnung, deutsche Kulturpromis schämten sich wenigstens für den ästhetischen Müll, von dem sie leben, nichts weniger als absurd ist. Es scheint im Gegenteil, als wäre gerade die Unfähigkeit zur Scham die conditio sine qua non der Zugehörigkeit zu einem Kreis, der sich umso mehr zum menschelnden Herumeiern gezwungen sieht, je weniger er zu menschlichen Regungen noch fähig ist – sei es zum Mitleid oder zur Scham.

 

Anmerkungen: 

  1. Vgl. dazu Dirk Röpzig, Der Damm bricht, in: Bonjour Tristesse, Sonderausgabe zur Flut  (2013), S. If.

  2.  

  3.  
  4. Die teils erfolgreichen Abwehrmaßnahmen z. B. der Stadt Regensburg zeigen, dass es durchaus Wege und Mittel gibt, die dramatischen Folgen solcher Flutwellen abzumildern, werden diese nicht wie u. a. in Sachsen geschehen, durch Bürgerinitiativen, Unwilligkeit der Behörden oder bürokratische Prozeduren verhindert bzw. verschleppt (Vgl.: http://www.welt.de/vermischtes/article116947203/Die-Buergerinitiativen-haetten-uns-fast-gesteinigt.html

  5.  
  6. Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt a. M. 1998, S. 199.

  7.  

  8.