Ausgabe #18 vom

German Images (10)

Süddeutsche „Ausfälle“. Wo Antisemitismus zur Normalität geworden ist

JAN HUISKENS

Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort: Als ich neulich mittags nach einer neben mir liegenden Ausgabe der Süddeutschen Zeitung griff, um in einem Münchner Imbisslokal ein wenig die Neuigkeiten des Tages zu studieren, fiel mein Blick sofort auf die martialische Überschrift „Gebet und Straßenkampf“, die auf der Titelseite prangte. Worum es da wohl ging? Um Djihadisten in Syrien vielleicht?

Albert Einstein soll einmal gesagt haben, die Definition von Wahnsinn laute, immer wieder dasselbe zu tun und jedes Mal ein anderes Ergebnis zu erwarten. Das war klug gesagt; zumindest klüger, als anzunehmen, man könne auch nur ein einziges Mal die SZ  lesen, ohne auf Antisemitismus zu stoßen. Lassen wir der Einfachheit halber mal die ganze lange Vorgeschichte weg, und rekapitulieren wir nur die vergangenen zwölf Monate:

Im April 2013 veröffentlichte die hernach unter Spöttern „Waffen-SZ“ getaufte Zeitung Günter Grass’ antisemitisches Tabubrechpoem „Was gesagt werden muss“ – selbstverständlich nur, weil es gesagt werden müsse, nicht, weil man Grass’ Meinung teile. Im Juli 2013 dann stellte das Blatt wie zum Beweis des Gegenteils Israel als „gefräßigen Moloch“ dar, als hungriges Monster, das nur darauf warte, die Welt zu verspeisen. Als diese Propaganda in der Öffentlichkeit kritisiert wurde, reagierte die verantwortliche Redakteurin Franziska Augstein ebenso patzig wie sinnfrei: „Nur die Feinde Israels sehen Israel in der Weise, die dem abgebildeten Monster ähnelt. Außerdem ist der Staat Israel nicht mit dem Judentum gleichzusetzen.“ (SZ, 2.7.13) Die Heribert Prantl-Gattin Franziska Augstein, die wir ihr Halbbruder Jakob als notorische Israelhasserin bekannt ist – denkwürdig ihr Auftritt bei Maybrit Illner, als sie sich ganz ungeniert hinter Grass’ Verschwörungstheorien stellte –, war also der Ansicht, die Karikatur könne nicht antisemitisch sein, weil Antisemiten trennscharf zwischen dem jüdischen Staat und dem Judentum unterschieden.

Schon im Februar 2014 wurde die nächste Runde eingeläutet, als die SZ sich abermals an der Meisterdisziplin des Julius Streicher versuchte, der Karikatur: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg wurde als hakennasige, schläfengelockte Krake in Szene gesetzt, die mit ihren Tentakeln die ganze Welt beherrsche. Es ist bezeichnend, dass es Titanic-Redakteur Stefan Gärtner vorbehalten war, den Fall öffentlich zu machen. Ohne seinen bissigen Kommentar wäre vermutlich niemandem etwas aufgefallen, denn die nationalsozialistische Bilderwelt ist offenbar von den Landsleuten so sehr internalisiert, dass sie nicht einmal merken, wenn jemand so daher schwatzt und zeichnet wie der schwäbische Volksschullehrer Julius S. Selbst der Zeichner wusste nicht, wie ihm geschah und was in ihm da losgezeichnet hatte: „Wer meine Zeichnungen und mich kennt, weiß, dass es mir fernliegt, Menschen ob ihrer Nationalität, religiösen Einstellung oder Herkunft zu diffamieren. Dass die Karikatur [...] wie eine antijüdische Hetz-Zeichnung aussieht, ist mir nicht aufgefallen.“ (SZ, 25.2.14) Wer allerdings allen Ernstes glaubte, jetzt sei a’mal Schluss mit dem Schmarrn, wurde nur kurze Zeit später eines Besseren belehrt: Im März 2014 machte das allseits beliebte Süddeutsche Zeitung Magazin mit der Headline „Das Monster lebt“ auf und illustrierte die Hasstirade gegen gierige Banker mit einem Monster in Bankiersdress, das mit seinen Klauenfüßen auf umherpurzelnden „einfachen“ Wohnhäusern hockt, und auf dessen Schultern die City of London ruht. Durch den Boden des Finanzhandelsplatzes streckt es einen Finger, der mit Seilen gefesselt ist, ein trauriges Gesicht macht und von den Regierungschefs Europas und der USA in Siegerposen umringt ist. Das Monster grinst dämonisch, bringt so seine großen und vielzähligen Reißzähne zum Vorschein und hat dabei die Politiker im Blick, die vor Journalisten so tun, als hätten sie es besiegt.1

Soweit die Chronologie: Hatte ich also auch nur irgendeinen vernünftigen Grund anzunehmen, man könne die SZ mal eben so begleitend zum Lunch lesen, ohne in Wutanfälle auszubrechen? Eher nicht. Was also stand drin in dem Kommentar „Gebet und Straßenschlacht“ (22./23.3.14) des überdies berüchtigten Peter Münch? Das Thema jedenfalls war alles andere als aufregend: Es ging um Auseinandersetzungen um den gesetzlichen Ruhetag in Israel. Und das auf Seite eins? Wirklich? Das lässt sich nur rechtfertigen, wenn man den Gegenstand pseudotheologisch überhöht und mit Bedeutung auflädt. Und so schmetterte der Judaismusexperte Münch los: „Tatsächlich ist der Streit um den Sabbat nicht zu vergleichen mit den deutschen Diskussionen um eine Ladenöffnung am Sonntag. Zwar pochen auch da die Kirchen auf den Ruhetag, doch letztlich hat schon Jesus bestimmt, dass ‚der Sabbat für den Menschen da ist, nicht der Mensch für den Sabbat’. Im Judentum aber steht der wöchentliche Feiertag explizit für die Verbindung des auserwählten Volks mit dem Herrn, der schließlich auch die Welt in sechs Tagen erschaffen hatte, um am siebten Tag zu ruhen.“ Münch konstruierte einen Gegensatz zwischen Christentum und Judentum, der darauf hinausläuft, dass in ersterem der Ruhetag zur Erholung der Menschen vorgesehen sei, während das Judentum am Sabbat seine göttliche Auserwähltheit und damit die Trennung von den Völkern zelebriere. Unnötig zu sagen, dass hier ein klassischer antisemitischer Topos bemüht wird. Da stört es auch nicht, dass Münchs Expertise sachlich weder Hand noch Fuß hat, denn selbstverständlich wird am Sabbat vor allem die Schöpfung der Welt geehrt, die Münch in einen Nebensatz verbannt, und nicht die Erwählung Israels. Abgesehen aber von der theologischen Bedeutung, die der Sabbat für fromme Juden haben mag, ist er für die Mehrheit auch in Israel, was der Sonntag für die meisten Deutschen ist – ein arbeitsfreier Tag, an dem man entspannt, seinen Kater ausschläft, im Café herumsitzt oder ans Meer fährt. Weil diese Sichtweise aber dazu führen könnte, dass sich Leser mit der israelischen Gesellschaft identifizieren könnten, entwarf Münch sogleich das Szenario einer theokratischen Diktatur, nach der ein „frommer Mob“ ständig „Straßenschlachten“ anzettele, um die säkularen Israelis zu unterjochen. Diese wollten aus Jerusalem fliehen, könnten es aber nicht – „es fahren ja keine Busse oder Züge“. Eine Halbwahrheit jagt die nächste, nur um weiter am Bild eines jüdisch-fundamentalistischen Schurkenstaates zu malen, hinter dem sich eigentlich ein „gefräßiger Moloch“ verbirgt, der die Menschen verspeist und die Welt in den Abgrund stürzt. So lästig bis unsäglich das Gebaren der Frommen im israelischen Alltag auch sein mag, die SZ jedenfalls hat längst schon jedes Recht verwirkt, darüber zu richten. Und mir ist schon wieder der Appetit vergangen.

 

Anmerkungen:

  1. Die jungle World hat ganz zu Recht auf die Ähnlichkeit mit einer Formulierung aus den Protokollen der Weisen von Zion hingewiesen: „Bald werden alle Hauptstädte der Welt von Stollen der Untergrundbahnen durchzogen sein. Von diesen Stollen aus werden wir im Falle der Gefahr für uns die ganzen Städte mit Staatsleitungen, Ämtern, Urkundensammlungen und den Nichtjuden mit ihrem Hab und Gut in die Luft sprengen.“ (http://jungle-world.com/jungleblog/2699/