Ausgabe #18 vom

Dialektik der Resistenzkraft

Über die Ungleichzeitigkeit der Utopie

NIKLAAS MACHUNSKY

Im Rahmen eines Seminars über die „Theorie der Bedürfnisse“ des Instituts für Sozialforschung wurde 1942 in Los Angeles über den dystopischen Roman diskutiert.1 Adorno und die anderen Theoretiker aus dem Kreis um Max Horkheimer setzten sich mit Huxleys Roman Brave New World auseinander. Huxley perhorresziert eine vollständig zivilisierte Gesellschaft, in der alle Bedürfnisse befriedigt wären, es aber keine Kultur, keine Bildung und keine Individualität mehr gäbe. Insbesondere die Sexualität ist in seinem dystopischen Entwurf durch deren unmittelbare gesellschaftliche Organisation qua technischer Reproduktion integriert. Die konfliktreiche Formung der Sexualität in der Familie, die Huxley für die Bildung des Individuums als unerlässlich ansieht, werde dadurch in geordnete Bahnen gelenkt. Liebe, Glaube und Kunst setzen für Huxley Bedürftigkeit und Mangel voraus. Sie entstünden im Kampf ums Leben, in dem das Individuum einen Willen ausbilde, der es dazu befähige, an Gott und einem anderen, geliebten Individuum festzuhalten. Kultur ist ihm Ausdruck der Not, welcher durch Überfluss seinen Grund verliere. Die schöne neue Gesellschaft ist eine, in der Herrschaft ohne Widerspruch fortwest, weil jeder Einzelne als funktionaler Bestandteil dem System restlos eingegliedert wurde.2

Diese Thesen Huxleys stellten für die exilierten Theoretiker des Instituts für Sozialforschung eine Herausforderung dar, die verschiedene Themen und Probleme berührte, mit denen sie sich befassten. Sie betrifft die Frage nach der richtigen Beurteilung der nachbürgerlichen Gesellschaft und ihres Verhältnisses zum Staat, das Verhältnis der Theorie zum Proletariat, sowie die Bedeutung der Kultur für eine Gesellschaft, die qua Überfluss die Integration aller ihrer Gesellschaftsmitglieder bewirken kann.

Zu besagtem Seminar in Los Angeles trafen sich auf Einladung des Instituts neben dessen Mitgliedern wie Marcuse, Horkheimer, Pollock und Adorno z.B. auch Hans Eisler, Berthold Brecht, Ludwig Marcuse und Günther Anders. Herbert Marcuse hielt ein Referat über „das Verhältnis von Bedürfnis und Kultur bei Aldous Huxley“, an das sich eine Diskussion anschloss.3 Auf diese Diskussion geht auch Adornos Essay Aldous Huxley und die Utopie zurück, an dem er jedoch auch später noch weiter arbeitete und der erst 1951 veröffentlicht wurde.4

Die Entscheidung „zwischen der Barbarei des Glücks und Kultur als dem objektiv höheren Zustand, der Unglück mit einbegreift“5, vor die das Buch Huxleys den Leser stellt, weist Adorno zurück. Gerade weil sich auch in der Brave New World Herrschaft perpetuiert, ist das Glück dort eine Lüge. Das System, in das alle eingefügt sind, funktioniert, weil die Einzelnen durch ihre Bedürfnisse an die Reproduktion des Systems gekettet sind. Würde keiner mehr um die Befriedigung seiner gröbsten Bedürfnisse bangen müssen, wendet Adorno ein, würden die Bedürfnisse sich dynamisch verändern und die Fesseln, die ihm durch die Kulturindustrie angelegt werden, abwerfen.6 Adorno verwirft nicht einfach die von der Kulturindustrie geweckten neuen Bedürfnisse als falsche, sondern erhofft sich durch deren Befriedigung deren Transzendierung. Kritisiert wird, dass die geschaffenen Bedürfnisse eben nicht befriedigt werden, dass der produzierte Überfluss es nicht mal vermag, den Hunger zu beenden.7 

Seine Auseinandersetzung mit Huxleys Buch beginnt Adorno mit seiner eigenen Erfahrung in Amerika, genauer, mit dem Schock, den Amerika bei ihm nach seiner Ankunft auslöste. Dieser Schock wurde durch die Konfrontation mit einer Gesellschaft verursacht, die sich viel weitergehend zu einem System zusammengeschlossen hatte, als er es von den europäischen Gesellschaften her kannte. Seine Reaktion auf diesen Schock war Panik und einen Abglanz dieser Panik erkennt er auch in dem Buch Brave New World. Adornos Vorwurf an Huxley lautet, dieser habe die Panik rationalisiert und sich mit der Gegenwart einverstanden erklärt. Dieses Einverständnis habe er sich durch eine Fiktion der Zukunft erkauft, die nach dem Bild der Gegenwart entworfen sei. Doch wie ist es möglich, die Zukunft nach dem Bild der Gegenwart zu modellieren und dann die Gegenwart der Zukunft vorzuziehen? Adorno macht hierfür die gängige Methode, nach der bis heute Zukunftsromane oder -filme gestrickt werden, verantwortlich, die auch in der Zukunftsforschung und Klimaprognostik zur Anwendung kommt. Er nennt diese Methode Linienverlängerung, d.h. es werden in der Gegenwart Faktoren identifiziert, die sich dynamisch entwickeln und die als relevant für die weitere gesellschaftliche Entwicklung angenommen werden, um diese Entwicklung dann statisch in die Zukunft zu projizieren. Diese Methode, konstatiert Adorno, sei kraft der immanenten Teleologie des gegenwärtigen Zustandes dazu in der Lage, dessen Unwesen „zur unmittelbaren Evidenz“ voranzutreiben.8 Verzaubert von seinem Entwurf der Zukunft vergisst Huxley, dass es sich bei diesem Bild um ein zur Kenntlichkeit verzerrtes Bild der Gegenwart handelt. Erst die Fetischisierung der Projektion macht es möglich, die vorhandene Gesellschaft gegen die der Zukunft auszuspielen. Als Ursache für diesen Kniefall vor der „Allmacht der [g]egenwärtigen“ Gesellschaft identifiziert Adorno den Warenfetischismus.9 Weil Huxley diesen nicht durchschaue, werde ihm der Warencharakter zu etwas Ontischem und dadurch treffe er nicht des Pudels Kern, sondern lediglich „Fassadenprobleme“. „Er gesteht nicht zu“, schreibt Adorno, „daß die phantasmagorische Unmenschlichkeit der Brave New World eine ihrer selbst vergessenen Beziehungen zwischen Menschen, gesellschaftliche Arbeit; daß der total verdinglichte der gegen sich selbst verblendete Mensch ist.“10 Statt also das falsche Bewusstsein, das die Menschen von sich selber haben, zu durchschauen, richte er sein Augenmerk auf Probleme, die keine wären, wenn die Menschen eben den Grund für das falsche Bewusstsein beseitigen würden. Indem er gegen die Technik und deren bedürfnisbefriedigendes Potential wettert, schlägt Huxley auf das ein, was Linderung des Leids bewirken könnte. Denn nicht der Technik ist der Vorwurf zu machen, sondern „ihrer Verfilzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen der Produktion.“11

Die Kritik Adornos zielt auf eine zu simple Konstruktion der Zukunft. Weil er aber von einer durch Herrschaft gestifteten Totalität ausgeht, betrifft die Frage, in welche Richtung diese Totalität tendiert, auch die Frage nach dem Verhältnis Nazi-Deutschlands zu den USA. Der schon angesprochene Schock, den Amerika bei Adorno auslöste, kann bei der Erörterung dieser Problematik erneut als Ausgangspunkt dienen. Dieser Schock, schreibt Adorno, wurde durch die Erfahrung mit einer Zivilisation verursacht, „die als System das ganze Leben einfängt, ohne dem unreglementierten Bewusstsein auch nur jene Schlupflöcher zu gewähren, welche die europäische Schlamperei bis ins Zeitalter der großen Konzerne hinein offenhielt.“12 An diesem Zitat wird deutlich, dass Amerika und Europa in einem Vorher-Nachher-Entwicklungsverhältnis stehen. Die Methode der Linienverlängerung kann nämlich auch anders interpretiert werden als oben skizziert. Im konkreten Beispiel befindet sich Europa zeitlich zurück und auf einer weniger entwickelten Stufe, Amerika dagegen auf einer zeitlich weiter vorangeschrittenen und höher entwickelten Stufe. Trägt man diese Entwicklungsstufen als Punkte in ein Koordinatensystem ein, bei dem auf der X-Skala die Zeit und auf der Y-Skala die gesellschaftliche Entwicklung dargestellt wird, und zieht eine Linie durch sie hindurch, so ergibt sich eine Diagonale, die, wenn man sie verlängert, sowohl die Zukunft Europas als auch die Amerikas darstellen würde. Voraussetzung dieser Konstruktion ist die Annahme, „daß die Alte Welt beflissen der Neuen es nachtut.“13

Jahre später hat Adorno diesen Gedanken in seinem Aufsatz Wissenschaftliche Erfahrungen in Amerika wie folgt dargestellt: „Innerhalb der Gesamtentwicklung der bürgerlichen Welt haben fraglos die Vereinigten Staaten ein Extrem erreicht. Sie zeigen den Kapitalismus gleichsam in vollkommener Reinheit, ohne vorkapitalistische Restbestände. Nimmt man, im Gegensatz zu einer freilich hartnäckig verbreiteten Meinung, an, daß auch die anderen nichtkommunistischen und nicht der Dritten Welt zugehörigen Länder auf einen ähnlichen Zustand sich hinbewegen, so bietet für einen Menschen, der weder in bezug auf Amerika noch auf Europa naiv sich verhält, Amerika die fortgeschrittenste Beobachtungsposition.“14 Eben diese Position behauptet Adorno durch sein erzwungenes Exil eingenommen zu haben. Stellten aber die USA die Zukunft Europas dar, stellt sich die Frage, wie sich die USA zu Faschismus und Nationalsozialismus verhalten, in denen die Entwicklung Europas terminierte. Wenn nämlich die Brave New World ein in die Zukunft geworfenes Bild „parodierte[n] Amerikanismus“ zeichnet, dann wären die europäischen Geschehnisse Resultat der Zurückgebliebenheit. Doch einer solchen Interpretation passt sich die folgende Bemerkung nicht ein: „Die Brave New World ist ein einziges Konzentrationslager, das seines Gegensatzes ledig, sich fürs Paradies hält.“15 Das durch Linienverlängerung erzielte Bild des Kommenden hielt für Adorno lediglich die verallgemeinerte Version des Schreckens des Entflohenen bereit. Dieser Bemerkung zufolge hätte aber Deutschland, und nicht Amerika, der am weitesten fortgeschrittene Beobachtungsposten sein müssen. Der „Verfall des Sprechens“, der in der „objektiven Tendenz“ liegt16 , hätte nicht an Alltagsbegebenheiten in Amerika beobachtet werden müssen, sondern im nationalsozialistischen Deutschland, wie es Victor Klemperer in seiner LTI getan hat. Es stellt sich also die Frage, nach wessen Bild die Zukunft entworfen werden muss: nach dem Amerikas oder nach dem Deutschlands?

Doch diese Fragestellung muss selbst verzeitlicht werden. Während des Krieges sah es für Adorno so aus, als wäre auch Amerika kein sicherer Ort, sondern das Exil nur ein Aufschub. Amerika und Europa waren Teile einer Einheit und als solche den gleichen Gesetzmäßigkeiten unterworfen. Deutschland steht für die Realisierung einer objektiven Tendenz, von der Adorno mit Bezug auf Amerika sagt: „Ich möchte damit nicht sagen, daß Amerika vor der Gefahr eines Umkippens zu totalitären Herrschaftsformen gefeit sei. Eine solche Gefahr liegt in der Tendenz der modernen Gesellschaft überhaupt.“17 Was in Deutschland geschah, droht demzufolge jeder modernen Gesellschaft. Doch was besagt es, dass diese Tendenz zuerst in Deutschland realisiert wurde? Und warum kam es in den USA nicht zum Umkippen in eine totalitäre Herrschaftsform? Adorno geht davon aus, dass es in Amerika „Resistenzkräfte gegen faschistische Strömungen“ gab.18 Das Bild der Zukunft der modernen Gesellschaft vor allem nach dem Bild Deutschlands zu gestalten, verbietet sich also auch deshalb, weil Deutschland eben diese Resistenzkräfte nicht besaß. Nazi-Deutschland war eine Möglichkeit, die im Blick behalten werden muss, weil sich hier realisierte, was überall passieren kann. Doch Amerika steht für eine andere Möglichkeit; denn Amerika besaß Resistenzkräfte und siegte. Aber worin bestehen diese Resistenzkräfte? Weil die Gefahr des Umkippens nicht gebannt ist, da sie mit der kapitalistischen Form der Vergesellschaftung zusammenhängt, bleibt diese Frage von größter Wichtigkeit. Und es mag nur im ersten Moment verblüffen, dass das, was vor der Barbarei bewahren kann, genau dasselbe ist wie das, was sie mit heraufführte.

Huxley fetischisiert das Bild der Zukunft, das er nach dem der Gegenwart entworfen hat, indem er die Ambivalenz der gegenwärtigen Möglichkeiten zu einer Seite hin auflöst. Er treibt durch Linienverlängerung zwar das Unwesen zur Kenntlichkeit hervor, schneidet aber durch die „Geradlinigkeit des Fortschrittsbegriffs“ von der Gegenwart ab, was sie vor dem Schlimmsten bewahren könnte.19 Das vollendete System, dessen Bild Huxley nach dem Amerikas entwarf, ist im Gegensatz zu diesem für Adorno nicht nur ein Bild des Schreckens.

Was damit gemeint ist, sei an einem Beispiel dargestellt. Adorno führt das in charming schools gelernte Lächeln an und erkennt darin eine standardisierte Anpassung, die dem von Huxley beschriebenen conditioning gleicht.20 Durch Anpassung an die Erfordernisse der sich zum System zusammenschließenden Gesellschaft drohten die Individuen zu bloßen Funktionsträgern und damit zu austauschbaren Exemplaren zu werden. Doch würde die Anpassung der Einzelnen an diese Gesellschaft vollständig realisiert, und die Menschen darin als Funktionsträger vollkommen austauschbar, wäre das Gesellschaftssystem nicht das, als das es uns heute drohend vor Augen steht, die Maschinerie, die den Einzelnen lediglich als Anhängsel mitschleppt, sondern würde selbst zergehen. „Reine Fungibilität zersetzte den Kern von Herrschaft und verspräche die Freiheit.“21 Und an anderer Stelle schreibt er über eine angepasste Figur aus Huxleys Roman: „Wohl ist jede ihrer Gebärden gesellschaftlich präformiert, Teil eines konventionellen Rituals. Aber indem sie bis zum Kern mit der Konvention eins ist, zergeht die Spannung des Konventionellen und der Natur, und damit die Gewalt, welche das Unrecht der Konvention ausmacht: psychologisch ist das schlecht Konventionelle immer Mal einer mißlungenen Identifikation. Wie sein Gegensatz würde der Begriff der Konvention selbst hinfällig. Durch die totale gesellschaftliche Vermittlung stellte gleichsam von außen nach innen zweite Unmittelbarkeit, Humanität sich her. Es fehlt nicht an solchen Ansätzen in der amerikanischen Zivilisation.“22 Gerade in dem, was die amerikanische Gesellschaft zur fortgeschrittensten macht und was bei Adorno einen Schock auslöste, zeigt sich, was dieser an anderer Stelle als ihre „Resistenzkraft gegenüber faschistischen Strömungen“ bezeichnet hatte. Da, wo er auf diese Kraft zu sprechen kommt, benennt er den gleichen Sachverhalt, den er schon im Zusammenhang mit der Brave New World ausführte: „Europäische Intellektuelle wie ich sind geneigt, den Begriff der Anpassung, des adjustment, bloß als Negativum, als Auslöschung der Spontaneität, der Autonomie des einzelnen Menschen anzusehen. Es ist aber eine von Goethe und von Hegel scharf kritisierte Illusion, daß der Prozeß der Vermenschlichung und Kultivierung sich notwendig und stets von innen nach außen abspiele. Er vollzieht sich, wie Hegel es nannte, auch und gerade durch ‚Entäußerung‘. Wir werden nicht dadurch freie Menschen, daß wir uns selbst, nach einer scheußlichen Phrase, als je Einzelne verwirklichen, sondern dadurch, daß wir aus uns herausgehen, zu anderen in Beziehung treten und in gewissem Sinn an sie uns aufgeben. Dadurch erst bestimmen wir uns als Individuen, nicht indem wir uns wie Pflänzchen mit Wasser begießen, um allseitig gebildete Persönlichkeiten zu werden. Ein Mensch, der unter äußerem Zwang, ja durch sein egoistisches Interesse zur Freundlichkeit gebracht wird, gelangt am Ende eher zu einer gewissen Humanität in seinem Verhältnis zu anderen Menschen als jemand, der nur, um mit sich selbst identisch zu sein – als ob diese Identität immer wünschbar wäre –, ein bösartiges, vermuffeltes Gesicht macht und einem von vornherein bedeutet, man sei für ihn eigentlich nicht vorhanden und habe in seine Innerlichkeit, die vielfach gar nicht existiert, nichts hineinzureden. Wir sollten hierzulande uns bemühen, nicht selber, indem wir über die amerikanische Oberflächlichkeit uns entrüsten, unsererseits oberflächlich und undialektisch uns zu verhärten.“23

Die Dystopie möchte erschrecken machen, doch der in die Zukunft verlängerte Schrecken kennt keine Alternative mehr und verdoppelt die Ohnmacht des Einzelnen, indem sie ihm das Schreckensbild als Schicksal gegenüberstellt. Der fatale dystopische Verlauf bereitet die Leserschaft auf das vor, was, wenn der Bann nicht gebrochen wird, kommen und vor dem dann erst Recht Anpassung geboten sein wird: „In der Form der Prognose bereits steckt das Verfügen über die Menschen als Außer-Kraft-Setzen ihrer selbst.“24

Was Adorno Positives von der amerikanischen Kultur in Hinblick auf die Vermittlung von Individuum und Gesellschaft zu berichten weiß, wirke sich allerdings rückschrittlich im Hinblick auf die geistigen Erzeugnisse aus. Weil das Geistige sich nicht nach dem Modell des Marktes formen lasse, ohne sein utopisches Potential einzubüßen, habe es in Deutschland überdauern können. Was Deutschland laut Adorno Amerika in Sachen geistiger Produktion voraus hatte, war das Resultat seiner Ungleichzeitigkeit, oder anders ausgedrückt: Die Zurückgebliebenheit Deutschlands war für die geistige Produktion ein Glücksfall, weil das, was so konserviert wurde, gegen den bloß technisch-funktionalen Fortschritt Einspruch zu erheben vermochte.25 Aus der Perspektive des Geistigen stellt sich der amerikanische Vorteil daher als rückschrittlich dar: „Anpassung schneidet ab, wodurch geistige Gebilde über das selbst bereits gesteuerte Konsumentenbedürfnis sich erheben, ihr, vielleicht, Neues und Produktives.“26

Die unterschiedlichen Resistenzkräfte haben eine Dialektik, die mit der Gleichzeitigkeit bzw. Ungleichzeitigkeit der bezeichneten Phänomene zusammenhängen: Amerika als fortgeschrittenstes Land hat, gerade indem es sich dem System angleicht, Resistenzkräfte gegen den Umschlag in die Barbarei, weil es dem „haltlosen Projizieren des Subjekts entgegenwirkt, das die Welt sich selbst anpassen will“27; andererseits hat die geistige Produktion in Deutschland, gerade weil es zurückgeblieben war, Resistenzkräfte gegenüber der Quantifizierung der Warenform. Deutschland war nicht in dem Maße zivilisiert wie die Länder des Westens, die Verhaltensweisen des bürgerlichen Verkehrs nicht in dem Maße am Anderen orientiert wie in Amerika. Hier konnte sich deshalb ein „Vorrat unerfaßt naturhafter Kräfte“ erhalten. „Er erzeugte ebenso den unbeirrten Radikalismus des Geistes wie die permanente Möglichkeit des Rückfalls.“28 Das Zurückgebliebene, in dem der Geist Zuflucht nimmt, ist zugleich das Potential, aus dem der Nationalsozialismus seine Energie bezog. „Sobald das Zurückgebliebene sich verstockt und als das Bessere selbst aufwirft, also gleichsam seine Unschuld verloren hat, nimmt es bereits als handlicher Herzenswärmer ein Element der Unwahrheit an. Dann kommt es gerade jener großen Tendenz zu Hilfe, von der ausgenommen zu sein es beansprucht.“29 Was überholt wurde, wirkt, wenn es sich selbst nicht innerhalb der Gesamttendenz reflektiert und die mit seiner Rückständigkeit verbundene Qualität als vermittelte erkennt, auf jene Tendenz wie ein Brandbeschleuniger.

Es ergibt sich aus dieser Analyse der paradoxe Schluss, dass Deutschland die vorauseilende Nation bei der Realisierung der Tendenz zur vollendeten Barbarei war, da es sich aus Rückschrittlichkeit die Radikalität des Geistes bewahren konnte. Da aber die Resistenzkräfte der USA auf der Fähigkeit der Gesellschaft beruhen, sich ihre Mitglieder anzuverwandeln, geht mit dem Widerstand gegen die Barbarei zugleich der Geist der Utopie verloren.

Analog zu der durch diese Analyse gewonnen Unterscheidung  differenziert Stephan Grigat zwischen Bürger und Antisemit.30 Ihm zufolge ist der Antisemit anders als der Bürger, weil jener sich für den Hass auf den Juden entscheide, während dieser lediglich dem notwendig falschen Bewusstsein des Geld-, Kapital- und Zinsfetisch aufsitze. Als Bürger genüge es, den Imperativen der bürgerlichen Gesellschaft zu folgen; die Juden für die Krisen verantwortlich zu machen, markiere hingegen die Differenz, die den Antisemiten charakterisiert.  Jeglicher Versuch, die antisemitischen Täter durch den Verweis auf ihre untergeordnete Rolle im Verhältnis zum eigentlichen Subjekt, zum Kapital und zum Staat zu entschuldigen, soll hierdurch verunmöglicht werden. Wenn man diese Unterscheidung mit der von den beiden Resistenzkräften zusammenbringt, dann ließen sich die Bürger Amerikas als durch das System vollständig determiniert denken, während die Antisemiten im rückständigen Deutschland sich frei für den Antisemitismus entschieden. Doch bei Adorno sind Deutschland und Amerika Teile eines Kontinuums und es ist sein Ziel, „zu einer gewissen Verflüssigung geronnener Gegensätze“31 beizutragen. Die Unterscheidung ist eben keine absolute, so wenig wie die von Bürger und Antisemit, zu der sie in Grigats pointierter Darstellung zu werden droht: „Der Antisemitismus impliziert immer eine persönliche Entscheidung. Der Fetischismus der bürgerlichen Produktionsweise ist schon insofern notwendig, als er alleine durch das Handeln, unabhängig vom Bewusstsein, praktiziert wird und praktiziert werden muss. Für die Identifikation der Juden mit der Wertdimension, mit der abstrakten Seite der Warenwirtschaft, bedarf es hingegen der Agitation.“32 Grigat verschiebt hier das Problem, denn woher kommen die antisemitischen Agitatoren und ihre Propaganda, wenn nicht der Kapitalismus die Subjekte prädisponieren und den Antisemitismus als objektive Denkform selbst hervorbringen würde? Die negative Aufhebung des Kapitals auf seiner eigenen Grundlage geschieht ebenso aus Notwendigkeit wie aus Freiheit. 

Aber auch die Aufrechterhaltung eines Minimums an Freiheit, wie es die bürgerlich kapitalistische Ordnung gewährt, bedarf eines Freiheitsmomentes und lässt sich nicht einfach einem blinden Bewusstsein zuschreiben. Gerade aufgrund der antisemitischen Propaganda faschistischer Agitatoren, die die Mitglieder des exilierten Instituts für Sozialforschung in Amerika untersuchten, befürchteten sie einen Umschlag auch in den USA. Der Nationalsozialismus und die faschistische Internationale nötigten zu einer Positionierung, und obwohl der Kriegseintritt der USA erst durch den Angriff auf Pearl Harbour und die deutsche Kriegserklärung provoziert wurde,  bedurfte es erheblicher Anstrengungen gegen all die isolationistischen oder offen pronazistischen Kräfte anzukommen, die auf eine Parteinahme für Deutschland drängten.33

 

Anmerkungen:

  1. Vgl. Max Horkheimer, Diskussion aus einem Seminar über die Theorie der Bedürfnisse, GS Bd. 12, Frankfurt a. M. 1985, S. 559-586.



  2.  
  3. „Als Kinder der Gesellschaft im wörtlichsten Sinn befinden sich die Menschen prinzipiell nicht mehr in dialektischer Auseinandersetzung mit dieser, sondern fallen der Substanz nach mit ihr zusammen. Willfährige Exponenten der kollektiven Totalität, zu der jede Antithese eingezogen ist, sind sie im unmetaphorischen Sinne ‚gesellschaftlich bedingt‘ und nicht erst nachträglich, durch ‚Entwicklung‘, dem herrschenden System angeglichen.“ Theodor W. Adorno, Aldous Huxley und die Utopie, GS Bd. 10.1, Frankfurt a.M. 1997, S. 101. 



  4.  
  5. Max Horkheimer, a.a.O, S. 571-574. Das Protokoll dieser Diskussion ist überliefert, vom Referat existiert eine kurze Zusammenfassung.
     

  6.  
  7. Vgl. Theordor W. Adorno, a.a.O., S. 97-122 und Theodor W. Adorno, Editorische Nachbemerkungen, GS 10.2, S. 839. Auf dem Seminar selbst hielten Horkheimer und Adorno Referate über das Bedürfnis, die als Vorstudien zur Dialektik der Aufklärung betrachtet werden können. Auch in Adornos Huxley-Aufsatz finden sich viele Motive und Themen wieder, die in der Dialektik der Aufklärung und insbesondere in dem Kapitel über die Kulturindustrie behandelt werden. Auch bezieht er sich in diesem Aufsatz auf das Referat von Max Horkheimer über das Bedürfnis. Dieses Referat ist zu finden in Max Horkheimer, Zum Problem des Bedürfnisses, GS 12, 252-260. Adornos Referat in Theodor W. Adorno, Thesen über Bedürfnis, GS 8, S. 392-396.
     


  8.  
  9. Theodor W. Adorno, Aldous Huxley und die Utopie, GS 10.1, S. 116. 



  10.  
  11. ebd. S. 112f. 



  12.  
  13. „Zart wäre einzig das Gröbste: daß keiner mehr hungern soll.“, wie Adorno in den Minima Moralia formuliert vgl. Theodor W. Adorno, Sur l´eau, GS 4, 176. Zum Hunger erklärt Adorno in seinem in LA 1942 gehaltenen Referat: „Hunger, als Naturkategorie begriffen, kann mit Heuschrecken und Mückenkuchen gestillt werden, die viele Wilde verspeisen. Zur Befriedigung des konkreten Hungers der Zivilisierten gehört, daß sie etwas zu essen bekommen, wovor sie sich nicht ekeln, und im Ekel und in seinem Gegenteil wird die ganze Geschichte reflektiert. So verhält es sich mit jedem Bedürfnis. Jeder Trieb ist so gesellschaftlich vermittelt, daß sein Natürliches nie unmittelbar, sondern stets nur als durch die Gesellschaft produziertes zum Vorschein kommt. Die Berufung auf Natur gegenüber irgendeinem Bedürfnis ist stets bloß die Maske von Versagung und Herrschaft.“ Theodor W. Adorno,
     Thesen über Bedürfnis, GS 8, S. 392. 


  14.  
  15. Theodor W. Adorno, Aldous Huxley und die Utopie, GS 10.1, S. 100. 



  16.  
  17. Ebd., S. 122. 



  18.  
  19. Ebd., S. 117.
     


  20.  
  21. Ebd., S. 117.
     


  22.  
  23. Ebd., S. 98.
     


  24.  
  25. Ebd., S. 99.
     


  26.  
  27. Theodor W. Adorno, Wissenschaftliche Erfahrungen in Amerika, GS 10.2, S. 736.
     


  28.  
  29. Theodor W. Adorno, Aldous Huxley und die Utopie, GS 10.1, S. 99.
     


  30.  
  31. Ebd., S. 102.
     


  32.  
  33. Theodor W. Adorno, Wissenschaftliche Erfahrungen in Amerika, GS 10.2, S. 735. 



  34.  
  35. Ebd., S. 735.
     


  36.  
  37. Theodor W. Adorno, Aldous Huxley und die Utopie, GS 10.1, S. 118.
     


  38.  
  39. Ebd., S. 98.
     


  40.  
  41. Ebd., S. 107.
     


  42.  
  43. Ebd., S. 108.
     


  44.  
  45. Theodor W. Adorno, Wissenschaftliche Erfahrungen in Amerika, GS 10.2, S. 735f.
     


  46.  
  47. Theodor W. Adorno, Spengler nach dem Untergang, GS 10.1, S. 64.
     


  48.  
  49. Hierzu auch Adornos Kritik an Lukàcs: „Am krassesten wohl manifestierte sich in dem Buch ‚Die Zerstörung der Vernunft’ die von Lukács’ eigener. Höchst undialektisch rechnete darin der approbierte Dialektiker alle irrationalistischen Strömungen der neueren Philosophie in einem Aufwaschen der Reaktion und dem Faschismus zu, ohne sich viel dabei aufzuhalten, daß in diesen Strömungen, gegenüber dem akademischen Idealismus, der Gedanke auch gegen eben jene Verdinglichung von Dasein und Denken sich sträubte, deren Kritik Lukács’ eigene Sache war.“ Theodor W. Adorno, Erpresste Versöhnung, GS 11, S. 252.
     


  50.  
  51. Theodor W. Adorno, Auf die Frage: Was deutsch ist, GS 10.2, S. 699.
     


  52.  
  53. Clemens Nachmann, Es gibt keinen Nationalsozialismus in Amerika, Bahamas Winter 2003/04, Nr. 43, S. 62.
     


  54.  
  55. Theodor W. Adorno, Auf die Frage: Was deutsch ist, GS 10.2, S. 695.
     


  56.  
  57. Theodor W. Adorno, Die auferstandene Kultur, GS 20.2, S. 456.
     


  58.  
  59. Stephan Grigat, Anders als der Bürger, Jungle World, 20. Juni 2007, jungle-world.com/artikel/2007/25/19888.html.
     


  60.  
  61. Theodor W. Adorno, Kultur und Culture,  Bahamas Winter 2003/04, Nr. 43, S. 68. Adorno ergänzt, dass er die zu verflüssigenden Gegensätze „freilich anders als in ihrer geronnenen Form Ihnen nicht präsentieren konnte, eben deshalb, weil sie heute in einer verdinglichten Welt nun einmal geronnen sind.“ Ebd.
     


  62.  
  63. Stephan Grigat, Anders als der Bürger a.a.O. Grigat weist selbst darauf hin, dass „[e]s ist unmöglich [ist], die in der fetischistischen Gesellschaft trotz aller Verblendung existierende Dialektik von Freiheit und Zwang in irgendeine Richtung aufzulösen.“ Ebd.
     


  64.  
  65. Philipp Roth stellt das Potential der faschistischen Agitation in Amerika in seinem Roman Verschwörung gegen Amerika so realistisch dar, dass darin die isolationistische Parteinahme für Deutschland realistischer erscheint als der reale Geschichtsverlauf, in den das Buch am Ende wieder einschwenkt.
     
  66.