Ausgabe #18 vom

Ambulare

RALF FRODERMANN

Eins aber ist bis auf heute und solange die Welt stehen wird recht für das Alter gemacht und wie geschaffen, der einsame Spaziergang.
(Jacob Grimm, Rede über das Alter)

Auf einsamen Spaziergängen trifft man naturgemäß selten einen, seltener noch einen Rousseau, der träumt. Bestenfalls ist man in Selbstgespräche verwickelt, die den alltäglichen Kalkulationen, dem Herumirren in Ermessensspielräumen entzogen und stattdessen dem Selbstgenuss geweiht sind. Der Spaziergänger wandert nicht, er beargwöhnt vielmehr den Wanderer, der heute gern als „Stockente“ zügig, allein oder im Rudel, für atmosphärische nordic- walking-  Strudel sorgt, die jener unmöglich goutieren kann.

In ein freundliches Städtchen tret ich ein,
In den Strassen liegt roter Abendschein.


So hebt Mörikes Auf einer Wanderung idyllisch an; in seinen Tagen waren Wanderung und Spaziergang noch eins. In der postfordistischen Gesellschaft spaltete es sich vor dem Hintergrund eines sich tayloristisch entwickelnden Tourismus auf in den kontemplativen, zweckfreien Spaziergang und die vielen Zwecken dienende Wanderung. Bis ins hohe Alter hängen ihr die skurrilsten Alten an und leben damit eine Art Absage an den Tod. Diese gelebte Todesabsage ist nicht Sache des Spaziergängers. Seine peripatetische Melancholie, die seinem Gang, seinen Schritten den Takt vorgibt, verbietet ihm ebenso den ordinären „Imbiss“, die Einnahme von Brotzeit oder Wegzehrung unterwegs, wie die delikate Degustation im mondänen Freien. Er isst nicht, er trinkt nicht und er schwitzt nicht, ohne allein deshalb schon ein Snob zu sein. Seine Einsamkeit ist gar nicht snobistisch. Er ist aus Gründen einsam, die er sich nicht erst vorzulegen braucht, um ihrer inne zu sein, ist er doch, mit anderen Worten, unbesorgt um sich und sein Gehen. Auch der junge Spaziergänger ist alt. Dem gesellschaftlichen Mummenschanz überdrüssig, ist sein Gehen das schlechthinnige, doch vorsatzlose Aus-dem-Weg-Gehen.

Ein besonders perfider, affirmativer Appell richtet sich heutzutage an den „Mut zur Gelassenheit“. Wer sich den Verzicht auf Hysterie, Panik und Verzweiflung leisten kann, singt gern sein Loblied auch denen, die es nicht können. Der Spaziergänger singt keine Lieder; das Licht, das seine Augen trinken, ist das alte lux in tenebris. Jeder pastorale Friedensschluss mit dem Bestehenden ist ihm zu schäbig. Deshalb geht er.