Ausgabe #17 vom

Editorial: In eigener Sache

Verehrter Leserschaft,

 

mal was Positives zu Beginn: Diesmal ist es kein Jude, sondern ein Pfälzer, dessen Sozialschädlichkeit zur Verhandlung steht. Rainer Brüderle entfuhren auf einer Woge süßen Weißweins klebrige Einzeiler betreffs des ihm zwar vorliegenden, aber nicht dargebotenen Dirndlfüllsels. Er trocknete sein von kleinen Schweißperlen benetztes, fatal gelockertes Sprechloch an Frau Himmelreichs geraubtem Handrücken, bevor er - allzu spät - ab ins Bett musste.

 

Das Patriarchat scheint allenthalben sein ungeheures, fleischiges Haupt zu erheben: Eine kollektive Anklageschrift sammelt unter dem hashtag #aufschrei zahllose Zeugnisse ekelhaften und niederträchtigen Gebarens seitens überforderter Penisbesitzer. Die emsig netzwerkenden Dirigentinnen der Bewegung, Anne Wizorek, freie Beraterin für Internetstrategien und Online-Kommunikation ("Gesellschaftlich müssen wir Menschen dafür sensibilisieren, dass Frauen etwa nicht einfach angesprochen werden wollen, bloß weil sie draußen herumlaufen.") und Nicole von Horst ("Konkret geht es darum, die strafrechtliche Verfolgung von sexueller Gewalt zu verbessern und den Paragrafen § 177 StGB zu sexueller Nötigung und Vergewaltigung so zu ändern, dass nicht mehr 'Gewalt' nachgewiesen werden muss, um Sexualverkehr gegen den Willen einer Person als Vergewaltigung zu ahnden.") haben einen myriadenfachen Chor der Erniedrigten und Beleidigten entfacht, der ihnen den gefühlsechten Hintergrund für ihren großen Auftritt, das Sprungbrett für ihre Karrieren und Ambitionen liefern soll.

 

Es wäre ein allzu Leichtes, einige der emotionalen, persönlichen Erfahrungsberichte über den Stand der Dinge in der ausgeweiteten Kampfzone aufzuspießen und sie als Hysterie abzutun. Aber die schiere Menge an Frauenberichten über gröbste Zumutungen seitens vorgesetzter, sorgepflichtiger, manchmal blutsverwandter oder auch nur zufällig den eigenen Weg kreuzender und verstellender Männer, die verletzte Eindringlichkeit, mit der manche Belästigungen beschrieben werden, die oft unüberhörbare Trauer über den Tag für Tag mittels kleiner sexistischer Nadelstiche bis hin zur regelrechten Notzucht verabreichten Verlust an Selbstbestimmung, Verfügung und Genuss des eigenen Leibes, der Schleier stummer Angst, der sich für viele abends auf Seitengassen, Stadtparks und Unterführungen legt - all dies ist mit vollem Recht zu denunzieren und weder kleinzureden noch gar mit Verweis auf weit schlimmere Vorkommnisse anderswo auf der Welt zu relativieren.

 

Gewiss ist es statthaft, den Grad des Frauenhasses zwischen Afghanistan und sagen wir Langenfeld bei Köln zu unterscheiden. Es ist ein Novum, dass die abscheuliche Sitte des Säureanschlags gegen unwillige Mädchen, ursprünglich wohl ein indomuslimisches Phänomen, nun pünktlich zum Karneval im Rheinland Einzug hielt. Und es wäre eine grobe Verleumdung der zugegeben ästhetisch komplett gescheiterten Ortschaft, würde man dort generell von Zuständen wie unter den Taliban ausgehen. Doch es besteht ein gattungsgeschichtlicher, tief sedimentierter Angstzusammenhang zwischen dem vergleichsweise harmlosen Angeglotztwerden an einer deutschen Bushaltestelle und etwa dem Martyrium jenes indischen Mädchens, das den tödlichen Fehler beging, die Männer im Bus für ihre Mitmenschen zu halten.

 

Pars pro toto lässt sich am Verlauf der deutschen Debatte um Rainer Brüderles Verstoß gegen das öffentliche Sittlichkeitsempfinden darlegen, wie es unter den gegebenen Verhältnissen mit der Freiheit des Individuums bestellt ist und wo selbst die berechtigtste gesellschaftliche Forderung bewusstlos hintreibt. Die Wahrheit der Beschwerde wird, noch bevor es zu einer Selbstverständigung kommen kann, sogleich von Manipulationsprofis eingespannt und in politisches Kapital verwandelt - empowerment indeed, aber nur für die Wortführer_innen des aufgezogenen Rackets, das jetzt schon nach großangelegten Studien, Forschungsgeldern, Gesetzesinitiativen und Kommissionen schreit.

 

Die Menschen sind so haltlos und bankrott, sind einander objektiv so spinnefeind und hecken subjektiv solche Gemeinheiten gegeneinander aus, sie verheddern sich in ein so unentwirrbares Knäuel antagonistischer Interessen entlang aller möglichen und unmöglichen Kategorien von Geschlecht bis Fußballverein, dass sich ihre stete Überwachung und gegebenenfalls Bestrafung gleichsam von selbst begründet und jede neue Debatte nur mithilft, allen das Halseisen noch enger anzuziehen.

 

Apropos Racket und Halseisen: Jeder Kiezmob, der etwas auf sich hält, braucht einen geifernden Kettenhund, um Unbotmäßige einzuschüchtern und der Schutzgeldbande Respekt verschaffend vorzupreschen. Für diesen Job hat sich sofort ein schon an der Leine der Hamas treu bewährter, vor Kühnheit stets bebender Kläffer beworben. Die räudige Fortschrittlichkeit Jakob Augsteins, dieses ewigen Sohnes zweier komplementärer Väter, der besinnungslos die Brechung der Schwanzknechtschaft anhand des momentanen Volksfeindes Brüderle betreibt, gipfelte rhetorisch in einer so konsequenten wie irrsinnigen Volksfront der Entrechteten, im gewähnten Bündnis zweier Opfergruppen, die wie Arsch auf Eimer zusammenpassen: "Denn der weiße Mann wird bedroht, von der Demografie und vom Feminismus. Da ist es kein Wunder, wenn er etwas gegen Muslime hat und Probleme mit Frauen." Das war also des Pudels Kern!

 

Das die Welt erstickende schariatische Elend, von dem jüngst die zu beglückwünschenden und nun fröhlich Gauloises-rauchenden Einwohner Nordmalis vorerst befreit worden sind, findet seine inquisitorische Entsprechung in Tintenstrolchen, die die Denunziation gesellschaftlicher Verhältnisse mit dem vulgärsten Denunziantentum verwechseln, in Revolutionsgarden der Anti-Sex League, die aus ihrem und aller Frauen Leib ein gegen Übergriffe, grobe, aber auch zarteste Frechheiten, gar begehrliche (und eventuell begehrte) Blicke gnaden- und lückenlos zu umzäunendes Privatgrundstück machen wollen. Hierzu gehört auch die barbusige Aktion mit dem puritanischen Namen "Feuer und Schwert" der Gruppe Femen, die "Arbeit macht frei" an den Eingang einer Hamburger Schlupfbude pinselte und so konkret die Überleitung eines Wahrheitspotentials in den völligen Schwachsinn vorführte. Mit den vereinten Kräften des Frauenhasses und der Frauenpolitik wird der Tugendterror erzeugt. Der mühsam und mehr schlecht als recht aufrechterhaltene Waffenstillstand, den wir Gesellschaft nennen, erzeugt am laufenden Band exakt jene "sadistisch verdrückten Typen", gegen die dann in erzautoritärer, volkspädagogischer Absicht das ganze Leben in einen Schutzraum - einen deutschen Bunker - verwandelt werden soll. Genauso bestätigen sich die penetrante Lüsternheit liebesunfähiger Männer und die Burka gegenseitig. Die frauenbewegten Flagellant_innen des ewigen Opferseins machen emsig Politik, bewerben sich als Gutachter_innen und Sensibilisierungstrainer_innen, reden viel von emanzipatorischem Gehalt und meinen Gehälter.

 

Mit kölschem Gruß (Mach et jot ävver net ze off),

 

Redaktion Prodomo,

Köln, Februar 2013