Ausgabe #16 vom

Weltmarkt und Totalität*

NIKLAAS MACHUNSKY

Es folgen drei Texte Niklaas Machunskys, Thomas Mauls sowie der Gruppe Morgenthau. In der letzten Ausgabe der Prodomo hatte Machunsky in seinem Artikel Kapital und Islam einen Aufsatz Thomas Mauls kritisiert, in dem dieser eine „Dialektik der Aufklärung des Orients“ der Dialektik der Aufklärung des Westens gegenüberstellte. „Durch diese Vorentscheidung“, so Machunsky, „trennt Maul schon in der Antike, was heute miteinander in Konflikt liegen soll. Denn Orient und Okzident werden als zwei wesentlich unterschiedene Vergesellschaftungsformen begriffen, die sich seit über 2500 Jahren getrennt von einander entwickelt hätten.“ Im zweiten Teil seines Textes hatte Machunsky die Gruppe Morgenthau kritisiert, die in der Ausgabe 14 der Prodomo einen Artikel über die Sozialpsychologie des islamisierten Subjekts geschrieben hatte. Auch in deren Text entdeckte Machunsky eine Variante der Zwei-Welten-Theorie: „Die Gruppe Morgenthau geht davon aus, dass es im Orient keine Geschichte gegeben hat und die Einzelnen im Orient deshalb auch nicht am Aufstieg und Verfall des Individuums Teil hatten bzw. haben. Sie besäßen kein Bewusstsein ihrer Einzigartigkeit, weil ihr Bewusstsein nie systematisiert worden sei, wofür der Gruppe Morgenthau zufolge eine Kapitalisierung […] notwendig sei. Weil aber der Islam stillstehe, könne er die Entwicklung des Westens ‚überspringen‘. Mit Westen und Islam verhält es sich dieser Annahme zufolge wie mit Hase und Igel: Wo der Westen erst als Resultat des Verfalls ankommt, ist der Islam schon, weil er sich gar nicht erst bewegt hat.“

Am 18. November 2011 veranstaltete die AG Antifa der Uni Halle unter dem Titel Koran und Kapital. Zum Stand der Islamkritik eine Podiumsdiskussion mit Machunsky, Maul und einem Vertreter der Gruppe Morgenthau. Ursprünglich war geplant, die jeweiligen Beiträge unverändert in der Prodomo zu veröffentlichen und die Debatte damit – zumindest an diesem Ort – abzuschließen. Allerdings haben sowohl Thomas Maul als auch die Gruppe Morgenthau komplett neue Texte geschrieben, die auf die Diskussion in Halle Bezug nehmen. Deshalb hat Niklaas Machunsky ebenfalls seinen Vortrag überarbeitet. Alle Beiträge werden im Folgenden abgedruckt. Auf eine Re-Replik Machunskys wurde bewusst verzichtet, um die Debatte nicht unnötig in die Länge zu ziehen. Wir empfehlen dem Leser, gegebenenfalls auch noch einmal die vorangegangenen Texte zu studieren, um die jeweiligen Vorwürfe am Text selbst zu überprüfen.

Der Beitrag der Gruppe Morgenthau erscheint inhaltlich unredigiert, der Text Mauls ist bereits auf dessen Website veröffentlicht worden und wird von uns nur gespiegelt.

– Die Redaktion.

 

Die Veranstalter stellen die Frage nach der traditionssprengenden Kraft des Weltmarktes. Weil diese Frage hier im Zusammenhang mit der Rolle der Religion steht, werde ich die Antwort auch auf das Terrain des Geistes zu verschieben suchen. Doch zuvor möchte ich meine Kritik kurz zusammenfassen und dabei zugleich auf eine mögliche Erwiderung eingehen. 

Ich habe versucht, die Beiträge von Thomas Maul und der Gruppe Morgenthau aus einer materialistischen Perspektive zu kritisieren und dadurch den strittigen Punkt von der sich zur Totalität entfalteten Wertform her zu begreifen. Ich warf meinen Diskussionspartnern vor, die durch den Weltmarkt hergestellte Einheit der Welt in zwei Teile zerschlagen zu haben, was ich eine „Zwei-Welten-Theorie“ genannt habe. Aus der Sicht einer solchen Theorie müssten bestimmte islamische Milieus in europäischen Großstädten eher der islamischen Welt als der europäischen Moderne zugeordnet werden. Auch das Problem der Konvertiten wäre in einem solchen Rahmen nur schwer konsistent zu erklären. 

Ein möglicher Vorwurf gegen das von mir vorgebrachte Argument könnte lauten, dass dadurch der moderne Islam letztlich aus dem Kapital abgeleitet und dadurch in seiner historischen und aktuellen Eigenmächtigkeit nicht ernst genommen würde. Mit diesem Vorwurf ginge dann auch der einher, dass ich innerhalb der von mir angeführten Totalität nicht mehr zwischen unterschiedlichen geistigen Phänomenen und Strömungen unterscheiden könne; dass ich also letztlich alles im gleißenden Licht der Wertform betrachten und dadurch alle Erscheinungen in eine einheitliche Farbe tauchen würde. Jedoch ist der Wert nicht der Quell, aus dem die Welt oder die einzelnen weltlichen Phänomene entstehen, sondern eine Kategorie der Vermittlung, die die gesellschaftliche Synthesis leistet. 

Der Kapitalismus, schreiben Marx und Engels im Kommunistischen Manifest, löse durch seine Agenten, die Bourgeoisie, „die Würde in den Tauschwert auf[.] und [hat] an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt.“ 1 Ohne Handelsfreiheit kein Weltmarkt und ohne diesen kein kosmopolitisches Proletariat, welches frei von alle überlieferten Bindungen dazu befähigt werden sollte, eine universelle Assoziation von Individuen zu schaffen. 

Wichtig für die Diskussion scheint mir zu sein, dass der Weltmarkt bei Marx und Engels das materialistische Pendant zum Weltgeist Hegels ist. Denn während sich der Weltgeist im Verlauf des historischen Prozesses stets nur durch einen partikularen Volksgeist realisiert, indem er von einem Volk zum nächsten zieht, ist der Weltmarkt ein wirklich universelles Prinzip, das tendenziell alle Völker miteinander verbindet und den gleichen Imperativen des Marktes unterwirft, gleichzeitig und gegenüber den unterschiedlichen Völkern auch gleich-gültig. 

Marx' Zuversicht, durch den Weltmarkt würden letztlich alle traditionellen Bindungen zerstört, alle Völker dem gleichen Imperativen unterworfen und letztlich der Konflikt zwischen Proletariat und Bourgeoisie unausweichlich werden, ging davon aus, dass die kommunistische Revolution vor der Tür stehe und für die dem Kapital neu zugeführten Massen in allen Teilen der Welt die einzige Perspektive darstellen würde. Die Unterwerfung des Orients durch den Okzident stellte sich Marx als einen zivilisierenden Akt vor, der die Barbaren von ihrem Fremdenhass kurieren und ihnen gleichzeitig die neuesten Errungenschaften und Ideen bringen würde, die sie dann nicht mehr selbst hervorbringen müssten. 

Doch die Integration in den Weltmarkt brachte nicht nur aufgeklärte, sondern auch gegenaufklärerische Ideen in die neu erschlossenen Teile der Welt. Für Marx stellte ein Beharren auf dem nationalen oder kulturellen Standpunkt einen bloßen Anachronismus dar, und so sympathisch diese Position ist, so falsch ist sie auch. Denn die Umwälzungen der bürgerlichen Gesellschaft brachten auch die moderne Reaktion hervor. Marx thematisierte dieses reaktionäre Denken am Beispiel Deutschlands, das für ihn das Modell für die gleichzeitige Ungleichzeitigkeit abgab. Und obwohl er als Fortschrittsoptimist die Gefahr unterschätzte, die von dieser partikularistischen Borniertheit ausgeht, ist es doch sein Vermögen als dialektischer Denker, dass er die Ideologie nationaler Aufopferung und Suprematie zu den gesellschaftlichen Verhältnissen der fortgeschrittenen Länder in Beziehung setzte. Er begriff die stolz vorgetragene deutsch-nationale Idiotie als Ausdruck eines Mangels, der auch die modernen, kapitalistischen Länder berührt. Denn die politische Ökonomie des Kapitalismus erzeugt eine Verklärung ihrer Voraussetzungen, indem sie z.B. das einzelne Marktsubjekt zur Naturbasis ihrer politischen Repräsentation verklärt. Weil die Akkumulation des Kapitals beständig neue Krisen gebiert, werden diese Krisen von eben jenen Subjekten ebenfalls im Rahmen dieser Verklärung interpretiert. Das Beharren auf einem politischen und gesellschaftlichen Niveau unterhalb der Kritik als der fortschrittlichsten Position wird von Marx letztlich durch fetischistisches Denken innerhalb der kapitalistischen Totalität erklärt. Dadurch, dass die deutsche Philosophie auf der Höhe der Zeit war, vermochte sie der bürgerlichen Revolution auf Augenhöhe zu begegnen und aus ihr die Konsequenz zu ziehen. Der deutsche Antikapitalismus kann in diesem Sinne als der konsequente Versuch verstanden werden, die bürgerliche Ideologie immanent zu ihrem Ende zu denken und damit der Lüge zu überführen. 

Der späte Eintritt der islamischen Welt in den Weltmarkt bedingte es nun, dass die reaktionäre Kritik am Kapitalismus in Form des Antisemitismus fix und fertig bereitstand und über die Elemente der islamischen Gesellschaft, die mit dem Okzident in Kontakt standen - den christlichen Gemeinschaften -, in den Orient eingeführt wurden. Durch ihre vermittelnde Tätigkeit wurde der spezifisch islamische Antijudaismus mit dem auf die kapitalistische Synthese zielenden modernen Antisemitismus amalgamiert. 

Hinter Zoll-, Landes- und Glaubensgrenzen konnte und kann sich der bornierte Partikularismus verschanzen. Aber er bleibt auch dann negativ in den Weltmarkt integriert, wenn er die Welt auszuschließen sucht, weil er auch dann in Konkurrenz zu den anderen Staaten steht. Dies gerade auch deshalb, weil der Weltmarkt keine bloß ökonomische Veranstaltung ist, sondern immer auch schon eine politische und das heißt eben unter Umständen auch eine gewaltsame. Innerhalb dieses gewaltsamen Verhältnisses versuchen gerade die sich verschanzenden Länder, ihr Gewaltpotential in bares Geld umzumünzen, man denke hier nur an Nordkorea oder Palästina. 

Aber auch umgekehrt wurde und wird der Verkehr, den der Weltmarkt zwischen den Menschen herstellte und immer noch herstellt, häufig genug mit kriegerischen Mitteln hergestellt. Marx und Engels waren bereit, dies als Gestehungskonsten der Konstitution der Menschheit in Kauf zu nehmen, denn durch den Weltmarkt schien ihnen eine Menschheit realiter vorstell- und einholbar, die vorher nur in religiösen Kategorien, als Menschheit vor Gott, gedacht werden konnte. Voraussetzung hierfür war der unverbrüchliche Glaube an den stufenweisen Fortschritt, der im 20. Jahrhundert gründlich desavouiert wurde. 

Nichtsdestotrotz gab es Fortschritt, und der entscheidende Fortschritt des Monotheismus gegenüber allen Volksreligionen bestand darin, dass durch ihn die Menschheit als unter einen Gott geeint gedacht werden konnte. Während in den Mythen des Polytheismus stets nur die Schöpfungsgeschichte des einen Volkes erzählt wird, unternimmt es erstmalig das Judentum, eine universelle Genesis zu schreiben. Das Judentum gibt auf ein Problem eine grundlegende und einfache Antwort. Das Problem lautet aus der Perspektive der Stammesreligionen: Wenn z.B. „Kanake“, wie ja allgemein bekannt, „Mensch“ heißt, wer und was sind dann die Menschen, die „Nicht-Kanaken“ sind? Auf diese Frage kennen die Stammesreligionen keine schlüssige und schon gar keine universelle Antwort. Die Hebräer aber haben darauf die einfache Antwort gefunden, dass Gott alle Menschen erschaffen hat, dass er also die grundlegende Einheit ist, die alle Menschen vereint. Das jüdische Paradox besteht gerade darin, den Schritt von einem Stammesglauben hin zum Monotheismus getan zu haben und doch noch die Geburtsmale des Partikularismus zu tragen. Der Gott der Bibel ist kein Stammesgott mehr und doch steht er zum Volk Israel in einem besonderen Verhältnis. 

Es ist dieses Verhältnis vom Besonderen zum Allgemeinen, von der Differenz zur Einheit, das auch hier und heute unter veränderten Vorzeichen zur Diskussion steht. Die These vom Weltmarkt besagt nämlich, dass erst durch sein Zustandekommen die Einheit der Menschheit, die der Monotheismus abstrakt zu denken vermochte, realiter und ganz praktisch hergestellt wurde. Das heißt aber auch, dass die bürgerliche Gesellschaft einen Bruch herbeiführte, der mit dem Übergang vom Polytheismus zum Monotheismus vergleichbar ist. Der Referenzpunkt der Menschheit unter den Auspizien des Monotheismus war der eine Gott. Er war der archimedische Punkt der Gesellschaft, der Quell aller Gültigkeit und der Fluchtpunkt des Denkens. Mit der Etablierung des Weltmarktes verschwindet zwar nicht Gott, doch neben und über ihm etabliert sich als der neue Gott das automatische Subjekt, das Kapital. Während Gott vor dem Kapital auch ohne Glauben auskam, weil er eine Denknotwendigkeit war - hiervon gibt die Scholastik ein beredtes Zeugnis -, kommt Gott oder Allah heute nicht mehr ohne Glauben aus, das Kapital aber sehr wohl. Ich glaube hier Manfred Dahlmanns These wiederzugeben - freilich stark verkürzt -, wenn ich behaupte, dass gerade der Übergang von der feudalistischen zur kapitalistischen Gesellschaft durch eine Denkbewegung möglich wurde, die an dem dialektischen Verhältnis von Vater, Sohn und Heiligem Geist geschult war. Das Kapital konnte also erst durch den katholischen Geist in Bewegung gesetzt werden. Womit dann auch die Frage beantwortet werden kann, warum das take-off der kapitalistischen Akkumulation in Europa geschah, oder auch Maxime Rodinsons von Weber aufgegriffene Frage, warum es in den islamischen Gesellschaften nicht geschah, obwohl die materiell-gesellschaftlichen Verhältnisse so weit gediehen waren. 

Der angesprochene Bruch, der mit dem Eindringen des Kapitals in die traditionellen Gesellschaften einherging, bewirkte also nicht nur eine Zerschlagung der Tradition, sondern auch eine neue Anordnung der Traditionssplitter. Und das heißt, dass keine Tradition nach der Etablierung des Weltmarktes die gleiche ist wie zuvor. Um damit auf den Vorwurf der Ableitung zurückzukommen: Ich muss die Tradition, Kultur oder religiösen Mythen nicht aus dem Kapital ableiten, weil sie, wie Agnoli bezüglich der Wertableitungsdebatte seinerseits über den Staat sagte, schon da sind. Aber durch die veränderte gesellschaftliche Synthesis sind sie auf einen anderen Geltungsgrund bezogen, der sie neu arrangiert und synthetisiert. Die Einheit des Weltmarktes verlangt nicht, dass sich die unterschiedlichen nationalen und regionalen Territorien auf einer gleichen Entwicklungsebene befinden müssen und auch nicht, dass dies in der Zukunft zu erwarten ist. Synthesis meint ja gerade die Herstellung und Integration unterschiedlicher Teile. Die gleichzeitige Ungleichzeitigkeit - also z.B. die Sanktionierung unmittelbarer Gewaltverhältnisse inmitten der kapitalen Totalität - erhält vor diesem Hintergrund eine neue Aktualität, eine neue Bedeutung. Neu arrangiert und auf den Geltungsgrund des Werts bezogen, ist der Islam der Gegenwart - selbst wenn er sich als altehrwürdiger Glauben verkauft - eine moderne Antwort auf gegenwärtige Probleme. Es gibt nicht nur die eine Antwort und der Islam mag gerade auch im Verhältnis zu anderen Religionen eine besonders schlechte Antwort sein, aber das bedeutet nicht, dass die Kritik des Islam ihn aus dem gemeinsamen Bezugsrahmen verbannen muss. Es ist möglich, auch innerhalb der Totalität zu differenzieren. Ja, darin besteht sogar die Bedingung der Möglichkeit der Kritik selbst! 

Nachtrag

In der Replik von Thomas Maul auf meinen Artikel und Vortrag verweist er darauf, dass es sein Anliegen war, sich einen Begriff der islamischen Spezifik zu bilden, also dasjenige mit einzubeziehen, was durch das Kapital neu arrangiert und synthetisiert wurde. Dies ist für eine jegliche Kritik des islamischen Wahnsinns unerlässlich. Nur kann man sich der vorkapitalistischen Vergangenheit nicht unmittelbar nähern, so, als ob man aus der einen Totalität heraus- und in die andere hineinspringen könnte. 

Der Begriff der Totalität, so wie ich ihn verwendet habe, ist gerade keiner, aus dem Einzelphänomene abgeleitet werden. Doch ohne einen Begriff von Totalität ist ein auf Wahrheit zielendes Denken unmöglich. „Die Differenz der dialektischen Ansicht von Totalität und der positivistischen spitzt sich darauf zu, daß der dialektische Totalitätsbegriff ‚objektiv‘, nämlich zum Verständnis jeglicher sozialen Einzelfeststellung intendiert ist, während die positivistischen Systemtheorien lediglich durch Wahl möglichst allgemeiner Kategorien Feststellungen widerspruchslos in einem logischen Kontinuum zusammenfassen möchte, ohne die obersten Strukturbegriffe als Bedingung der Sachverhalte zu erkennen, die unter ihnen subsumiert werden. Schwärzt der Positivismus diesen Totalitätsbegriff als mythologischen, vorwissenschaftlichen Rückstand an, so mythologisiert er im unverdrossenen Kampf gegen Mythologie die Wissenschaft.“ 2

Leicht überarbeitete Version des am 09. Oktober in Halle anlässlich der von der AG Antifa der Universität Halle organisierten Podiumsdiskussion „Koran und Kapital. Zum Stand der Islamkritik“ gehaltenen Vortrags.

 

Anmerkungen:

     

     

  1.  Karl Marx, Die Frühschriften, Stuttgart 1971, S. 528

  2.  

     

  3.  Theodor W. Adorno, Einleitung, in: Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie, Darmstadt und Neuwied 1974, S. 21

  4.