Ausgabe #16 vom

Theater um das vermeintliche revolutionäre Subjekt

Badious Denken inszeniert am Kölner Schauspielhaus

LUKAS REUß

In der aktuellen Spielzeit wird am Kölner Schauspielhaus eine, wie es heißt, Show mit dem Titel Jede Minute mit einem Illegalen ist besser als wählen aufgeführt. In Anlehnung an Alain Badious Text Wofür steht der Name Sarkozy? wird hier das vermeintliche Leben der Illegalen und Banlieue-Bewohner in Paris betrachtet, die Badiou „als Bastion des Widerstands gegen den Opportunismus und neoliberalen Geist der demokratischen Wähler [postuliert], die er Ratten nennt“ 1.

Zu Beginn des Stückes werden Photographien aus den Pariser Vororten gezeigt. Diese zeigen vor allem Architektur, Gruppen von Darstellern Illegaler und einige Wahlplakate Sarkozys. Aus dem Off werden die Bilder kommentiert: Die Vororte seien der einzige Ort, an dem sich noch Leben abspiele, während im Élysée-Palast die Ratte Sarkozy hause.

Danach betreten Schauspieler die Bühne, welche illegale Einwanderer darstellen, die fast ausschließlich Französisch sprechen, sowie deutsche Übersetzer, die zudem, das Publikum direkt ansprechend, Badious Theorie erläutern. Jener wird als „eher linker“ Philosoph vorgestellt, dessen Ziel das Erreichen eines „neuen Kommunismus“ sei.  

Als einziger relativ klar umrissener Begriff wird in dem Stück Wahrheit definiert, und zwar dahingehend, dass eine Gruppe von Menschen für sich entscheidet, dass etwas wahr ist. Dies geschehe in einem als mythologisch bezeichneten Akt des Politischen. Die gemeinsame Festlegung einer Gruppe von Personen setze also Wahrheit. Um diese Konstellation zu verdeutlichen, streckt der dies erläuternde Schauspieler einen Arm nach oben und formt seine Hand, als ob er etwas halte. Die Hand, die als neue Wahrheit über einer Gruppe schwebe, würde ihnen den Weg weisen und gleichzeitig, da der Blick auf sie gerichtet ist, die sich ihr Unterordnenden daran hindern, sich von anderen Sachen ablenken zu lassen. 

Es wird eine Führungsinstanz bzw. -figur gesucht, deren Wahrheit sich untergeordnet werden kann, um nicht mehr den Zwängen der die Individuen tatsächlich umgebenden Realität ausgeliefert zu sein. Die Rolle der Führerfigur füllen in dem Stück die deutschen Übersetzter aus, sie sind es, die den Illegalen den Weg weisen und die Welt erklären. Die Ereignisse um die Unruhen in den Banlieues werden in der Handlung des Stücks parallelisiert: Die Illegalen berichten von ihrer Situation, von ihrer Machtlosigkeit, von der Gewalt, und die Übersetzer geben ihren Handlungen nachträglich einen Sinn, wie es Badiou mit Wofür steht der Name Sarkozy? nach den Unruhen tatsächlich getan hatte. Diese Sinngebung bezieht sich jedoch nicht nur auf Vergangenes, es wird vielmehr eine Methode aufgezeigt, eine Wahrheit gesetzt.

Diese Wahrheit, zu der sich die Figuren in der oberflächlichen Handlung des Stücks nun entscheiden, besteht darin, Teil des revolutionären Subjekts zu sein. Die weißen Übersetzer und Präsentatoren der Badiouschen Theorie erklären dies den schwarzen Immigranten, die sich zuvor als politikfern bezeichneten, und diese nehmen die Wahrheit dankbar an. Ihnen wird zwar die Disposition hierzu nahegelegt - schließlich schufteten sie so viel - doch entscheidend für ihr Erlangen dieser Rolle sei, dass sie sich als das revolutionäre Subjekt verstehen. Diese Entscheidung legitimiert dann alle Handlungen bis zum Erreichen des ersehnten Zustandes. Merkmal des „neuen Kommunismus“ ist also, dass jeder entscheiden kann, ob er ihn haben will. 

In Badious Denken ist Wahrheit nur noch die Bezeichnung als solche, daher können die sans papiers im Stück durch bloßen Entscheidungsakt das revolutionäre Subjekt werden. Dies allerdings nur vermittelt über den Willen einer Gruppe, der sie sich unterordnen müssen. Charakteristikum des „neuen Kommunismus“ ist zudem, dass er keine Gier duldet. Das Stück endet damit, dass die Schauspieler minutenlang herumspringen, sich die Finger reiben und schreien, dass sie Geld lieben.2

Auf die tatsächliche Situation in den Banlieues wird in dem Stück praktisch nicht eingegangen. Die Gewalt dort, und dies ist einer der wenigen Momente des Stücks, die nicht in einer Manier der wabernden Begriffslosigkeit, des Offenbleibenden gehalten ist, wird mit der Architektur der Vororte erklärt, die bei den Darstellern der Illegalen die stärksten emotionalen Reaktionen hervorruft. Gerade die strukturalistischen Wohnkomplexe der 70er Jahre seien ein bewohnbarer Ort, einer der letzten, an dem sich überhaupt noch Leben abspiele. Leider aber gebe es solche nur in einem Vorort, in den sich aufgrund der heftigen Gewalt niemand hineintraue, der sich dort nicht unbedingt hinbegeben muss. Aufhalten können sich an diesem Ort nur jene, die dort dauerhaft leben müssen und von den Ansässigen geduldet und in ihre Mitte aufgenommen werden, während sich andere in diese Gebiete nicht hineintrauen. Die Gewalt in den Vororten mit anderem Baustil wird mit der dortigen Architektur erklärt. Das ist zweifellos paradox, sind doch die Gebiete mit der angepriesenen Architektur viel gewalttätiger. Hier wird erneut deutlich, dass der angestrebte Zustand, das „wahre Leben“, nur in der Unterordnung erreicht werden kann, und nur dort existiert, wo die Machtverhältnisse klar sind und ständig durch Gewalt, welche die Individuen direkter erfahren als jene durch den Souverän vermittelte, spürbar sind.

Wenn an einigen Stellen tatsächliche Aspekte der Situation in den Vororten angesprochen werden, folgt darauf direkt die von einem einfühlsamen Deutschen vorgetragene Einbettung in die Theorie. Diese soll als die notwendige Reaktion auf die Zustände erscheinen. Die Präsentation der Zustände in den Banlieues tritt also immer verquickt mit den Badiouschen Vorstellungen auf. Die Präsentatoren des Badiouschen Denkens sprechen zudem in einem grundsätzlich aggressiven Ton, der das Publikum zum Einverständnis drängen soll, was in einigen Fällen sicher gelingt. Die Situation der Illegalen wird verherrlicht, sie sei schließlich die durch das Leid geadelte Bastion des wahren Lebens. Den Präsentatoren, wie auch dem Publikum, sei dieses Leben versagt, allerdings sollen sie für die Vorstellungen Badious gewonnen werden. Sie nämlich bildeten letztlich eine Öffentlichkeit, bzw. generell eine Instanz, die die Handlungen der Illegalen bzw. die Vorgänge in den Vororten beurteilen könne. Da letztere nun als revolutionäre Handlungen verstanden werden sollen, dürften sie auch nicht - das ist ein Kernaspekt des Badiouschen Denkens - irgendeiner Beurteilung unterzogen werden. Zu dem Unterlassen einer (moralischen) Beurteilung nun sollen die Zuschauer angeleitet werden.

Über dem ganzen Stück schwebt das schon früh eingeführte Dogma, für das Badious Formel des Pétainistischen Transzendentals steht. Angelehnt an den französischen Nazi-Kollaborateur Philippe Pétain bezeichnet es das Bestreben, revolutionären Situationen oder solchen, die auf Niederlagen folgen, ihr weiterhin revolutionäres Potential zu entziehen und die „öffentliche Ordnung und Moral wiederherzustellen“3. Solche ordnungsstiftenden Handlungen stellten stets eine „Desorientierung“ der potentiellen Revolutionäre dar. Für eine solche stehe denn auch Sarkozy. Die Atmosphäre, die in dem Stück geschaffen wird, bedient sich des Vergleichs mit der Kollaboration. Die Politik der Regierung Sarkozy, bzw. die öffentliche Stimmung in Frankreich in den letzten Jahren, für die der Name Sarkozy auch eine Chiffre ist, kann nicht distanziert und unvoreingenommen betrachtet werden. Es ist den Autoren des Stücks ein Anliegen, diese Politik als Nazi-Kollaboration zu charakterisieren und damit jegliche Auseinandersetzung in diesem Sinne zu determinieren. Nicht nur, dass es in dem Stück zu einer rückhaltlosen Verklärung der Zustände in den Vororten kommt, es wird den Zuschauern durch das Badiousche Denken zudem erschwert, das dortige Unwesen auf den Begriff zu bringen und die Kritik daran verunmöglicht, weil durch den Begriff des Pétainistischen Transzendentals jede Befassung mit der Politik Sarkozys überflüssig wird, da diese ohnehin eine Fortsetzung des Nationalsozialismus sei. Es bleibt am stärksten dieser Vergleich mit der Nazi-Kollaboration durch die Machthabenden in den Köpfen hängen, der die Vorstellung von Sarkozy bestimmen soll.

Das Stück stammt von dem Duo Monika Gintersdorfer und Knut Klassen, die laut ihrer eigenen Internetpräsenz „einen möglichst direkten Transport von Leben ins Theater und von Theater/Performance ins Leben [versuchen].“ 4 Das, was sie für das Leben in den Banlieues halten, wird in “Jede Minute mit einem Illegalen ist besser als wählen” aber nur unter dem Gesichtspunkt betrachtet, ob die dort Lebenden die zu besetzende Stelle in Badious bzw. der marxistischen Theorie füllen können. Dies widerspricht zuletzt auch der eigenen Darstellung: Im Programmheft heißt es, „die Arbeitsweise“ nehme „bewusst nicht Kontakt zu bestehenden Interessenvertretungen auf […], sondern suche in der Wirklichkeit.“ 5 Nicht zuletzt hat sich dieses Vorhaben von jeglicher Autonomie eines Kunstwerks verabschiedet, es ist somit noch nicht einmal Absicht des preisgekrönten Autorenduos, Kunst zu schaffen. 

Dies ist kein Stück über die Banlieues, sondern eines über den Wunsch nach dem antizivilisatorischen Bürgerkrieg. Die Zuschauer sollen für die Einfühlung in den Mob sensibilisiert werden, sie sollen lernen, dass dessen gewalttätige Ausschreitungen, die sich gegen die Ordnung und jene richten, die die Gier repräsentieren, nicht beurteilt werden dürfen. Letztlich ist es nichts als Propaganda.

 

Anmerkungen:

     
  1.  Programmheft, S. 1

  2.  
  3.  An dieser Stelle drängen sich Parallelen zur Occupy-Bewegung auf. Dort wird die „Gier nach Macht“ für „Ungleichheit, Spannung und Ungerechtigkeit“ verantwortlich gemacht. Der Forderungskatalog endet dann unter anderem mit der Parole „Ich glaube, dass ich helfen kann.“ (Beides aus dem Spanischen Manifest vom Mai 2011, dem substantiellsten Text, der im Kölner Occupy-Camp verteilt wurde). So falsch die Vorstellungen jener sind, die das Manifest verfasst haben, von Badiou unterscheidet sie noch die im zweiten Zitat anklingende Bindung an die Wahrnehmung.  Ihre Handlungen sind nämlich dadurch motiviert, dass sie glauben, etwas tun zu können. Die Figuren in „Jede Minute mit einem Illegalen ist besser als Wählen“ haben diese Rückbindung an die Realität nicht mehr. Sie vermeinen, etwas zu tun, nur weil sie es behaupten bzw. sich dazu entscheiden. Beide bestimmen allerdings jenen als Feind, der für sie die Gier repräsentiert.

  4.  
  5.  Alain Badiou, Wofür steht der Name Sarkozy?, S. 84, Berlin 2008

  6.  
  7.  http://www.gintersdorferklassen.org/impressum/impressum.htm

  8.  
  9.  Programmheft, S. 1

  10.