Ausgabe #16 vom

Koran und Kapital

(K)eine Replik auf Niklaas Machunsky

THOMAS MAUL

In der 15. Ausgabe der Zeitschrift Prodomo (erschienen im Juli 2011) hat Niklaas Machunsky eine scharfe Polemik gegen meinen Odysseus-Artikel aus der Bahamas (Nr.60/2010) veröffentlicht.1 Die schon im Vorfeld an mich ergangene Einladung, in der Prodomo zu replizieren, schlug ich aus. An einer dann am 18. November 2011 von der AG Antifa Halle organisierten Podiumsdiskussion mit Niklaas Machunsky und einem Vertreter der Gruppe Morgenthau nahm ich nur unter der Voraussetzung teil, dass gerade keine „Fortsetzung der Prodomo-Debatte“ stattfände, sondern anhand der Sache – in dem Fall der konkreten Fragen des Ankündigungstextes zur Veranstaltung2 – diskutiert würde. Daran wurde sich weitgehend gehalten. Dennoch hat sich mein Vorbehalt gegen eine öffentliche Diskussion bestätigt, der im Wesentlichen darin besteht, ihre Ergiebigkeit zu bezweifeln. Wenn ich im Folgenden – vor allem auf nach der Hallenser Veranstaltung noch zunehmendes Drängen von verschiedensten Seiten – „Stellung“ zu Machunsky beziehe, dann nicht, um nun doch in eine Debatte einzusteigen, sondern nur, um wenigstens meinen Zweifel am Sinn derselben zu begründen und dabei die Gelegenheit für eine Selbstkritik zu nutzen.

1.

Auf eine Kritik angemessen zu replizieren, setzt voraus, dass man versteht, was der Kritiker eigentlich will, was dadurch zumindest erleichtert würde, dass er selbst es weiß. Diesen Eindruck macht Niklaas Machunsky eingedenk seines Artikels für die Prodomo, seines Vortragstextes und Diskussionsstils in Halle nun allerdings gerade nicht. Sofern er zurückgenommen und sachlich argumentiert (wie im Hallenser Vortragstext und teilweise in der anschließenden Diskussion), also auf kaum mehr zielt, als darauf, dass man auch den realexistierenden Westen einer radikalen Kritik unterziehen müsse, dass das „Minimum an Freiheit“ als ein aus dem Westen selbst heraus stets „bedrohtes Residuum“ – mitnichten also als „fester Grund“ – zu fassen wäre, rennt er bei mir – wiewohl ich diese Selbstverständlichkeit nicht in jedem Text zu jedem Thema ausbreiten zu müssen glaube – offene Türen ein. Sobald er aber zwecks klarer Abgrenzung (wie im Prodomo-Artikel und anderen Teilen der Hallenser Podiumsdiskussion) herumpoltert, um sein Anliegen zuzuspitzen, erinnert er gegen seine Intention zum einen an einen Ableitungs-Marxismus irgendwo zwischen Lukács und der Marxistischen Gruppe, der im Übrigen mit dem von Machunsky häufig in Anschlag gebrachten Adorno dann auch nicht mehr viel zu tun hat: so z.B. verwechselt er den inflationären Gebrauch des Wortes „Dialektik“ mit dialektischem Denken und suggeriert, die „Kritik der politischen Ökonomie“ und „die islamische Todesindustrie“ wären bereits „bündig zusammengeführt“, solange man nur Begriffe wie „Totalität“, „automatisches Subjekt“, „prozessierender“, bzw. „sich selbst verwertender Wert“, „gesellschaftliche Synthesis“ und „Kapitalverhältnis“ bzw. „Kapitalförmigkeit“ atemlos herunter betet. Da die Abstraktionen, die Machunsky in diesem Zusammenhang produziert, in ihrer Überallgemeinheit nichts Erhellendes zu einem „materialistischen Begriff“ des Islam beitragen und in gar keinem (also weder widersprüchlichen noch präzisierenden) Verhältnis zu meinen konkreten Ausführungen stehen, vermögen sie auch keine Diskussion zu rechtfertigen. Zum anderen verfällt er – gegen den bei mir als zu emphatisch besetzt befürchteten Begriff von bürgerlicher Subjektivität – in eine (zuweilen postmodern und quadfaselig anmutende) Rhetorik des Verfalls, in deren Konsequenz sich der Unterschied zwischen den besonderen Subjekten Niklaas Machunsky und Mohammed Atta nur noch als ein quantitativer und gradueller im allgemeinen (postbürgerlichen) Subjektverfall darstellt – wogegen ich auf einer prinzipiellen und qualitativen Differenz zwischen Niklaas und Mohammed auch dann noch beharren würde, wenn dies tatsächlich – so Machunskys Verdacht – bereits ein erster halber Schritt ins Lager prokapitalistischer Liberaler vom Schlage der Freunde der offenen Gesellschaft wäre. 

2.

Unstrittig ist, dass der kapitalistische Weltmarkt eine One-World hergestellt hat, die man Totalität=Kapitalverhältnis nennen kann. Unstrittig auch, dass der Totalitätsbegriff nicht ausschließt, Differenz zu denken, dass im Begriff der Einheit von Okzident und Orient gerade Gemeinsames und Trennendes zu vermitteln wären. Würde die Differenz zwischen Machunsky und mir nun allein darin bestehen, dass wir uns auf den jeweils anderen Aspekt der Einheit konzentrierten, ohne diesen (also Machunsky das Gemeinsame und ich das Trennende) zu verabsolutieren, dann machte der Unterschied eben überhaupt keinen Widerspruch, die Analysen würden sich im Gegenteil ergänzen. Und soweit schreiben wir denn auch z.B. zum Transformationsprozess des nachholenden orientalischen nationbuildings annähernd dasselbe. In Halle3 formulierte Machunsky: 

„Ich glaube hier Manfred Dahlmanns These wiederzugeben, wenn ich behaupte, dass gerade der Übergang von der feudalistischen zur kapitalistischen Gesellschaft durch eine Denkbewegung möglich wurde, die an dem dialektischen Verhältnis von Vater, Sohn und heiligen Geist geschult war. Dass also das Kapital erst durch den katholischen Geist in Bewegung gesetzt werden konnte. Womit dann auch die Frage geklärt wäre, warum das take off der kapitalistischen Akkumulation in Europa geschah und z.B. auch Maxim Rodinsons von Weber aufgegriffene Frage, warum, obwohl die materiellen-gesellschaftlichen Verhältnisse soweit gediehen waren, es in den islamischen Gesellschaften nicht geschah. Der angesprochene Bruch, der mit dem Eindringen des Kapitals in traditionelle Gesellschaften einhergeht, bewirkt also nicht nur eine Zerschlagung der Tradition, sondern auch eine neue Anordnung der Traditionssplitter. Und das heißt, dass keine Tradition nach der Etablierung des Weltmarktes die gleiche ist wie davor. Um damit auf den Vorwurf der Ableitung zurück zukommen: Ich muss die Tradition, Kultur oder religiösen Mythen nicht aus dem Kapital ableiten, weil sie, wie Agnoli über den Staat sagte, schon da sind. Aber durch die veränderte gesellschaftliche Synthesis sind sie auf einen anderen Geltungsgrund bezogen, der sie neu arrangiert und synthetisiert. Die Einheit des Weltmarktes verlangt nicht, dass sich die unterschiedlichen nationalen und regionalen Territorien auf einer Entwicklungsebene befinden müssen und auch nicht, dass dies in der Zukunft zu erwarten ist. Synthesis meint ja gerade die Herstellung und Integration von unterschiedlichen Teilen. Die gleichzeitige Ungleichzeitigkeit, also z.B. die Sanktionierung unmittelbarer Gewaltverhältnisse in mitten der kapitalen Totalität, erhält vor diesem Hintergrund eine neue Aktualität, eine neue Bedeutung. Neu arrangiert und auf den Geltungsgrund des Werts bezogen, ist der Islam der Gegenwart, selbst wenn er sich als altehrwürdiger Glauben verkauft, eine moderne Antwort auf gegenwärtige Probleme.“ (Hervorhebung von mir)

Machunsky bestätigt hier geradezu, worum es mir im Odysseus-Artikel zentral ging. Erstens: Es gibt Etwas in der europäischen Tradition, das – nicht ausschließlich aber maßgeblich mit dem Christentum zusammenhängend – Bedingung der Möglichkeit der Entstehung von Kapitalismus und bürgerlicher Gesellschaft samt Wohl und Wehe war und der orientalisch-islamischen Tradition abgeht.4 Zweitens: Die gesellschaftlichen Zustände im Nahen und Mittleren Osten, im Maghreb, usw. stellen eine spezifische Synthesis von Kapital und islamischer Tradition – freilich nicht, ohne dabei die Tradition zu verändern – dar. Im Odysseus-Artikel heißt es deshalb:

„Es mag in der Logik des Weltmarktes liegen, dass er in den Peripherien ein ungleich größeres Maß an materiellem und geistigem Elend produziert als in seinen Zentren und Metropolen. Die konkrete Gestalt des Elends vor Ort jedoch ist einerseits auch darauf zurückzuführen, wie die jeweilige traditionelle Herrschaftskultur die Erfordernisse der Kapitalakkumulation integriert und sich dabei selbst transformiert. Andererseits ist die Spezifik der jeweiligen geistigen und materiellen Misere auch davon abhängig, welche realen oder erfundenen Traditionen ein etwaiges pathologisches Krisenbewusstsein gegen die negativen Begleiterscheinungen eben jenes gesellschaftlichen Umwälzungsprozesses mobilisieren kann. Für den Orient ist dabei zweierlei bezeichnend: Erstens und grundsätzlich kollidiert die kollektive Impotenz-Erfahrung der verelendeten Massen hier – im dezidierten Unterschied zu den abgehängten Regionen Lateinamerikas, Schwarzafrikas oder Asiens etwa – mit der verinnerlichten Allmachtphantasie der islamischen Herrenvolk-Ideologie. Statt gegen die für das Elend verantwortliche Symbiose aus traditionell despotisch-islamischer Herrschaft und Kapitalismus auf Säkularisierung zu setzen und mit wie gegen die Moderne für die Aneignung ihrer Errungenschaften zu streiten, erklären die Islamisten einen Abfall der Gläubigen und ihrer Gesellschaften vom angeblich reinen Ursprungsislam zur Ursache des Elends. […] Zweitens basiert eben das materielle Elend, das die negative Krisenlösung der islamischen Erweckungsbewegung stets voraussetzt und zugleich erst erzeugt, in der angesichts der Totalität des Weltmarktes zwangsläufigen Krise der spezifisch orientalischen Triebregulation.“ (Hervorhebung nicht im Original)

3.

Obgleich der Hallenser Machunsky und ich also von ähnlichen Befunden in ähnlich formulierten Worten ausgehen, versuchte der Kölner Machunsky noch, mir „idealistische Texthermeneutik“ nachzuweisen – was hie misslingt und da negiert, dass Hermeneutik in bestimmten Kontexten nicht nur legitimes sondern zwingendes Handwerkszeug auch des Materialisten ist –, monierte er, dass das Kapital bei mir „von außen“ über die islamische Welt kommt, und ebnete er die in Halle dann anerkannte prinzipielle Differenz zwischen Orient und Okzident (das Gemeinsame verabsolutierend) in den schnöden Unterschieden ein, welche sämtliche nationale Gesellschaften eben als besondere ausweisen – China, Russland, Marokko, Polen, Saudi-Arabien, USA, Iran, Japan, Ägypten, Frankreich, usw.: allesamt gleichermaßen bloß nationale Sonderwege des Kapitals; als hülfe es einem „materialistischen Begriff“ des Islam auf die Sprünge, den Islam und seine Traditionen aus der Analyse zu eskamotieren! Auch wenn also die (ursprüngliche) islamische „Tradition, Kultur oder [die] religiösen Mythen“ „durch die veränderte gesellschaftliche Synthesis […] auf einen anderen Geltungsgrund bezogen [sind], der sie neu arrangiert und synthetisiert“ (Machunsky, s.o.), so kann doch dieser Prozess nur verstanden und kritisiert werden, wenn man einen Begriff vom spezifischen Gehalt dessen hat, was da „neu arrangiert“ und „synthetisiert“ wird. Und das eben war – als Vergleich von orientalischer und okzidentaler (Un)Staatlichkeit, Subjektivität und Triebregulation – Sinn und Zweck des Odysseus-Artikels. In Halle habe ich das dann so ausgedrückt:

„Für die Frage nach der Entstehung des Kapitalismus und der Resistenzkraft islamischer Traditionen gleichermaßen relevant ist für mich der zivilisatorische Übergang von einer Kultur der Ehre und Scham zu einer Kultur der individuellen Schuld. Ein Dokument dieses Übergangs, der zugleich die Geburt Europas wäre, ist Homers „Odyssee“. Ein entscheidender Schritt in der Geschichte der Dialektik der Aufklärung, mit dem das gleichnamige Buch beginnt und von wo aus die Dialektik des Abendlandes bis zum Rückfall bzw. Umschlag in Auschwitz und darüber hinaus verfolgt und entwickelt wird. Es widerspricht nun nicht einer universalgeschichtlichen und dialektischen Perspektive, zur Kenntnis zu nehmen, dass der Orient innerhalb einer universalen Geschichte der Dialektik der Aufklärung auf der Stufe der Ehre- und Schamkultur stehen blieb, bzw. diese mittels des Islam erst spezifisch und voll ausbildete (in diesem Zusammenhang habe ich u.a. den Begriff des Phallozentrismus samt seiner triebtheoretischen Implikationen geprägt).“ 

4.

Diese Hallenser Formulierung darf durchaus als Ausdruck einer Selbstkritik – zugegeben angestoßen durch Machunskys Polemik gegen eine Zwei-Welten-Theorie – verstanden werden. Zwei missglückte Formulierungen sind mir nämlich tatsächlich unterlaufen. Im Odysseus-Artikel schrieb ich: 

„Die hier vorgeschlagene Aktualisierung des kritischen Programms, der Versuch, eine Dialektik der Aufklärung für den Orient zu schreiben, und diese mit der des Abendlandes in Beziehung zu setzen, kann, da erst am Anfang stehend, im Folgenden lediglich anhand ausgewählter Beispiele skizziert werden.“

Und eine Buchvorstellung in Halle habe ich mit „Der gefesselte Odysseus. Über die Dialektik der Aufklärung im Islam“ übertitelt. In beiden Fällen wird suggeriert, es gäbe (geographisch) separierte Dialektiken (im Plural!) der Aufklärung – eine Auffassung, die falsch ist, und sich nicht auf die Kritische Theorie berufen kann. Was ich meinte – und was als „Aktualisierung des kritischen Programms“ meiner Einschätzung nach auch legitim wäre – lautet: der Islam/der Orient (die Stellung von Islam/Orient) in (einer Geschichte) der Dialektik der Aufklärung.5 Und was ich meinte, war – auch im Odysseus-Artikel – das, was ich (entgegen dem, was ich sagte) tat: anhand der Kirke- und Sirenenepisoden aus Homers „Odyssee“ – von Adorno/Horkheimer als „frühestes repräsentatives Zeugnis bürgerlich-abendländischer Zivilisation“ (DA: 6) bzw. „Grundtext der europäischen Zivilisation“ (DA: 52) bezeichnet – habe ich westliche „Individuationsdilemmata“ aufgezeigt, die der Islam (eben auf Basis der despotischen Ehre- und Schamkultur) „umschifft“. Wie der Kölner Machunsky nun zu behaupten, ich würde damit das Dilemmatische und mit ihm die negativen Momente westlicher Individuation bestreiten oder gar Adorno/Horkheimer eine ungebrochene Parteinahme bzw. Sympathie für Odysseus unterschieben, ist daher (von meinem Text in keiner Weise mehr gedecktes) interessiertes Missverständnis. Ebenso entspricht es dem – für mich zentralen, weil das Aufklärerische ihrer Zivilisationskritik festhaltenden – Diktum Adorno/Horkheimers, wonach man „die Besinnung auf das Destruktive des Fortschritts“ nicht „seinen Feinden überlassen“ dürfe (DA: 3), wenn ich gegen den Islam, gegen die Postmoderne (insbesondere Foucault) und gegen Heideggers Odysseus-Interpretation die positiven Momente der (fortschrittlichen) „Selbstbehauptung“ Odysseus‘ (gegen Naturzwang und Schicksal) unterstreiche, denn in ihnen und durch sie ist Versöhnung (mit der Natur) – zwar nicht praktiziert, aber – überhaupt erst denkbar geworden… 

Nimmt man also gewollte wie ungewollte Missverständnisse, offensichtlich verunglückte Formulierungen und unnötige Wortklaubereien aus der „Debatte“, so habe ich mit dem Hallenser Machunsky nichts zu diskutieren, weil einfach keine Differenzen – jedenfalls keine „spannenden“ – vorliegen, und mit dem Kölner Machunsky nichts, weil dessen abstraktes Ableitungsgeklapper bzw. Verfallsgeraune einfach nicht diskutierbar ist. Damit wäre der „Fall Machunsky“ als öffentlich zu verhandelnder jedenfalls für mich endgültig abgeschlossen.

 

Anmerkungen:

     

  1.  Vgl. Niklaas Machunsky: Kapital und Islam. Kritische Anmerkungen zu Thomas Maul und der Gruppe Morgenthau, in: Prodomo # 15 und Thomas Maul: Der gefesselte Odysseus. Über das Verhältnis von Trieb und Terror im Islam, auf: http://redaktion-bahamas.org/auswahl/web60-1.html

  2.  

  3.  Vgl.: http://antifa.uni-halle.de/Texte/Texte1.htm#KoranKapital

  4.  

  5.  Die Hallenser Vorträge sind bis jetzt zwar nicht öffentlich, liegen den Veranstaltern und Diskutanten allerdings in Gänze vor.

  6.  

  7.  Eine monokausale Reduktion dieses Etwas auf die Lehre der Dreifaltigkeit findet sich bei mir allerdings nicht.

  8.  

  9.  Dass die Begriffe „Islam“ und „Orient“ in meinen Texten je nach Kontext mal synonym verwendet werden und mal Verschiedenes bezeichnen, sowie „Orient“ und „Okzident“ sowohl territorial-geographisch gemeint sein können, als auch auf ortsunabhängige „ideologische“ Prinzipien abheben – dies oszillierende Schillern der Begriffe ist der Sache geschuldet.

  10.