Ausgabe #16 vom

Jahrmarkt der Peinlichkeiten

Impressionen aus einer Welt des ungeglaubten Glaubens

HORST PANKOW

Woran erkennt man Verblendete? Vielleicht an ihrer Verkleidung als Statisten eines Mantel-und-Degen-Films. Einige derjenigen, die am 22. September unter den Augen des hier berichtenden Skeptikers in das Berliner Olympiastadion strömten, waren so ausstaffiert. Ein roter ärmelloser Überwurf, vorn und hinten mit dem farbigen Druck eines gekrönten Christus versehen, identifizierte sie als eigens aus Polen angereiste Eiferer. Sie wollten wie die übrigen, freilich weitaus weniger auffällig gewandeten, knapp 60.000 Glaubensgeschwister ihren Heiligen Vater beim Vollzug einer väterlichen Handlung erleben. Vielen dieser Musketier-Katholiken war vom strengen Sicherheitspersonal das Durchschreiten des Eingangsportals, über dem stolz das Motto „Wo Gott ist, da ist Zukunft“ prangte, zunächst verwehrt worden, weil sie sich weigerten, auf die Stangen ihrer Transparente und Flaggen zu verzichten. Wegen dieses Eigensinnes mussten sie sich dann den Vorplatz mit anderen Missionaren teilen, was zur Folge hatte, dass ihre zentrale Botschaft „Jesus, Du bist der König unseres Vaterlandes und eines jeden von uns“ die Koexistenz mit anderen Resultaten zeitgenössischer Bibelexegese – etwa „Gott schuf Tiere – keine Versuchstiere“ – hinnehmen musste. Einige dennoch ins Stadion gelangende Musketiere verteilten dort farbige Drucke ihres Herrn, auf deren Rückseite der Betrachter zum Unterschreiben der zentralen Botschaft aufgefordert wurde. An wen die merkwürdige Unterschriftensammlung adressiert war und welchem Zweck sie diente, konnte wegen sprachlicher Differenzen nicht geklärt werden. Komische Verblendete.

Um der Verblendeten willen hatte der Skeptiker immerhin die Prozedur einer Presse-Akkreditierung beim Berliner Papstbesuch auf sich genommen. Von den Verblendeten schien enorme Gefahr auszugehen, größer noch als vom Objekt ihrer Anbetung. Darauf hatte schon Wochen zuvor das Bündnis „Der Papst in Berlin? What the fuck!” hingewiesen. Der Besuch des Papstes „verdiente an sich keine große Aufmerksamkeit“, hieß es in einem Aufruf zu allerlei Aktivitäten, „wenn er (Papst) nicht von vielen hundert Millionen Verblendeter als ‚Benedictus PP XVI’, als Stellvertreter eines übermenschlichen Wesens auf der Erde, angesehen und verehrt würde.“ Dass es auf der Erde weitaus Schlimmeres geben kann, schien auch den Autoren bewusst, in ihrem Aufruf hieß es weiter: „Was sich anhört, wie ein UFO-Kult, ist im Falle der Katholischen Kirche leider traurige Realität.“ In die kurzfristige Erleichterung des Skeptikers (Wenn’s denn nicht mehr ist als ein UFO-Kult...) mischte sich bald die Feststellung einer lokalen Berliner Eigenart: Neben Hamburg ist die Hauptstadt eine Metropole der Scientology-Jäger, will heißen, hier wird ein UFO-Kult nicht einfach als harmlose Spinnerei akzeptiert. Seine Anhänger können durchaus als öffentliche Gefährder wahrgenommen werden. Also, was ist mit diesen Verblendeten, woher kommen sie und was wollen sie von der Welt?

Dieser Frage hatten sich zuvor auch die Autoren des Bündnisses „Not Welcome“ in ihrer Broschüre Den Papstbesuch zum Desaster machen gewidmet: „Warum fallen Menschen scharenweise klerikalen Scharlatanen anheim, lassen soziale Beziehungen flöten und schenken ihnen ihr Geld, ihre kostbare Lebenszeit und vor allem das Wichtigste was sie besitzen – nämlich das eigene Gehirn?“ Des Skeptikers Regung, sich alsbald den „sozialen Beziehungen“ dieser Menschen anzuschließen, um all der Geld-, Zeit- und Hirngeschenke anteilig zu werden, wich schnell der Erkenntnis, das beabsichtigte Desaster solle mangels anderer Aussichten vor allem in der deutschen Muttersprache des Papstes vollzogen werden. Aber trotzdem, warum sind die Verblendeten so freigiebig? Sie sind es, laut einem in der Desaster-Broschüre verwendeten Zitat aus einem Buch über esoterische Kulte, denen der Katholizismus umstandslos zugerechnet wird, wegen „sozialer Kälte und Isolation, Vermitteltheit, individueller Machtlosigkeit“. Sie fristen „ein entfremdetes Dasein..., dem so sehr die Erklärungsmöglichkeit und die Vorstellung der Überwindung dieser Misere fehlt, das[s] nach jedem Betäubungsmittel gegriffen wird, um die empfundene Leere für eine Weile zu kompensieren.“ Warum dann nicht gleich diesem Elend das wohlverdiente Desaster in Aussicht gestellt wird, man stattdessen lieber den armen Schweinen ihr „Betäubungsmittel“ wegnehmen will, leuchtete zunächst nicht ein, erinnerte aber stark an „Keine Macht den Drogen!“

Dem Skeptiker war bald klar, mit dem bloßen Auge würde er die Verblendeten aus den antikatholischen Aufruf-Texten nicht erkennen. Äußerlich waren die ins Olympiastadion Hineinströmenden vor allem eins: „Masse Mensch“. Ausgespuckt aus eigens für sie aufgebotenen Massenverkehrsmitteln ließen sie ohne vernehmbares Murren die peniblen Einlasskontrollen über sich ergehen, um sich auf dem Stadiongelände vertrauten Betätigungen hinzugeben: vor allem Warten und Schlangestehen. Letzteres für Hot Dogs, Brezeln, Bier und weniger geistige Getränke. Wie gut, bei solcher Gelegenheit eine ebenfalls skeptisch gesonnene Kollegin zu treffen, die beherzt das Gespräch mit den Wartenden sucht: Fühlen Sie sich denn überhaupt nicht unfrei, so als Katholiken? –Unfrei? Wieso? Als Chrischt da sin Se doch frei, replizierte eine Badenserin mittleren Alters. –Ich meine diese ganzen Verbote, in der Sexualität und so. –Was’n für Verbote? –Na, ich meine Homosexualität, kein Sex für Priester, Unverheiratete und Geschiedene. –Wer solln desch vabiedn? Desch kann do kaner vabiedn, schallte es fast unisono aus der Gruppe der Umstehenden. -Na, und die Verhütungsmittel, die hat er doch verboten, der Papst? –Wie soll er denn die vabiedn? Isch hab doch selba de Pille genomm’, da hab isch doch net bei de Kirch um Erlaubnis gefragt, so blöd isch do wirklich kana.

So blöd ist doch keiner, nicht einmal papstgläubige Katholiken, hätte sich der Skeptiker eigentlich denken können, bevor er selbst noch einmal die Kondom-Frage loswerden musste. Ein junger Mann verteilte Handzettel mit der eigentümlichen Einladung zu einer „Nachtanbetung in den Anliegen des Hl. Vaters“. Auf Nachfrage stellte er sich als Mitglied des „Hilfswerkes Kirche in Not“ vor, das verfolgten Christen vor allem in Ländern der südlichen Hemisphäre helfe. Was halten Sie denn vom Kondomverbot für Afrikaner? –Hääh ...? –Der Papst hat doch den Leuten da die Kondome verboten? –Glauben Sie denn, die lassen sich das verbieten? Meinen Sie etwa, die vögeln sich ungeschützt zu Tode, nur weil se schwarz sind? Zack. Das hatte gesessen. Den womöglich folgenden Vorwurf des Eurozentrismus fürchtend wie der legendäre Teufel das sprichwörtliche Weihwasser begab sich der Skeptiker, durchaus noch auf der Suche nach Verblendeten, fast fluchtartig ins Stadioninnere.

Dort hatten sich die Reihen inzwischen gefüllt, doch von einer irgendwie sakralen Stimmung keine Spur. Stattdessen zeigten Großbildschirme die Plaudereien schläfriger Moderatoren mit Organisatoren und Managern des Massenevents, zwischendurch immer wieder zum Fremdschämen provozierende Darbietungen deutscher Nachwuchspopstars und gleichermaßen öde wie penetrante Orchesterklänge, die mit dem Sound von Automobilwerbung und Billig-Pizzerien nervtötende Der-Herr-liebt-euch-Lyrik untermalten. Hier und da wurden die halterlosen Flaggen der katholischen Kernlande Bayern, Kroatien und Polen geschwenkt. Echtes Opium fürs Volk hatte sich der Skeptiker anders vorgestellt, zumal nicht wenige Publikationen der Papst-Gegner mit einer drohend-suggestiv von unsichtbarer Priesterhand bewegten Weihrauchschale versehen waren. Dies hier aber war nicht Opium fürs Volk, bestenfalls einfachstes home-grown grass. Solchermaßen bald in den paradoxen Zustand aktiver Teilnahmslosigkeit versetzt, hätte man fast den Beginn der Hauptveranstaltung verdämmert, doch plötzlich stand der frischgekürte Erzbischof von Berlin auf der Bühne und trug ein denkwürdiges „Grußwort“ vor, in dem Berlin als deutsche Metropole christlicher Märtyrer des 20. Jahrhunderts gewürdigt wurde.

Dann, eine mäßige, sich freilich in sukzessiven Wellen mehr und mehr steigernde Unruhe hat die Menge ergriffen, die Rundfahrt des Papamobils. Die lässig-nonchalanten Gesten seines prominenten Passagiers korrespondieren kontrastiv mit den ekstatischen Wellenbewegungen einer Menge, die nun tatsächlich, zumindest temporär, dem Archetypus der Verblendung zu entsprechen scheint. Der Mann im Mobil hat allen Grund zur Gelassenheit. Kurz zuvor hatte er im Bundestag den geneigten Volksvertretern eine Kurzlektion über Natur- und Staatsrecht gehalten, die, dessen war er sich gewiss, auch von jenen wohlwollend verstanden werden würde, die sich aufgrund eines kurzsichtigen Opportunismus ferngehalten hatten. Das Christentum, hatte er den Parlamentariern erklärt, habe „dem Staat und der Gesellschaft nie eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben. Es hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen – auf den Zusammenhang von objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt“. Ihr braucht uns, wie wir euch brauchen, ihr könnt euch auf uns verlassen, wie wir uns auf euch verlassen. Das würden sie schon kapieren, auch das Ignorantenpack von selbsternannten Aufklärern, Liberalen und Linksradikalen, das jetzt auf der Straße „Keine Dogmen“ schreit. Dogmen... Ohne Trinität, das wissen die Klugen unter ihnen, geht’s fei net. Die Trinität von Privateigentum, Marktwirtschaft und Zivilgesellschaft könnens net lassen, auch wenn’s jetzo no net wissen.

Gelegentlich stoppt das Papamobil auf seiner Rundfahrt, und die zahlreich angebrachten Großbildschirme zeigen, wie Kleinkinder durch den Kordon der Security-Guards über den allgegenwärtigen Privatsekretär den Händen des Hl. Vaters überantwortet werden. Die Menge, die nun veritable Masse ist, schreit jedes Mal wie elektrisiert auf. Dennoch erreicht sie nur selten den Lärmpegel eines gewöhnlich in diesem Stadion stattfindenden Fußballspiels. Angesichts dieser Bilder gedachte der Skeptiker des nur wenige Tage zurückliegenden Abschlusses des Berliner Landtagswahlkampfes. Der eitle Gewinner, Berlins SPD-Chef und Regierender Bürgermeister, hatte sich siegestrunken der Kamera-Meute präsentiert, während sein Lebensgefährte nur einen Schritt hinter ihm einen großen Teddybären schwenkte. Was wäre wohl, grübelte der Skeptiker, wenn nun jemand den Teddybär der Wowereits dem Hl. Vater zur Segnung überreicht hätte. Man hätte das wohl durchgehen lassen. Schließlich wartete der Berliner Grinsemann auf der Ehrentribüne, bereit, dem verehrten Gast das Goldene Buch der Stadt zur Signatur zu überreichen.

Die Menge allerdings, in wenigen Momenten zur selbstvergessenen Masse mutiert, erhielt kaum die Chance, sich als Gemeinschaft Verblendeter zu gerieren. Vielleicht war sie ja so, durchaus im Sinne der antipäpstlichen „Desaster“-Publikationen, betrogen worden. Denn ihr Idol trug ihnen nicht mehr als eine dürre Exegese des biblischen Gleichnisses vom Rebstock und seinen Trieben vor. Die katholische Kirche ist darin der Rebstock und die lieben Gläubigen sind die Reben. Schon die zu interpretierende Bibelpassage enthält eine handfeste Drohung: „Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und verdorrt.“ Der heilige Exegetiker schürte noch einmal die Ängste von Katholiken und Kommunisten des 20. Jahrhunderts, doch richtig auflodern wollte das spärliche Feuer nicht, die Menge nahm’s ohne sichtbare Erregung hin und strebte nach einigen liturgischen Mätzchen ebenso gleichmütig in die wartenden Massentransportmittel, wie sie ihnen zuvor entstiegen war.

Der Skeptiker freilich war enttäuscht, hatte er doch gehofft, Verblendete vom Format der in der „Desaster“-Broschüre Beschriebenen zu treffen: „Weinend hängen sich Familienväter in den Armen, die das normalerweise als ‚schwul’ empfinden würden und feiern jeweils Jesus oder Schweinsteiger. So vermögen es Nationalismus und Religion Menschen zu vereinen, die sonst herzlich wenig miteinander zu tun hätten. Dieses Gemeinschaftsgefühl ermöglicht das gleichgültige Erdulden politischer Dreistigkeiten.“ Als der Skeptiker gemeinsam mit den anderen zur S-Bahn trottet, ist es schon dunkel, das gleiche Gestirn wie stets baumelt träg vom Firmament und an politischen Dreistigkeiten hat dieser Tag so viele gesehen wie die anderen Tage zuvor. In der S-Bahn erzählt der Skeptiker einigen anderen die Assoziation vom Wowereitschen Teddybär. Es wird gelacht, die Geschichte wieder anderen erzählt, die wieder lachen. Vielleicht wird daraus ja einmal ein Katholikenwitz.