Ausgabe #16 vom

Editorial

In eigener Sache

Liebe Leserinnen und Leser,

eben erst ist die sechste Staffel des „Dschungel-Camps“ vorbei und schon wird im deutschen Feuilleton nachgelegt. Ein Georg Diez, seines Zeichens Autor der Bücher Hier spricht Berlin und Der Tod meiner Mutter, beides literarische Glanzleistungen auf Hauptstadtniveau, hält seinem Kollegen Christian Kracht vor, „Türsteher der rechten Gedanken“ und „durchdrungen von einer rassistischen Weltsicht“ (Der Spiegel, 07/2012) zu sein. 

Was war geschehen? Kracht, den man mit Fug als Kulturpessimisten bezeichnen kann, hat soeben seinen fünften Roman Imperium veröffentlicht, dessen Protagonist ein Deutscher ist, wie er im Buche steht: August Engelhardt, 1875 in Nürnberg geboren, entdeckte schon Ende der 1890er Jahre seine lebensreformerischen Neigungen und schloss sich einer nudistisch-veganen Sekte an. 1902 wanderte er nach Deutsch Neuguinea aus und erwarb dort eine Kokosnussfarm, um dort seine Spinnereien voll ausleben zu können. Aber Engelhardt wäre kein Deutscher, wenn er aus seinem Spleen nicht sofort eine Philosophie gemacht hätte: „Nackter Kokovorismus ist Gottes Wille. Die reine Kokosdiät macht unsterblich und vereinigt mit Gott.“ – Und aus seinen Überzeugungen eine Mission: „Der Sonnenorden wird zunächst Kabakon besiedeln, von da aus den Bismarck-Archipel, dann Neuguinea und die Inseln des Stillen Ozeans, schließlich das tropische Zentral- und Südamerika, das tropische Asien und das äquatoriale Afrika. Ich fordere alle Fruktivoren und Freunde der naturgemäßen Lebensweise auf, mitzuhelfen bei dem Bau des Palmentempels des Fruktivorismus, den es aufzurichten gilt, mitzuwirken bei der Gründung des fruktivorischen Weltreichs.“ 

Dass Christian Kracht in dieser bizarren Figur sofort den Stoff für einen guten Roman gefunden hat, spricht durchaus für ihn. Und dass er Engelhardt, diesen Vorzeigeöko mit echt deutscher Gesinnung, zusätzlich mit anderen Eigenschaften Adolf Hitlers ausstattet, zeigt – entgegen den Unterstellungen Diez` – nur eines: dass Kracht sich auf die Logik des Materials einlässt. Im Feuilleton zählt dagegen einmal mehr die Gesinnung. Und da ist es ganz naheliegend, von der Titelfigur auf den Autor zu schließen, wie man es sonst nur aus der Oberstufe eines Provinzgymnasiums kennt. Immerhin: Die meisten anderen Literaturkritiker verteidigten Krachts Buch. Aber worauf sie alle nicht eingehen wollten, obwohl es doch so naheliegt, ist die Tatsache, dass Imperium keine „Reise- und Kolonialliteratur“ ist, sondern eine luzide Auseinandersetzung mit dem deutschen Wesen.

 

Redaktion Prodomo

Köln, Februar 2012