Ausgabe #16 vom

Die Denkfräse / Ein heuristischer Kassenbon

RALF FRODERMANN

„Das Elend war nahezu allgemein, alle warteten auf das Ende des Krieges, waren aber außerstande, irgendetwas zu tun, um es rascher herbeizuführen.

... Die einzige Hoffnung war, dass es rasch zu Ende ginge,...“

Ian Kershaw, Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS- Deutschland 1944/45. (2011 VII,4)

Denken, das heute genehm ist und gefällt, bescheidet sich prinzipiell gern mit Ratifizierung. Sein Aroma bereits signalisiert Einverständnis als ultima ratio und wirksamste Vorkehrung gegen abwegige Glücksversprechen, sokratisches Desperadotum oder kritische Idiosynkrasien. Jenes Denken ist als „konzessive Affirmation“ bestimmbar, längst bekannt, und, trotz aller objektiver Erledigtheit, weiterhin zombiehaft allgegenwärtig. Etwa als Feuilleton, als Songtexte verkorkster Deutschpoeten oder als Blumen des Öden in Leinwand- oder Lyrikformat, made in Germany. 

Gesellschaft ist Stellungskrieg; wie sie, steckt auch ihr Denken, nachdem es im 20. Jahrhundert endgültig in den Eimer ging, in der Patsche; wie ihre, stehen die Produktivkräfte auch des Denkens in absurdestem Widerspruch zu den Produktionsverhältnissen, d.h. Denken ist Denkopfer geworden, objektiver Geist privatisiert, Vernunft und Selbsterhaltung sind entkoppelt.

Da „Zukunft“ als ideologische oder gar ökologische Ressource aus ideologischen und ökologischen Gründen irgendwann ausfiel, musste die ewige Gegenwart notwendig den geschichtsphilosophischen Gefrierpunkt erreichen. Dies geschah ca. um das Jahr 1900. 

Die restlose Funktionalisierung der conditio humana, ihr ökonomisches Attributwerden, führte u.a. dazu, dass die Subjekte ihren Geist zunehmend nur noch als Privatbesitz und Waffe wahrzunehmen in der Lage waren. Die Losung „Erkenne dich selbst!“ war Reklame oder Tagebucheintrag, die fünf Sinne der Menschen waren Alarmanlagen geworden.

In den nachfolgend ihnen blühenden Kriegen, auf den Schlachtfeldern und an den Heimatfronten, waren sie ihnen auch nur als solche nicht lange mehr nützlich. 

Das Auf-der-Stelle-Leben korrespondiert nicht nur hinterrücks mit dem Im-Stillstand-Denken, während der anschließenden Vor-, Zwischen- und Nachkriegszeiten in Deutschland.

Hier ist  Denken Verbissenheit,

hier swingt zwar der Swing nicht, dafür weltet hier die Welt.

Fairness heißt Siegen,

Und ins Schwarze Treffen Wahrheit.

Unterdessen bildeten sich neue Geheimwissenschaften aus dem Abhub alter; längst nicht mehr eingedenk der Einsicht Lotzes, der in seinem MIKROKOSMOS nietzscheanisch notierte: „Ist denn aber Geheimnis, was für das Erkennen Geheimnis ist?“.