Ausgabe #16 vom

Der harte Stuhl des Souveräns

RICHARD KEMPKENS

I. Was bisher geschah

„Es ist ja genau die Lehre aus der Geschichte, dass wir unsere Konflikte mit Worten und nicht mit Waffen lösen. Das ist die Antriebskraft für uns, die richtigen Lösungen zu finden.“ 

Angela Merkel, Pressestatement vom 5.12.2011 1

Ein Gespenst geht um in Europa, das eines deutschen Gerichtsvollziehers. Am Parthenon und am Kolosseum klebt bereits der Kuckuck, und die spanische Regierung möchte am liebsten nicht mehr die Post öffnen, denn sie vermag trotz ihrer Sanierungsbemühungen die Eskalation der Zinsen auf spanische Staatspapiere nicht zu bremsen. In Frankreich beschloss man jüngst beinahe widerstandslos ein rigoroses 65-Milliarden-Euro-Sparpaket, das unter anderem das Renteneintrittsalter um zwei Jahre verzögern wird, und dennoch hielt dies eine nervöse Ratingagentur nicht davon ab, die Bonität des Landes zurückzustufen. Dies ging auch den um die Kernstabilität des Euro besorgten deutschen Ökonomen zu weit, der schließlich als Fehler deklarierte Schnellschuss von Standard & Poor's gab Anlass zu diversen öffentlichen Schweißausbrüchen. Die Kreditwürdigkeit ist dennoch beschädigt, was sich aus strategischer Rücksicht auf eine zu rettende und noch nicht abschließend definierte „Hartwährungszone“ nicht voll manifestieren soll. Die Zinsen für französische Schuldscheine steigen unterdessen weiter, und auch Belgien wurde zuletzt von der vielgehassten Ratingagentur - die letztlich nur der Überbringer der Nachricht ist - auf AA herabgesetzt. Sofort nach Eingang der Nachricht, dass die erschrockenen Belgier nun ebenfalls Schmalhans zum Küchenmeister gekürt haben, ergingen sich die deutschen Blätter in Betrachtungen darüber, wie im Grunde gesund solche Kassenstürze seien, gerade für ein Land, das sich seit anderthalb Jahren - horribile dictu - nur noch kommissarisch regieren lasse und jetzt endlich an die Kandare des Schuldendienstes genommen werde.

Weite Teile Südeuropas werden bis auf weiteres unter finanzielle Kuratel der EZB gestellt, was unter den gegenwärtigen Machtverhältnissen in Europa auf die Errichtung deutscher Finanzprotektorate hinausläuft. Die wirkliche Einigung Europas ist angebrochen, und sie geht wieder, diesmal ohne einen einzigen Schuss abzufeuern, von Berlin aus. Während ringsum die Aufschläge für Staatsanleihen zunahmen, fielen die deutschen Papiere unter ein Niveau, das es ermöglichte, beinahe kostenlos Schulden zu machen und in der Nachbarschaft mal so richtig shoppen zu gehen. Das verlogene und wehleidige Gerede vom Zahlmeister Europas bewahrheitet sich, freilich ganz anders und Deutschland weit begünstigender als die Stammtische es sich vorstellen.

Schon kursiert in der deutschen Presse das an Brunos Schicksal drohend erinnernde Wort vom „Problemvolk“, worunter man sich ein nationales Kollektiv obstinater Transferleistungsbezieher vorzustellen hat, die ihren Termin beim Arbeitsamt verschlafen und nun mit einer Sperre zu rechnen haben. Insbesondere die Griechen sind für die nächsten Jahre gut beraten, sich nicht feiernd auf ihren Straßen blicken zu lassen, denn es muss stets mit BILD-Leserreportern gerechnet werden, die jede dionysische Unbußfertigkeit gleich an den ideellen Konkursverwalter petzen. Letzterer ist nicht mit der jeweiligen deutschen Regierung, also seiner Vermittlung, gleichzusetzen. Sein wahrer Ort ist in jenem Wörtchen „Wir“, das stets beschworen wird und doch nie volle Wirklichkeit werden darf, sein Tag liegt in der mustergültig aufgearbeiteten Vergangenheit und scheint in der großen Katastrophe auf, in der Krisensitzung, im Maßnahmenpaket für den Notstand, der längst kein regionaler oder nationaler ist.

Die ideologische Verdeutschung Europas und morgen der ganzen Welt scheint unaufhaltsam, denn zusätzlich zum schieren Druck der Verschuldung stehen etwaige Aversionen und Befürchtungen naher und ferner Nachbarn gegen den deutschen Zahlmeister diesem nicht mehr so sicher wie einst entgegen. Die desaströsen Erfahrungen, die man beim letzten europäischen Einigungsprozess 1939-1945 machte, sind von den unübertrefflich reumütigen Deutschen keineswegs geleugnet, sondern in das Zentrum der Nachkriegs- und Friedensideologie gerückt worden, und letztere hat das Volk im Herzen Europas wie kein anderes für die Rolle des ehrlichen Maklers, des selbstlosen Abwicklers vorbereitet.

Niemand hat sich gründlicher als „Wir“ von den schmutzigen Exzessen des vulgären Antisemitismus gereinigt. Die deutsche Kulturindustrie ist mittlerweile auch als ein ungeheurer Seismograph zu interpretieren, der bei den leisesten judenfeindlichen Erschütterungen Alarm schlägt und den politischen Betrieb sauber hält. Und mit der selbstlosen Konsequenz, die diesem antifaschistischen Frühwarnsystem eigen ist, springt beim Thema Israel die Nadel stets in den roten Bereich. Es handelt sich bei den deutschen Selbstfindungen an den Gräbern und Gedenkstätten ihrer Ermordeten weniger um Philo- als um Nekrosemitismus, der Pietät mit den vorbildlich toten Juden, die vor allem den lebenden, weil bewaffneten Juden Israels eine Mahnung sein sollen.

Die Vorstellung jedenfalls, nationale Zugehörigkeit unmittelbar an die jeweilige Herkunft, gar an „Rasse“ oder „Blut“ zu knüpfen, wie es noch bei der NSDAP der Fall war, ist so gründlich aus der herrschenden Ideologie ausgemerzt worden, als ob die Antifa sogar die CDU und den Springerverlag unterwandert hätte. Wer noch plump versucht, aus der günstigen Wirtschaftssituation nationalistisches Kapital zu schlagen, wie jüngst Volker Kauder, wird sofort niedergezischt gleich einem, der sich im Kino untersteht, das Geschehen lautstark misszuverstehen. Der innereuropäische Triumph der Deutschen ist mit stiller Befriedigung zu genießen und soll möglichst keine weiteren schlafenden Hunde wecken. Doch es knurrt immer vernehmlicher von jenseits des Ärmelkanals herüber, und Einzelne in der europäischen, nicht zuletzt französischen Öffentlichkeit haben bereits begonnen, einen eher reflexhaften als begreifenden Alarm anzustimmen. Großbritannien wird trotzdem - nicht nur in der deutschen Presse - zunehmend zum „egoistischen“ Negativ des guten Europäers gemacht, zum „Befehlsempfänger“ der USA, von dem, mittels moralischen Abstoßens, die „selbstlose“ europäische Identität gewonnen wird.

Es geht psychologisch einen Schritt tiefer: Der schlummernde Werwolf, den die Deutschen in sich fühlen und fürchten, soll ebenfalls weiterschlafen, auf dass er nicht wieder alles verderbe. Man könnte es ganz antideutsch mit der legalistischen Taktik der NSDAP nach dem gescheiterten Putsch von 1923 vergleichen, da Berlin auf dem Weg zur europäischen Dominanz wieder auf die günstige historische Tendenz zu vertrauen berechtigt ist. Etwas weniger alarmistisch wäre an die angewachsene Erfahrung bei der deutschen Wiedervereinigung, der Abwicklung der insolventen DDR und den deutschen Großeinkäufen in Osteuropa ab 1989 zu erinnern. Hier bildeten sich den anderen europäischen Staaten überlegene administrative und investorische Kompetenzen, wobei das chauvinistische und revisionistische Element zumindest pragmatisch unter die Oberfläche gedrückt wurden. Man denke nur an die endgültige Aufgabe der deutschen Ostgebiete durch Helmut Kohl, an die unzähligen Begegnungen und Versöhnungsgesten von Verdun bis Warschau, oder an die regelmäßige Skandalisierung bis hin zur Verbannung aus der öffentlichen Sphäre, mit der allzu deutlich gewordene Rechtspopulisten zu rechnen haben. Hierbei hat die antifaschistische Linke, nicht zuletzt das antideutsche Element, eine modernisierende Schlüsselrolle gespielt.

Es bildet sich nach und nach, freilich unter politischen Rückschlägen und Unsicherheiten bei der immer lernwilligen, aber auch immer etwas zurückgebliebenen, ressentimentgeladenen und verwirrten Bevölkerung, eine überdeutsche Identität heraus, die den zu klein geratenen Rahmen der traditionellen Ethnie verlässt und sich vielmehr auf die etatistischen, genuin sozialdemokratischen Aspekte des Deutschseins konzentriert. Das postnazistische Erfolgsmodell verknüpfte protestantisches Arbeitsethos mit kontinuierlicher Krisenverwaltung und suchte immer schon die konformistische Rebellion einzubinden. Es ist die europäische, postnationale, spätkapitalistische Ideologie par excellence. Die Verbrechen des von den Behörden mindestens sträflich übersehenen NSU hätten deshalb nicht zu einem ungünstigeren Zeitpunkt ins Rampenlicht der Öffentlichkeit treten können. Die Verurteilung des kleinen Freikorps aus Zwickau aber war so einhellig wie die Forderung nach Fördergeldern für antirassistische Projekte und Vernetzung der zuständigen Organe. Solche Nazigruppen bleiben gefährlich, sehen sich aber selbst in Ostdeutschland allmählich ihrer Massenbasis beraubt.

Die auch jenseits von Rhein und Oder wirksame kapitalistische Tendenz zur fatalen Selbstaufhebung, die sich als Äußerung nationaler Eigenarten der Deutschen erstmals auf höchster Produktionsstufe durchsetzte, gründete auf einer historischen Ungleichzeitigkeit. Der mindestens ins frühe Mittelalter, womöglich sogar auf die Konfrontation der Germanen mit der römischen Zivilisation zurückgehende gesellschaftliche Rückstand der Deutschen wurde durch herrschaftliches Krisenmanagement kompensiert und brachte die Aktivierung aller deutschen Subjekte als Staatssoldaten mit sich. Diese Möglichkeit, anstehende Modernisierungen zur Standortsicherung auf dem Weltmarkt mittels eines autoritären Sozialpaktes durchzusetzen, die auch im italienischen Faschismus und im russischen Bolschewismus erprobt wurde, machte in zahlreichen Entwicklungsländern wie z.B. der heutigen Türkei Schule und steigerte in diesen nachholenden Vorformen den allgemeinen Drang der Verwertung, in die Vernichtung umzuschlagen. Das lässt sich in den türkischen Massenmorden an den Armeniern ab 1915, in den ersten Maßnahmen Stalins gegen sowjetische Griechen ab 1928 und Ukrainer ab 1933 sowie im Giftgase einsetzenden Abessinienfeldzug Mussolinis 1936 beobachten, wobei die genannten Beispiele noch stark vom verstaatlichten Sachzwang einer beschleunigten „ursprünglichen“ Akkumulation und der territorialen Sicherung in multiethnischen Gebieten geprägt waren. Der Nationalsozialismus revolutionierte dieses Vernichtungselement mit äußerstem Idealismus und rückte es zunehmend verabsolutiert ins Zentrum der Politik. Die durch Auschwitz für immer konsolidierte, aber zunächst völlig besiegte deutsche Nation nutzte nach der militärischen Niederlage auf beiden Seiten der Mauer die ihr verordnete Quarantäne - also die vierzig Jahre der Teilung - für einen mühevollen Destillationsprozess. Dabei wurde die historische Belastung nicht einfach mit dem allmählichen Generationswechsel ausgeschieden und verdrängt, wie zunächst geschehen, sondern sündenstolz wurde das Erinnern zur Basis der nunmehr bereinigten und modernisierten deutschen Ideologie gemacht. Dabei spielten international-sozialistische Vorstellungen eine antreibende Rolle, sie gingen im Westen als steter Modernisierungsimpuls von der linken Opposition über die SPD bis in die CDU, im Osten traten sie als Diktatur der SED auf.

 

Die in beiden Deutschländern arbeitsteilig geschaffene neue Ausrichtung wurde durch folgende Elemente bestimmt:

- Die Anerkenntnis der Unmöglichkeit, die Welt militärisch am deutschen Wesen genesen zu lassen und daraus folgend das Bekenntnis zu Frieden und internationalem Dialog, was die gleichzeitigen Rüstungsexporte keineswegs behinderte. Die durch die jeweiligen historischen Prozesse erwachsene liberal-keynesianistische bzw. sozialistische Ideologie der Weltkriegssieger wurde eifrig oktroyiert und von den Besiegten bereitwillig und unterwürfig angenommen.

- Dabei wurde fast vollständig der Arbeits- und Staatskult beibehalten. Zwei marktinterventionistische Modelle liberalisierten nach und nach (BRD ab 1947) oder schlagartig (DDR 1989) die monopolistisch-protektionistische Wirtschaftsordnung. In beiden Staaten verzahnte sich gleichzeitig die Verwertung lückenlos mit der Verwaltung und erlangte schließlich ihre heutige, höchst konkurrenz- und krisenfähige Form mittels der gesamtdeutschen, sozialdemokratischen Nachkalibrierung namens Agenda 2010.

- Der für die Nationsbildung konstitutive Antisemitismus wurde unter oder besser noch: mittels zahlreicher Rückfälle und Skandale in eine antirassistisch-pazifistische Diktion überführt, in einen geläuterten Postnationalismus, der sich stets, durch die Bewältigung der Vergangenheit hierzu legitimiert, an den westlichen Siegermächten und insbesondere am Staat der Shoahüberlebenden abarbeitete. Entnazifizierung und Buchenwaldschwur, der 68er-Protest gegen den „Muff von 1000 Jahren“, die Antifa der 90er Jahre und der „Aufstand der Anständigen“ kulminierten im eigentlichen Wiedervereinigungsdenkmal, dem Stelenfeld vor dem Reichstag, das kongenial die nationale Schande zur Zierde, zum Ausweis der moralischen Bewährung machte.

- Es wurde eine in den ersten Jahren noch teils völkisch geladene bzw. proletarisch umgetaufte, später zunehmend politisch-ökonomisch definierte, sachliche Identität etabliert, die politisch als konformistische Rebellion (stärker in der DDR), ökonomisch als selbstloser Egoismus (stärker in der BRD) auftrat und wesentliche idealistische Momente der nationalsozialistischen Krisenlösung transportierte.

Die Ästhetik der neuen Währung, die nach der nicht nur deutschen Wiedervereinigung eingeführt wurde, gewährt einen Blick in die intendierte reine Abstraktion, die sich im Geld konkretisieren soll und die von den ideologisch Deutschen angetrieben wird: Die Brücken und Fenster, die die je nationalen Charaktermasken, ideologischen Gewährsmänner und Darstellungen des Souveräns ersetzt haben, stellen architektonische Stile ohne realen Standort dar, sie zeigen nicht den kulturellen Reichtum der alten Nationen Europas, sondern nur ideelle, kunstgeschichtliche Konzepte, die nirgendwo materielle Wirklichkeit geworden sind. Die Fenster blicken ins Leere, die Brücken verbinden nichts. Der 2002 mit dem Aachener Karlspreis ausgezeichnete Euro ist mit einem bewusst leeren, postnationalen Idealismus bedruckt, der in einer unbestimmten Negation der lokalen Identitäten beheimatet sein will. 2

Der Verdeutschungsprozess beruht weniger auf einer echten, bewussten Verschwörung gegen die arglose Nachbarschaft als auf dem Vorsprung, der den Deutschen paradoxerweise aus ihrer geschichtlichen Verspätung, genauer: aus der alle Subjekte erfassenden Krisenlösung erwachsen ist. Dieses reformierte postnazistische Modell gewinnt notwendig mit fortschreitender Überflüssigwerdung der Menschen an Attraktivität, denn die Entfaltung der spätkapitalistischen Krise, die Flüchtigkeit und Fluchtbereitschaft des akkumulierten Werts, lässt alle Standorte potentiell rückständig werden und ist nur durch Anspannung der äußersten kollektiven Kräfte, durch gesteigerten Zwang zu bestehen. Die harte, sich aufschaukelnde Konkurrenz der Warensubjekte und ihrer nationalen Standorte untereinander kann auf die Dauer nicht ohne diese „deutsche“ Verzahnung von Staat und Kapital bis ins Innerste besagter Subjekte hinein auskommen.

II. Manchmal möchte ich schon mit Dir 3

„Das gemeinsame öffentliche Wohl der europäischen Nationen muss die Maxime unseres eigenen Handelns sein.“ 

Helmut Schmidt, Bambi-Verleihungsrede 2011

Das bringt uns zu Helmut Schmidt, dem greisen Hohepriester des Sachzwangs und vorerst letzten deutschen Idealkaiser. Nach einer Umfrage halten ihn 74% der Deutschen für die „wichtigste moralische Instanz“ 4. An seiner neulichen Krönung mit dem Milleniums-Bambi des Burdaverlags, unter zweimaligen standing ovations des Publikums, lässt sich nicht nur der gegenwärtige Geisteszustand der unheimlichen Herren Europas ablesen, sondern auch mittels des ungeliebten Integrationspreisgewinners Bushido als Kontrastmittel der präzise Gewährs-, also G-Punkt deutscher Herrschaftssehnsüchte und -ängste herauskristallisieren.

Denn das landestypische Gezeter über vermeintlich versoffene und faule Griechen hat bei aller selbstvergewissernden Intention einen ähnlichen Nebeneffekt wie weiland die Hetze gegen die Arbeitslosen auf dem Höhepunkt der Hartzkampagne: Das Donnerwetter, das man unter dem Jubel der Öffentlichkeit auf die designierten Überflüssigen niederregnen ließ, kann jederzeit auch zum eigenen Schicksal werden, diese Raschheit, mit der man selbst die gesellschaftliche Ächtung der obsolet gewordenen Mitmenschen betrieb, kann einen ebenso ereilen. Die Kälte, mit der ganze Nationen und Menschengruppen summarisch abgestraft werden, akkumuliert das Drohpotential über jeden Einzelnen, und selbst in der momentanen deutschen Näherung an die Vollbeschäftigung  bleibt diese verinnerlichte, potentielle Überflüssigkeit wirksam. Dies erscheint den panischen Subjekten umso auswegsloser, als Antirassismus, Antisexismus und Antinationalismus - wenn nicht völlig, so doch stark genug - Eingang in die herrschende Ideologie gefunden haben und die Flucht in traditionelle Identitätsbeschwörungen untergraben. Damit ist jeder Sozialvertrag, jede nationale Zusicherung gefährdet.

In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, dass selbst die unübertrefflich sicheren deutschen Staatspapiere bei der letzten Versteigerung auf den Finanzmärkten nicht in solchen Mengen und zu den Konditionen aufgekauft wurden, wie es vorgesehen war. Ferner war die unerbittliche Ratingagentur auch den Deutschen nicht so hold und droht ihnen mit Punktabzügen, wenn sich nicht bald eine Lösung der Schuldenkrise findet. Das Kapital è mobile, qual piuma al vento 5, und kann wie ein von einer Böe gepackter Geldschein plötzlich zum Nachbarn oder ans andere Ende der Welt davonfliegen. Und wenn es etwas gibt, womit speziell Deutsche nicht zurechtkommen, dann ist es die „Ungerechtigkeit“ solcher Unwägbarkeiten. Der stets wieder fällige Salto Mortale jeder Ware, jedes Subjekts und jedes Standorts in den anarchischen Markt macht jede kapitalistische Kalkulation und jede staatliche Garantie unsicher. Am Schlimmsten aber erscheint den Deutschen der schleichende Wortbruch des irdischen Souveräns, dem Goethe die himmlischen Worte in den Mund legte: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ In dieser vollmundigen Zusage ist auf einer knappen Zeile das gesamte Evangelium Helmut Schmidts zusammengefasst, die summa theologia des ungeglaubten Nachkriegsglaubens, die Kernstelle der Sozialdemokratie. Für dieses Versprechen des politisch machtlosen Souverändarstellers, das tüchtige Volk hart, aber gerecht zu behandeln, gab es den Milleniums-Bambi, der indirekt an die wirkliche Herrschaft appelliert.

Bei Goethe erscheint jenes luftige „Wir“ noch als pluralis majestatis Gottes, ausgesprochen durch einen Chor seliger Knaben, doch es handelt sich beim heutigen „Wir“ der Fernsehdebatten und Feuilletons um den verinnerlichten kollektivistischen Zwang von Subjekten, die sich stets vaterlos fühlen und angesichts der misslingenden Identifikation zu autoritären Großvätern und brutalen Rebellen flüchten. Es gibt eine lange deutsche Vorgeschichte voll von bipolaren Episoden, manischen Schüben bis hin zur vernichtenden Raserei und tief depressiven Phasen, in denen man sich verwundet und verängstigt unter den Schutz verehrter Greise wie Bismarck, Hindenburg oder Adenauer begab.

Die Deutschen bekamen es das letzte Mal von Adolf Hitler so richtig besorgt, und kein Regierender danach konnte den Walk on the Wild Side je vergessen machen. Keine reumütige Umkehr zum ewigen Regime des maßhaltenden Sachzwangs kann verdrängen, dass sie sich einmal aller Ambivalenzen und Widersprüche mit einem Gewaltschlag entledigten, dass sie jenseits aller Parteigrenzen zu einer Volksgemeinschaft verschmolzen, die wie ein Mann gegen ihren Feind stand. Ihre tiefste Sehnsucht ist es, sich einmal wieder vollkommen und selbstlos einer einzigen Sache hingeben zu können, ganz in ihrer Arbeit, die ihnen Berufung sein soll, aufzugehen, und zu den Füßen eines Trommlers außer sich zu geraten, der Fleisch von ihrem Fleische ist.

Ihre lutherisch eingesegnete Unterwerfungsbereitschaft, ihr letztlich antichristlicher Wille zur Machtanbetung, machen sie zu sozial homosexuellen Männern, ohne dass sie dabei Schwule im eigentlich sexuellen Sinne werden, bzw. zu vaterfixierten Frauen, die nicht zur Selbstverantwortung gelangen. Es geschieht unter Leugnung des sadomasochistischen Aspekts, doch mit spürbarer Wonne an der strengen Zucht, der passiven autoritären Penetration. Ein kettenrauchender Gehbehinderter, der ständig anale Signale sendet, dient dem reinlichsten Volk Europas nun als Ersatz für den dreckigen, arschaufreißenden Wüstling, den sie sich versagen müssen.

Es ist psychologisch kein Widerspruch, dass dieselbe Nation, deren Sprache von zwangsneurotischen, verzückte Sauberkeit bekundenden und durchladenden Geräuschen wie „blitzblank“, „tipptopp“, „picobello“ oder „KZ“ strotzt, sich durch eine ebenso starke Obsession mit den unteren Regionen und ihren Gerüchen hervorhebt. Gerade das mit animalischen Reizen konnotierte Organ, anhand dessen Antisemiten die Juden identifizieren zu können wähnen, ist Quelle zahlreicher verräterischer Ausdrücke, wie das wörtlich in kaum eine andere europäische Sprache zu übersetzende, herdenhafte „Gerücht“, der aufschlussreiche „Stallgeruch“, das gefährlich schnuppernde „anrüchig“ oder die Redewendung, jemanden „auf den Tod nicht riechen“ zu können. Von der verbal allgegenwärtigen „Scheiße“ über den Kult um Komposthaufen, Biogas und schwäbischen Mulm bewohnende Juchtenkäfer bis hin zur im Weltvergleich auffällig intensiven Produktion von Fäkalienpornographie lässt sich eine besondere deutsche Duftnote konstatieren, die seltsam mit der beflissenen Persilreinheit der Nachkriegsjahre und den vielfältigen Viren-, Schmutz- und Geruchsphobien kontrastiert.

Helmut Schmidt darf als letzter in dieser kerngesunden Republik noch öffentlich rauchen, er hält sein kleines, aber mentholfeines Phallussymbol frech hoch, er darf sich vor laufender Kamera braune lines aus Schnupftabak hochziehen, er bläst, nein: er ejakuliert Giovanni di Lorenzo, Günther Jauch und sonstwem seinen Rauch hustend und spuckend ins Gesicht, er hält seinen holzigen Krückstock breitbeinig in die Kameras. Die devoten Interviews, die ihm Sandra Maischberger abnahm, setzten neue Maßstäbe publizistischer Obszönitat: die nikotingeschwängerte Ausbreitung des massenkompatiblen Vaterkomplexes der Moderatorin hätte den diesjährigen Adult Video Network Award für die „most outrageous sex scene“ mehr als verdient. Der Preis ging freilich an den performativ leistungsstärkeren, im Titel einen Schlüsselbegriff der Marx'schen Kritik tragenden „Belladonna: Fetish Fantasies 8“.

Helmut Schmidt sagt ständig „Scheiße“, er hat in der politischen Sphäre quasi das Monopol auf dieses Wort, und er verwendet es am Liebsten, um seinen Dienst an der Ostfront zu beschreiben, wo er an der Belagerung von Leningrad teilnahm und mithalf, ca. eine Million russischer Zivilisten durch 1½ Jahre Beschuss und Aushungerung zu ermorden.

Scheiße, Scheiße, Scheiße: Das s'tolze S'tarkwort, Vorrecht eines demokratisch Priviligierten, drückt keinen Abscheu vor dem aus, was trotz allergrößten inneren Widerstandes nun mal getan werden musste, sondern vielmehr Schmidts schmierige Befriedigung über tapfer abgeleistete Pflicht dort, wo es am meisten stank. Es kursiert die Geschichte, dass er sich als junger Leutnant bei einer Offiziersbesprechung mit „den Nazis“ angelegt hätte und von wohlmeinenden Wehrmachtsvorgesetzten tief in der feldgrauen Bürokratie versteckt worden sei. Schmidt hatte nichts anderes getan, als an Görings Befähigung zur Erringung des Endsiegs zu zweifeln, aus brennender Sorge um den Ausgang des Krieges und das Schicksal des Reiches. Die Ostfront und nicht die Hamburger Sturmflut war seine wirkliche Feuer-, oder besser: Scheißetaufe als Krisenmanager, aber beim Russlandfeldzug ließ man ihn ja noch nicht die Lage retten. Und schließlich hat das braune Wort, das bei Schmidt fast als einziges emotional geladen ist, die Funktion eines autoritativen Schlusspunktes, es zeigt weniger die Aufarbeitung als die Verdauung der Vergangenheit an und erübrigt jede weitere Reflexion. In seinem Kopf hat er längst die Spülung gedrückt.

Man braucht nur einmal zu sehen, wie sich die Zuhörer an so viel seniorisch-senatorischer Bräune laben und seine zupackende Fachkompetenz als Vollstrecker des Ausnahmezustands für Sturm- und rote Fluten und Wirtschaftskrisen in den Himmel loben. Helmut Schmidt ist in dem gleichen Sinn ein Ökonom wie Peter Scholl-Latour, noch so ein Lieblingsfrontschwein der Deutschen, ein Nahostexperte ist. Schmidt legte während seiner Kanzlerschaft einen mal keynesianistischen, mal monetaristischen Zickzackkurs vor, der von seinen linken Kritikern als heimlicher Neoliberalismus missverstanden wird. In Wirklichkeit geht es um die Verfeinerung und Flexibilisierung des krisenmeisternden Staates im eigentlich sozialdemokratischen Sinn. Kurz vor seiner Regierungsübernahme war mit der ersten Ölkrise ab 1973 das Bretton-Woods-System preisgegeben worden, ein keynesianistischer Versuch der Währungsstabilisierung und staatlicher Gegensteuerung zu den Krisenzyklen. Die Schwäche des Dollars führte zu einer den Export schädigenden Überteuerung der europäischen Währungen und insbesondere in Deutschland zu einem dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Die Regierung Schmidt setzte zunächst darauf, massiv die privaten Haushalte abzuschöpfen, indem sie zahlreiche Steuern erhöhte und Freibeträge sowie andere Steuererleichterungen beseitigte. Als diese Konsolidierung keinen Erfolg zeitigte, nicht zuletzt wegen der unverändert hohen Staatsausgaben, nahm der Mann mit der Lotsenmütze einen keynesianistischen Kurs auf, der mit Subventionen, Kindergelderhöhungen und anderen inflationsfördernden Geldspritzen die lahme Nachfrage anregen sollte. Als diese Maßnahmen auch nicht fruchteten, zog der Bundeskanzler die für ihn und sein Volk absolut logische Schlussfolgerung, dass der deutsche ideelle Gesamtkapitalist nun noch größer, umfassender und globaler werden müsse. Er rief den Weltwirtschaftsgipfel, die G7 und die nominelle Gemeinschaftswährung ECU ins Leben, allesamt mit der mehr oder weniger deutlich ausgesprochenen Intention, die globalökonomische Führungsmacht der USA abzulösen. Von diesem erratischen, aber zuverlässig staatsfetischistischen Wirtschaftskurs führt eine direkte Linie zum Euro, zur Agenda 2010 seines gerne vergessenen geistigen Erben Gerhard Schröder und zur aktuellen Übertragung nationaler Souveränitäten an die EZB.

Jenseits des momentanen Kultes um Schmidt erinnern sich diejenigen Deutschen, die seine Regierungszeit wirklich erlebt haben, heute äußerst selektiv an das von ihm verbreitete Gefühl, dass der Staat ständig nachsteuerte, eingriff und die Lage rettete, während sie geflissentlich das Versagen gegen die Krise vergessen, die Vervielfachung der Arbeitslosigkeit in seiner Amtszeit und die mit großer Expertenmiene verordneten Kurswechsel. Seine Leistung besteht nicht im ökonomischen Ergebnis, sondern in der medialen Darstellung des „Lotsen“, einem noch von Bismarck stammenden Sinnbild. Die meisten Lobredner aber stimmen einfach in den hype von BILDZeit und Stern ein, sie folgen erzdeutsch und reflexartig der Duftmarke der Autorität und schwätzen die allgemeine Bewunderung seiner „Fachkompetenz“, „Staatskunst“ und „Verantwortungsethik“ nach.

Man assoziiert mit seiner Person, unbekümmert um das Realitätsprinzip, die fetten Jahre von vor 1989, als man für all die Schufterei noch allgemein damit rechnen konnte, irgendwann ein Reihenhaus, ein Zweitauto und den Urlaub in Mallorca bezahlen zu können. Der mittlerweile weitgehend ins Kleingedruckte von Zeitverträgen und ALG-Anträgen verschwundene New Deal wird also von den Liebhabern des pampigen Greises durch die vage Verheißung ersetzt, dass nach all den vergangenen Versagungen und noch anstehenden Zumutungen die soziale Gerechtigkeit nicht vergessen werden, Leistung sich immer noch lohnen und die Herrschaft „Jedem das Seine“ zumessen wird - so quengeln gefühlte 99% aller deutschen Leserbriefe. Für die Aufrechterhaltung der Illusion lassen sich die versammelten Untertanen vom rhetorischen Rohrstock Schmidts die bebenden Backen versohlen und bitten kollektiv um Nachschlag. Er predigt ihnen dementsprechend Plattitüden über notwendige Einschnitte, tapferes Aushalten von weiteren Sparmaßnahmen, nationale Bescheidenheit (immer mit Seitenblick auf die „egoistischen“ Amerikaner und Briten), preußische Sekundärtugenden und moralische Verantwortung.

III. Du brauchst Gleitcreme

Der am selben Tag, auf der selben Bühne, bei derselben Veranstaltung ausgezeichnete Gewinner des Integrationspreises Bushido ist hingegen weiterhin kulturindustrielle Bückware, trotz seiner analsadistischen Obsessionen, die auf den ersten Blick gut zur koprophilen, -phagen und -lalen deutschen Bedürfnislage zu passen scheinen. Er bekennt sich als vollends asozialer und unvermittelter Vollstrecker der durch nichts gemilderten Penetration, wie in folgendem Vers des Liedes „Alphatier“:

 

„Junge komm / denn ich bin der mit dem harten Schwanz / ich mach jetzt Ernst / und bring Rap wieder ins Vaterland.“

Im selben Lied beschwört der Refrain einen sexualisierten Opferstatus des Protagonisten, das sich nicht nur an die muslimische Selbstwahrnehmung als verfolgte Minderheit anschließt und unbewusst und unreflektiert die Seelenlage derer offenbart, die fünf mal täglich Allah ihren Hintern präsentieren müssen. Es ließe sich auch in die derzeitige weinerliche Stimmung der selbstmitleidigen Deutschen übersetzen:

„Das Leben ist ein Arschfick in 24 Stunden / fließen neue Tränen neuer Kummer / reizen alte Wunden / 23 Stunden und 60 Minuten / wird es dauern bis es wieder anfängt / und wir bluten!“

Der Arschfick „des Lebens“, den Bushido sich hier vollkommen zu eigen macht und als imaginierter Racketführer an alle anderen weitergibt, ist eine reine, von der eigenen Lust abgespaltene Gewalttat ohne die geringste Schonung des Opfers und sogar ohne rechten Höhepunkt beim Täter. Oder, um es mit Bushido zu sagen:

„Auf einmal traut sich / deine Clique nicht mehr raus / Yeah, ihr wollt Romantik / doch ich ficke mit der Faust.“

Folgende Zeile verdeutlicht seinen Abscheu vor jeder erotischen Vermittlung, sein Unvermögen, ihre Absenz auch nur einzuklagen: 

„Du brauchst Gleitcreme / denn du bist ein schwuler Mann...“

Die wegzulassende Gleitcreme, die hier zum Ausweis der perhorreszierten Homosexualität erklärt wird, würde als Vermittlungssubstanz den Lustaustausch zwischen den Protagonisten ermöglichen. Im gerne auch wechselseitigen Arschficken der schwulen Männer scheint etwas von der freiwilligen Kollaboration zur Versöhnung von individuellem und gemeinsamem Glück auf, der gelungene Liebesakt kennt keinen Gewinner oder Verlierer mehr, er transzendiert sowohl die als natürlich vorgestellte als auch die sexualökonomische Ordnung der Dinge, zu welchen die Menschen werden. Freilich gibt es kein richtiges Ficken im Falschen; und die einstige Verheißung homosexueller Liebe von einer Lust jenseits der bürgerlichen Sexualökonomie, jenseits des Sachzwangs der kleinfamiliären Rollenverteilung hat sich als Modernisierungsschub auch der heterosexuellen Liebe erwiesen, indem die aufscheinende Freiheit der durch keine Konvention getragenen Homosexualität in die totale Austauschbarkeit der nun ganz allgemein so genannten Partner übergegangen ist. Nicht umsonst hat die schwulenpolitische Szene in den letzten Jahren durch kaum anderes als der Forderung nach völliger Gleichstellung mit der bürgerlichen Ehe von sich reden gemacht, oder dem Wunsch nach einem schwulenfreundlicheren Adoptionsrecht oder gar dem kirchlichen Segen. In solche Bahnen führt nicht zuletzt die Protestkampagne des LSVD gegen den Papstbesuch 2011 in Berlin.

Auch das liberale Klischee vom modebewussten, konsumbegeisterten und hochflexiblen Schwulen, der mit seinem Liebespartner bislang das konsumistische Ideal DINK (double income, no kids) erfüllt, hat eine Vorreiterfunktion bekommen, obgleich der real existierende Schwule nicht unbedingt seiner kulturindustriellen Typologie entspricht. Allen Strömungen voran hat die Linke unter dem Banner der sexuellen Befreiung die Atomisierung der Subjekte vorangetrieben, unter dem etatistischen Vorwand des Opferschutzes wird die Politisierung der Sexualität in immer neuen Inquisitionen verstärkt und mittels der postmodernen Rollenkritik jede_r dazu angehalten, zum eigenen Darsteller - Stichwort „Performance“ - im unendlichen Pool der Tauschsubjekte zu werden.

Bushidos Arschfick vertritt hier jedenfalls unverblümt den eigentlichen Vergewaltigungsaspekt des bürgerlichen Verkehrs, die unmittelbar konsumierende und vernichtende Gewalt, die die immer aussichtsloser konkurrierenden Subjekte aneinander zu entladen wünschen. Die falsche Aufhebung der romantischen Liebe, die Bushido propagiert, entspricht der gesellschaftlichen Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand, der es ermöglichen würde, die widersprüchlichen Ambivalenzen zwangsmäßig stillzustellen.

Im psychologischen Begriff der „Ambivalenz“ (wörtlich übersetzt in etwa „Beidwertigkeit“) ist die inhärente Unsicherheit des Wertes enthalten, die Bangigkeit des balancierend-bilanzierenden Schwindels zwischen Gebrauchswert und Tauschwert. Es ist eher ein Verlauf als ein Zustand, sowohl bei den warenförmigen Subjekten als auch bei den krisenbehafteten Waren. Die innen und außen stets wirksame Krise - unabhängig von temporärer Hausse oder Baisse - provoziert dazu, ab einer gewissen Stufe durch die totale Fortsetzung der Verwertungstendenz, ihrer immanenten Linien, „gelöst“ zu werden. Das totale Gleichheitszeichen im Symbol € 6 ist als Schiene zu interpretieren, die zur Null führt. Alle zusammenlaufenden Gleise des Sachzwangs verjüngen sich bewusstlos und fatal gegen einen Horizont, hinter dem das gleiche Nichts wie hinter den leeren Fenstern der Euro-Scheine wartet. Die Schienen gelangen, wenn nicht aktiv von der erschrockenen Vernunft daran gehindert, folgerichtig an jenen Ort endgültiger europäischer Architektur, zu jenem Eisenbahntor mit dem Wachturm, das als totale Möglichkeit nun für immer empfangsbereit offensteht. Die allerletzten Weichen aber müssen „von Hand“ dorthin umgelegt werden, sie sind nachvollziehend-überbietende, bewusste Akte der falschen Aufhebung.

Bushidos Vor-Stöße sprechen allzu ungeschminkt die barbarische Intention aus und ver-stoßen massiv gegen den deutschen Idealismus der Nachkriegszeit. Sein Ficken/Arschficken kennt nur Position und Dominanz, es entspricht der in islamischen Gesellschaften extrem ausgeprägten Unterscheidung zwischen dem Ficker und dem/der Gefickten. Zudem ist es die aufgesetzte Drohgebärde des ökonomisch impotenten und subjektiv zersetzten Migranten, die auch den zunehmenden asozialen Anteil der nicht migrantisch-hintergründigen Jugend anspricht. Insbesondere diejenigen, die unter den massiven Druck der Prekarisierung geraten, sind für Beschwörungen obsoleter Identitäten und phallische Signale anfällig. Doch hier ist eine Präzisierung geboten: was die barbarischen Impulse bei so vielen freisetzt, ist vorrangig die Empfindung, von den gesellschaftlichen Garantien ausgeschlossen zu sein, die tiefe Identitätskrise, die weit über die klassischen Armutsviertel und verkommenen Vorstädte hinaus alle Lohnabhängigen zu erfassen droht. Um den anstehenden Salto Mortale wissend, taxieren sich die Warensubjekte selbst, vergleichen sich mit den anderen, auf immer globalerer Ebene, und ahnen ihre Niederlage.

Bushido kündigt für sie alle das austarierte Verhältnis von Lohn und Leistung auf, was ihn schließlich die Zuneigung des unerschütterlich arbeitswilligen Volkes kostet:

„Meine Stadt, mein Bezirk / Scheiß auf eure Skillz / Ich ficke jetzt die Disco / Weil ein Gangster nicht tanzt.“

Das erinnert die Bürger unangenehm an die Angst, in der U-Bahn unter völliger Nichtbeachtung ihrer Skillz willkürlich gescheißdeutscht zu werden. 7 Die deutsche Sprache unterscheidet nicht zufällig besonders sorgfältig zwischen „Lohn“, „Gehalt“, „Honorar“ usw., darin drückt sich ein ausgeprägtes Bedürfnis nach spezifischer Anerkennung aus, nach leistungsorientierter, sozialer Rangordnung, die vom Gangsta bedroht wird.

Ganz anders und im wahrsten Sinn des Wortes souveräner der merdös selbstsichere Exkanzler, der sein Ding ebenso gerne mal drohend herausholt, es aber nicht durch Dauerpräsentation abnutzt:

„Ich war schon für manche ein harter Brocken, aber eine größere verbale Schärfe wäre abwegig gewesen. Ich war hart genug.“ 8

Gewiss ist Schmidts unmoralisches Angebot adäquater als Bushidos, denn Schmidt respektiert beim Battlen die Skillz und fickt die Disco nur aus Einsicht in die Notwendigkeit, weil es nun einmal sein muss, wie damals in Leningrad. Tanzen tut er aber auch nicht, das verbietet sich von selbst, denn es verriete gefährliche Lust. Und wohin das führen kann, wissen „Wir“ alle.

„Mich hat die Macht nicht interessiert, mich hat die Karriere nicht interessiert. Wer nach Macht strebt, ist potenziell ein gefährlicher Mensch.“ 9

Schmidt vertritt eine Generation von dirty old bastards, die für den freudlosen Vollzug unter der Polizeiaufsicht des Über-Ich, „im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“ einstanden. In ihren Memoiren betreiben diese letzten Elefanten auf dem oft entnervend langen Weg zum Friedhof Gewissenserforschung und beschreiben das moralische Bauchgrimmen, das ihnen mit der Bürde der Macht zuteil wurde. Sie sind allesamt Nachfahren des ewig unter Verstopfung leidenden Martin Luther 10, der in diesem Zustand am Besten schreiben zu können kundgab und auf einer seiner quälenden Sitzungen, auf dem locus seines Hauses in Wittenberg die 95 Thesen verfasste. Und die Eingebung der protestantischen Gnadenlehre, die erlösende Auslegung des Römerbriefs, namentlich des Verses 1,15 beschreibt er so: „Diese kunst hat mir der Geist Gottes auf dieser cloaca eingegeben.“ 11 So erschließt sich der tiefere, deutsche Sinn seines Erkenntnisglücks: „Da fühlte ich mich wie ganz und gar neugeboren, und durch offene Tore trat ich in das Paradies ein.“ 12 Es ist bekannt, dass der Reformator stets auf der Suche nach neuen und wirksamen Abführmitteln war, und ein Blick in seine beschissenen Pamphlete wie „Widder die Mordischen und Reuberischen Rotten der Bawren“ genügt, um zu erkennen, dass dieser prototypische Deutsche in einem gewissen Sinn sein gebrauchtes Papier in den Druck gab. Seine ganz große Ausscheidung schließlich war das richtungsweisende Traktat „Von den Jüden vnd jren Lügen“, mit dem er nicht nur seine eigene Hartleibigkeit, sondern den entstehenden Volkskörper kurieren wollte.

Schmidt schaut bei Bedarf „das Grundgesetz nicht an“ (so seine Formulierung für die Maßnahmen während der Sturmflut) und will in der Not ausdrücklich „exotische Vorschläge“ hören (so während der Schleyer-Entführung durch die RAF). Die Differenz zu Bushido besteht in Schmidts Darstellung der Fähigkeit, vom Normalvollzug in den Ausnahmezustand hin- und zurückwechseln zu können, ohne dass der status quo endgültig auseinander bricht. Es geht um das Vertrauen in die Faschismusfähigkeit des Souveräns, das Joachim Bruhn den Deutschen bescheinigt hat, mit der Hinzufügung, dass zur besagten Fähigkeit auch die Reproduktion des demokratischen Leviathan gehört: Die zwischenzeitliche Militärregierung während der Hamburger Sturmflut erwies sich als stabilisierender Probelauf der bislang theoretischen Notstandsgesetze. Der Ausflug in den Polizeistaat während der bleiernen Jahre der RAF-Bekämpfung wurde in die wehrhafte Demokratie in Gestalt des BKA reintegriert. Die Deutschen lieben ihn also dafür, dass sie sich von ihm ficken lassen können, ohne den üblichen Preis - „und wir bluten“ - bezahlen zu müssen, dass er sie - selbstvers'tändlich ohne persönlichen Lustgewinn - verbindlich sokratisiert 13 und ihnen hinterher ein Küsschen zu geben nicht versäumt. Das ist in Zeiten gefragt, in denen z.B. versucht wird, die Grenze zwischen Hartwährungszone und Problemvölkern möglichst flexibel zu halten, wo Normalität und Ausnahmezustand in Gestalt der Krise in Permanenz gleichzeitig und beieinander auftreten. Dem deutschen Esel darf man bei allen Stockschlägen die in Aussicht gestellte Möhre nicht entziehen.

IV. Occupy(,) my ass

„Ich bin soweit, dass ich in fünf Wochen mit der ganzen ökonomischen Scheiße fertig bin.“ Karl Marx an Friedrich Engels, 1851

Alle Wege des Kapitalismus führen letztlich nach Deutschland, weil mit dem tendenziellen Verfall der Profitrate die globale Verwertung früher oder später lokal leerläuft und durchzudrehen droht. Ob der amtierende „Deutsche“ im Weißen Haus oder ein Wunschkandidat Joe the Plumbers die Geschäfte des liberalsten, resistentesten Potentials der kapitalistischen Produktion führt, ist gewiss nicht unmaßgeblich - Israel sei hierfür das klarste Beispiel - aber schließlich nur noch eine graduelle Frage. Denn was den Republikanern an sozialarbeiterischem Etatismus mangelt, machen sie zunehmend durch marktinterventionistische Militärbudgets wieder wett, durch immense Ausgaben für protektionistische Projekte wie dem Grenzschutz gegen Mexiko, durch eine atrophierte Sicherheitspolitik im Inneren, die überflüssige Bevölkerung in den prison industrial complex einsaugt, oder durch die racketähnlichen Verflechtungen im energiestrategischen Bereich. Dass sich die panischen Subjekte selbst in Amerika sowohl links- als rechtsherum verdeutschen können, zeigt der Vergleich vieler Positionen der von New York ausgegangenen Occupy-Wall-Street-Bewegung mit den Finanzverschwörungstheorien eines Ron Paul oder der ihm nahestehenden Tea Party. Das sympathische Grundmisstrauen aller Amerikaner gegen unkontrollierte Macht in wenigen Händen, welches ihnen im Zweiten Weltkrieg und gegen die Sowjetunion ideologische Orientierung gab, schlägt in der nicht mehr nachlassenden Krise immer stärker gegen die Individuen um, als zwanghaft zentralisierte Reproduktion, sei es in Form von Bürokratisierung oder von Racketbildung. Noch finden sich widerstehende Momente, die nicht zuletzt der konstitutiven Mischung aus Rationalismus, Calvinismus und den unabgegoltenen Idealen der bürgerlichen Revolution geschuldet sind. Doch der oft sehr oberflächliche Antietatismus wird mit jedem bail out unterminiert, mit jedem Job, der nach China oder Mexico abwandert. Mit der ruinösen Neuauflage der Deregulierungspolitik unter Präsident Hoover, also den Triumphen der Chicago Boys ab der Amtszeit Reagans, war das Umschlagen des leviathanischen Pendels in die etatistische Richtung geradezu vorgezeichnet. Dabei ist Obama nicht der Wiedergänger des bürgerlichen Antifaschisten Roosevelt, sondern seine postmoderne Verfallsform.

Ebenso wie in den USA unterminiert die Rezession auch in Großbritannien die liberalistische Bastion, der Euroskeptizismus und die historisch bewährte Insulation können nicht verhindern, dass die sinkende Nachfrage Europas auf die britische Wirtschaft einwirkt. Vor allem der Handelsplatz London leidet jetzt schon massiv unter abnehmenden Investitionen, die Kürzungen öffentlicher Ausgaben werden bis 2017 erweitert, um nicht den AAA-Status zu gefährden. Das Geburtsland der liberalen politischen Ökonomie könnte angesichts einer gelungenen Fiskalunion auf dem Kontinent einer atombewaffneten Schweiz ähnlich werden, die ihren Sonderstatus der EU gegenüber mit weitreichenden Eingriffen, z.B. in das Bankgeheimnis, bezahlt. Das wichtigste asset der Briten, ihre wichtigste Exportindustrie ist der Finanzmarkt in der Londoner City, so dass David Camerons populäre Verweigerung gegen kerneuropäische Regulierungen sich schnell als Pyrrhussieg erweisen könnte, wenn die mittels der EZB dirigierten Kontinentalbanken ihre Schwerpunkte nach Paris oder Frankfurt verlegen müssen.

Es geht nicht um deutsche Welteroberungspläne, jedenfalls nicht in der traditionellen Form. Jeden aussen- oder finanzpolitischen Erfolg, den das Modell Deutschland gezeitigt hat, verdankt es der geflissentlichen Selbstlosigkeit, die Helmut Schmidt symbolisiert. Die vielbeschworene Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg, das Motiv der europäischen Einigung ist nach Schmidt höchst aktuell die „realistische Einsicht in die Notwendigkeit, eine Fortsetzung des Kampfes zwischen Peripherie und deutschem Zentrum zu vermeiden.“ 14 Deutsch sein heißt immer noch, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun, an die Lügen zu glauben, die man erzählt, also „selbstlos“ völlig hinter die unmenschliche Tendenz der Verwertung zurückzutreten und darin die „wahre“ Selbstverwirklichung zu finden.

 

Anmerkungen:

     
  1. http://www.bundesregierung.de/nn_1272/Content/DE/Mitschrift/Pressekonferenzen/2011/12/2011-12-05-bkin-sarkozy.html 

  2.  
  3. Die zwei geraden Querstriche des Währungskürzels € stehen nach Auskunft der EU-Kommission für die besondere Stabilität des Euros und des europäischen Wirtschaftsraums. Wie auch bei den Zeichen $ und £, die im Lauf der typographischen Entwicklung ihren Doppelstrich verloren, soll dieser nicht nur für Unterscheidbarkeit sorgen, sondern auch eine verstärkte, „doppelte“ Zusicherung bekunden, die Verwertung und Herrschaft mit der Herausgabe der Währung aussprechen. Beim Dollar rührte der Doppelstrich noch von der vorher gültigen Währung, dem spanischen Peso, und sollte unter Karl V. an die Säulen des Herakles, d.h. an die Macht der in Gibraltar stationierten Armada erinnern. Es handelt sich beim € um ein garantierendes Symbol, um „unseren“ Doppelturm politisch-ökonomischer Sicherheit, der in der europäischen Darstellung der Krise von amerikanischen Finanzbombern langsam zum Einsturz gebracht wird. Eine beliebte, in offiziellen Erklärungen gerne auftauchende Interpretation des €-Symbols ist die eines C für Communauté; wobei der europäische Doppelstrich ausdrücklich als Gleichheitszeichen gedeutet wird, und mit dem C ein pseudoantikes Epsilon für Européenne bildet. Die römische Zahl C, ein Symbol der Totalität, paart sich also mit dem Zeichen der Vergleichung. 

  4.  
  5. Roland Kaiser, 1982

  6.  
  7. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-73388978.html

  8.  
  9. Es ist also, wie „das Weib“ in der Oper, „unstet wie eine Feder im Wind“. 

  10.  
  11. Siehe Anmerkung Nr. 2

  12.  
  13. Zu ihren Vertretern wurden kurzfristig Heino und Peter Maffay: Ersterer gab aus Protest seinen eigenen Bambi zurück, zweiterer distanzierte sich nachträglich in der BILD von einem gemeinsamen Musikprojekt mit Bushido - hier ist eine furchtbare Drohung haarscharf an der Menschheit vorbeigezogen. 

  14.  
  15. Giovanni di Lorenzo, Helmut Schmidt: Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt, S. 61. Köln 2009

  16.  
  17. http://www.rp-online.de/politik/deutschland/helmut-schmidt-politiker-fast-alle-dilettanten-1.2302872 

  18.  
  19. Auszug aus einem Brief vom 6. August 1520: „Die Härte meiner Verstopfung hält an; in 4, ja in 5 Tagen Hab ich einmal Stuhlgang.“ in: Dr. Martin Luthers Deutsche Schriften, Gotha 1817

  20.  
  21.  Heiko Augustinus Obermann: The Reformation: Roots and Ramifications, S. 95, London 1994

  22.  
  23. Landesstelle für Evangelische Erwachsenenbildung in Baden Karlsruhe: Wenn Menschsein zum Thema wird: Staunen - Geniessen - Leiden - Gestalten, S. 10, Bielefeld 2008

  24.  
  25. Dieses bezaubernde Verb geht auf den klassisch gebildeten Marquis de Sade zurück, der so die Anregung des Schülerafters durch den pädagogischen Finger bezeichnete. 

  26.  
  27.  http://www.welt.de/print/welt_kompakt/print_politik/article13750983/Der-alte-Mann-und-die-Partei.html

  28.