Ausgabe #16 vom

Das imperfekte Verbrechen

Eine Ideologiekritik deutscher Wirklichkeit und Kriminalliteratur mit den Waffen der amerikanischen Gangsternovelle (Teil 2)

HEIKO E. DOHRENDORF

III. Stieg Larssons sehr deutsche „Schwedenfilme“.

Positivismus, der – Philosophie, die unsere Kenntnis des Wirklichen leugnet und unsere Unkenntnis des Scheinbaren bekräftigt.“

Ambrose Bierce: Des Teufels Wörterbuch

Deutsche Ideologie1 lässt sich, da deren Genese und Reproduktion eben nicht oder nicht nur den geografischen und sprachlichen Demarkationslinien folgt, ursächlich rein nichts mit biologischer Vererbung zu tun hat – die Behauptung eines solchen Zusammenhangs wäre sogar selbst als Ausfluss deutscher Ideologie zu verstehen –, mühelos auch an und in Werken ‚ausländischer‘ Kulturproduzenten nachweisen. 

Dies gilt hier insbesondere für den skandinavischen Kriminalroman. – Auf dessen Bedeutung als Subsystem des deutschen Krimis muss der Materialist schon aus der die Konsumentenseite betreffenden empirischen Faktenlage schließen, wie sie die objektiven Verkaufszahlen darstellen: Die Spiegel-Bestsellerliste[2] des deutschen Grossisten libri wies für 2010 im Ranking des Absatzsegmentes „Krimis und Thriller“ unter den Top 10 allein vier Titel schwedischer sowie zwei Titel eines dänischen Autoren aus:

1. Stieg Larsson: Verdammnis.

2. Stieg Larsson: Vergebung.

3. Stieg Larsson: Verblendung.

6. Jussi Adler-Olsen: Schändung.

7. Henning Mankell: Der Feind im Schatten.

9. Jussi Adler-Olsen: Erbarmen.

Die inzwischen verfilmte und durch die deutschen Kinos gelaufene Larsson-Trilogie3 wurde Anfang 2011 vom ZDF als Sechsteiler jeweils sonntags nach dem heute-journal versendet. Ein Internetdienst meldete hierzu am 16.02.2011: „Mit durchschnittlich 4,29 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von 18,7 Prozent war die Ausstrahlung der ersten vier Folgen [‚Vergebung‘, ‚Verdammnis‘] ein außerordentlicher Publikumserfolg. Die Stieg-Larsson-Reihe ist damit die bisher erfolgreichste auf dem ZDF-Sendeplatz am Sonntagabend 22.00 Uhr. Die zweite Folge von ‚Verblendung‘ am 30. Januar 2011 erreichte mit 4,76 Millionen den höchsten bisher gemessenen Zuschauerwert aller bislang ausgestrahlten Sonntagabend-Krimis.“4

Noch in der notwendigerweise von einem Großteil des die Romanvorlagen unlesbar machenden Gesinnungsgeschwätzes befreiten Filmversion fallen Passagen auf, in denen die ausnehmend blasse Hauptfigur des investigativen Journalisten Mikael Blomkvist, der eigentlich immer nur unbeteiligt – aber tief betroffen – in der Handlung herumsteht, sich patzig-infantil in die Ermittlungen um ihn herum – die gigantischen Verschwörungen internationaler Kindersex-Gangster, schwedischer Ärzte und Politiker, um die es hier geht, werden von der weiblichen Heldin Lisbeth Salander, die Larsson offensichtlich aus Patricia Cornwells Scarpetta-Kindergarten [dort heißt sie „Lucy“] importiert hat, quasi en passant im Alleingang enttarnt und besiegt – einmischt und immer wieder herumquengelt, die Bösen müssten aber nun doch endlich bald mal bestraft werden. 

Die andere, brutale Hälfte des hier zu analysierenden Amalgams aus politisch korrekten Sprachregelungen einerseits – im Film personalisiert in Form des Journalisten und seiner anscheinend aus einem Lehrbuch für Gesinnungsethik entsprungenen Redaktion, in den Romanvorlagen ergänzt durch Hunderte von Seiten purer Langeweile, in der sich Redaktionsmitglieder ihrer gegenseitigen Wertschätzung versichern und Mikael über verantwortungsbewussten Journalismus doziert – sowie drastischen Schlachthausgemälden von Vergewaltigungen, Rachefeldzügen und exzessiver Gewalt andererseits wird allerdings in den Verfilmungen noch umfänglicher ausgemalt.

Justus Wertmüller ist unbedingt zuzustimmen, wenn er diesen „hochsexualisierten Brei“ als „Hardcore-Pornoproduktion für Gutmenschen“ bezeichnet5. In einem Land, in dem, glaubt man den Szenerien der Mankell-Verfilmungen, die sich Dank der unsäglichen Zusammenarbeit zwischen NDR und Mankell inzwischen bis in den Kieler Tatort ausbreiten, alle Männer Holzfäller sind und jede Frau ein Amt als Frauenbeauftragte ausfüllt, muss korrekt gegenderte Literatur offenbar unreflektierte Gewaltdarstellungen ebenso enthalten wie unvermittelt normative Sprachregelungen, wie über alles Mögliche zu denken sei: So ist für jeden und jede etwas dabei, der Film bedient manifeste und latente Gelüste und fördert Kompatibilität durch Ignoranz allen Widersprüchen gegenüber.6

Dass solche als intersexuelle Bedürfnissynthese nur getarnte Symbiose aus atavistischen Regressionen und deren heuchlerischer Leugnung noch projektive Spaltungen anderer Art impliziert, arbeitet Natascha Wilting schlüssig heraus, wenn sie in ihrer Arbeit zum skandinavischen Sozio-Krimi zur Beliebtheit drastischer Gewaltschilderungen in Serienmörder-Romanen u. ä. bemerkt: „Konsequent wird in fast jedem dieser Bücher, deren erfolgreichste Autoren, wie Åke Edwardson, Håkan Nesser, Helene Tursten und vor allem Henning Mankell, skandinavischer Provenienz sind, der Verlust einer abgeschiedenen dörflichen Idylle beklagt, in der noch jeder jeden kannte und man Türen wie Fahrräder unverschlossen lassen konnte. Der Verlust dieser Gemeinschaft wird in unmittelbare Beziehung zur Ausweitung der vermeintlich anonymen Großstadt gesetzt, die im Soziokrimi als Synonym für den Markt, Arena des Konkurrenzkampfes der abstrakt Gleichen, fungiert.“7 – Dass sich einer wie Mankell, wenn er sich anmaßt, seine literarischen Gewaltphantasien mit politisch korrekten Statements zur und entsprechenden Aktionen in der wirklichen Welt zu garnieren, zielsicher als fanatischer Antisemit outet, ist also kein Zufall.

Zum antimodernen Ressentiment im schwedischen Krimi gesellen sich einträchtig jene gegen rationales Denken und jegliches formal verfasste Recht gerichteten. Dementsprechend folgt beispielsweise Nessers Ermittler in Das vierte Opfer8 nicht logischen Schlüssen nach Art des Sherlock Holmes, auch nicht wissenschaftlich auswertbaren, technischen Spuren wie Cornwells Leichendetektivin Scarpetta, sondern nur noch Ahnungen und Intuitionen.9 

Nesser ersetzt aber nicht nur Vernunft durch Geraune, sein Werk propagiert angesichts eines behaupteten Versagens des Rechts auch die Inkraftsetzung unvermittelter Gerechtigkeit – diese impliziert hierbei immer die Ablehnung des Tatstrafrechts zugunsten eines einzelfallbezogenen Täterstrafrechts – durch Selbstjustiz: In Das falsche Urteil10 schreitet gar der schrullige Serienkommissar Van Veeteren höchstpersönlich zur Tat und kann nach vollzogenem Lynchen eines Verdächtigen erleichtert feststellen: „Was für eine schreckliche Geschichte, dachte er. Und jetzt waren alle Beteiligten tot. [...] Aber die Gerechtigkeit war immerhin wiederhergestellt. [...] Dann beschleunigte er sein Tempo und dachte an die Grenze, die er nun endlich überschritten hatte.“11

Wilting grenzt die Gesetzlosigkeit der melancholischen Ermittlerfiguren im zeitgenössischen Schwedenkrimi, in dem „der Begriff des Legalen durch einen des Ethischen ersetzt [wird], welcher Ethik mit Rechtsempfinden identifiziert“12, von der Illegalität in klassischer Kriminalliteratur wie folgt ab: „Der Detektiv entfernt sich daher nicht mehr als Träger der Ratio und aus Gründen der Indifferenz von der Legalität wie noch im klassischen Detektivroman, sondern als Repräsentant eines diffusen Gerechtigkeitsverständnisses, welches dem Empfinden der ‚Masse‘ korrespondiert“.13 

Das Motiv einer sich der basisdemokratischen Unterstützung durch das gesunde Volksempfinden sicheren Lynchjustiz bedient genuin deutsche Sehnsüchte und wird so richtig staatstragend erst durch die stets enthaltene Portion Verachtung den staatlichen Institutionen gegenüber – gleichwohl versieht sich dieses Volksgericht anhand einschlägiger Insignien der Macht wie Kommissarstitel und Polizeimarke mit der Legitimität des Staates, der jedoch als gegensouveräner Volksstaat nur noch Gewalt und Unterdrückung vollends entfesselt, von Vermittlung hingegen nichts mehr wissen will: Freiheit ist der deutschen Ideologie nur ein Synonym für den ersehnten Pogrom.

Um den Reigen der Verkehrungen noch auf den Kopf zu stellen, erscheint in Larssons Trilogie die zur – hier allerdings nicht amtlichen, sondern dissidenten – Selbstjustiz schreitende Lisbeth Salander noch als die am ehesten rational handelnde Person bzw. überhaupt einzige Handlungsträgerin: alle anderen Rollen sind entweder als geisterhafte Projektions- und Sprechpuppen für affirmative Halluzinationen und wohlfeile Sprachregelungen [die Guten, also die Redaktionsmitglieder der unbestechlichen Aufklärungspostille Millenium] angelegt – oder als offensichtlich irgendwelchen online-battlegames entsprungene, gespenstische Kampfroboter [die Bösen, deren Boss sich – Blut ist eben doch dicker als Wasser – selbstverständlich als Lisbeths Vater entpuppt].

Larssons erster Band, Verblendung, nach dessen Vorlage beim Verlag der Autor angeblich gleich den Großauftrag für eine Trilogie einheimste, ist zwar als plot reichlich hanebüchen und hat wenig mehr als einen antisemitischen Serienmörder und genüssliche Schilderungen abstoßender Frauenmordpraktiken zu bieten, kommt aber im Film wenigstens noch mit reichlich Tempo daher und liefert immerhin einen einigermaßen abgeschlossenen ‚Fall‘. In Band Zwei und Drei wird dann eher langatmig das Geheimnis um die schweren Missbrauchserfahrungen der Computerhackerin Lisbeth Salander aufgedeckt, alle Viertelstunde unterbrochen von einem hinterhältigen Mordanschlag auf sie. In der Papierversion wird das dann noch aufgefüllt mit nicht enden wollenden Redaktionssitzungen und seitenweise Dialogzeilen wie solchen:

Du bist klug und findest oft konstruktive Lösungen. Bis jetzt hast du dich immer sehr bedeckt gehalten, als wärst du bei uns nur zu Besuch. Aber du verleihst diesem Führungskreis eine Stabilität und Festigkeit, wie wir sie zuvor nie gekannt haben. Ich mag dich, und ich vertraue dir – wie wir alle. 14

Soviel zur Arbeit in der hochinvestigativen Kuschelredaktion. Sex ist aber auch kein Problem, und zwar über zig Seiten am Stück. Das geht dann so:

Der Einzige, der Erika Bergers Leidenschaft für den Sex mit Mikael Blomquist verstand, war ihr Mann. Er verstand sie, weil sie sich traute, mit ihm über ihre Bedürfnisse zu reden. Hier ging es nicht um Untreue, sondern um Begehren. Sex mit Mikael Blomquist verschaffte ihr einen Kick, den ihr kein anderer Mann – Greger eingeschlossen – geben konnte. Sex war für Erika Berger sehr wichtig. [...] Sie hatte mehrmals Sex mit Frauen ausprobiert und enttäuscht festgestellt, dass das nicht ihr Ding war, weil Frauen sie nicht halb so erregten wie ein Mann. Oder zwei. Mit Greger hatte sie auch einmal Sex mit zwei Männern ausprobiert [...] Ihr Sexleben mit Greger war also weder langweilig noch unbefriedigend. Nur war der Sex mit Mikael Blomkvist eben ein ganz anderes Erlebnis. Er hatte Talent. Es war ganz einfach VGS. Verdammt geiler Sex. [...] Und ihr Mann hatte verstanden, dass sie Bedürfnisse hatte, die er auch mit den akrobatischsten Verrenkungen im Whirlpool nicht befriedigen konnte.15

Der solchermaßen familienhygienisch umschwärmte Mikael hat, nachdem er herausgefunden hat, dass Lisbeth ein fotografisches Gedächtnis und überhaupt Superkräfte hat und in Nullkommanichts Arbeiten erledigt, für die er Monate gebraucht hätte, bereits im ersten Band sogar Sex mit ihr, bleibt dabei aber vollkommen passiv – auch im Bett muss sie die ganze Arbeit alleine machen – und beschwert sich allen Ernstes hinterher deswegen bei ihr: „Was hat man Dir angetan, dass Du so geworden bist?“16

In jeder halbwegs sinnvollen Welt hätte er dafür eine gescheuert bekommen, im Schwedenkrimi jedoch setzt der nichtssagende Journalist sich damit für die nächsten tausend Seiten als selbsternannter Vormund der, wie er ahnt, doch etwas zur Gewalttätigkeit neigenden Lisbeth ein und begleitet deren Kampf gegen andere, ältere, fiesere Amtsvormünder von da an wohlwollend, dabei aber gewaltkritisch, wie ein großer Bruder eben, und beteuert an jeder Straßenecke furchtlos ihre Unschuld. Der Autor treibt dieses paternalistische Spielchen denn auch konsequent weiter und sorgt dafür, dass Lisbeth über weite Strecken des folgenden Bandes mit Kugel im Kopf in Krankenhaus und ReHa festsitzt, so dass sie nichts tun kann, was Mikael irgendwie irritieren könnte. Bei aller Liberalität und Toleranz – wer nicht dem mediokren Ideal entspricht, dem immer ähnlicher zu werden ein jeder tunlichst trachtet, ist in dieser Welt ein Fall für die Zivilgesellschaft: Aufrechte, verantwortungsbewusste Journalisten und verständige Frauenanwältinnen kümmern sich darum. Das Individuum in der sozialdemokratischen Konsensgemeinschaft gibt es nur noch als bemitleidenswerten Fürsorgefall, an dem das selbstgerechte Mittelmaß seine psychokratischen Vorstellungen von Artenschutz exekutiert.

Mikael ist so perfekt, als wäre er direkt aus irgendeiner Frauenzeitschrift gesprungen – zurückhaltend, rücksichtsvoll, denkt über alles immer erst nach, akzeptiert total, verhält sich immer richtig, ein absoluter Langweiler. Wenn der im showdown des zweiten Bandes – Salander ist praktisch tot und er soll sie retten – den Killer verhaftet, gibt er erst mal Warnschüsse ab, liest dem Täter seine Rechte vor, diskutiert das alles mit der Ethik-Kommission durch und wählt auch noch die genderkritisch korrekte Anrede. Der träumt sogar noch mit großen Is in der Mitte und doziert angesichts der Leichenberge um ihn herum über Menschenrechte und Privatsphäre. Gleich ruft der Dalai Lama an: Mikael, Du musst unbedingt vor der UNO sprechen. 

Die schräge Arbeitsteilung, die Larsson seinen Figuren verordnet, geht soweit, dass immer, wenn der Handlungsgang ein robustes Mandat der männlichen Hauptperson eigentlich zwingend nahelegt, weil z. B. Salander in Not ist, eine neue Figur aus Salanders Vorleben aus dem Hut gezaubert wird, die dann die Drecksarbeit erledigt, sich also mit den Bösewichtern prügelt und Salander oder andere Frauen in Not rettet, nur damit Ethik-Mikael sich nicht die Hände schmutzig machen muss. Mikael kommt dann später dazu und lädt die Leserin zu bigottem Moralisieren ein. Angesichts der ansonsten in Roman und Film inflationären und stets drastisch blutigen Gewaltorgien könnte man fast vermuten, die Figur sei nachträglich aus Marketinggründen hinzugefügt worden. 

Mein Vorschlag: Larsson hat vom Verlag einen imposanten Vorschuss bekommen. Als er den versoffen hatte oder sonstwie gestorben ist, erbte der Verlag ein paar hundert Seiten Manuskript. Eine erste Durchsicht des Textes ergab, dass es sich weitgehend um das liebevoll erstellte Portrait einer durchgeknallten Asperger-Lara-Croft handelt, die im Alleingang ein paar große Ver brechen aufklärt und nebenbei massenhaft Bösewichter killt. – Das liest kein Mensch, das ist vielleicht sogar illegal, Krisensitzung: Vorschuss weg, kein druckreifer Text, Abteilungsleiter tobt, Karriere in Gefahr. – Was tun? Das Manuskript wird in drei handliche Happen aufgeteilt, man kauft ein paar Konfirmandinnen aus der tatort-Redaktion ein, die schnell die Einleitungen und Übergänge schreiben, und nach der Auswertung der Marktforschung mit Testpublikum, Zielgruppenakzeptanzanalyse und allem Pipapo entscheidet man sich, den Salander-plot durch Hinzufügen einer betont korrekten männlichen Hauptfigur als Ethik-Ausgleich zu entschärfen. Die Drehbuchschreiberinnen entwerfen die Millenium-Redaktion, da können sie alles reinschreiben, was sie sich damals als Siebzehnjährige bei „Attac“ so eingebildet haben, und Mikael entsteht im Rahmen eines ausgelassenen brainstormings unter dem Titel Motorrad, Hund, Katze, Kind: Hab’ ich schon: Was nun? – Die Marktforschung ist begeistert, der Vorschuss gerettet, der Tod des Autors gibt der Trilogie Würze und wenn die Konfirmandinnen sich ranhalten, ist der vierte Teil zum Weihnachtsgeschäft fertig.

Zur genretypischen – und wir sprechen hier, falls es noch nicht bemerkt wurde, über den Heimatfilm, auch wenn der sich inzwischen Sozio- oder Regio-Krimi nennt – Abspaltung des Bedrohlichen als projizierte Verschwörung von Bonzen, Kapitalisten und pädophilen alten Männern kommt bei Larsson noch eine spezifische Binnenstruktur der Identifikationsfigurenaufstellung, die sich dadurch auszeichnet, dass neben Lisbeth Salander als Objekt des Tugendterrors der sie umgebenden Gutmenschen fast ausschließlich personalisierte Behauptungen über die Zivilgesellschaft gezeichnet werden: positive, affirmative Behauptungen über eine Gesellschaft, die als vollkommen vernünftig und bereits versöhnt halluziniert wird – alles ist also schon gut, wenn denn nur alle sich an die Sprachregelungen und Sprechvorschriften halten, die man mit Hilfe der Larsson-Romane im Heimstudium erlernen kann. Der vermenschlichte Staat wird hier zum Do-it-yourself-Projekt.

Die Anderen, das sind dann nur noch die alten Nazis und Kinderschänder sowie internationale Verschwörer: Der Sozio-Krimi schwedischer Provenienz schafft es, den guten, alten, deutschen Heimatfilm solcherart zu modernisieren, dass dessen antisemitische Konnotationen und Projektionen – wesentlich unverändert – nunmehr als antifaschistische und antiautoritäre firmieren können. Bei der Linken ist die Heimat eben doch in den noch besseren Händen – und diesmal ist keine Konkurrenz um Gunst und Gefolgschaft der Volksgemeinschaft in Sicht, diesmal wehen rote Fahnen, wenn es – Volksgemeinschaft heißt heute Völkergemeinschaft – gegen den Juden unter den Staaten geht. – Ob Henning Mankell wohl eine Gastrolle in Tal der Wölfe Palästina spielen darf?

IV. Deutsche Märchen und Gespenster

„Amateur, der – Öffentliches Ärgernis; hält Neigung für Fähigkeit und verwechselt sein Wollen mit Können.“

Ambrose Bierce: Des Teufels Wörterbuch

Wer sich nach diesem Exkurs in die finsteren Wälder Schwedens noch nicht endgültig zurücksehnt in die nebelfreien Krimiwelten der amerikanischen Gangsternovelle nach Art der Unterhaltungsprofis Donald E. Westlake und Ross Thomas, ist herzlich eingeladen, den nächsten Urlaub gleich in der Heimat der deutschen Provinz zu verbringen und sich die Welt von schriftstellernden Hausfrauen erklären zu lassen.

Das Genre des deutschen Regio-Krimis wird von den Begutachtern der „deutschen Krimilandschaft“17 inzwischen mehrheitlich als Negativetikett verstanden, gegen dessen amateurhaftes Image der hier einsortierte Textausstoß nachdrücklich verteidigt wird, denn eigentlich handele es sich um durchaus diskutable Literatur, die immerhin auf den Sozio-Krimi nach Art der legendären schwedischen Autoren Maj Sjöwall und Per Wahlöö zurück gingen. Allerdings muss angesichts der nachhaltig akuten Schwemme annähernd identischer Stangenware, die von umtriebigen Kulturbetriebsnudeln auf noch jedes beliebige deutsche Kaff adaptiert wird – meist reicht es, ein paar Straßennamen und sonstigen Lokalkolorit auszutauschen –, auch der wohlwollendste Beobachter feststellen, dass „inzwischen in fast jedem Provinznest mit Begeisterung gemordet und ermittelt“18 wird, und sich folglich fragen: „Die örtlichen Buchhandlungen platzieren die Stapelware gerne direkt neben den Titeln von der Bestsellerliste. Und die Rechnung scheint noch immer aufzugehen. Oder?“19

Oft sind es Milchmädchenrechnungen bessergestellter Damen wie der Autorin der weltberühmten Taunus-Krimis, Nele Neuhaus, die sich, sehr jung verheiratet mit einem deutlich älteren Wurstfabrikanten und im Wesentlichen mit der Pflege der Pferde ihres erfolgreich Turniere reitenden Mannes beschäftigt, als knapp 40-jährige Krimi-Debütantin über ihren Lebensunterhalt wenig Gedanken machen musste. Inzwischen hat sie ihre vier Taunus-Krimis insgesamt rund 660.000 Mal verkauft – mehr als die Hälfte der Gesamtauflage macht ihr Bestseller Schneewittchen muss sterben20 aus – und berichtet in der FAZ-Beilage Beruf und Chance – Mein Weg, wie alles begann: „Beim Schreiben flüchte sie in eine andere Welt, sagt sie. Wie Urlaub sei das. Denn richtigen Urlaub hat sie schon seit zweiundzwanzig Jahren nicht mehr gemacht. Das sei nicht gegangen. ‚Die Selbständigkeit, die Pferde, die Reitturniere‘, zählt sie auf. Weil sie menschliche Abgründe faszinierend findet, fing sie an, Krimis zu schreiben. ‚Das ist eine ganz andere Welt als die, in der ich lebe‘, sagt sie. In ihrem ersten Roman, den sie vor acht Jahren geschrieben hat, reiste Neuhaus in Gedanken nach New York“21 – dieser langersehnte Urlaub endete bei Books on demand. „Also ließ Neuhaus 500 Stück à drei Euro drucken. Dann organisierte sie in einer Gaststätte im Nachbarort eine Lesung und lud alle ein, die sie kannte. Es kamen 250, es war kurz vor Weihnachten, und alle Bücher wurden verkauft.“22 

Andere Wurstfabrikanten zu anderen Zeiten pflegten ihren gelangweilten Gattinnen in solchen Fällen eine Damen-Boutique einzurichten, doch im Zeitalter der Ich-AG will die sich selbst verwirklichende Dummheit „nicht nur Dank meines Namens“ erfolgreich sein, sondern sich auf die Zuwendungen der angeheirateten Geschäftsfreunde unbedingt noch etwas einbilden: „Sie sei immer fleißig gewesen und habe auch etwas gewagt.“23 – Aber tatsächlich stellte Nele sich in ihrem neuen Hobby recht plietsch an: „Ihr nächster Krimi spielte im Vordertaunus. Das half, in der Region Fuß zu fassen. Sie fragte die Buchhändler, ob sie ihr Buch verkaufen wollten, und stieß wegen des regionalen Bezuges auch als unbekannte Autorin auf große Resonanz. Und die Menschen im Taunus interessierten sich für einen Krimi, der an Orten spielte, die sie kannten. [...] Da hatte sie eine Idee. ‚Unsere Fahrer bekamen, bevor sie Fleisch und Wurst ausfuhren, Bücherkartons auf den Beifahrersitz gepackt‘, erzählt sie. ‚Die Buchhändler wussten dann: Wenn der Wurstlieferant kommt, dann kommen die Bücher von der Neuhaus.‘ Verkauft hat sie ihre Bücher auch in der Fabrik über den Tresen.“24 

Schöne Synergieeffekte: Vermutlich jeder zweite ALG2-bedrohte Ehemann realisiert ja heute die famose Geschäftsidee, im Hinterzimmer des Nagelstudios seiner Frau, die da auch Heilsteine, Massagen und Kurzhaarfrisuren an ihre besten Freundinnen verkauft, Druckerpatronen aufzufüllen. Und vielleicht haben die beiden eines sonnigen Tages die schöne Idee, auch ein paar Bücher für ganz normale Leute mit ins Sortiment zu nehmen. Solche, wie sie sie auch gerne liest – er schaut ja lieber Fernsehen. Sie wusste gar nicht, was es da heute so alles gibt, die Klappentexte hören sich schon spannend an: „Köln im Jahre 1501. Gret Grundlin, die junge Wirtschafterin des Doctor Minutus, spürt einem neuen Verbrechen nach. Ein reicher Fernhandelskaufmann ist ermordet worden, und schnell präsentiert die Obrigkeit einen Schuldigen. Ein italienischer Spielmann soll die Tat begangen haben. Doch Gret hat da so ihre Zweifel. Als dieser Spielmann flieht und ausgerechnet bei ihr Unterschlupf sucht, muß sie handeln. Ihre Ermittlungen aber bringen nicht nur den Italiener, sondern auch Gret selbst in Gefahr. Ein neuer Fall für Gret Grundlin – die ungewöhnlichste Detektivin des Mittelalters.“25 

Ja, da kann sie sich so irgendwie gut reinversetzen. Oder Kühlfach 426 von Jutta Profijt, da schickt ein Pathologe einen Geist auf Mörderjagd und der Geist sagt Sachen wie „krokofantös“ oder „telefonanieren“. Frau Profijt hingegen sagt: „Ja, da sind einige Formulierungen bei, die sich auf ‚Seele‘ oder ‚Geist‘ beziehen. So Dinge, die mir dann relativ spontan einfallen. Es gibt viele solche Wörter, die, wenn man sie tatsächlich den Buchstaben gemäß betrachtet, auch einen anderen Sinn haben können. Genau wie ein Betriebswirt der Pächter der Unternehmenskantine sein kann. Solche Verbindungen, Sinnverschiebungen, sind mir aufgefallen, als ich mich längere Zeit mit dieser Sprache beschäftigt habe.“27 

Eso-, Öko-, Frauen-, Katzen- und Internet-Krimi lassen wir mal aus. Aber nachdem mit Bad Oldesloe nun auch das allerletzte deutsche Kaff einen Regio-Krimi bekommen hat, wollen wir den hier nicht unterschlagen. – Nun ja, es ist bloß eine Kurzgeschichte geworden, aber dafür kann die Autorin mit dieser in gleich drei Fächern simultan promovieren, denn in ihrem Beitrag zu einer Sammlung von stammverwandten28 Kurzkrimis aus Schleswig-Holstein bringt Sandra Lüpkes es immerhin fertig, Verwaltungsrecht, Reinkarnationsdiagnostik und Frauenforschung auf den allerdings ziemlich irrationalen Nenner des hier vorläufig als VHS-Gespenster-Krimi zu bestimmenden, innovativen Genres zu bringen. Und das geht so: 

„Geraldine Stevenson gibt keinen müden Cent auf das Klischee. Anders ist nicht zu erklären, dass die millionenschwere Amerikanerin im pinkfarbenen Kostüm aus ihrer weißen Stretchlimousine steigt, sich das blondierte Haar hinter die chirugisch angepassten Ohren schiebt und dann die ebenfalls grellrosa Schleife im Fell ihres Handtaschenhundes zu recht zupft. In LA auf dem Sunshine Boulevard hätte sich vielleicht niemand nach ihr umgedreht. Auf dem Bad Oldesloer Marktplatz ist das anders. Die Bäckereifachverkäuferin tütet dem Bürgermeister aus Versehen ein Rosinenbrötchen ein, obwohl sie weiß, dass er jeden Morgen ein Schokocroissant essen möchte. [...] Zwei ABC-Schützen auf dem Weg zur Stadtschule bleiben stehen, staunen und werden heute wahrscheinlich den pünktlichen Beginn der Mathestunde verpassen.“29

Die Besucherin tut dann noch so einiges: sie „flucht auf amerikanisch“30, „steigt die mittige Treppe empor“31 und stellt der Kulturbeauftragten, die in dieser seltsamen Stadt, wie man bald erfährt, auch das Stadtarchiv leitet, ihr Anliegen vor: „Mein Therapeut hat gesagt, es ist wiktig, dass ik fahre nak Bad Oldesloe. Für meine Frieden in Seele, you know?“32 – Ob sie den Ortsnamen wohl korrekt wie bad, old and slow ausge sprochen hat?

In ähnlicher Diktion fährt die Amerikanerin nun fort und lässt sich die Akten zum Mordfall Anna Heitmann geben, die 1642 im Alter von 91 Jahren wegen „Hexerei“ den Tod auf einem Oldesloer Scheiterhaufen erleiden musste. Bitter für Frau Heitmann, schön für Lüpkes, denn der Fall genießt jedenfalls unter den der deutschen Sprache mächtigen Bad Oldesloern einige Bekanntheit, seitdem vor einigen Jahren eine rührige Laienschauspieltruppe unter Führung des Pastors und des Buchhändlers die historischen Vorgänge im Rahmen einiger vom Publikum gut angenommener Theaterspaziergänge inszenierte: Da kann man sich gut anhängen. 

Mrs. Stevenson aber reist wieder ab, und erst, nachdem auf der nächsten Seite die Echtweltkneipen „Elfmeter“, „Old Esloe“ und „Klönstube“ untergebracht sind, bekommt der Bürgermeister [der ohne Rosinen] ein Einschreiben aus Amiland, aus dem hervorgeht, dass die transatlantische Dame wegen Feuerangst beim Psycho war, der eine Rückführung mit ihr veranstaltet habe und nunmehr feststehe, dass sie mit der toten Frau Heitmann irgendwie identisch sei, weswegen sie zehn Millionen Schmerzensgeld wolle. Krisensitzung im Rathaus, kryptische Sätze: „‘Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist nichts unmöglich‘, bemerkt der Englischkenner.“33

Dann kommt weitere Post mit der Mitteilung, ein „9. United States District Court34 habe die Stadt Bad Oldesloe tatsächlich in voller Höhe zur Zahlung von Schadenersatz verurteilt. Der Bürgermeister fühlt sich persönlich angeklagt, macht in einer Naturheilpraxis35 auf einem „verwunschene[n] Anwesen mitten im Brenner Moor“36 irgendetwas mit einem Rückführer namens „C.G. Clausen“37, fliegt zur mündlichen Verhandlung vor einem „Unites States Court Of Appeals38 nach den USA und legt dort dar, er habe „ein Alibi für das Jahr 1642“39, weil er „im Jahr 1642 auf einem holländischen Schiff namens Zeehaen im Südpazifik unterwegs war, um Tasmanien zu entdecken.“40

Diese Runde ging also mal nicht an die Amis. 

Doch nicht alle Rezensenten deutscher Regio-Krimis urteilen angesichts solch putziger Schreibversuche milde, sondern werden gelegentlich auch mal patzig. So kritisiert www.krimi-couch.de unter dem Titel Bloß kein Regio-Krimi!41 allerdings nicht etwa das immergleiche, stupide Einerlei der kauzigen Kommissare mit ihren regionalen Reporterfreunden, ortsbekannten Gaststätten, vertrauten Landschaften, notorisch mundartlich gefärbten Dialogen, lokalen Berühmt- und Sehenswürdigkeiten sowie sonstigen Themen der Fremdenverkehrsförderung, sondern will statt dessen bloß die Bezeichnung solchen Schrifttums etwas positiver gewählt wissen: „Vielleicht sollte man nicht den Fehler begehen, den Regionalkrimi mit Krimis lediglich von regionaler Bedeutung zu verwechseln. Schließlich würde auch niemand auf die Idee kommen, Mankells Wallander-Krimis als Ystad-Krimis oder die von Raymond Chandlers bzw. Miachel Connellys [Rechtschreibung im Original, H. E. D.] als Los-Angeles-Morde zu bezeichnen. Anscheinend brauchen deutsche Leser Schubladen, in die sie deutsche Krimis einordnen können. [...] Allerdings gibt es kaum einen Autor, der sich gegen dieses Schubladen-Denken nicht wehrt. [...] Und das ist gut so! Deutschsprachige Krimiautoren können weit mehr, als ihr Platz in den Buchhandlungen vermuten lässt. [...] Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute doch so nah liegt?“42

Auch hier findet sich wieder die deutsche Wahnidee, man könne Wesentliches und Wirkliches einfach dadurch ändern, dass man neue, positivere Sprachregelungen darüber erfindet und deren Einhaltung einfordert. Dass die Etikettierung von Schund als Schund etwas damit zu tun haben könnte, dass Schund verlangt wird, nur Schund sich in Deutschland gut verkauft, kann man sich hier gar nicht vorstellen. Dass die geforderte Umbenennung von Schund in Weltliteratur weder aus Michael Preute noch aus Jacques Berndorf einen Raymond Chandler macht und aus der Eifel nicht die Welt, bleibt Deutschen unverstehbar.

Derweil erweist sich die Ausdehnung des deutschen Wohnzimmers und des in ihm kultivierten Miefs auf das allgemeine Wohnumfeld der Einkaufsstraßen, Ausflugsziele und Naherholungsgebiete als so erfolgreich, dass sogar ARD und ZDF nicht umhinkommen, ihre Werbespots für gehorsames Gebührenzahlen konsequent auf Horizontbeschränkung auszurichten, indem sie ihre TV-Produktionen anpreisen als „Krimis, die da passieren, wo Sie leben“Das deutsche Wohnzimmer, muss man hieraus schließen, strebt also nunmehr die Weltherrschaft an und verlegt dazu zunächst sämtliche Weltgeschichte in den Vordergarten. Die Darsteller der entsprechenden TV-Krimis werden zu guten Nachbarn mit auch vom Bürger vor Ort nachvollziehbaren, mediokren Anliegen: Im Dritten Programm des NDR wurde der zeitweilige Beschäler der tatort-Mimin und Burda-Gattin Charlotte Lindholm alias Maria Furtwängler, Hannes Jaennicke, kürzlich als „Tierschützer und Frauenschwarm“43 vorgestellt, und auch von Lena Odenthal alias Ulrike Folkerts, die zwischen Rolle und Privatpose ebenfalls noch nie unterschieden hat, ist Menschlich-Allzumenschliches überliefert: Die zu Scharpings und Fischers Zeiten unbestechliche Eiferin für mehr Krieg gegen Serbien lässt in ihren vor emotionaler Intelligenz nur so triefenden tatorts schon gerne mal einen Täter entkommen, wenn dies ihr gerechter erscheint als ihn der Strafverfolgung zuzuführen. 

Menschlicher kann der Staat kaum werden, die Verstaatlichung der begeisterten Ermittler auch auf der Wohnzimmerseite des Fernsehens schreitet voran. Zu dumm, dass der alte Ganove Eduard Zimmermann viel zu früh den Dietrich abgeben musste: Sein Nachfolger im Aktenzeichen xy-Anrufstudio, ein Eiskunstläufer, wirkt – auch aufgrund seiner jeder kriminellen Berufserfahrung entbehrenden Biografie – lange nicht so überzeugend in seiner Rolle als Nepper, Schlepper und Bauernfänger wie einst Ede, der große, alte Vorzeige-Kleinkriminelle mit Santa Fu- und Bautzen-Diplom.

V. Infinitive des Materialismus: Das Tun bestimmt die Sprachregelungen.

„Telephon, das – Erfindung des Teufels; einige der ersprießlichsten Möglichkeiten, eine lästige Person auf Distanz zu halten, werden durch das T. aufgehoben.“

Ambrose Bierce: Des Teufels Wörterbuch

Rein projektive Schreibtechniken und -inhalte wie die hier jeweils nur gestreiften Regio-, Histo-, Tier- und sonstigen Nonsensformat-Krimis, die sich erkenntniskritischer Reflexion vollständig entziehen, können literaturtheoretisch nicht sinnvoll bewertet werden. Festzustellen ist jedoch, dass diese Formen frei flottierender Phantasmagorien je mehr auf unreflektiert Angenommenes rekurrieren, je freier von allen literarischen Konventionen sie sich dünken. Sie stehen somit zur die Gewalt als gesellschaftliches Phänomen reflektierenden Kriminalliteratur wie der von Donald E. Westlake und Ross Thomas vorgelegten in einem ähnlichen Verhältnis wie der antiautoritäre Gestus der Ablehnung formal verfassten Rechts zu eben jenem – statt der behaupteten Freiheit ist in der psychischen wie der gesellschaftlichen Realität bloß Regression auf dann unvermittelte Gewalt das Ergebnis solcher Selbstverwirklichung von Subjekten, die ihren Gegenstand so wenig kennen wie sich selbst und daher in affirmativer Apathie verharren müssen, ohne dabei jemals schweigen zu dürfen. Gesinnungsethisches, staats affirmatives Rebellionsgeplapper wird von solch geist- und besinnungslosen Betriebsnudeln zur ersten Bürgerpflicht erhoben. – Die amerikanische Gangsternovelle ist von derartigen Verkehrungen jedenfalls nicht geprägt. Die deutsche Blindheit, die im Histo-Krimi von der vergangenen Zeit und der Gegenwart des gestrigen Mordes so wenig sieht wie im Regio-Krimi von der Welt, in der sie lebt, eignet ihr nicht.

Die bereits mehrfach erwähnte und im modernen deutschen und schwedischen Krimi manifeste deutsche Wahnidee, man könne Wesentliches und Wirkliches einfach dadurch ändern, dass man neue, positivere Sprachregelungen darüber erfindet und deren Einhaltung einfordert, führt, wenn auf sie gegen alle Wirklichkeit und auch ob ihrer offensichtlichen Unwahrheit zwanghaft insistiert wird, in Täter-Opfer-Zusammenhängen geradezu notwendig zu einer aggressiven Täter-Opfer-Verkehrung, die die Opfer zu Tätern erklärt, um den Rechtsfrieden der Täter und das gute Gewissen ihrer willigen Komplizen zu wahren. Der zu solchem Rechtsempfinden passende Prozess exekutiert dann nur noch die Unschuldsbehauptung der Gewaltverhältnisse selbst auf Kosten der durch die Tat bereits bestraften Opfer. 

Diese Wahnidee schreckt auch nicht davor zurück, noch die Vergangenheit den Lebenslügen der alles verschlingenden, totalen Gegenwart gehorchend umzuschreiben, die Ermordeten erneut zur Selektion antreten zu lassen und – wenn alles geht, geht auch dieses: die zweite Natur einer Ökonomie der Vernichtung zur ersten zu ontologisieren. Daher und dafür gibt es Histo- und Regio-Krimis.

Was sich in vergleichsweise milder Form bei z. B. Ehescheidungen oder Kündigungen von Arbeitsverhältnissen beobachten lässt – jene geistig-moralische Gütertrennung, bei der nachträglich eifrig Belastungsmaterial in Form von Sprachregelungen der Verbleibenden zu Ungunsten der jeweils Abwesenden gesucht und gefunden wird [„traurig, aber er war ja auch schon seit Jahren depressiv“ u. dergl.], welche den Vorgang scheinbar erklären und die Schuld daran aus dem Gesichtsfeld delegieren –, wirkt in anderen Zusammenhängen eminent zerstörerisch. Der Strafrechtsanwalt Ferdinand von Schirach – der sehr genau weiß, dass sein Name seinen Karrieren nicht schadet und dies immerhin reflektiert – schildert im zweiten Band seiner nüchtern, distanziert und ohne aufdringliche moralische Wertungsvorschläge vorgetragenen Verbrechens berichte44 – die ausdrücklich nicht auf fragwürdige Faszinosa wie einen real crime-Effekt oder seine eigene Rolle als Strafverteidiger in den besprochenen Fällen setzen und im Gegensatz zu annähernd aller deutschen crime fiction-Produktion als beschreibende, nicht behauptende Kriminalprosa gelten dürfen – unter dem Titel Volksfest45 Verlauf und Umstände einer Gruppenvergewaltigung und berichtet von deren Nichtahndung [übrigens ohne angesichts solchen Skandals gleich nach unvermittelter Gerechtigkeit zu verlangen und die Legitimität von Selbstjustiz nahezulegen] im Prozessergebnis. Die Mitschuld, die das gesunde Volksempfinden traditionell Frauen an Vergewaltigungen gibt, wenn diese keinen Ganzkörperschleier tragen, steht als vorauseilende Verurteilung des Opfers und Affirmation der gegebenen Gewaltverhältnisse – Machtstrukturen in kleinstädtischen Gesellschaften, prozesstaktische Überlegenheit der Tätergruppe gegenüber dem Opfer usw. – am Anfang der Verhandlung und sucht sich zwanghaft und häufig auch erfolgreich nachträgliche Contra-Indizien, die nicht nur die Täter entlasten sollen, sondern auch denen, die an der realen Gewalt nichts ändern können oder wollen, den Rechtsfrieden sichern.

Gesinnungsliteratur wie die weiter oben an skandinavischen und deutschen Beispielen bestimmte, die sich – im Gegensatz zur amerikanischen Gangsternovelle – für Wirklichkeit nicht interessiert, dafür aber unentwegt Behauptungen über die vorzügliche Güte von allem, was überhaupt ist, aufstellt – und nur das als möglich zulassen will, was sowieso schon ist – erfüllt die Funktion, affirmative Haltungen zu den Gegebenheiten zu verfestigen und positive, idealistische Falschbehauptungen über diese Gegebenheiten von jeder Tatsachenprüfung abzukoppeln. Die so verselbstständigten Falschbehauptungen werden als bereits die Wahrnehmung normierende und formatierende Ideologeme subjektiv und objektiv wirkungsmächtig, indem sie von ihren Trägern, Regeneratoren und Zielgruppen zur Ersatzwirklichkeit erhoben werden und den so ersetzten realen Widerspruchszusammenhang zum Vorurteil erklären. Widersprüche werden so nicht mehr ausgetragen oder auch bloß zur Kenntnis genommen – und schon gar nicht ist eine Versöhnung mehr möglich –, sondern weggeräumt und durch pathische Projektion exterritorialisiert, personifiziert und dauerhaft unverständlich. Die so mögliche Falschbehauptung einer bereits erfolgten Versöhnung treibt diesen idealistisch-affirmativen Exzess auf die Spitze und hat dramatische Konsequenzen für die Opfer der nach wie vor realen Gewaltverhältnisse.

Um die zu existenziellen Lebenslügen auswachsenden Sprachregelungen über das je eigene Tun und Mittun in und an den unerträglichen und daher zum Vorurteil erklärten Macht- und Gewaltzusammenhängen aufrechtzuerhalten, müssen die Subjekte die unübersehbaren Opfer der realen Gewaltausübung, an der die Subjekte ebenfalls mittun, zu Tätern erklären. – Jede junge Mutter kennt die Situation: Sie geht mit ihrem Kind durch das Dorf oder die Stadt. Sie sehen, wie auf der Straße ein Mann seine Frau schlägt. Das Kind fragt seine Mutter: „Mami, warum haut der Mann die Frau?“ – Fast immer antwortet die Mutter ihrem Kind dann genau dies: „Wahrscheinlich war sie böse.“

Claude Lanzmann zeigt in Shoah in Kontrast zu den Zeugnissen überlebender Opfer des Vernichtungskrieges der Deutschen gegen die Juden auch nach der Shoah aufgenommene Sprachregelungen an der vorangegangenen Vernichtung in unterschiedlicher Weise Beteiligter46, u. a. einer Martha Michelsohn aus Chelmno, die Folgendes zu Protokoll gibt: „Das ist doch eine Zumutung für das ganze Dorf, dies immer ansehen, dies ganze Elend, wenn die Juden angekommen werden.“47 – Die Unterstellung dürfte kaum fehlgehen, dass ein gängiges Muster der Welterklärung rechtschaffener Hausfrauen angesichts faktischer Konzentrationslager in Deutschland 1945 wie folgt ausgesehen hat: Dass die sich nicht geschämt haben so herumzulaufen da in ihren schmutzigen Kitteln, die hatten es ja auch nicht leicht, aber man muss doch ein wenig auf sein Äußeres achten, und der Dreck, in dem die da gehaust haben, und alle barfuß und mit hundert in einer Kammer, Männer, Frauen und Kinder querbeet und alle auf eine Latrine gehen, also das muss eine andere Mentalität sein, ich lass mich doch auch nicht so gehen, also so konnte das ja auch nicht weitergehen mit denen, sieht man ja, was passiert, wenn man die sich selbst überlässt, also das mit den Gaskammern naja, aber so ganz ohne Druck sind die ja auch nicht freiwillig an die Arbeit gegangen... – „Das waren die Arbeitsjuden. Die kriegten eine Kette anne Füße, dasse nich wegliefen“48, stellt Martha Michelsohn im Interview mit Lanzmann sachkundig fest.

Kriminalromane und -filme erzeugen solche Funktionalität des lügenden Undenkens nicht oder jedenfalls nicht eigenständig, aber solcher zu Vernichtung drängender Verblendungszusammenhang äußert sich in einer Vorliebe der Leser für Krimis, in denen das je Gegebene als a priori gut markiert wird und die, die damit nicht klarkommen: die objektiven Opfer also, für schuldig befunden werden oder zumindest einem paternalistischen Tugendterror durch Sozialarbeiter, Psychologen, Anwälte, Journalisten und sonstige Amtsleute der Zivilgesellschaft unterzogen, die wiederum die Behauptung verkörpern, das Gute sei bereits an der Macht und Versöhnung nicht nur möglich, sondern bereits erfolgt. Wer das nicht einsehen kann, ist defekt oder kriminell [wer nicht engagiert genug mitlügt, wird auch gerne als Denunziant und Nestbeschmutzer denunziert] und hat jedenfalls selbst Schuld und kommt nicht mit, wenn’s losgeht. 

Wer nicht an Bord ist, vielleicht weil er den Preis des Fahrscheins nicht erübrigt, hat nicht nur selbst Schuld, sondern ist auch wegen Arbeitsverweigerung zu bestrafen, denn die Passagiere an Bord halluzinieren die Muße, die sie sich nicht gönnen können, als Arbeit und projizieren, überwältigt von einer dumpfen Ahnung ihrer wirklichen Überflüssigkeit, ihren Selbsthass als „Faulheit“ auf die Schiffbrüchigen, die verzweifelt versuchen, einen Rettungsring zu erwischen und, von Entbehrungen, Durst, Erschöpfung und Verzweiflung krank, mit letzter Kraft über die Reling zu kriechen und der dem Empfinden der Gesunden an Deck nach gerechten Bewährungsstrafe des Ertrinkens zu entgehen. Die Bordwand des MS Deutschland wird als exterritorialisierendes und personalisierendes Konzept gesellschaftlicher Konfliktverschiebung zur Grenze zwischen Legalität und Kriminalität: Wer seine Kabine bezahlt und bezogen hat, kann sich darauf verlassen, dass sein wie auch immer zu gestaltendes Verhalten per definitionem korrekt ist, solange er nicht im nächsten Sturm über die Reling geht. 

Der selbstgerechte Rentier und Erbe wird wieder zum Idealtypus in Zeiten allgemeiner Überflüssigkeit, die es dem Habenichts verunmöglichen, sein Existenzrecht auch nur vorzubringen. Sein panisches Versuchen, so zu werden, wie die Insassen des rettenden Knastschiffes zu sein glauben oder sein zu wollen glauben, scheitert nicht an seinem Talent oder seinem Einsatz, sondern an der Ambivalenz der trockenen Knastsubjekte, die sich für Wärter der zu Nassen halten.

 

Anmerkungen:

     

  1.  Vgl. Stephan Grigat, Was heißt: antideutsch?, in: Die Presse vom 18.02.2007.

  2.  

  3.  Vgl. http://www.libri.de/shop/ action/magazine/bestseller? nav=45393& belild = 923.

  4.  

  5.  Stieg Larsson, Verblendung, München 2006; ders., Verdammnis, München 2007; ders., Vergebung, München 2008.

  6.  

  7.  Vglhttp://www.finanznachrichten.de/ nachrichten-2011-02-19388443-vergebung- fortsetzung-der-stieg-larsson-reihe-im-zdf-quotenrekord-am-sonntagabend-007.htm.

  8.  

  9.  Vgl. Justus Wertmüller, Schweden und Sex gehören eben doch zusammen, in: Bahamas, Nr. 61 [2011], S. 46ff. Hier: S. 49.

  10.  

  11.  Vgl. Natascha Wilting, Faszination Abgrund. Über die Popularität des skandinavischen Sozio-Krimis, in: Bahamas, Nr. 55 [2008], S. 46ff. 

  12.  

  13.  Ebd., S. S. 46.

  14.  

  15.  Vgl. Håkan Nesser, Das vierte Opfer, München 1999. 

  16.  

  17.  Vgl. Wilting, a.a.O., S. 49. 

  18.  

  19.  Vgl. Håkan Nesser, Das falsche Urteil, München 2000.

  20.  

  21.  Ebd., S. 309f.

  22.  

  23.  Wilting, a.a.O., S. 49.

  24.  

  25.  Ebd.

  26.  

     Dieses gesunde Volks empfinden wird tatsächlich zunehmend wirkungsmächtig beispielsweise in der Form des deutschen Sozialrechts – hier hat übrigens inzwischen auch eine Beweislastumkehr stattgefunden: Die ARGEn erlassen nach eigenem Ermessen Sanktionen, der Sanktionierte muss dagegen aktiv klagen –, in dem seit Einführung des ALG II inzwischen Tat bestände wie Sozialwidriges Verhalten mit Leistungsentzug und Anordnung von Erstattungspflicht auch für zukünftig zu erhaltende Leistungen nach SGB II bestraft werden. Aus den Ausführungsbestimmungen zu solchem nicht strafbaren, aber bestraften Verhalten: 

     

    „Es handelt sich um einen quasi-deliktischen Anspruch, weil der Ersatzanspruch von einem schuldhaften Verhalten des Ersatzpflichtigen abhängt. Diese Bezeichnung bringt zum Ausdruck, dass das den Kostenersatzanspruch auslösende Verhalten nicht notwendig ein ‚rechtswidriges‘ im Sinne der unerlaubten Handlung [§§ 823 ff. BGB] oder des Strafrechts sein muss.“ Vgl. Leitfaden zur Anwendung des SGB II des Landkreises Göttingen vom 15.01.2009, S. 124.

     

  27.  Larsson 2007, a.a.O., S. 136.

  28.  

  29.  Ebd., S. 160ff.

  30.  

  31.  Wörtlich nach der Tonspur der deutschsprachigen TV-Filmversion zitiert; in der Romanvorlage wird diese Szene abweichend geschildert.

  32.  

     

  33.  Anders als derart bodenverhaftet kann sich diese Sorte Kulturlandschaft offensichtlich gar nicht beschreiben. Vgl. Joachim Feldmann, Regionalkrimis, in: Alligatorpapiere. Magazin zur Kriminal literatur, Nr. 1 [2010], S. 19ff. Hier: S. 19.

  34.  

  35.  Ebd.

  36.  

  37.  Ebd. 

  38.  

  39.  Vgl. Nele Neuhaus, Schneewittchen muss sterben, Berlin 2010.

  40.  

  41.  Vgl. Lisa Becker, Die Krimikönigin aus der Vorstadt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12./13.02.2011, Beilage „Beruf und Chance“, S. C 2.

  42.  

  43.  Ebd.

  44.  

  45.  Ebd.

  46.  

  47.  Ebd.

  48.  

  49.  Vgl. Barbara von Bellingen, Der Todesreigen. Ein Kriminalroman aus dem Mittelalter, Düsseldorf 1997. Klappentext auf dem Rücktitel.

  50.  

  51.  Vgl. Jutta Profijt, Kühlfach 4, München 2009.

  52.  

  53.  Vgl. http://www.krimi-couch.de/krimis/interview-mit-jutta-profijt.html.

  54.  

  55.  Vgl. Hymne Scheswig-Holsteins Wanke nicht, mein Vaterland, deren Refrain lautet: „Schleswig-Holstein, stammverwandt, wanke nicht, mein Vaterland!“.

  56.  

  57.  Vgl. Sandra Lüpkes, Back to Bad Oldesloe, in: Günther Butkus/Jobst Schlennstedt [Hrsg.], Morden zwischen den Meeren. Kleine Verbrechen aus Schleswig-Holstein, Bielefeld 2010, S. 267ff. Hier: S. 267.

  58.  

  59.  Ebd.

  60.  

  61.  Ebd.

  62.  

  63.  Ebd. S. 269.

  64.  

  65.  Ebd. S. 271.

  66.  

  67.  Ebd. S. 273.

  68.  

  69.  Ebd. S. 274.

  70.  

  71.  Ebd. S. 273.

  72.  

  73.  Ebd. 

  74.  

  75.  Ebd. S. 276.

  76.  

  77.  Ebd. S. 277.

  78.  

  79.  Ebd. 

  80.  

  81.  Vgl. http://www.krimi-couch.de/krimis/krimis-aus-deutschland.html.

  82.  

  83.  Ebd.

  84.  

  85.  Vgl. NDR-Regionalprogramm für Schleswig- Holstein DAS vom 25.01.2011.

  86.  

  87.  Vgl. Ferdinand von Schirach, Verbrechen. Erzählungen, München 2009. Vgl. ders., Schuld. Erzählungen, München 2010.

  88.  

  89.  Vgl. Schirach 2010, a.a.O., S. 7ff.

  90.  

  91.  Vgl. Claude Lanzmann, Shoah, Les Films Aleph 1985.

  92.  

  93.  Ebd.

  94.  

  95.  Ebd.

  96.