Ausgabe #15 vom

Werturteil als rhetorische Frage: „Wie blöd ist das denn?“

RALF FRODERMANN

Das Ranzige einer spezifischen, heute allgegenwärtigen, sich formal juvenil-souverän gebenden, faktisch infantilen Alltagskommunikation, die Allergie gegen Dialog, gar Streitgespräch unter den Bedingungen argumentativer Logik, stattdessen ein umstandsloses, fortgesetztes Urteilen über alles und jedes, weist sich neuerdings gern in rhetorischen Fragen nach dem Muster der oben angegebenen aus.

Die Vermittlung von Toleranz und Ignoranz, welche in derartigen Sprechakten wirksam ist, nimmt dem verbarrikadierten Subjekt noch den Schein von Individualität.

Das rhetorische Fragetremolo „Wie x ist das denn?“ (x = Prädikation) geht Hand in Hand mit insbesondere unter Berufsmenschen üblichen Verkehrsformen des möglichst raschen Zursachekommens. 

Die entschiedene Äußerung eines positiven Werturteils wie die eines negativen gibt sich die Gestalt einer nicht ressentimentfreien, rhetorischen Frage, die als Stilmittel seit jeher des Ressentiments nicht unverdächtig war.

So werden aus intendierten Komplimenten oder vernichtenden Urteilen konfektionierte Fragephrasen. Es scheint mit der Sprache zu gehen wie mit den großen Wasserströmen: eingedeicht, trockengelegt, kontaminiert, zu Wasserstrassen und Staudämmen verarbeitet, gehen sie ihres Telos verlustig; der Sprache gleich, die als individuell Nichtsmehrsagendes in ihre nächste Eiszeit einzutreten bestimmt scheint. Große Dichtung hat diesen Prozess noch immer kodifiziert.

Auf die Halbbildung folgt die Reizreaktion; mit oder ohne Worte, macht kaum einen Unterschied mehr.