Ausgabe #15 vom

Kapital und Islam

Kritische Anmerkungen zu Thomas Maul und zur Gruppe Morgenthau

NIKLAAS MACHUNSKY

Vorbemerkung

Spätestens seit den Massenmorden vom 11. September 2001 steht die Kritik des (nicht nur) radikalen Islam auf der Tagesordnung. Die antideutsche Linke hat, beginnend mit dem Aufsatz Gegenaufklärung und Islam von Uli Krug [1], versucht, einen materialistischen Begriff dieser Weltanschauung zu bilden. Doch ist es bislang noch nicht zufrieden stellend gelungen, die Kritik der politischen Ökonomie und die Kritik der islamischen „Todesindustrie“ (Hassan al-Banna) bündig zusammenzuführen – es steht also noch einige Arbeit bevor. Es ist nun das unbestreitbare Verdienst sowohl Thomas Mauls als auch der Gruppe Morgenthau, wichtige Beiträge zu einer solchen Kritik vorgelegt zu haben. [2] Allerdings – und das ist der Grund für diesen Artikel – trennen beide den Islam als scheinbar transhistorische Entität vom Kapitalismus ab, der nicht mehr als Totalität, sondern nur noch als äußerliche Ursache für Krisenphänomene erscheint. Um die wichtigen Erkenntnisse, welche die Psychopathologie des muslimischen Individuums in der repressiven (und zugleich, wie Maul zeigt, ent-repressiven) Gemeinschaft betreffen, gegen die theoretischen Prämissen Mauls und der Gruppe Morgenthau zu retten, müssen genau jene Vorannahmen präzisiert und teilweise korrigiert werden. Dies ist das Thema des vorliegenden Artikels.

Gewordene Gegenwart

„Mit Tradition verhält es sich ähnlich wie nach einem Diktum Voltaires mit dem Ruf der Mädchen: wird einmal darüber geredet, so ist er schon hin. Reflexion auf das Traditionale, die es aus Willen festhalten oder wiederherstellen möchte, ist selber vom Schlag jener Rationalität, welche die Tradition auflöst. Wer Tradition predigt, advoziert Irrationales aus rationalen Erwägungen, Autorität aus Freiheit, Bindung aus Autonomie.“ [3]

Kritische Gesellschaftstheorie darf sich nicht mit der bloßen Beobachtung bescheiden – so sehr sie auch auf die empirische Erfahrung angewiesen bleibt. Sie braucht einen Begriff dessen, was ist, und dieser lässt sich nicht allein aus dem Gegenwärtigen bilden, sondern muss die Erkenntnis der Vergangenheit einschließen. Karl Marx wusste das sehr genau. Er sah, dass die richtige Erkenntnis der Gegenwart als Gewordene „auf eine hinter diesem System liegende Vergangenheit“ hinweist: „Diese Andeutungen, zugleich mit der richtigen Fassung des Gegenwärtigen, bieten dann auch den Schlüssel für das Verständnis der Vergangenheit […]. Ebenso führt diese richtige Betrachtung andrerseits zu Punkten, an denen die Aufhebung der gegenwärtigen Gestalt der Produktionsverhältnisse – und so foreshadowing der Zukunft, werdende Bewegung sich andeutet.“ [4]

Im Anschluss an diesen Gedanken stellt sich die Frage: Ist der Islam heute derselbe, der er vor 1300 Jahren war? Und wenn diese Frage positiv beantwortet werden kann – worin besteht dann seine entwicklungshemmende Kraft? Worin liegt die Ursache dafür, dass er stets mit sich selbst identisch bleibt? Die Gruppe Morgenthau und Thomas Maul geben auf die Frage nach dem Verhältnis von Geschichte und Gegenwart des Islam eine ähnliche Antwort. Beide behaupten eine ungebrochene Kontinuität, die Gruppe Morgenthau eine der Eigentumsverhältnisse und Thomas Maul eine der Scharia. Bei Maul tritt der Kapitalismus einfach zum Islam hinzu und spitzt die in ihm angelegten Tendenzen zu, indem er z. B. die Sexualnot durch mangelndes Brautgeld verschärft. Kapitalismus ist hier vor allem Mangel an Geld bei den Armen. Bei der Gruppe Morgenthau ist es das Privateigentum, das sich im Gegensatz zum Westen in Arabien nie habe durchsetzen können und deshalb zu einer besonderen islamischen Form der Herrschaft geführt habe, die von der des Kapitals durch einen unüberwindlichen Graben geschieden sei. Nur über diesen Graben hinweg reichten sich Kapitalismus und Islam in gemeinsamer Todessehnsucht die Hand.

Der Gruppe Morgenthau ist zuzustimmen, wenn sie darauf insistiert, dass es „nicht gleichgültig ist, welche Lehre zum Vorbild der Lebensführung auserkoren, welches Buch für heilig erklärt wird.“ [5] Und sicherlich haben beide Autoren Recht, wenn sie die Kontinuität der islamischen Lehre betonen. Doch den entscheidenden Punkt, nämlich den, welche Bedeutung die Kapitalisierung der islamischen Welt hat, verfehlen sie, weil sie methodologisch unterhalb der Ebene der Totalität verbleiben. Die historische Analyse einer Teil-Totalität vermag nicht anzugeben, an welchem Punkt die Untersuchung der einen Teil-Totalität in die einer anderen übergeht. Zudem muss das Kapitalverhältnis, auf bloße Wirtschaft reduziert, zu einer solchen Teil-Totalität depotenziert werden, damit Islam und Wirtschaft dann auf der Ebene der Teil-Totalitäten in Beziehung zueinander gesetzt werden können. Dieser historisierende Soziologismus bzw. diese Texthermeneutik nimmt den Epochenwandel, der durch die Kapitalisierung erreicht wurde, als einen äußeren Einfluss wahr, auf den der Islam reagiert, ihn aber in seinem innersten Wesen unberührt lässt. Dieses Wesen wird dadurch zu einem zeit- und ortlosen erklärt. Diese Vorstellung teilen Thomas Maul und die Gruppe Morgenthau mit der islamischen Orthodoxie – wenngleich mit negativen Vorzeichen. Tatsächlich ist es aber unmöglich, dass der Islam derselbe bleibt, wenn sich der gesamtgesellschaftliche Bezugsrahmen um ihn herum verändert. Eine auf die äußere Gleichförmigkeit gerichtete Analyse des Islam verbleibt auf der Oberfläche des Phänomens, wenn lediglich Glaubenssätze miteinander verglichen werden, ohne sie in Beziehung zum gewandelten gesellschaftlichen Verhältnis zu setzen.

Das vorherrschende Gefühl in der islamischen Welt ist seit langer Zeit das des Verlustes der Tradition. Die radikale Kur, die der Gegenwart unter der Parole „Der Islam ist die Lösung“ anempfohlen wird, ist Ausdruck dieser Erfahrung des Verlustes. Dass zwischenzeitlich andere Ideologien, wie z.B. der Panarabismus oder der arabische Sozialismus als Lösungsprogramme die öffentliche Diskussion beherrschten, es also erst einer Renaissance des Islam bedurfte, macht die Vakanz der Tradition noch deutlicher. Versucht man sie allein aus den kanonischen Schriften zu rekonstruieren, geht an ihr das Entscheidende, nämlich die gelebte Praxis, verloren. Übrig bleibt ein Skelett, eine Abstraktion, die auf die Gegenwart appliziert eine andere Bedeutung erhält, als ihr in der Vergangenheit zukam. Da, wo der traditionelle Islam sich noch bis heute halten konnte, in den abgeschiedensten Winkeln der islamischen Welt, zu denen bis vor zwanzig Jahren auch Afghanistan gehörte, ist der moderne Islam dessen erbittertster Gegner. Die Taliban waren in diesem Sinne eine Modernisierungsbewegung, die mit Gewalt eine neue Lehre, die sich als alte ausgab, in die Madrassen der westlichen Täler des Hindukusch brachte.

Durch die Konstruktion historischer Entwicklungslinien zur Erklärung der Gegenwart streichen Thomas Maul und die Gruppe Morgenthau Unterschiede heraus, die durch einen unangemessenen Vergleich von Kapitalismus und Islam gewonnen wurden, und übersehen so die für die Gegenwart entscheidende Kapitalförmigkeit des Islam. Von dieser Konstellation in der Gegenwart ausgehend, kann überhaupt erst ein richtiges Bild von der Vergangenheit entworfen werden. Es käme also zunächst darauf an, die Gegenwart auf den Begriff zu bringen.

Bei beiden Ansätzen stellt der Westen einen Maßstab dar, an dem gemessen die nicht-westlichen Länder eine defizitäre Entwicklung durchgemacht hätten, weshalb sie weiterhin von der vorkapitalistischen Gesellschaftsordnung bestimmt seien. Als Ursache wird einmal ganz „materialistisch“ die in der Scharia sedimentierte Eigentumsordnung, zum anderen, dementsprechend idealistisch, der Glaube an die kanonischen Texte des Islam genannt. Gemeinsam ist beiden Vorstellungen – und durch diese Gemeinsamkeit wird der Unterschied vernachlässigbar –, dass der Grund für das aktuelle Elend der islamischen Länder in der Frühgeschichte des Islam bzw. der Region, die zum Kernland des Islam gehört, verortet wird.

Mit dem Versuch, einen historischen Sonderweg der islamischen Welt zu beschreiben, verstellen sich die Autoren die Einsicht, dass es so viele Sonderwege gibt wie Länder und Regionen, und dass das, was heute als der Westen bezeichnet wird, keine ideale Verlaufsform kapitalistischer Vergesellschaftung ist, sondern wesentlich Schein – konservierte liberale Utopie aus der Zeit der kapitalistischen Frühgeschichte, an der vor allem die westlichen, früh kapitalisierten Länder teilhatten und die heute in Form des Liberalismus als universelle Ideologie eine zombihafte Existenz führt.

So falsch es ist, eine Linie von Luther zu Hitler zu ziehen, so falsch ist es auch, eine von Mohammed zu Bin Laden zu ziehen. Es würde dem historischen Verlauf einen Schein falscher Notwendigkeit verleihen. Naturgeschichtlichkeit wird so als Fatum akzeptiert anstatt sie als realen Schein zu entlarven, wo doch alles daran läge, sie als veränderliche für die Zukunft aufzusprengen. Naturgeschichte wäre sie im fatalen Sinne erst dann, wenn die letzte Hoffnung auf einen vernünftigen Eingriff ausgemerzt würde, Geschichte deshalb im emphatischen Sinne verunmöglicht wäre und dann, vom Ergebnis aus betrachtet, auch nie gewollt worden sein könnte. Die weltgeschichtlichen Revolutionen wären dann nichts anderes als Listen des Weltungeistes, um dem Telos der Vernichtung näher zu kommen.

Es stellt sich hier die gleiche Frage, die sich bei jedem Versuch ergibt, Geschichte zu verstehen: Wie verhält sich die Gegenwart zur Vergangenheit und wie kann die Gegenwart als Resultat der Vergangenheit erklärt werden, wenn man die Vergangenheit gleichzeitig aus der Gegenwart anschaut und gezwungen ist, diese unter der Maßgabe der aktuellen Probleme und Fragestellungen zu betrachten, sie also als Teil des geschichtlichen Prozesses reflektieren muss?

Thomas Maul

Thomas Maul nimmt in seinem Odysseus-Artikel, in dem er die theoretischen Grundlagen der in seinem Buch entfalteten Thesen vorstellt, für sich in Anspruch, die Gegenwart auf der Höhe der Zeit zu interpretieren und stellt sich hierbei in die Tradition der Kritischen Theorie. Weil sich aber die Konfliktlinien seit dem Ableben der Hauptvertreter der Kritischen Theorie gewandelt hätten, müsse auch die Gegenwart neu interpretiert werden. Als entscheidende Konfliktlinie identifiziert Maul nun aber die zwischen Orient und Okzident und stellt damit die Weichen für die „Aktualisierung des kritischen Programms, de[n] Versuch, eine Dialektik der Aufklärung für den Orient zu schreiben, und diese mit der des Abendlandes in Beziehung zu setzen“ [6]. Durch diese Vorentscheidung trennt Maul schon in der Antike, was heute miteinander in Konflikt liegen soll. Denn Orient und Okzident werden als zwei wesentlich unterschiedene Vergesellschaftungsformen begriffen, die sich seit über 2500 Jahren getrennt von einander entwickelt hätten. Für diese „Zwei-Welten-Theorie“ soll die Dialektik der Aufklärung Pate gestanden haben: „Für Horkheimer und Adorno war es jedenfalls selbstverständlich, die nationalsozialistische Transformation des falschen Ganzen ins ganze Böse von Auschwitz im Kontext der abendländischen Geschichte von den antiken Griechen bis in die Gegenwart zu reflektieren. Die Bühne, auf der sie das geschichtsphilosophische Drama der Dialektik der Aufklärung, von Natur und Naturbeherrschung, das heißt: von Trieb, Recht, Opfer und Individuation, nachzeichneten, stand dabei im Westen. Vor dem Hintergrund, dass sich das Hauptquartier der barbarischen Erweckungsbewegung, als deren Prototyp der Nationalsozialismus fungierte, seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Richtung Osten verschoben hat, wäre der Blick auf jenes Drama der Zivilisationsgeschichte des Orients zu erweitern, als deren Regisseur seit dem 7. Jahrhundert der Islam agiert.“ [7] Weil sich also die Bühne, auf der die verhängnisvolle Entwicklung sich darbietet, verschoben habe, soll jetzt der Orient in den Blick genommen werden, und zwar als ein gesondertes Forschungsobjekt. Die Resultate sollen dann in Beziehung zur Dialektik der Aufklärung des Westens gesetzt werden, die die kritische Theorie schon geleistet habe.

Der Haken ist nur: Würde dieses Programm mit dem der Kritischen Theorie übereinstimmen, dann hätten ihre Vertreter bereits nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Ausarbeitung einer Dialektik der Aufklärung des Ostens beginnen müssen. Stattdessen sprachen sie von der „verwalteten Welt“ und dem „universellen Verblendungszusammenhang“.

Auch Adorno scheint von einer Notwendigkeit einer Dialektik des Orients nichts gewusst zu haben, erinnert er doch in seiner Vorlesung Zur Lehre von der Geschichte und von der Freiheit an Bemerkungen Hegels, „in denen er prophezeit, daß die slawischen Völker noch dran kämen“ [8], dass also der Weltgeist vom germanischen zum slawischen Volksgeist übergehen würde, um sich in diesem zu individuieren. Wäre dies der Fall, so wäre eine Betrachtung der slawischen Geschichte für das Verständnis der Gegenwart von höchster Bedeutung, weil sich durch ihre Besonderheit ein universelles Prinzip Geltung verschafft hätte. In derselben Vorlesung sagt Adorno jedoch auch: „[D]ie Gleichheit der Organisation des Lebens hat international jene Substantialität des Nationellen, die Hegel noch mit einigem Grund hat behaupten können, zu einer bloßen Fassade herabgesetzt.“ [9] Die Gleichheit wird als die „Egalität des Tausches“ [10] spezifiziert. Und eben dieser sich zur Totalität entfaltende Tausch legitimiert nach Adorno eine Universalgeschichte.

Maul dagegen verbaut sich diese universalgeschichtliche Perspektive schon zu Beginn, indem er dekretiert: „So richtig es ist, den Islamismus als modern-antimoderne Reaktion auf die Krise des Kapitalverhältnisses zu begreifen, so wenig vermag der alleinige Rekurs auf den prozessierenden Wert die konkrete Form des islamischen Hasses auf die Zivilisation und die Juden zu erhellen. Unter ausschließlichem Rückgriff auf das Fetischkapitel des Marx'schen Kapitals lässt sich nicht bestimmen, was den islamistischen Selbstmordattentäter vom japanischen Kamikaze-Piloten, den muslimischen Tugendterroristen vom puritanischen Sittenwächter à la Oliver Cromwell unterscheidet.“ [11] Indem er einen Popanz als einzige Alternative zu seinem Vorhaben aufbaut, nämlich dass sich ein historisches Phänomen rein logisch-kategorial erklären ließe – was niemand behauptet hat – will er sein eigenes Unterfangen einer radikalisierten Sonderwegstheorie begründen.

Der Islam wird als Partikularität begriffen, deren Entwicklung und Geschichte sich bis in die Gegenwart hinein aus den islamischen Basistexten erklären und ableiten lasse. Der Westen hingegen wird als Partikularität begriffen, die nicht aus sich selbst heraus existiert, sondern nur in Abgrenzung zum Orient: „[D]ie verbreitete Behauptung, der Okzident habe sich stets in Abgrenzung zum Orient als seinem ganz Anderen konstituiert, […], [ist] durchaus wahr.“ [12] Der Westen ist also nur der Westen, weil der Orient sein ganz Anderes ist. Die der Dialektik der Aufklärung immanente Verstrickung wird aufgelöst und entspannt sich auf räumlicher Ebene als Dialektik von Orient und Okzident. Wie dieses Andere des Westens nun aussieht, veranschaulicht Maul an den Gegensatzpaaren Leviathan und Behemoth sowie Bikini und Burka. In der Dialektik von Bikini und Burka, die nur die Reprise der Dialektik von Odysseus und Fatima ist, treten sich die zwei Welten gegenüber. Maul lagert alles Schlechte aus dem Westen aus und lässt es ihm im Orient entgegentreten. Keine Dialektik der Aufklärung, keine Tendenz der schlechten Aufhebung der Herrschaft des Leviathan in die des Behemoth, sondern feinsäuberliche Unterscheidung und Auslagerung der dem Kapital immanenten Tendenz in das Andere des Westens. Alles Gute dem Westen, alles Schlechte dem Orient. Eine solche Auffassung negiert nicht nur jeden kulturellen Austausch zwischen Orient und Okzident, wie er z. B. durch Alexander den Großen, das römische Imperium oder Venedig geleistet wurde, sie ist auch insofern ahistorisch – und darauf verweist schon die Auswahl des Gegensatzpaares – als sie hinter die Errungenschaft des Weltmarktes zurückfällt, der die one world ganz praktisch hergestellt hat.

Von besonderer Bedeutung für Mauls Interpretation des verhängnisvollen Verlaufs des Orients ist das Odysseuskapitel in der Dialektik der Aufklärung. Seine Lesart dieses Kapitels macht ein undialektisches Verständnis dieses Referenzwerkes deutlich. Denn so sehr Horkheimer und Adorno an einer Aufklärung der Aufklärung gelegen ist, finden sie in der Urgeschichte der Aufklärung nicht einfach ein sympathisches Objekt vor, wie Maul behauptet: „Odysseus tritt der ‚Unausweichlichkeit des Schicksals’ […] mittels seiner Selbstbehauptung entgegen – er ist weder Kirke noch den Sirenen hörig. Das ist die Initiation der Individuation und der westlichen Zivilisation, mit der Horkheimer und Adorno sympathisieren – bei aller Trauer über den Preis, der dafür zu entrichten war.“ [13] Es erscheint hier so, als wäre diese Geschichte bei aller „Trauer über den Preis“ letztlich noch mal glimpflich, weil im Westen geendet. Damit unterschlägt Maul, dass Horkheimer und Adorno die Entwicklung, die sie bis zu Homers Odyssee herabführen, für die Katastrophe verantwortlich machen. Auch waren sie sich zum Zeitpunkt der Niederschrift nicht einmal sicher, ob nicht auch der äußerste Vorposten des Westens, Amerika, der Dialektik der Aufklärung zum Opfer fallen würde.

„[I]m krassen Gegensatz“ zu Odysseus’ Selbstbehauptung, so Maul, stehe „das ‚eigentliche Dasein’ Heideggers für Regression“ [14]. Er zerreißt damit den Zusammenhang der Odyssee mit dem Resultat des verhängnisvollen Prozesses, für das auch der Philosoph Heidegger steht, indem er diesen der Odyssee entgegenstellt, anstatt ihn als Resultat der schon in der Odyssee angelegten Verflochtenheit von Mythos und Aufklärung zu begreifen. Nur indem Maul die Odysseus-Interpretation Adornos von der Dialektik befreit, um Odysseus dem Westen zuzuschlagen, kann er sein Vorhaben in diese Tradition stellen. Wird die Dialektik aber als eine zwischen Orient und Okzident behandelt, liegt es in der inneren Konsequenz dieses Programms, dass der Nationalsozialismus eigentlich nicht dem Westen zugerechnet werden darf, sondern dem Islam. Diese Vorstellung findet sich bei Maul in Form eines Zitats von Churchill, der von Hitlers Mein Kampf als „neuem Koran“ spricht. Maul ergänzt, Heideggers Sein und Zeit könne als „Koran für Intellektuelle“ bezeichnet werden. [15]

Man kann alles als alles bezeichnen und wenn es dazu dient, dem politischen Gegner einige ungewollte Bekenntnisse zu entlocken, mag das auch seine Berechtigung haben. Doch mit Vergleichen und Analogien hat man die Sache noch nicht auf den Begriff gebracht: „Der böse Blick derer“, schreibt Adorno, „die mit aller scheinbar unmittelbaren Herrschaft sich einig fühlen und alle Vermittlung, den ‚Liberalismus’ jeglicher Stufe verfemen, hat ein Richtiges gewahrt. In der Tat erstrecken die Linien von Vernunft, Liberalität, Bürgerlichkeit sich unvergleichlich viel weiter, als die historische Vorstellung annimmt, die den Begriff des Bürgers erst vom Ende der mittelalterlichen Feudalität her datiert. Indem die neuromantische Reaktion den Bürger dort noch identifiziert, wo der ältere Humanismus heilige Frühe wähnt, die ihn selber legitimieren soll, sind Weltgeschichte und Aufklärung in eins gesetzt.“ [16] Mauls Anschauung des Islam ist das Gegenteil des bösen Blicks, von dem Adorno spricht. Sieht dieser überall Vermittlung und verfolgt so die Aufklärung bis in die Frühgeschichte der Menschheit zurück, ist die unmittelbare Herrschaft laut Maul im Islam von Beginn an zementiert.

Erwies der böse Blick der Reaktionäre der Aufklärung noch Referenz, indem er sie schon in der Urgeschichte aufspürte, so liquidiert Maul im Islam den „Doppelcharakter der Aufklärung“ [17], weshalb bei ihm auch nur schwerlich von einer Dialektik die Rede sein kann. Und weil also die Aufklärung nicht auf „jeglicher Stufe“ aufgespürt wird, kann es auch keine Weltgeschichte der Aufklärung geben, sondern lediglich eine Geschichte der Aufklärung des Westens. Maul ist darin denen, die er kritisiert, nicht unähnlich: „Der vorgeblichen Echtheit, dem archaischen Prinzip von Blut und Opfer, haftet schon etwas vom schlechten Gewissen und Schlauheit der Herrschaft an, die der nationalen Erneuerung eigen sind, welche heute der Urzeit als Reklame sich bedient.“ [18] Die nationale Erneuerung muss lediglich durch die der Umma ersetzt werden und die Urzeit mit der Zeit der Altvorderen, und schon hat man die Lehre der Salafisten und radikalen Moslems.

Soll das Kapitel über die Odyssee das Modell für Mauls weiteres Forschungsprogramm abgeben, so wäre zu fragen, wie Adorno sich seinem Gegenstand nähert. Und da fällt auf, dass Adorno immer wieder Bezug auf die Gegenwart nimmt. Er erzählt nicht einfach eine Geschichte von Anfang an, sondern versucht den geschichtsphilosophischen Ort der Odyssee zu klären, indem er die Linien, die aus der Gegenwart in die Vergangenheit herabreichen, aufspürt. Liest man dann Thomas Mauls Buch Sex, Djihad und Despotie in Kenntnis der eher methodischen Bemerkungen des Bahamas-Artikels, dann fällt auf, dass er dort glücklicherweise gar nicht macht, was er hier und auch zu Beginn des Buches in abgeschwächter Form behauptet. Er entwickelt seine Darstellung des Islam eben nicht rein aus den alten Quellentexten, sondern geht von aktuellen Interpretationen dieser Texte aus. Er schreibt also nicht, was er vorgibt – eine historische Genealogie des Islams aus den Urtexten –, sondern vermittelt den Anfang zu Recht mit dem Resultat und oszilliert beständig zwischen diesen Polen.

Gruppe Morgenthau

War bei Thomas Maul die Gegenwart des Islam schon in den Basistexten vorgezeichnet, die die Grundlage der Scharia bilden, so behauptet die Gruppe Morgenthau eine Identität von Individuum und kollektivem Herrschaftsverband, der seine Ursache in der mangelhaften Durchsetzung des Privateigentums haben soll: „Während im Westen die Ideen der Entfaltung und Vervollkommnung zur Ideologie erstarrten, weil die praktische Freiheit und der Typus von Erfahrung, auf denen sie beruhten, nicht länger gegeben waren und sind, kommt es im Orient gar nicht erst zur Systematisierung des Bewusstseins der Einzelheit und Einzigartigkeit. Die Geschichte ist dort keine Geschichte des Aufstiegs und Verfalls des Individuums, sondern eine Geschichte ungebrochener Identität mit dem Nicht-Ich: mit Stamm, Herrschaft und Religionsgemeinschaft.“ [19] Die Gruppe Morgenthau geht davon aus, dass es im Orient keine Geschichte gegeben hat und die Einzelnen im Orient deshalb auch nicht am Aufstieg und Verfall des Individuums Teil hatten bzw. haben. Sie besäßen kein Bewusstsein ihrer Einzigartigkeit, weil ihr Bewusstsein nie systematisiert worden sei, wofür der Gruppe Morgenthau zufolge eine Kapitalisierung, die sie allerdings auch „noch im letzten Winkel der Erde ins Werk“ gesetzt sieht, notwendig sei.

Weil aber der Islam stillstehe, könne er die Entwicklung des Westens „überspringen“. Mit Westen und Islam verhält es sich dieser Annahme zufolge wie mit Hase und Igel: Wo der Westen erst als Resultat des Verfalls ankommt, ist der Islam schon, weil er sich gar nicht erst bewegt hat: „Damit unterläuft der Islam dasjenige, was der Menschheit den Ausgang aus der Unmündigkeit weisen könnte. Ja, er feuert den historischen Verfallsprozess an und macht sich zum Katalysator der kollektiven pathischen Projektion.“ [20] Oder auch: „Indem er die Stammessubjekte dem Primat der Glaubensgemeinschaft unterwirft und dazu präpariert, sich freiwillig ‚mit Gut und Blut’ auf dem Pfad Allahs zu ereifern, überspringt der Ummasozialismus das moderne Zwischenspiel der Emanzipation des Individuums, dessen negative Dialektik im Desaster politischer Massenbewegungen kulminiert.“ [21]

Geht man davon aus, dass der Islam erst spät in die universelle, geschichtliche Entwicklung hineingezogen wurde, so heißt das trotzdem noch nicht, dass er von der Entwicklung des Kapitals unberührt blieb. Der Irrglaube der Gruppe Morgenthau besteht darin, von einer Entwicklung des Westens auszugehen, die ihn zum Ausgangspunkt zurückgeführt haben soll; dass also der Verfall des Individuums zum status quo ante zurückführe, wo der Islam schon warte. Ein Rückwärts hinter einen erreichten Punkt gesellschaftlicher Entwicklung gibt es jedoch nur als ideologische Forderung, nicht als reale Bewegung. Einen Zivilisationsbruch oder Rückfall in die Barbarei im Wortsinne kann es nicht geben, weil das einmal erreichte Level immer Ausgangspunkt der weiteren Entwicklung ist. Daraus ist allerdings kein stufenweiser Fortschritt zu folgern, sondern nur, dass die Barbarei stets auf der Höhe der Zeit ist.

Die Gruppe Morgenthau kennt aber noch ein weiteres Modell der Beziehung von Kapitalismus und Islam: „Die deformierte islamische Subjektivität ist Ausdruck der objektiven Irrationalität, die sich als Folge der spezifischen Synthetisierung von traditioneller islamischer Herrschaftskultur und globaler Wertvergesellschaftung manifestiert hat.“ [22] Wurde zunächst behauptet, Verfall und Kapitalisierung gingen den Islam nichts an, wird die islamische Subjektivität hier zum Ausdruck einer Synthese von Islam und Kapital. Diese Erklärung bleibt neben der anderen bestehen, ohne dass der Widerspruch zwischen beiden erkannt würde.

Vollkommen konfus wird es, wenn die beiden unterschiedlichen Argumentationen als dieselbe ausgegeben werden: „Die geistigen und libidinös-emotionalen Bearbeitungsformen von Ohnmacht und Krisen, die in der islamischen Peripherie und den weltweit verstreuten islamischen Biotopen vorherrschen, sind das Resultat der spezifischen Integration des Kapitals in das traditionelle System islamischer Lebenspraxis bzw. der durchs Kapital bedingten Transformation kultureller Gewohnheiten.“ [23] Beide Male ist das Kapital aktiv und der Islam passiv, doch einmal ist es das Kapital, das sich in den umfassenden Islam integriert, das andere Mal formt das Kapital den Islam nach seinen Erfordernissen. Während das erste Mal die Veränderung für den Islam eine Nebensache sein kann und das Kapital als eine bloße Zutat gedacht wird, ist es in der zweiten Variante die entscheidende, alles andere umbildende Größe.

Immer wieder wird die Vorstellung ventiliert, der zufolge der Islam „eine Art kollektiver Autismus ist, der den inneren Stillstand chronifiziert.“ [24] Aber auch die synthetische Vorstellung wird weiterhin behandelt und präzisiert: „Inmitten der erzwungenen Abhängigkeit von der universellen Irrationalität tendiert das unreif gehaltene islamische Subjekt zur Identifikation mit der wahnhaften Partikularität einer hochpräsenten Ideologie, die sich hervorragend dazu eignet, die dem Kapitalverhältnis inhärente Apologie des Todes in korantreue Verhaltensgebote zu übersetzen.“ [25] Die Aktualität des Islam resultiert hier aus seiner Übereinstimmung mit dem Kapital. Er formuliert aus, wozu das Kapital tendiert, und entspricht als Ideologie dem Spätkapitalismus. Doch ist dies eine Entsprechung, die durch Koinzidenz zum tödlichen Ergebnis führt. Diese Zufälligkeit wird auch am nächsten Zitat deutlich: „Als kollektiver Bewegungsdrang und individueller Beschuldigungswahnsinn synthetisiert er [der Islam; N.M.] das anti-individualistische Bekenntnis des orientalischen Glaubens mit den zerstörerischen Tendenzen des Kapitalprozesses.“ [26] Der Islam bleibt traditionell und stillgestellt, aber gleichzeitig bewerkstelligt er die Verschmelzung von Aspekten des Glaubens mit einer Tendenz des Kapitalprozesses, ohne dass dies eine Bewegung oder Beziehung zu etwas anderem als sich selbst bedeuten würde. Implizit wird der Gedanke genährt, im Islam sei schon die Verfallsform des Kapitals angelegt, der sich auch bei Thomas Maul finden lässt.

Von einer Synthese von Kapital und Islam kann hier kaum die Rede sein, eher von einer unüberwindbaren Kluft, über die hinweg beide sich punktuell, in der Apologie des Todes, oder wie es die Gruppe Morgenthau nennt, in der „Comorbidität“ [27] treffen. „Getrennt marschieren, gemeinsam schlagen“, könnte das Motto von Kapital und Islam lauten. Der Islam hat in seinem Märchenschlaf das Potential konserviert, welches das Kapital erst in seinem Verfall ausbildete – nun treffen sie zusammen und verstehen sich prächtig.

Exkurs zu Marx

Während die einen mit Engels davon ausgehen, dass Marx den Kapitalismus historisch erkläre und z.B. die Herausbildung des Geldes als Abfolge vom einfachen Warentausch hin zum allgemeinen Äquivalent historisch verstehe, verweisen die Kritiker dieser Sichtweise darauf, dass der historische Prozess erst im 24. Kapitel mit der „sogenannten ursprünglichen Akkumulation“ in die Darstellung des Kapitals trete, das erste Kapitel jedoch die logischen Kategorien entwickelt und mit der Elementarform, in der „der Reichtum der Gesellschaften, in denen kapitalistischer Produktionsweise herrscht“ [28], erscheint, also mit der Ware beginnt. In Band drei des Kapitals unterscheidet Marx explizit den „Gang der wissenschaftlichen Analyse“ vom „Gang der historischen Entwicklung“ [29]. Wichtig ist diese Unterscheidung deshalb, weil der Kapitalismus als Epoche ein geschichtliches Kontinuum ist, das sich von der vorhergehenden Epoche wesentlich unterscheidet. Wollte man den Übergang des Feudalismus zum Kapitalismus als einen historischen Prozess beschreiben, ohne zuvor den Kapitalismus in seiner prozessierenden Widersprüchlichkeit begrifflich seziert zu haben, stünde man stets vor dem Problem, vor dem die Historiker ja auch tatsächlich stehen: Wann nämlich der Epochenumbruch zu datieren sei, welches Ereignis als Beginn der Neuzeit zu veranschlagen ist. Ohne den Kapitalismus als eine Totalität zu begreifen ist es weder möglich, ihn von seinen Vorläufern noch von seinen Erben abzugrenzen.

Doch warum ist dies für eine Kritik des Islam wichtig? Ist die aktuelle Misere der islamischen Welt in den Anfängen des Islam schon wie in einem Nukleus angelegt, kann seine Geschichte als bloße Entfaltung der Anlagen beschrieben werden. Maul hat daraus die Konsequenz gezogen und sich als Exeget der kanonischen Texte des Islam betätigt, der einem Ulema (islamischen Schriftgelehrten) gleich die reine Lehre zu extrahieren versucht. Die Gruppe Morgenthau geht noch hinter den Islam zurück und versucht den Islam und mit ihm auch die Pathologie des islamischen Subjekts aus der privateigentumsfeindlichen arabischen Steppenlandschaft abzuleiten. In einem zweiten Schritt versuchen dann die Gruppe Morgenthau und Thomas Maul Islam und Kapital zusammen zu denken. Der Kapitalismus wird hier zu einem sekundären Einfluss, der lediglich die im Islam angelegten negativen Tendenzen verstärkt. Diesen schlechten Einfluss hat er anscheinend nur deshalb, weil er – und damit seine wohltuende Wirkung – sich in der islamischen Welt nie vollständig habe entfalten können. Diesen Schluss ziehen die Autoren so explizit zwar nicht – davor ist das Wissen um die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus –, doch da der Westen als institutionell garantierte Wirtschaftsform verstanden wird und nicht als ein gesellschaftliches Verhältnis, das in einem Nicht-Verhältnis besteht, wird der Mangel der institutionellen Garantien als mangelhafte Präsenz des Kapitals begriffen.

Weil das Kapitalverhältnis nicht voraussetzungslos ist, es der freien Arbeiter, der Arbeitsteilung und des Privateigentums bedarf, schließt die Gruppe Morgenthau, dass da, wo diese Voraussetzungen nur ungenügend vorhanden sind, auch das Kapital nicht seinem Begriff entsprechen kann. Doch diese Vorstellung trifft nur für das historische Kapital zu, also für den Beginn kapitalistischer Akkumulation. Mochte das Kapital zu Beginn ein zartes Pflänzchen gewesen sein, schon seit über hundertfünfzig Jahren ist es jedoch eine die ganze Welt umfassende Totalität, die kein Außen mehr kennt. Wer sich innerhalb dieses Verhältnisses nicht auf der Höhe der avanciertesten kapitalistischen Reproduktionsform befindet, mag innerhalb der kapitalistischen Konkurrenz pleite gehen, die Drecksarbeit machen oder an der Hürde scheitern, den Konkurrenzkampf überhaupt aufnehmen zu können, doch selbst dann ist es das Kapitalverhältnis, welches die Bedingungen dieses Scheiterns diktiert.

Aber warum wirkt die Tradition, auf die sich die radikalen Moslems berufen, so lebendig und ungebrochen? Oder anders gefragt: Warum erscheint al-Ghazali, Thomas Mauls Hauptzeuge, als so modern? Die Antwort lautet, dass die Modernen ihn modernisierten. Was an al-Ghazali heute noch modern ist, ist es deshalb, weil das Kapital als gegenwärtige Gesellschaftsform zwischen Vergangenheit und Zukunft vermittelt: „Die Bedingungen und Voraussetzungen des Werdens, des Entstehens des Kapitals unterstellen eben, daß es eben noch nicht ist, sondern erst wird; sie verschwinden also mit dem wirklichen Kapital, mit dem Kapital, das selbst, von seiner Wirklichkeit ausgehend, die Bedingungen seiner Verwirklichung setzt. […] Diese Voraussetzungen, die ursprünglich als Bedingungen seines Werdens erschienen – und daher noch nicht von seiner Aktion als Kapital entspringen konnten -, erscheinen jetzt als Resultate seiner eigenen Verwirklichung, Wirklichkeit, als gesetzt von ihm – nicht als Bedingungen seines Entstehens, sondern als Resultate seines Daseins. Es geht nicht mehr von Voraussetzungen aus, um zu werden, sondern ist selbst vorausgesetzt, und von sich ausgehend, schafft es die Voraussetzungen seiner Erhaltung und Wachstums selbst.“ [30] Als stillgestellte Gegenwart entwirft das im Kapital verfangene Bewusstsein sich geschichtsvergessen und unendlich in Vergangenheit und Zukunft. Daher rührt die Vorstellung, das Kapital sei die dem Menschen angemessenste Existenzweise und habe, in wie rudimentärer Form auch immer, schon in grauer Vorzeit geherrscht. Gerade indem die Ideologen des NS, wie Adorno bemerkte, noch in der Antike die Aufklärung identifizieren, waren sie gezwungen, noch weiter in diese zurück zu gehen. Sie folgten darin dem liberalen Geschichtsbewusstsein und projizierten sich geschichtslos in die Vorvergangenheit, wo ein Zustand ohne Vermittlung, ein Zustand der Ruhe geherrscht haben soll. Die heutigen Salafisten beweisen ihre Modernität, indem sie dieser Vorstellung folgen.

Der Nationalsozialismus selbst stellte sich als Lösung seiner gegenwärtigen Probleme dar und gab sich gleichzeitig als von der Geschichte gewollt aus. Wie alle Flüsse letztlich im Meer zusammenlaufen, so sah sich auch der Nationalsozialismus als eine zur Vollendung schreitende, vom Ursprung herrührende Bewegung. Von der Wolfsschanze aus schien sich das von der Vergangenheit Gewollte in der Gegenwart zu erfüllen. Und der Nationalsozialismus als Vollendung des dem kapitalistischen Prozess immanenten Telos hat darin recht behalten. So wie sich die französischen Revolutionäre in den römischen Senat imaginierten, führten die Nazis ihre Thingspiele auf und inszeniert sich Osama Bin Laden als Mohammed.

Wenn die Revolution doch einmal glücken sollte, wird sie die Hingeschlachteten der Vergangenheit nicht als Märtyrer der Freiheit feiern können, weil ihr Opfer weder freiwillig noch notwendig, sondern sinnlos war. Die Trauer darüber wirft einen nicht zu beseitigenden Schatten auf die erhoffte Vollendung, die eben dies nicht mehr wird sein können. Der Nationalsozialismus hat insofern wirklich einen Bruch bewirkt, aber nicht bloß einen mit der Zivilisation, sondern die Zivilisation hat in ihm mit sich selbst gebrochen. Vorher war sie mit sich uneins, aber ungeschieden. Der Bruch hat zur Klärung beigetragen. Der Westen hat in einer durch den Nationalsozialismus begünstigten Sturheit diese Klärung verleugnet, und so überdauert unter dem Deckmantel des Westens noch, was der Nationalsozialismus schon erledigt hatte. Seitdem ist der Westen nur dank des Kalten Krieges, der das Ergebnis des Zweiten Weltkrieges, das nicht ausgemacht war (Richard Overy), zementierte, in einer hegemonialen Stellung. Doch schon werden die Grundzüge der neuen Nachkriegsordnung erkennbar und der Westen, seiner selbst unbewusst – wüsste er sich selbst, müsste er sich als Verein freier Individuen übersteigen –, zeigt immer weniger Resistenzkräfte gegen das, was während der Blockkonfrontation gegen den jeweils anderen Block in Stellung gebracht wurde und sich seit dem Ende des Kalten Krieges von dem einzig verbliebenen Hegemon emanzipiert.

Das Gleichzeitig-Ungleichzeitige, das gegenwärtig Überholte, wird innerhalb der kapitalistischen Totalität von dieser funktionalisiert und weist gerade dadurch über die Gegenwart hinaus. Die Demokratie in Europa speiste sich nicht nur aus der Erinnerung an die helle Antike, sondern auch aus der realen Ungleichzeitigkeit z.B. der germanisch-alemannischen Traditionen, wie sie in den Schweizer Tälern bis in die Neuzeit überdauerte. So besiegten die „zurückgebliebenen“ bäuerlichen Schweizer als protomoderne Infanterie nicht nur die ritterliche Kavallerie, sondern wurde die Schweiz auch zum Exporteur und Beispiel demokratischer Ideologie. Für Marx war die Privatisierung des germanischen Gemeindeeigentums Anstoß zur Kritik der politischen Ökonomie und zur Hinwendung zum Kommunismus. Selbst in dem bekannten marxistischen Modell der geschichtlichen Stufenfolge kehrt die Vergangenheit als verwandelte in der Zukunft wieder, legt der Kommunismus sein Ur- ab und läutert sich durch den historischen Prozess von Blei zu Gold. Aber was sich heute in der Zukunft zusammenzuschließen droht, wirft auch einen Schatten auf die Vergangenheit. Horkheimer sprach schon bevor die Judenvernichtung geplant war davon, dass „die Ordnung, die 1789 als fortschrittliche ihren Weg antrat, von Beginn an die Tendenz zum Nationalsozialismus in sich [trug].“ [31] Was 1789 ungeschieden war, war aber nichts vormodern-vorkapitalistisches mehr, sondern der Kapitalismus selbst tendierte zum Nationalsozialismus hin.

Der Islam als besonderer Ausdruck der allgemeinen Entwicklung reicht nicht nur bis in die Vergangenheit hinab; vom Kapital als automatischem Subjekt ergriffen, umgeformt und funktionalisiert, reicht er über dieses hinaus und ist ein Stück realisierter Dystopie – vergegenwärtigte Zukunft. Was sich in Gaza und im Iran abspielt, ermöglicht einen Ausblick auf die Schrecken, die das Morgen bereithält. Die Reportage aus dem „Land der letzten Dinge“ im Fernsehen wird zur Selbstbetrachtung aus der Ferne. Denn so sehr sich der Islam als Erbe des Kapitalismus empfiehlt, ist er doch auch „nur“ eine besondere Ausformung der kapitalistischen Prinzipien. Er hebt auf, was sich in der Entwicklung des Kapitalismus auf dessen Weg angesammelt hat, und formt dies zu etwas Neuem. Der Kapitalismus will sich selbst als Islam, in welchem er sich selbst beerbt. So wie der Schlüssel zur Anatomie des Affen die des Menschen ist, so kann auch die islamische Vergangenheit erst durch den Islam der Gegenwart entschlüsselt werden.

Tradition und Moderne

In gewandelter Form und anders als sie selbst meinen, sind die modernen Islamideologen der Tradition tatsächlich treu. Schon in der Vergangenheit war der reine, von jeglicher Vermittlung bereinigte Islam eher in den städtischen Zentren, die vom Handel lebten, als auf dem Land zu Hause. Auf dem Land bedurfte es zur Schlichtung von Streit zwischen den einzelnen Gesellschaftssegmenten in Ermangelung einer hierarchischen Spitze besonderer Personen, die diese Vermittlung besorgen konnten. Die mit dieser Aufgabe betrauten, charismatischen Personen (Marabouts, Sufis) sind aus Sicht des orthodoxen Islam eine menschliche, nicht von der Schrift autorisierte Zugabe und damit unislamisch. Allerdings basiert – das ist banal, aber trotzdem richtig – der sich als rein gerierende städtische Islam immer auch auf einer Interpretation, die ihre Zeit nicht verleugnen kann. Nur weil sich eine Interpretation als Interpretation verleugnet, wird sie dieses Manko nicht los. Wenn allerdings der gesellschaftliche Rahmen beständig gleich bliebe, könnte dieser Islam durch die Zeit gleich bleiben. Doch selbst wenn man die inneren islamischen Entwicklungen leugnet, so haben sich zweifellos mit dem Anschluss an den Weltmarkt und der kapitalistischen Revolutionierung der islamischen Gesellschaften die Rahmenbedingungen radikal verändert. Ein bestimmtes traditionelles Muster jedoch hat sich verwandelt in der modernen Welt erhalten, das auch die Gruppe Morgenthau in ihrem Text anspricht. In der Vergangenheit gab es insbesondere im Maghreb einen Zyklus der Dynastien, den zuerst Ibn Khaldun (1332-1406) beschrieb und theoretisch erfasste.

Dieser Theorie zufolge drangen nomadische Stämme, die aufgrund ihrer ökonomischen Situation und ihrer gesellschaftlichen Segmentierung selbst in einem permanenten Kriegszustand lebten, in ein städtisches Zentrum ein, eroberten die Macht und installierten eine Dynastie. Behilflich bei diesem Unterfangen waren den Nomaden orthodoxe, islamische Gelehrte, die ihnen die Tore öffneten und ideologische Schützenhilfe gaben, weil die bestehende Dynastie, durch den Reichtum der Stadt verweichlicht, ihrer Aufgabe, den Handel zu schützen, nicht mehr nachkam und dem Genuss verfallen ein unislamisches Leben führte. An die Stelle der alten trat also jeweils eine neue Dynastie, die nach einigen Generationen das gleiche Schicksal ereilte. Dass die orthodoxe, rigorose Islaminterpretation gerade dort beheimatet ist, wo Handel, also praktische Vermittlung, getrieben wird, ist kein Widerspruch, ein analoges Phänomen ist mit dem Protestantismus auch im Christentum bekannt: Der göttliche Wille bzw. Gnade werden zur Legitimation eines Reichtums, dessen man sich würdig erweisen muss. Weil die dekadenten Herrscher sich unwürdig zeigten und zudem durch ihr ausschweifendes Leben den Bürgern auf der Tasche lagen, mussten sie Platz machen.

Durch die modernen Verwaltungs-, Kommunikations-, Transport- und Gewaltmittel schien es so, als könne es einzelnen Potentaten gelingen, diesen Zyklus zu unterbrechen und sich und ihre Nachfahren dauerhaft an der Spitze zu installieren. Mittels des Geheimdienstes, der Armee, der Polizei und ein wenig Wohlfahrt sah es so aus, als könnten die Herrscher weiter ihrem feudalen Leben frönen. Doch je mehr sie sich zu ihrer Legitimierung auch der traditionellen Islamgelehrten bedienten und diese in ihr Herrschaftssystem zu integrieren versuchten, kam unter diesen und den Gläubigen Unmut über diese Indienstnahme auf. Schon vor neunzig Jahren entstand mit der „Muslimbruderschaft“ eine Organisation, an deren Spitze mit der Herrschaft unzufriedene Intellektuelle standen, die, sich auf den Islam berufend, dazu aufmachten, die Massen zu mobilisieren und die Herrschaft zu stürzen. Im Unterschied zu den früheren salafistischen Islamgelehrten hatten ihre Führer selten eine traditionelle Ausbildung und ihre Truppen kamen nicht aus der Wüste, sondern aus den Vororten, in die die nomadische und agrarische Bevölkerung, ebenfalls als Folge der Modernisierung, gezogen war. Sie schufen ein ganzes Netzwerk von Organisationen und Verbänden, das darauf angelegt war, die Souveränität des Staates in allen Belangen des sozialen Lebens zu unterminieren. Ihre neue Interpretation des Islam war von Anfang an auf die praktischen Probleme des modernen Lebens gerichtet, und als Massenideologie war sie von Anfang an antisemitisch. [32] Dieser islamische Antisemitismus ist nicht einfach der alte, theologisch begründete Antijudaismus, sondern ein auf die Synthesis der kapitalistischen Gesellschaft zielender Erklärungsversuch für die islamische Misere. Die alten Ressentiments wurden um im Westen parat stehende Bilder und Theoreme ergänzt, die in den Rahmen der modernen Interpretation Einlass fanden. [33] Dass dies so mühelos gelang und dass bis heute die antisemitischen Hetzschriften die Bestsellerlisten in der islamischen Welt anführen, beweist nicht nur, dass es eine traditionelle islamische Judenfeindschaft gibt, an die der moderne Antisemitismus anknüpfen konnte, sondern auch, dass der Islam tatsächlich in der Gegenwart angekommen ist. Der Erfolg der Neuinterpretation war so durchschlagend, dass er heute auch an den traditionellen Institutionen islamischer Gelehrsamkeit unterrichtet wird.

Kurz vor Schluss

Eine Gruppe aus Halle hat sich die Mühe gemacht, auf die Tasten zu hauen und eine Kritik an Thomas Mauls Thesen hinzurotzen. [34] Doch was als Abrechnung beginnt, endet mit einem Eigentor, das in seinen Grundzügen hier kurz nachgestellt werden soll, weil es als pars pro toto unverdauter antideutscher Kritik stehen kann.

Am Anfang des Textes wird gegen Maul der Vorwurf erhoben, seine Position sei identitär, weil er von den Muslimen beziehungsweise dem Islam spreche, diesen also eine Identität unterschiebe, statt eben Identität zu kritisieren. Diese illegitime Verallgemeinerung wird im Text auch Essentialismus genannt. Identität, Essenz und Wesen seien Verallgemeinerungen, die den Einzelnen Gewalt antäten, weil diese von „Grenzlinien“ durchzogen seien, mithin also gar keine Identität besäßen. Man glaubt es diesen Blödsinn verfassenden Existenzen gerne, dass sie keine Identitäten besitzen, weil sie am Ende nicht mehr wissen, was sie am Anfang schrieben. Am Ende - oh Wunder! - reklamieren sie nämlich einen Vernichtungsantisemitismus für Deutschland, der dadurch zum Wesen Deutschlands erklärt wird. Welches Unrecht damit den deutschen Existenzen angetan wird, die auch Tierfreunde, Umweltschützer und Freiheitskämpfer waren, kann nur der „Freundeskreis des 25. Januar“ selbst ermessen.


 Anmerkungen:

[1] Uli Krug, Gegenaufklärung und Islam. Erste Thesen zur Notwendigkeit der Kritik des ‚ungeglaubten Glaubens’, in: Bahamas, Nr. 36/2001.

[2] Vgl. Thomas Maul, Der gefesselte Odysseus. Über das Verhältnis von Trieb und Terror im Islam, in: Bahamas, Nr. 60/2010; ders., Sex, Djihad und Despotie. Zur Kritik des Phallozentrismus, Freiburg i. Br. 2010; Gruppe Morgenthau, Die Nacht der Vernunft. Zur Sozialpsychologie des islamisierten Subjekts, in: Prodomo. Zeitschrift in eigener Sache, Nr. 14/2010.

[3] Theodor W. Adorno, Dissonanzen. Musik in der verwalteten Welt, in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 14, Frankfurt/M. 1997, S.131f.

[4] Karl Marx, Grundrisse zur Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1953, S. 365.

[5] Gruppe Morgenthau, Nacht der Vernunft, a.a.O., S. 31.

[6] Maul, Odysseus, a.a.O., S. 25.

[7] Ebd.

[8] Theodor W. Adorno, Zur Lehre von der Geschichte und von der Freiheit, Frankfurt/M. 2006, S. 161.

[9] Ebd., S. 159.

[10] Ebd., S. 160.

[11] Maul, Odysseus, a.a.O., S. 25.

[12] Ebd.

[13] Ebd., S. 32, Fn. 5.

[14] Ebd., S. 32.

[15] Ebd., S. 35.

[16] Adorno, Zur Lehre, a.a.O. ,S. 62.

[17] Ebd.

[18] Ebd., S. 63.

[19] Gruppe Morgenthau, Nacht der Vernunft, a.a.O., S. 31.

[20] Ebd.

[21] Ebd., S. 33.

[22] Ebd., S. 31.

[23] Ebd.

[24] Ebd.

[25] Ebd., S. 32.

[26] Ebd.

[27] Ebd.

[28] Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd. 1, MEW 23, S. 49.

[29] Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd. 3, MEW 25, S. 298.

[30] Marx, Grundrisse, a.a.O., S. 363f.

[31] Max Horkheimer, Die Juden und Europa, in: Zeitschrift für Sozialforschung, Nr. 8/1939-40, (Reprint, München 1980), S. 129.

[32] Vgl. zum Beispiel die Kapitel „Islam and Private Ownership“, „Islam and The Class System“ „Islam and Sexual Repression“, „Religion: The Opium of the People?“ in: Muhammad Qutb, Islam – The Misunderstood Religion, Lahore 2003 (16. Auflage).

[33] Siehe hierzu auch Franz Forst, Wo die Welt noch in Ordnung ist. Die Düsseldorfer Linke zwischen Sozialarbeit und Antiimperialismus, in: Prodomo. Zeitschrift in eigener Sache, Nr. 9/2008, S. 25-30.

[34] fuenfundzwanzigster.wordpress.com/2011/06/14/thomas-maul-essentialistische-marchenstunde/