Ausgabe #15 vom

Editorial

In eigener Sache

Liebe Leserinnen und Leser,

 
 „Sex sells“ ist das Refugium heruntergekommener Pop- und Filmstars, die nach etwas Aufmerksamkeit lechzen. Und auch wenn diese Gleichung meist nicht aufgehen will, ist sie dem Autonomen Zentrum im unschönen Stadtteil Kalk der unschönen Rheinmetropole Köln anscheinend in Fleisch und Blut übergegangen, weswegen man sich anschickt, die Lüsternheit des Ersteren durch die Androhung des Zweiteren zu unterbinden. Weil Sex irgendwie mit Geschäft = Unterdrückung bzw. Unterdrückung = Geschäft zu tun haben muss, entschlossen sich die unkompromittierten Kapitalismus- und Herrschaftskritiker des AZ, ihren Besuchern ein virtuelles Kopftuch aufzusetzen, welches selbstverständlich – seinem muslimischen Vorbild gleich – aus eigener Einsicht in die Notwendigkeit, also freiwillig getragen wird. Hatte man sich schon etwas länger auf Partys durch Sittlichkeitsvorschriften gegen den Austausch von Zärtlichkeiten verwehrt, weil diese bei Menschen aus anderen Kulturkreisen auf Unverständnis stoßen könnten, so musste man schon bald zu härteren Mitteln greifen. Pünktlich zu seinem ersten Geburtstag sagte das AZ alle Festivitäten ab, weil es seinen Bemühungen um eine herrschaftsfreie, also totalitäre Atmosphäre zum Trotz nicht gelungen war, sexistische Übergriffe zu verhindern. Worin diese bestanden haben sollen, wurde aus Rücksicht auf die Definitionsmachtwillkür nicht geklärt, aber das war auch gar nicht notwendig. Denn schon lange gilt auf der Spielwiese linksautonomer Befindlichkeiten das Motto: „Ja heißt Nein! Gegen jede Sexualität“.

Problematisch wurde die Geschichte erst durch die Aufmerksamkeit von Lokalpresse und Polizei, welche mit dem dramatischen und aktivistischen Gestus der autonomen Selbsterklärung freilich erst hervorgerufen wurde. „Sex-Skandal im Autonomen Zentrum“ titelte die Bild-Zeitung, und man sah schon Kachelmann und Strauss-Kahn im Verbund mit diversen katholischen Priestern in den Räumen des AZ den ihnen zugeschriebenen Sittenwidrigkeiten nachgehen. Doch standfeste Autonome lassen sich von der Herrschaft nicht in ihre Freiräume hineinspielen. Stattdessen etablierte man eine Institution namens „Spaßbremse“, welche dazu da ist, den selbstbestimmten Raum möglichst frei von jeder Form der Intimität zu halten. Wer nicht kuscht, sondern knutscht, kriegt dann wohl doch die Herrschaft der tugendterroristischen Blockwarte zu spüren. So spielt das AZ in seiner armseligen Provinzialität vor, was man sich in Köln-Kalk unter einem kommenden Aufstand vorstellt: Die Herrschaft des verallgemeinerten Verdachts zur Unterdrückung jeder lustvollen Regung des Einzelnen. Da bleibt nur zu hoffen, dass die arabischen Aufstände, welche den Kölner Autonomen als Sexualitätsersatz wohl schon so manche Bettdecke befeuchtet haben dürften, sich als doch noch anders geartet herausstellen als die Phantasien und Andichtungen ihrer AZ-Groupies. Ansonsten blieben gleichermaßen für die autonomen Muslimbrüder von Köln-Kalk wie für den „neuen Nahen Osten“ nur die Worte einer Dame, die es schon immer besser wusste: „Fuck the new Middle East“ (Samantha Jones, Sex and the City 2). Die Redaktion Köln, Juli 2011