Ausgabe #15 vom

Die Spatzen twittern es von den Dächern

RICHARD KEMPKENS

Für Esther.

Als aber Johannes im Gefängnis die Werke des Christus hörte, sandte er durch seine Jünger und ließ ihm sagen: Bist du der Kommende, oder sollen wir auf einen anderen warten? Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und verkündet Johannes, was ihr hört und seht: Blinde werden sehend, und Lahme gehen, Aussätzige werden gereinigt, und Taube hören, und Tote werden auferweckt, und Armen wird gute Botschaft verkündigt. Und glückselig ist, wer sich nicht an mir ärgern wird! (Matthäus 11, 2-6)

Das von sichtbaren und unsichtbaren Komitees1 ersehnte Ereignis, das die Revolutionäre von den Feiglingen, die Echten von den Falschen, die Harten von den Zarten scheiden soll, hat sich, ähnlich einer Stichflamme in zuvor ausgegossenem Benzin, mit frappierender Plötzlichkeit durch Nordafrika und den Nahen und Mittleren Osten ausgebreitet. Auch wenn die jüngsten Entwicklungen „von Tunis bis Teheran“, wie Thomas von der Osten-Sacken die Dimensionen dieses beschleunigten Brandes mit noch zu prüfendem Optimismus bezeichnet, noch nicht an einen Punkt gelangt sind, wo Sieger und Verlierer eindeutig zu identifizieren wären, und alles eine erste, schemenhafte Gestalt Annehmende noch die Vorläufigkeit des Übergangs bekundet, ist bereits jetzt ein in der arabischen Welt unerhörter Vorgang zu konstatieren. Gerade manche der misstrauischsten Kritiker des islamischen Elends finden sich durch alle ihre Befürchtungen hindurch zu Hoffnungen und Projektionen beflügelt, die nicht minder frappierend als die Revolte selbst sind.

Bevor aber so illusionsbefreit wie möglich die Frage beantwortet werden kann, ob das rasche Drama, das zunächst in Tunesien als Jasminrevolution auf die geschichtliche Bühne geraten ist und in der gesamten islamischen Welt immer noch vielfach, vielstimmig und in Jemen, Syrien und Libyen zunehmend gewalttätig widerhallt, tatsächlich einen epochalen Wechsel, eine wirklich neu aufgeschlagene Seite der blutigen Chronik der Region einleitet – letztlich bleibt die Antwort hierauf dem geschichtlichen Ergebnis selbst vorbehalten –, bevor also der Gegenstand betrachtet wird, ist es zunächst vonnöten, die Reflexion auf seine westlichen und insbesondere islamkritischen Betrachter zu lenken, die selbst Teil der Historie sind.

Menschen, die den Anspruch erheben, ideologiekritisch zu sein, haben nicht selten eine regelrechte Serie biographischer Reinfälle und bitter bereuter Besuche in linken Sackgassen hinter sich. Dass viele von ihnen einst in projektionsbegünstigend fernen Regimes - zu denen auch das nun ums Überleben ringende Muammar al-Gaddafis zählt - einen Ankerplatz für ihre romantische Gegenpositionierung in einem vermeintlichen außerhalb des üblen Ganzen fanden, erfüllt sie heute mit Scham und, teils zum Schaden ihrer Erkenntnisfähigkeit, mit ängstlicher Vorsicht. Gewiss ist es gut, die eigenen Gedankenfluchten durchschaut habend zur Besinnung gekommen zu sein, doch vieles, das sich als nach juvenilen Eskapaden nunmehr aufgeklärt gibt, ist in Wirklichkeit abgeklärt. Es gibt in der Tat kaum einen stärkeren Hinweis auf den beginnenden, selbstverschuldeten Kretinismus, als der als altersmilder Spott getarnte Hass auf die verzweifelten und meist fehlgeleiteten Fluchtversuche Anderer. Der Zynismus manifestiert sich nicht wegen ihres freilich fast sicher vorhersehbaren Misslingens, sondern wegen ihres beharrlichen Wiedererscheinens, das die eigene Einrichtung in der Welt der Erwachsenen stört. „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ wird, wie so viele zu bonmots verstümmelte Gedanken Adornos, ganz gegen die an den Gitterstäben wenigstens noch rüttelnde Intention in ein absolvierendes Einverständnis mit dem irdischen Jammertal umgemünzt. Man könnte sich ebenso gut mit der beliebten Absage an etwaige Glücksforderungen behelfen, die da lautet: „Das Leben ist kein Ponyhof.“

Andere, die ebenfalls durch fortwährende Enttäuschungen und Demütigungen zu einer den eigenen Verstand retten sollenden Grundskepsis gelangt sind, haben sich in der selbstauferlegten Abstinenz von spontaner Begeisterung dennoch etwas vom jungen Alexander erhalten, dem angesichts der unlösbaren Verknotung der Realität das Schwert in den Sinn oder gar in die Hand gerät. Die mentalhygienische Disziplin, das intellektuelle Aushalten einer Ohnmacht, die die Jungen vergreist, die Alten verkindlicht und alle verdummt, die also bereits durch ihre bloße Fortsetzung Katastrophe ist, wird vom Wunsch reprimierter und unglücklicher Massen, sich schreiend und schlagend aus ihrem gesellschaftlichen Alpdruck zu befreien, herausgefordert und gereizt, es erinnert an tief Empfundenes und lange unausgesprochen Gebliebenes. Der Vorsatz, sich nicht dumm machen zu lassen, akkumuliert unter der nüchternen Oberfläche manch ein abgespaltenes aktionistisches Verlangen, das droht, sich mit der plötzlichen Heftigkeit einer aufgestauten und unterdrückten Leidenschaft des Kopfes zu bemächtigen.

Dabei ist Kritik, jenseits des gar nicht gegensätzlichen Begriffspaars von Resignation und Aktionismus, jenseits davon, die Ohnmacht zur existentiellen Konstante zu machen oder sie durch Beschäftigungstherapien zu verleugnen, immer noch als Kopf der Leidenschaft aufzufassen. Sie hat den euphorischen Fatalismus zu überwinden, ohne zur fatalen Euphorie zu werden. Kritik bezieht ihre Gültigkeit und Kraft daraus, dass sie sich um der uneingelösten und unerfüllten, weil mit der schlechten gesellschaftlichen Totalität unentwirrbar verwobenen menschlichen Bedürfnisse willen ins Handgemenge begibt. Sie hat der Unmöglichkeit, falsche von echten, gar künstliche von natürlichen Bedürfnissen zu scheiden, mittels eines Wahrheitsanspruchs standzuhalten, der Unglück, Leiden und Tod angreift. „Die Wahrheit wird euch frei machen“2, wenn sie als sich entfaltende Negation des Verblendungszusammenhangs anhand seiner inhärenten Widersprüche begriffen wird.

Insoweit hat z.B. die etwas gealterte Parole „If I can't dance, it is not my revolution“ ihre Halbwahrheit, müsste aber gerade in Bezug auf die Aufstände in der islamischen Welt dahingehend radikaler formuliert werden, als dass Tanzen letztlich vermitteltes Ficken bzw. die Vermittlung zum Ficken ist - dies ist den islamischen Sittenwächtern als dezidierten Glücksfeinden weit klarer als den Apologeten des vermeintlich unschuldigen Vergnügens.3 Die Parole müsste also wahrheitsgemäß lauten: „If I can't get laid, it is not my revolution“, was sich freilich nicht gegen die Vermittlung, gegen die Zivilisierung und Ästhetisierung des Bedürfnisses kehrt, sondern gegen die sowohl vermittelte als auch unvermittelte repressive Versagung.

Der Blick auf die revolution, die ja nun doch televised wurde, kollaboriert mit den Verkürzungen, Expertisen, rasenden Reportern, Bilderstrecken und Al-Jazeera-Frontberichten, in die die Kulturindustrie nicht nur die Wahrnehmung des Geschehens, sondern auch vorher schon das zu Geschehende selbst in eine telegene Form drängt, und auch die im guten wie schlechten Sinn demokratischeren Mittel wie YouTube-Videos, facebook-Seiten und die SMS-Gerüchteküche twitter unterliegen dem Trend zum jingle, zur Selbstmanipulation der global community. Die verkürzte Aufmerksamkeitsspanne, die weniger ein Bildungsdefekt der zivilisierten Massen als eine Notwendigkeit des generellen Bescheidwissens zwecks bloßen, ankunftlosen Weiterkommens ist, macht aus allem Ausschnitte, Ikonen und Karikaturen, in gebildeteren Sphären heißen sie Diskurse, die stets den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Die Durchmusterung sozialer Phänomene unter allzuschlichten Kategorien der Nutzbarkeit für eigene, in die Welt hinausprojizierte Dogmen oder Ambitionen affiziert jedoch unweigerlich den Fokus des Denkens und korrumpiert letztlich das Moment der Wahrheit, die kritische Sprengkraft darin.

Xenophobe und xenophile Projektionen, insbesondere die feindlichen Fraktionen des Orientalismus, schieben sich mal subtil, mal aufdringlich mit wahrnehmungsstörender Wirkung zwischen den Betrachter und den Gegenstand.

Eilfertig wurde z.B. von diversen Seiten versichert, dass bei den Aufständen und Protesten in Tunesien keine langen Bärte und Kopftücher dominierten, man konstatierte erleichtert, dass der alarmierende Ruf „Allahu akbar!” kaum oder gar nicht erscholl. Unter Beschwörung des immer noch guten Ganzen wurde über diverse antisemitische Wandschmierereien hinweggegangen, die ein Gleichheitszeichen zwischen Ben Ali, dem Staat Israel und den Nazis setzten, und als die Berichte über den Aufmarsch vor der Synagoge von Tunis eintrafen, komplett mit Al-Qaida-Flaggen und exterminatorische Absichten anmeldenden Khaybar-Rufen, wurde auch dieses Vorkommnis recht schnell zur nicht überzubewertenden, hässlichen Nebenerscheinung erklärt und mit der tatsächlich bemerkenswert großen Demonstration aufgewogen, die sich in Tunis gegen diesen Aufmarsch richtete. Dieses Aufwiegen stellt aber letztlich eine Verkennung der quantitative Verhältnisse transzendierenden Dynamik des Antisemitismus dar und lässt die zu stellende Frage nach der kritischen Qualität der anti-islamistischen Willensbekundung außer Acht. Manche lautstarken, die grüne Gefahr bereits anvisierenden, anti-islamistischen Parolen der kurzfristigen intellektuellen Avantgarde – also die von Ben Alis Machtapparat vernachlässigten Hochschulabsolventen, die facebook-kompatiblen Zöglinge der vom tunesischen Sippenracket ebenfalls kurzgehaltenen Mittelschicht – wurden dankbar von der New York Times bis zur Jerusalem Post aufgegriffen, woraufhin die Protestbewegung folgerichtig von deutschen Blättern wie der SZ abgemahnt wurde, die ‘moderaten Islamisten’ in den tunesischen Transformationsprozess ja einzubinden.

In vielen diesbezüglichen Gesprächen, Artikeln, Vorträgen und postings erscheint es fast so, dass die letzten 1300 Jahre Islam, zumindest im ziemlich rasch als „fortgeschritten“ und „zivilisiert“ titulierten Tunesien, nur ein gewaltiges historisches Missverständnis gewesen seien, und den mit ihrem politisch-ökonomischen Elend nun konfrontierten Massen seien aufgrund schieren Leidensdrucks nun schlagartig jene ideologischen Schuppen von den Augen gefallen, die sie nach Jahrhunderten der Unterwerfung auch noch 60 Jahre lang daran gehindert haben, sich dem autoritär-korporatistischen Staat zu widersetzen.

Ein Gespenst geht um im von Spukgestalten übervölkerten Europa; in den verlassenen, versiegelten, mit Gerümpel gefüllten und von Spinnweben verhangenen Dachkammern der Utopie entfaltet sich paranormal activity, Klopf- und Poltergeister sowie ungerächte Tote lassen die Bewohner nicht zur Ruhe kommen, und für manche nimmt das Ektoplasma, das sich aus den Glasfaserleitungen windet und auf den Flachbildschirmen irrlichtert, nun die Züge Mikhail Bakunins an: z.B. erblickt der rasende Philosoph Alain Badiou auf dem Tahrirplatz ein alle für den Staat schier unlösbaren Probleme mit Leichtigkeit überwindendes, herrschaftsfreies, spontanes und schon deshalb geniales Kollektiv.4 Freilich ist es in der jenseitigen Sphäre mit der Identität der Erscheinungen so eine Sache, die angeblichen Auferstehungen Emiliano Zapatas und Simón Bolívars der letzten Jahre haben bereits viele verwirrt.

Das comeback des bakunistischen Impulses ist mehr oder weniger bewusst gegen den marxistischen Determinismus gerichtet, als eine vermeintliche Überwindung der stumpfen und menschenfeindlichen Geschichtsteleologie. Nun ist aber der die Entscheidungsfähigkeit des Individuums rein voluntaristisch verteidigende Drang nur an der Oberfläche mit der revolutionären Ungeduld der alten Anarchisten verwandt, die immerhin noch wussten, dass es auf die bewusste, geplante und kollektive Schaffung eines revolutionären Bewusstseins und herrschaftsfreier Organisationsstrukturen ankommt. Vielmehr nähert sich die Beschwörung des Massenspontaneïsmus dem unendliche materielle und psychische Zerstörungen herbeifiebernden, bereits vom Ende der Geschichte her redenden Größenwahn des Unsichtbaren Komitees, welches die Befreiung der Individuen paradoxerweise mittels ihrer totalen Reduktion auf terrorisiert-terrorisierende Exekutoren des Ereignisses propagiert.

Es wird von Vielen, auch trotz aufkommender eigener Zweifel, immer wieder auf einer in ihrer gleichzeitigen Unhintergehbarkeit wie Unableitbarkeit an metaphysische Dispute um die Existenz Gottes erinnernden prinzipiellen Möglichkeit beharrt, dass die Menschen plötzlich, einfach so, den Verblendungszusammenhang, der sie in ihren gesellschaftlichen Verhältnissen einwebt, wie den vorhin erwähnten gordischen Knoten durchschlagen, dass sie ihre wirklichen Interessen – namentlich individuelle Freiheit und Autonomie - entdecken und den ideologischen Deckel über sich aufsprengen können, wenn sie es denn nur wollen.

Hier kommt es aber vielmehr darauf an, den bürgerlichen Idealismus zu durchschauen, dem auch ein anarchistisches Element nicht fremd ist, wie nicht nur die historischen Bewegungen, sondern auch die Produktion der Kulturindustrie, namentlich die Werbung (liberté toujours...) beweisen. Dieser Freiheits- und Glücksdrang ist als Desiderat der materialistischen Kritik aufzuheben, und die Parolen, die den altgewordenen Bürgern seitens ihrer noch nicht akkommodierten Nachkommenschaft zuweilen entgegengeschrien werden bzw. den altgewordenen Demokratien seitens ihrer nordafrikanischen Nachahmer begegnen, sind daraufhin radikal zu kritisieren, dass ihr idealistischer Anspruch, ihre bürgerlich-kapitalistische Ausprägung und notwendiger historischer Verfall sie immer schon in eine neureligiöse Nebelregion, ins Reich der Weihnachtsansprachen und Leserbriefe verbannt hat, dass die freiheitlichen Begriffe in der heutigen Unendlichkeit spätkapitalistischer Agonie zu kaum mehr als zum liberalen Gemüt dem Diktat des Sachzwangs unterworfener Zeiten taugen.

„Kaum mehr“, dies sei jedoch unter Preisgabe argumentativer Wucht zugegeben, enthält bis auf Weiteres immer noch die Wahrheit Churchills von der bürgerlichen Demokratie als der schlechtesten Einrichtung der Gesellschaft, abgesehen von allen anderen, die bisher versucht wurden, und dies wächst z.B. unter den repressiven Verhältnissen in Tunis und anderswo zur Parole verzweifelter Hoffnung der Bremer Stadtmusikanten: „Etwas Besseres als den Tod findest du allemal.“ Freilich drängt sich diesem Selbsteinwand wiederum ein Selbsteinwand auf, der daran erinnert, dass dies auch die literarische Losung des Hauptmanns von Köpenick war, also der Farce, die in Deutschland der Tragödie vorausging. Doch um der Warnung Adornos willen, dass Dialektik nicht dem Gang der Echternacher Springprozession folge, muss auf den Ausdruck „kaum mehr“ beharrt werden, da er die kommunistische Weigerung transportiert, das bürgerliche Fegefeuer zu perpetuieren und mittels seiner Verewigung zu der Hölle zu machen, die Deutschland einmal verwirklicht und nunmehr für immer ermöglicht hat und die mancherorts schon in Gestalt neuer falscher Aufhebungen auflodert.

Das Desiderat, das sich also im Erschrecken über die gar nicht so fremden und fernen Verhältnisse in den disaster areas regt, das sich in den stumpfsinnig ausgeklügelten Lust-, Genuss- und Freiheitsvisionen der Zeitungsbeilagen und Programmunterbrechungen entstellt bei den Individuen zurückmeldet, muss also zur praktischen Bewegung werden gegen „alle Verhältnisse... in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, oder es verdunstet weiter zum immer schwächer nachhängenden Parfüm des bürgerlichen Zeitalters und der in ihm entstandenen Individuen.

Im Fall Tunesiens bedeutet dies aber, auch für den sympathisierenden und auf vielerlei hoffenden Betrachter, sich zunächst alle Illusionen aus dem Kopf zu schlagen, die an verspätet eintreffende Jahreszahlen wie 1776, 1789 oder auch nur 1848 in einer Welt nach 1933 glauben wollen, in einer Welt also, in der es kein ,Außerhalb‘ der spätkapitalistischen Krise mehr gibt und die wie auch immer nachholende Entwicklung postkolonialer Gesellschaften ohne konkurrenzfähige Produktionsmittel weniger Aussicht hat, auf einem so gründlich durchgesetzten wie unsterblich kollabierenden Weltmarkt die Verhältnisse menschenwürdig zu gestalten, als metaphorische Hunde auf der Rennbahn eine Chance haben, den verdammten Hasen zu erwischen.

Es bleibe der Hinweis nicht ausgespart, dass bei allen Nachholmodellen einschließlich China und Russland sich das Bild der Hunderennbahn bislang insoweit bestätigt hat, als dass das Nachholen kein Ende hat und die Ungleichzeitigkeit sich fortbestehend nur verschiebt.

In Tunesien hatte sich das Nationalprojekt unter dem Staatsgründer Bourghiba zwar in ein prowestliches Programm inklusive Säkularisierung und Frauenemanzipation gekleidet – was ihm einen aus heutiger Sicht doppelbödigen Vergleich mit Atatürk einbringt – doch die ehemalige, zentralistische Kolonialverwaltung wurde nicht strukturell beseitigt, sondern schlicht von Paris nach Tunis umgeschaltet und mit einem für das kleine Land gewaltigen und für Exkolonien, nicht zuletzt französische, typischen Administrationsapparat ausgestattet, der mit der Einheitspartei Destour (Verfassung) völlig verschmolz, später Neo-Destour genannt, noch später PSD (Sozialistische Verfassungspartei) und schließlich RCD (Demokratische Verfassungssammlung), mit zuletzt einem Drittel aller Tunesier als Mitglieder, Klienten, und auch Zuträger und Abschnittsbevollmächtigte.

Kaum ein Bereich des öffentlichen Lebens hat sich der direkten Kontrolle der bisherigen Staatspartei RCD entziehen können, wobei die keynesianistischen Modernisierungsimpulse ein oberflächlich beeindruckendes Verwestlichungsprogramm mittels der Macht über die Zugänge zum Arbeitsmarkt, zu subventionierten Karrieren, und mittels einer rücksichtslosen Repression durchgesetzt haben, was insofern zu einer optischen Täuschung bei den jüngsten Ereignissen geführt haben kann, als dass z.B. islamistische Strömungen weder durch lange Bärte noch Kopftücher kenntlich werden konnten, da diese Kennzeichen im bisherigen Regime eine Garantie für Arbeitslosigkeit und andere Entbehrungen waren und die islamistischen Gruppierungen von Ben Ali rigoros reprimiert wurden.

Die Bereitschaft nicht weniger Beobachter der tunesischen Revolte ist aber leider recht hoch, dermaßen auf eine stark voluntaristische, also bürgerlich-idealistische Revolutionsvorstellung zu rekurrieren, dass sich die Nichtwahrnehmung dessen einstellen kann, was nicht sein darf, wobei den Tunesiern allerlei liberale Tugenden angedichtet werden, deren Wirklichkeit sich nach dieser zornigen Jasminblüte erst noch zeigen muss.

Mohamed Bouazizi sei an dieser Stelle erwähnt, und die ihm bisher folgenden elf weiteren traurigen Selbstverbrennungen in Nordafrika, die in ihrer gesellschaftlichen, mobilisierenden Wirkung an den schiitischen Kult um die erschossene Neda Agha-Sultan bei der iranischen Opposition gemahnen – wenngleich die aktuellen Suizide den für islamische Verhältnisse bemerkenswerten Aspekt haben, dass die Sterbewilligen keine Umstehenden in ihren verzweifelten Freitod mit hineinreißen. Dennoch sind die von den Verehrern gemachten, zahlreichen Musikvideos und Votivbilder der schuhadã' ath-thaura („Revolutionsmärtyrer“) weniger vom hellen Zorn über die menschenunwürdigen Bedingungen geprägt, die Bouazizi und andere veranlassten, sich qualvoll zu töten, als von der Verklärung des der Nation nun geweihten maximalen Opfers. Es gibt auch im liberalen Tunesien die Tendenz, das unschuldige Opfer notfalls selbst zu liefern, selber für die Gräueltat zu sorgen, die den gerechten Zorn entfachen soll. Nicht, dass es etwa an Gewalttaten der Sicherheitskräfte fehlt, doch Bouazizi traf mit seiner Selbstverbrennung in aller Öffentlichkeit den neuralgischen Punkt, das identifikatorische Moment: Seht, zu was ihr mich gezwungen habt. Diese den Weiterlebenden vertraute Geste aber, wenngleich nicht der blindwütigen Destruktivität der Dschihadisten äquivalent und für den Moment säkular gewendet, ist doch in der im Bereich des Islam keine weitere Erklärung erfordernden Kombination von Opferung, schockierender Respektsverschaffung und apriorischer Verantwortungslosigkeit zumindest emotional verwandt. Wenigstens lässt sich dies über die Trauerkultur, wenn nicht über die toten Protagonisten behaupten.

Der ausgemacht optimistische, also euphemistische Hang der begeistertsten Kommentatoren übertrug sich mit den Kreisen, die das tunesische Ereignis in der arabischen Welt zog und weiterhin zieht, auf die Situation in Ägypten, Bahrein, Jordanien, Jemen, Libyen und Syrien, wo die Gegenwart der Muslimbruderschaft und ihrer vollends dschihadistischen Derivate beharrlich relativiert und wahlweise klein- oder schöngeredet wird. Dies geschieht im Vergleich zur insgesamt besseren Aussicht auf eine menschenfreundliche Entwicklung in Tunesien unter Verdrängung, Leugnung und sogar absichtsvoller Verzerrung der Lage in diesen anderen Ländern. So hat es leider auch Hamed Abdel Samad auf dem Tahrirplatz ereilt, der seine höchst individuelle Entwicklung vom Islamisten zum Freidenker und Broder-Beifahrer allzu einfach auf seine Landsleute übertragen hat und bereits in seinem letzten Buch Der Untergang der islamischen Welt wähnt, dass das islamische Problem sich bald von selbst lösen wird. Er verfällt einem Irrtum, der in sich bereits eine gute Begründung der Ideologiekritik bietet: Dass eine Ideologie mit dem Obsoletwerden ihrer materiellen Entstehungsbedingungen verschwindet oder auch nur ihren Griff über den Menschen lockert, ist keineswegs ausgemacht. Es ist vielmehr so, dass z.B. der Islamismus eine Modernisierungsbewegung mit antimoderner Identität ist, eine aus dem Bewusstsein von Krise und Auflösung der Traditionen rührende Integration, die alles andere als konservativ ist, dass z.B. der moderne antisemitische Impuls sich als ein dem unwiderstehlichen Objekt nachsetzender bezeichnen lässt, der gerade dort seine größte Destruktivität entfalten kann, wo ihm seine Projektionsfläche verloren zu gehen droht. Hamed Abdel Samad redet sich mit allerbesten Absichten in eine Verkennung des Islamismus als feudales Überbleibsel hinein, das mittels ein Paar frecher tweets bald als nackter Kaiser durchschaut werden und folglich in sich zusammenfallen wird, wobei Abdel Samad immerhin die Gefahren dieses Einsturzes des Dãr as-Salãm nicht leugnet. Nur gerät er zunächst in seinem Buch und dann auf dem Tahrirplatz in den verräterischen, triumphalistischen Tonfall, den auch das Unsichtbare Komitee unter Beschwörung einer zukünftigen Apokalypse in Permanenz bemüht, wo es um die ganz und gar nicht entschiedene Gegenwart ginge, und solchen interessierten Feldherrenblicken gilt immer noch das Wort Hegels aus der Vorrede zur Phänomenologie des Geistes: „Denn statt mit der Sache sich zu befassen, ist solches Tun immer über sie hinaus, statt in ihr zu verweilen und sich in ihr zu vergessen, greift solches Wissen immer nach einem Andern, und bleibt vielmehr bei sich selbst, als dass es bei der Sache ist und sich ihr hingibt.“5

Slavoj Žižek hat mit Tariq Ramadan bei Al Jazeera eine gegen den Westen und Israel vorfreudig die Messer wetzende Diskussion über die Vorgänge in Ägypten geführt.6 Zur Verbildlichung des Scheiterns Mubaraks und seiner imperialistischen Hintermänner hat er auf eine seiner bevorzugten popkulturellen Referenzen zurückgegriffen, nämlich der klassischen Szene aus Tom und Jerry, in der der musophobe Kater im Eifer der Verfolgung über den Rand eines Abgrunds hinausläuft und so lange in der Luft schwebend weiter rennt, wie er den Abgrund unter ihm nicht bemerkt, um dann, das Furchtbare erkennend, für einen köstlich verzögerten Moment wissenden Stillstands direkt in die Augen des Zuschauers zu blicken und plötzlich in die Tiefe zu stürzen. (Übrigens hat eine erste Sichtung der Archive ergeben, dass Žižek ein ebenso schlampiger Zuschauer wie Denker ist: Tom und Jerry, wo die besagte Szene kaum einmal vorkommt, ist nichts als ein minderwertiges Plagiat der manisch-fröhlichen Looney Tunes. In letzteren ist mittels der grandiosen Abstürze Wile E. Coyotes bei seiner fanatischen Jagd auf den Road Runner die Inszenierung des dialektischen Umschlags von Beschleunigung in Gravitation zur zeitanhaltenden, erkenntniskritischen Kunst erhoben worden. Von daher lautet der fachgerechte Name des Vorgangs eben Road-Runnering.)

Unser Mann in Ljubljana übersieht - auch das ist auf seine eigene Weise köstlich, wenngleich nicht so bewusst und gewiss nicht so lustig wie bei Tom bzw. Wile E. Coyote - dass das durch reine Behauptung aufrechterhaltene Schweben über dem Abgrund gerade in der islamischen Welt immer schon das Kennzeichen der Herrschaft gewesen ist, dass der Islam gerade aus der Weigerung, die einfachsten Tatsachen anzuerkennen, seine größte Kraft bezieht und dass schließlich auch die ganze Veranstaltung namens Kapitalismus, dieser ungeheure, ungedeckte und vordatierte Scheck präzise wegen der schieren Dimension seiner Insolvenz nicht platzen kann.

Angesichts der nun drohenden Verschärfung der ökonomischen Krise werden die von der westlichen Presse und Administration (ganz zu schweigen von Islamisten europäisch geupgradeten Zungenschlags wie Tariq Ramadan) mitgetragenen Rufe nach einem ‚moderaten Islam‘ wie in der Türkei Erdoğans lauter. Westliche Liberale und Linke rufen nach der Erfüllung des Versprechens eines modernisierten, krisenadäquaten und ‚wirklich demokratischen‘ Volksstaates, einem tuning Tunesiens oder erdoğanizingÄgyptens; und all dies geschieht als ein vorauseilendes Echo der noch gar keine Mehrheiten bildenden ‚Soft-Islamisten‘, sei es, dass sie sich wie in Tunesien erst durchsetzen, sei es, dass sie wie in Ägypten von der an langjährige Traditionen gebundenen Muslimbruderschaft erst zur angekündigten ‚nicht-theokratischen‘ Partei entwickelt werden müssen. Deutlicher kann nicht gemacht werden, dass der ‚kritische Dialog‘ selber die Rackets herbeiruft und instandsetzt, oder zumindest ihren Aufstieg entscheidend befördert. Deren Existenz behauptet er lediglich zu konstatieren, während er in Wirklichkeit hilft, sie zu konstituieren. Ebenso deutlich sollte mittlerweile sein, dass antiwestliche Ideologien sich immer mittels einer nicht primär geographischen östlich-westlichen Debatte artikulieren, die bereits im Kopf der postkolonialen Subjekte als mythologisierende Tendenz der falschen Aufhebung stattfindet, oder als eine Art nachholenden und fehlgeleiteten Vaterkonflikts. Diese Tendenz hat dabei im antiaufklärerischen, ‚systemkritischen‘ Ressentiment westlicher Intellektueller einen akademischen, publizistischen und nicht zuletzt politischen Nährboden. Zwei klare und zum Thema passende Beispiele östlich-westlicher Diwane, auf denen die Restvernunft entschläft, wären Sayyid Qutbs Wegmarken (das ideologische Resultat eines von vornherein auf dieses Resultat zielenden US-Aufenthalts Ende der 40er Jahre) und Edward Saïds Orientalismus (1978 während seiner Professur an der New Yorker Columbia University geschrieben).

Der adäquateste Maßstab für das über den Moment hinausgehende Ereignis sind nicht die immer neu von Freund und Feind reproduzierten Bilder eines islamischen angry mob, der auf der vielbeschworenen arabischen Straße mit Koranen und blutigen Postern voller Kinderleichen herumfuchtelt. Diese Bilder, die das globale Phänomen bis zur Verkennung vereinfachen, sind in ihrem jetzigen Erscheinen oder einstweiligem Ausbleiben nicht so relevant wie der qualitative Inhalt, der sich in den Forderungen der populistischen Erhebung entfaltet, wie die Motivation der Protagonisten und ihres zunehmenden Anhangs, der in Tunesien schließlich sogar die verhasste Polizei Ben Alis und in Ägypten die ausdrücklich wegen des Krieges gegen Israel beliebte Armee aufnahm.

Es sei nur am Rande bemerkt, dass die ägyptische Armee bereits in ihren neuen Job hineingewachsen ist und mit ähnlichem Fleiß wie die Schergen Mubaraks etwaige Kritiker - wie jüngst den die neue Redefreiheit und die Bürgerrechte allzu sehr beim Wort nehmenden und, horribile dictu, offen proisraelischen Blogger Maikel Nabil Sanad - ins Visier nimmt und gegebenenfalls den Dunkelkammern des kritischen Dialogs zuführt, wo das bewährte Instrumentarium der Zangen, Bohrer und Elektroden auf sie wartet. Für seine Interventionen gegen Antisemitismus, Christenverfolgung und Kontinuität der Folter bezahlt Sanad nun mit drei Jahren Gefängnis.7

Die Armee hat die Bestrafung der Volksfeinde angekündigt, also der designierten Schuldigen an einer Misere, die doch von der selben Armee verteidigt wurde. Gleichzeitig hat sie unter dem Motto der postrevolutionären „Normalisierung“ das Ende der Demonstrationen verfügt, hierin von den Muslimbrüdern unterstützt, denen durch die modernisierenden Impulse einer ursprünglich säkular auftretenden Initiative unverhoffte Macht in den Schoß gefallen ist.

Oft begannen große Revolutionen, die eine neue und bessere Epoche der Menschheitsgeschichte einleiteten, mit auf den ersten Blick beinahe mickrigen und oberflächlichen Forderungen nach etwas Brot, mehr Mitbestimmung und Zurücknahme irgendeiner besonders lästigen oder quälenden Einrichtung, doch die Bewegungen nahmen rasch in ihrer Wucht zu, wenn die objektive, systemimmanente Unfähigkeit des jeweiligen ancien régime offenkundig wurde, selbst die einfachsten Bedürfnisse zu befriedigen.

Thomas von der Osten-Sacken aber beharrt bei jeder Station seiner leidenschaftlichen Werbetour zugunsten der Revolte ‚von Tunis bis Teheran‘ darauf, dass die neuen Freunde, die er auf den so plötzlich erwachten Straßen und Plätzen Tunesiens kennengelernt hat, sich eine Einordnung des Geschehens als schnöde Hungerrevolte verbitten und den Anspruch erheben, eine politische und keine soziale Revolution zu sein. Dies bedeutet aber nichts anderes als die Rekonfiguration der Herrschaft, das nationale update unter Beibehaltung von Eigentumsverhältnissen, die sich nicht nur als materieller Gegensatz von Arm und Reich äußern, sondern auch als sich durch alle gesellschaftliche Sphären ziehende, in den Rechtsvorstellungen wie in den materiellen Verhältnissen verankerten Unterwerfung der Frauen zum Eigentum ihrer männlichen Aufseher.

Die physische Erscheinung der Vorstadtjugendlichen in Kairo, aber auch der vom Land nach Tunis strömenden Demonstranten erinnert nicht an die krassen Sichtbarwerdungen des Hungers, wie sie weiter südlich in Afrika auftreten. Doch das Gros vor allem der ägyptischen Beteiligten an den Ausschreitungen war insgesamt eher ärmlich gekleidet, viele so jung wie mager, es sind weitgehend die unfreiwilligen Veganer Ägyptens, für die Fleisch und Käse teure bis unerschwingliche Güter sind, die hier die Hauptlast der Kämpfe getragen, jedoch nicht den politischen Hauptgewinn gezogen haben. Die in allen Medien verbreitete Meldung, dass Mubaraks Gefängnisse während des Kairoer meltdown ihren gefährlichen Inhalt auf die ägyptischen Straßen ergossen hätten und spontane Nachbarschaftskomitees der guten, bewaffneten Bürger gegen diese Verbrecherflut gestanden hätten, ist nur, wenn überhaupt, ein Teil der Wahrheit. Denn die Welle von Plünderungen und Überfällen auf die etwas bessergestellten Viertel enthält letztlich eine weniger im Bewusstsein als in den materiellen Verhältnissen selbst angelegten Drohung mit sozialen Revolten, die sich hinter der politischen anmelden, also mit der Gefahr, dass diejenigen, die während des Aufstands, der primär der Mittelschicht zugute kommen soll, als Kanonenfutter und drückende Masse gedient haben, die Gelegenheit nutzen, um ihrerseits an die Fleischtöpfe Ägyptens zu gelangen. Und es sei keinen Augenblick darüber hinweggetäuscht, dass die immer schon überflüssigen und extrem verarmten Massen der Stadtränder in ihrem hungrigen Hass auch nach dem Fleisch der schönen Frauen downtown gieren, dass sie im Zweifelsfall um der Rache und der Beute willen dabei sind und das Potential zeigen, beim nationalen Erwachen aus Ägypten ein Land of the Dead zu machen.

Es spricht vieles dafür, dass sich hier zumindest ein Aspekt der französischen und letztlich aller bürgerlichen Revolutionen im Tempo des XXI. Jahrhunderts wiederholt hat: das panische Bündnis der Bürger mit den kooperationswilligen Kräften des ancien régime, dem Militär und den Klerikern zur Verhinderung einer drohenden Bauern- und Proletariererhebung. Der Unterschied aber liegt in der gänzlich verschiedenen Stufe kapitalistischer Vergesellschaftung. Auf die unruhigen Massen von heute warten keine künftigen Fabriken, nicht einmal Arbeitshäuser, und ihr Elend wird von Rackets verwaltet und reproduziert. Größere politische Freiheiten unter Produktionsverhältnissen, die aus den Massen freie Arbeitslose machen, werden sie nicht zwangsläufig, aber folgerichtig nach den Futtertrögen der konsolidierten Nation, dem integrierten Racket, verlangen lassen. Aus ihren Reihen lassen sich auch neue Prätorianer des kommenden Gesamtrackets erheben, die ägyptischen Vorstadtlumpen haben ihre Bereitschaft, zur auf Volksfeinde losgelassenen Meute zu werden, bereits bewiesen.

Proteste der politischen Art - von der Osten-Sacken vergleicht sie gern mit 1848 - haben sich in der Tat vor allem in der tunesischen Revolte hören lassen, und weder die dortige Menge an bürgerlich-revolutionären Grafitti, noch die große Teilnahme junger Frauen, noch die prompte Beseitigung der Todesstrafe - ein Unikum in der arabischen und im größten Teil der islamischen Welt – sollen geleugnet werden, doch sie haben von Anfang an auch einen im schlechtesten Sinn französischen Charakter aufgewiesen: durch die Inflexibilität des herrschenden kleptokratischen Clans, der sich auf das außenpolitische Kalkül klassischer Containment-Politik stützte, hat der Umbruch besonders dramatische Züge erhalten, ohne dass die zentralistisch-administrative Struktur der tunesischen Gesellschaft radikal in Frage gestellt wurde – dies wird an der sich durchziehenden Forderung nach mehr staatlichen Jobs, vor allem für die Hochschulabsolventen, deutlich, oder auch nach einer Rückkehr zu den im Zuge der ‚Liberalisierung‘ z.T. aufgekündigten Subventionen für Landwirtschaft und Handwerk, oder nach effizienterer Bekämpfung der Korruption mittels einer partizipatorischen Neugestaltung der Verwaltung.

Quantitative Forderungen wie diese, die mit aller Berechtigung nach einem mehr an Wohltaten und einem weniger an Zumutungen rufen, nach größerer administrativer Effektivität und good governance in einer Gesellschaft, die in historischer Reihenfolge 1. vom dort angeblich so irrelevant wie milde gewordenen Islam, 2. von der ‚gütigen‘ Autokratie Bourghibas bei der Nationsbildung und 3. von der ‚bösen‘ Diktatur Ben Alis bis zum jetzigen Kollaps geprägt worden ist, werden tendenziell zu noch auszufüllenden Leerstellen für keynesianistische Reformer. Eingedenk der voraussichtlichen Krise sozialdemokratischer Wunderkuren auf einem Weltmarkt, der, wie nicht zuletzt Ben Alis Geschichte beweist, für solche defizitären Modelle kaum noch Spielraum übriglässt, wird diese Konstellation zur möglichen Plattform für das nächste Integrationsregime, welches, wissend um den raschen Abgang seines Vorgängers, dem Volkszorn einen besseren Schuldigen an der Misere als sich selbst anbieten zu lernen müssen wird.

Fast alle Reiseveranstalter hatten ihr Tunesienprogramm bis auf Weiteres eingestellt und bieten nun Preissenkungen an, die sich jetzt schon im Land auswirken, wobei die Gesamtkapazitäten stark gekürzt worden sind. Die Bettenburgen, die bislang ca. 13% des BIP aufbrachten, werden sich in diesem Sommer kaum füllen – es sei denn, der Revolutionstourismus à la Thomas von der Osten-Sacken entpuppt sich noch als der große Knüller der Reisebranche. Die jährlichen Direktinvestitionen Europas in Höhe von ca. 20 Milliarden € sind ebenfalls gefährdet und die Ratingagenturen haben schon in den ersten Tagen der Erhebung begonnen, das Urteil des Sachzwangs auszuformulieren: von BBB+ herunter auf BBB (Februar 2011), weitere updates, präziser: downgrades, die sich direkt in menschliche Verelendung übersetzen lassen, sind angedroht, das neueste rating (März 2011) dekretiert BBB-. Die Kapitalflucht wird im wahrsten Sinne des Wortes durch die vielen geplünderten und abgebrannten Geschäfte und Werkstätten befeuert.

Yachten und Sportflugzeuge waren schon vor der Revolte ein eher seltener Anblick an den einst wirtschaftswunderlichen tunesischen Stränden, denn abgesehen vom Prunk Madame Ben Alis und ihres Anhangs, der die zur moralisierenden Luxuskritik gravitierenden Obsessionen der Aufständischen fesselte, dominierten dort vielmehr Luftmatratzen und Plastikliegestühle von Billigtouristen, denen strebsame arabische Doktoranden als Kellner dienen mussten – in diesem touristischen Bereich hat sich die ganze tunesische Misere reproduziert, die darin besteht, dass man nicht unbedingt erlöst wird, auch wenn man strebend sich bemüht und alles ‚richtig‘ gemacht hat: Säkularisierung, Alphabetisierung, Nationalisierung, zuletzt etwas Neoliberalisierung und nun vielleicht sogar die révolution. Die Interimsregierung spricht von angestrebten und nichts geringeres als ein Wunder erfordernden 9% Wirtschaftswachstum, um der seit der Erhebung eher schlimmer als besser gewordenen Arbeitslosigkeit Herr zu werden.

15.000 Tunesier haben aus der aktuellen Situation bereits ihre individuelle Konsequenz gezogen und sind, den durch die italienische Küstenwache mittlerweile wieder behobenen Ausfall der tunesischen Grenzsicherung ausnutzend, als höchst unwillkommenes variables Kapital nach Lampedusa abgewandert.

Schärfer noch trifft es Ägypten, dem Land geht z.Z. monatlich eine Milliarde US$ an Tourismuseinnahmen verloren. Die desaströse ökonomische Lage ist durch die ‚rein politische‘ Revolution in diesem Land keineswegs gelöst oder auch nur in Angriff genommen worden, während die zinskritische Scharia8 zur Rechtsgrundlage der neuen Verfassung gemacht wird. Überhaupt lässt sich der den Intentionen der ersten Proteste etwas ungerechte Eindruck nicht abschütteln, Zuschauer der Zirkusankunft und -abreise gewesen zu sein, oder weniger grob gesagt, lässt sich nicht eine stete Zunahme, sondern vielmehr ein steter Verlust von radikaler Wahrheit in der Geschichte dieser Revolten feststellen. Denn kaum, dass all die enthusiastischen Artikel über den religionsübergreifenden, geschlechterversöhnenden und islamreduzierten Demokratiefrühling geschrieben sind und der böse, weil von den Imperialisten eingesetzte Pharao Mubarak sein Volk endlich hat ziehen lassen, füllen sich die Zeitungen mit Berichten über die wunderbar organisierten Aufräumarbeiten am Tahrirplatz. Das nun garantiert von keinerlei westlichen Dunkelmännern angeleitete Volk baute nicht nur eigenhändig die improvisierten Unterkünfte ab, half den Soldaten beim Einrollen des Stacheldrahts, beseitigte den Müll und kehrte den Boden, sondern es fegte auch gleich die unbotmäßigen Frauen vom Platz, die noch gar nicht begriffen hatten, dass die Show vorbei ist und dass die gestern noch live berichtenden und sie schützenden Kamerateams heute schon zum anstehenden Raketenhagel auf Israel abgerufen worden sind. Hier wurde die interessante Funktion der Überflüssigen als Männer fürs Grobe, ihr SA-Potential sehr deutlich, und ebenso deutlich war auch das die Demonstrantinnen am Weltfrauentag preisgebende Abrücken der Tahrir-Demokraten. Dabei hätte, wenn schon nicht der internationalen Öffentlichkeit, doch den ägyptischen Feministinnen, die mit dem Stand der Gleichberechtigung im Lande mehr als vertraut sind, Wochen zuvor die Beinahe-Gruppenvergewaltigung der vom Mob als Jüdin designierten US-Journalistin Lara Logan als Hinweis auf die Janusköpfigkeit der Revolte dienen müssen, aber die meisten eben dieser Feministinnen haben noch in Aussicht auf den Triumph über Mubarak den Vorfall als reine Provokation, als Diskreditierungsversuch durch Mubaraks Handlanger interpretiert. Die Selbstzensur der liberalen und säkularen Kräfte, die unter dem Motto „das sind nicht die wahren Ägypter“ reagierten, also die unbedingte Rettung der Revolte über die Frage nach ihrer Qualität stellten, hat sich schließlich gegen sie selbst gekehrt, denn die Feministinnen wurden eben unter Hinweis auf den Vorrang des Machtwechsels, des Aufbaus einer Post-Mubarak-Nation, zur Seite geschoben. Interessanterweise brennt aber den an solchen Nebenwidersprüchen uninteressierten Demokraten die Kündigung des Friedensvertrags mit Israel geradezu auf den Nägeln.

Ägypten gibt offiziell 79 Millionen Einwohner an und müsste nach vielen Schätzungen in Wirklichkeit mindestens 83 bis 86 Millionen zählen - die statistische Differenz von einigen Millionen kann ohne großes Risiko als Ausdruck der Überflüssigkeit mindestens dieser mehrheitlich sehr jungen Menschen übersetzt werden, und es ist ja nicht so, dass man wüsste, wie sich all die anderen, die konzedierten 79 Millionen, versorgen sollen. Es gibt keine guten Aussichten für die unruhigen, größtenteils ungebildeten, von Verschwörungstheorien und Sexualängsten chronisch befallenen und gründlich durch Diktatur und Bruderschaft indoktrinierten Massen, von einem noch so gewaltigen Liberalisierungsschub zu profitieren. Es ist vielmehr so, dass die aufrührerische Stimmung, die sich in Ägypten auch bei den politisch weniger Interessierten aufgebaut hatte, genau aus dem Herausfallen aus dem bzw. gar nicht erst Hineinkommen so vieler ins korrupt-paternalistische Klientelsystem rührte, in Verbindung mit einem scharfen Anziehen der Lebensmittelpreise und den Auswirkungen der Überproduktionskrise. Wer immer nun in Nordafrika an die Macht kommt, wird Kredite brauchen und das Kleingedruckte der good governance dafür anbieten, also weitere Subventionen und Protektionen, weitere Bevölkerungssegmente der Elendsverwaltung der nun in den Staat inkorporierten Rackets preisgeben müssen.

Ruhe und Ordnung in Tunesien, Ägypten und sonstwo in der islamischen Welt sind für die potentiellen Geldgeber und Bündnispartner der nächsten Regimes so überragend wichtig, dass sich den reformierten strongmen noch vor ihrem eigentlichen Erscheinen, und dieses Erscheinen befördernd, die Hand des Vulkaniers Barack Obama entgegenstreckt, und Franzosen und Deutsche nach einer schnell vergangenen Phase vorsichtigen Abwartens, ob sich Ben Ali oder Mubarak nicht doch noch halten könnten, derzeit gegenseitig mit Hilfsangeboten für die anstehenden Demokratisierungen zu überbieten suchen. Dabei engagiert sich Sarkozy, wegen seiner extrem langen Leitung nach Tunis bis auf die Knochen im alten französischen Revier blamiert und von alles andere als verheißungsvollen Wahlen daheim bedrängt, nun mit dem Eifer des reuigen Sünders gegen das libysche Regime, zu dem Berlusconi lieber schwieg und das Erdoğan, besorgt um die von türkischen Unternehmen in Libyen investierten 30 Milliarden US$, vor ausländischen Einmischungen bewahren wollte.

So bleibt denen, die trotz all dem in den arabischen Revolten partout einen Ansatz zu einem Aufschein der Bedingung der Möglichkeit von etwas qualitativ Besserem erblicken wollen, nichts anderes als die Hoffnung – die ja laut dem Apostel Paulus dem Denken Kühnheit verleiht9 –, dass die Individuen, die dort zu ihrer eigenen Überraschung geschichtsgenerierende Massen gebildet haben, die Unmöglichkeit einer wirklichen Besserung der Erbärmlichkeit an der Regierung unter Konservation der ihr zugrundeliegenden Erbärmlichkeiten durchschauen und in eine radikale Umgestaltung der Produktionsverhältnisse vorwärtsstürzen, anstatt wie jetzt, ob sie es nun wollen oder nicht, langfristig für eine noch reibungslosere Verbindung von Volk und krisenmeisterndem Staat zu sorgen und das integrierende Bedürfnis zu schaffen, dessen wahnsinnigste, aber zumindest lokal nicht wirkungsmächtigste Ausprägung Al Qaida ist.

Von der Wahrnehmung Tunesiens ausgehend ist noch während der Niederschrift dieses Textes vor allem Eines von der Anbahnung zur Verwirklichung fortgeschritten, nämlich die illusionäre Selbstberuhigung gegenüber dem anstehenden Transformationsprozess in Ägypten und den anderen vermeintlichen Marionettenregimes des Westens in der arabischen Welt. Die ‚moderaten‘ Tunesier, die in ihrer relativ hohen Bildung und Frankreichanbindung recht genau ahnten, was ihre westlichen Aufpasser gerne und nicht so gerne hören wollten, haben dies im Stil der Farbenrevolutionen des ehemaligen Ostblocks so telegen wie nötig zu produzieren und es gar selbst zu glauben gewusst. Praktisch aber hat die Rede von Demokratie und Menschenrechten den Weg zur Macht der von der Revolte zunächst überraschten, zwischendurch kräftig kreideschluckenden und mittlerweile mit dem Militär gegen die säkularen Kräfte verbündeten ägyptischen Muslimbrüder gebahnt, über deren Triumph man zu staunen sich nicht schämt. Und mit dem gleichen Staunen wird nun in Tunesien konstatiert, dass die zuvor als völlig obsolet eingeschätzte Islamistenpartei En-Nahda nun als der potentiell stärkste Kandidat anzusehen ist.10

Die interessierte Hoffnung des heutigen Liberalismus, die bereits mit dem halben kritischen Dialog und dem ganzen Antizionismus der Zukunft schwanger geht, lässt sich auch und gerade in den sympathischen Worten Jon Stewarts, des ernsthaftesten Linksliberalen Amerikas, zur Tötung Osama Bin Ladens ausmachen:

„I am way too close to this episode to be rational about this in any way, shape or form. Last night was a good night. For me, and not just for New York or D.C. or America, but for human people. The face of the Arab world in America's eyes for too long has been Bin Laden, and now it is not. Now the face is only the young people in Egypt and Tunisia and all the middle-eastern countries around the world where freedom rises up - Al Qaeda's opportunity is gone. Al Qaeda's opportunity is gone. For the last ten years, Al Qaeda had the world's attention. They apparently wanted an ideology competition, and for all of our rights and wrongs, and the world's rights and wrongs, all Al Qaeda seems to have come up with was: ‚Err, allright, we'll kill some Americans, err, then we'll kill some British people, maybe bombing Yemen or something... Shoe bomb doesn't work? Maybe an underwear bomb.‘ They have nothing! Can they still do damage? I'm sure. But we're back, baby!“11

Die gewiss erfreuliche Beseitigung des angeblichen Höhlenmenschen, der schließlich von einer komfortablen Villa in einem schicken Vorort Islamabads aus zu seinen 72 bitches expediert wurde, wird zur anstehenden, dem Kurs der Obama-Administration komplementären Imagekorrektur des Islam genutzt, es etabliert sich ein Diskurs der demokratischen Relegitimierung des politischen Islam. Dies ist freilich keine Kehrtwende der Außen- und Sicherheitspolitik der USA, sondern vielmehr eine qualitative Stufe der sich schon vor Obama längst parteiübergreifend nachjustierenden geostrategischen Konzepte, die energiepolitischen Sachzwängen folgend Israel nach und nach preisgeben. Bin Ladens Fratze hat bei den Manövern der Diplomatie ein störendes und nun ad acta gelegtes Menetekel der islamisch-demokratischen Machtergreifung dargestellt. Die Versenkung dieses obsolet gewordenen Dschihadisten im Indischen Ozean geschieht gleichzeitig mit der vom neuen Ägypten vermittelten Versöhnung von Hamas und Fatah, der angekündigten Grenzöffnung von Rafah12 und der konstanten Verurteilung der israelischen Siedler in der gesamten westlichen Presse.

Die antisemitische Ideologie Qutbs und Al-Bannas hat das Bündnis mit den liberalen Bloggern nicht gesucht, und letztere hätten sich gewiss verbeten, als Türöffner der Islamisten bezeichnet zu werden - nichts lag ihnen ferner. Und doch ist der ungläubige Tonfall, in dem im Westen von der ägyptischen Entwicklung in Richtung islamischer Demokratie, genauer: antizionistischem Volksstaat berichtet wird, selbst ein Kennzeichen der ideologischen Verblendung. Die Begeisterung der bankrotten Intelligenz für die Affirmation bürgerlicher Parolen auf den arabischen Straßen, für Parolen, die im real existierenden Sachzwang täglich als Phantomschmerz oder gleich als bullshit erwiesen werden, ist verwandt mit der projizierenden Freude der Eltern über den Glauben ihrer Kinder an den Weihnachtsmann, das Christkind oder den Osterhasen. Man weiß ja, wieviel die Geschenke wirklich gekostet haben, aber man gönnt den Kindern und mittels ihrer nicht zuletzt auch sich selbst eine temporäre Aufhebung des trostlosen Betriebs.

So freut man sich auch über die Neuinszenierung des Sturms auf die Bastille in Tunis und Kairo, goutiert die zahlreichen Plakate mit „liberté“, „game over“ und „merci facebook“, verzeiht großmütig Petitessen wie das Skandieren der Parole „Wir sind Millionen Märtyrer für El-Quds“, als wäre es ein kleiner Misston der eifrig vortragenden Kinder unterm Weihnachtsbaum, und schließlich schauen alle gemeinsam dumm aus der Wäsche, weil die Rute Knecht Ruprechts doch noch das Fest beschließt.

Die Blogger und andere säkulare Initiativen haben die faktische, meist weder bewusste noch erwünschte Kollaboration mit den Islamisten bewirkt und die Gangbarkeit der ‚soften‘ Taktik Tariq Ramadans oder Recep Tayyip Erdoğans bestätigt. Der Westen in Gestalt seiner Feuilletonisten, Diplomaten und Ministeriumssprecher hat sich hierzu fast noch mehr ins Zeug gelegt als die lokale Bevölkerung, deren restlose Begeisterung für derlei upgrades zum Islamismus 2.0 selbst in einer zutiefst von der Lehre Al-Bannas beeinflussten Gesellschaft wie Ägypten zunächst auf sich warten ließ. Aber mangels einer Alternative zum Staat des ganzen Volkes, der sich als Staat Gottes übersetzt, wird nun der bereits vorhandenen und gut verwurzelten Struktur der Muslimbrüder gefolgt. Vox populi vox dei wird im Land der Gottkönige wörtlich wahr.

Unter den ersten Gratulanten zur Sidi-Bouzid-Intifada (so der Name der tunesischen Jasminrevolution außerhalb der westlichen Presse, sofern diese überhaupt noch über Tunesien berichtet) fand gleich zu Beginn eine bizarre Liste gegensätzlichster Interessen zusammen, die im tunesischen Aufbruch Chancen für dieses und jenes witterten: Barack Obama mit seiner hand, schon seit 2009 tapfer und beharrlich in einen globalen Hörsaal voller Muslimbrüder outstretched, der iranische Außenminister Ali Larijani, die Hohe Vertreterin für EU-Außen- und Sicherheitspolitik Catherine Ashton, das Außenministerium Mohammeds VI. von Marokko, der Sender Al Jazeera, die Vorsitzende der französischen Sozialisten Martine Aubry, die Hizbollah, der Islamische Dschihad in Gaza, die Rote Antifa Köln, Claus Leggewie, Henryk M. Broder, Thomas von der Osten-Sacken, Nuri Aygün vom Vorstand der Linken NRW, usw.

Vor allem soll die Liste an dieser Stelle zum Ausdruck bringen, wie unbestimmt, projektionsbegünstigend und daher bislang mehr über die Beobachter in ihren mitgeteilten Einschätzungen als über das Beobachtete Aufschlüsse bietend das Geschehen noch ist, und auch diese kleine Meditation hier soll, kann, will und wird nicht kategorisch ausschließen, dass dieses sich noch entwickelnde Geschehen der so aussichtslose wie zu unterstützende Erstling eines tatsächlich epochalen Wechsels im Sinne eines arabischen Mauerfalls ist. Bislang ist zur Freude der weltweiten Intifadisten lediglich die Mauer zwischen Gaza und dem Sinai dabei, zu fallen, die Muslimbrüder und ihre palästinensische Filiale Hamas werden einander bald wiedervereinigt in die Arme schließen und dabei ganz 1989-style„Wahnsinn!“ (arab. „Allahu akbar!“) rufen können. Doch bevor hier auf die Plattitüde rekurriert wird, dass das chinesische Piktogramm für Krise als Kombination der Schriftzeichen für Gefahr und Chance geschrieben wird, wäre vielmehr auf die griechische Bedeutung von Krise als Scheidung oder Urteil zu beharren. Gegen den ausgemachten Optimismus derer, die sich freuen, dass sich in den betonierten arabischen Gesellschaften endlich etwas regt - unter geflissentlicher Absehung davon, was genau -, wäre ein militanter Optimismus aufzubringen, der die Tendenz der Welt, so wie sie ist, aufnimmt und mittels einer rücksichtslosen Kritik aufzuheben sucht.

Was also das für den Moment trotz allem nicht zu leugnende, die Individuen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit befreiende Element in den tunesischen, auch ägyptischen, jemenitischen, libyschen und zwischendurch wieder iranischen Revolte angeht, kommt es darauf an, mit diesem Element solidarisch zu sein, ohne seine Verblendungen zu teilen, wobei die Mühe offenkundig darin besteht, in einer sich stets verändernden Situation das Gleichgewicht zwischen der Illusionsabstinenz und der revolutionären Ungeduld zu halten, mittels rücksichtsloser Kritik die Wahrheit der unerfüllbaren Bedürfnisse gegen ihren ideologischen Verlauf offenzulegen.

Zweifel und Misstrauen sind also gegen die befreiende Kraft der spontanen Massenempörung angebracht. Sie hat sich zunächst in Tunis mit dem Geruch von entflammtem Erdöl und verbranntem Menschenfleisch verbreitet und als Datenfernübertragung, mittels millionenfachen Verlinkens und „Gefällt-mir“-Knopfdrückens, dem größeren Klangkörper Ägypten eine ungleich tiefere und drohendere Melodie entlockt, die längst beim antisemitischen Refrain angelangt ist. Die insistierenden Zweifel sind für die der unzähligen Zumutungen von spezifischer Herrschaft und allgemeiner Verwertung überdrüssigen Menschen in Ägypten, Tunesien und anderswo – hier soll das wichtigste, bereits erwähnte Wort einen Ehrenplatz ganz zum Schluss erhalten – sogar die beste, doch bereits so gut wie vertane Chance.

Anmerkungen:

 

 


     
  1.  Die Länge, Breite und Tiefe des Wahns des Unsichtbaren Komitees wird von Niklaas Machunsky in Bahamas Nr. 61/2001 ab S. 33 eingehend ausgemessen.

      
  2.  
  3.  Johannes 8, 32.

      
  4.  
  5.  Die Rollkommandos der Sittenpolizei, die in Teheran jedes Wochenende über Partygäste herfallen, verteidigen tatsächlich das islamische Regime gegen eine tödliche Gefahr. Auch das Händchenhalten im Park, das von ihnen schwer geahndet wird, ist alles andere als harmlos, weil es die repressive Totalität aufbricht. Selbst und gerade die sublimste Geste der Intimität wird zum öffentlichen Fanal des unterdrückten Triebs.

      
  6.  
  7.  http://www.lemonde.fr/idees/article/2011/02/18/tunisie-egypte-quand-un-vent-d-est-balaie-l-arrogance-de-l-occident_1481712_3232.html.

      
  8.  
  9.  Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Werke, Bd. 3, Frankfurt/M. 1970, S. 13.

      
  10.  
  11.  http://english.aljazeera.net/programmes/rizkhan/2011/02/2011238843342531.html.

      
  12.  
  13.  http://thelede.blogs.nytimes.com/2011/04/11/blogger-jailed-for-insulting-egypts-military-is-pro-israel/?scp=1&sq=Blogger%20Jailed%20for%20Insulting%20Egypt's%20Military&st=cse.

      
  14.  
  15.  Man diskutiert derzeit lieber über islamische Investitionsmodelle und Geschlechtertrennung am Arbeitsplatz als über die Massenarmut.

      
  16.  
  17.  2. Korintherbrief 3, 12: “Da wir nun eine solche Hoffnung haben, so gebrauchen wir große Freimütigkeit.”

      
  18.  
  19.  http://www.nytimes.com/2011/05/15/world/africa/15tunis.html?pagewanted=2&tntemail0=y&_r=1&emc=tnt.

      
  20.  
  21.  The Daily Show, 2. Mai, 2011: http://www.thedailyshow.com/full-episodes/mon-may-2-2011-philip-k--howard.

      
  22.  
  23.  http://www.thedailynewsegypt.com/egypt/egypt-to-throw-open-rafah-border-crossing-with-gaza-fm.html.