Ausgabe #15 vom

Das Kunstwerk der Flammen

Eine Orientierungshilfe für die Großstadt

NILS JOHANN

 Das monatlich herausgegebene Stadtmagazin Stadtrevue – Das Kölnmagazin, dessen Redaktionssitz sich im trendigen und schicken Belgischen Viertel in Köln befindet, versteht sich selbst als „szeneübergreifendes politisches und kulturelles Forum, das seinen LeserInnen durch Themenauswahl und Akzentsetzung Orientierung im großstädtischen Leben bietet.“ [1] Dies gedenkt man nicht etwa nur durch die profane Bereitstellung der Adressen Kölner Museen, Cafés, Kneipen und Clubs, einen Kleinanzeigenteil sowie Informationen über bevorstehende Parties, Konzerte und Ausstellungen zu tun, vielmehr ist man einem weitaus umfassenderen Auftrag verpflichtet. Als aus den sozialen Bewegungen der 70er Jahre entstandenes Kollektiv fühlt man sich auch weiterhin deren Anliegen verbunden. Daher möchte man „kritisch Hoch- und Subkultur, Initiativen von unten und offizielle Stadtpolitik beleuchte[n]. Anspruch der StadtRevue ist es, sich aktiv publizistisch in die politischen Diskussionen der Stadt einzubringen bzw. diese anzustoßen. Gerade in einer Stadt wie Köln mit ihren sprichwörtlichen Verflechtungen von Politik, Publizistik, Wirtschaft und anderen Interessengruppen sieht die StadtRevue es als ihre Aufgabe an, machtkritisch im öffentlichen Diskurs Position zu beziehen.“

Diese machtkritische Verflechtung von Politik, Publizistik und Kneipe hatte daher in ihrer Märzausgabe 2011 ein ganz dem Zeitgeist verpflichtetes Titelthema zu bieten. Auch hier wollte man im öffentlichen Diskurs Position beziehen und angesichts einer „gerade mal hundertseitige[n] Schrift mit dem kraftvollen Titel ‚Der Kommende Aufstand‘“ [2] über die Adressen und Termine jener kommenden Aufstände berichten, die genau wie einst Rio Reiser „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ krakeelen.

Da man sich als Magazin laut Selbstverständnis durch Kompetenz, Anspruch und Originalität auszeichnet, präsentierte man nicht nur einen Artikel des in diesem Zusammenhang scheinbar unvermeidlichen Felix Klopotek, der in den an apokalyptische Filme wie Mad Max erinnernden Zukunftsvisionen der Kommunen des Unsichtbaren Komitees ganz offensichtlich seine Vorstellung eines Rätekommunismus wiederzuerkennen scheint. Neben der dem rheinischen Frohsinn verpflichteten Idee einer Kritik des Kommenden Aufstands in „Form der Besprechung einer coolen Platte“ aus den musikalischen Subgenres Doom, Romantik und Hip Hop, erinnerte man sich noch ganz anderer Zeitgenossen. Während man selbst als Redakteur den ganzen Tag kraftlos vor dem Computer gesessen hatte und nun angesichts der Aufstände in Tunesien und Ägypten gerne wissen wollte, ob das, „was man da gerade im Stream erlebt hat […], ob das, was dort möglich ist, nicht auch hier passieren kann?“, während das journalistische Leben zwischen Arbeit und Café, Club- und Flohmarktbesuch, Kneipe- und Kollektivplenum also immer mehr als eine einzige Ödnis erschien, zog es die Redakteure der Stadtrevue wie magisch zu Personen, mit denen sie sonst zwar keinen regelmäßigen Umgang pflegten, denen sie aber immerhin unterstellen konnten, dass gerade bei ihnen noch das unverfälschte, das wilde und daher immer auch aufregende Leben existiere. So wie die Begeisterung der deutschen Politikredaktionen für die arabischen Aufstände immer auch aus dem Wunsch resultierte, endlich einmal die langweilige Routine der Schreibstube in München oder Frankfurt gegen eine kraftvolle und gefährliche Schlacht auf dem Tahrirplatz oder in Misrata einzutauschen, so wollte man auch in Köln wissen, wie es denn „da draußen“, also nicht in den Kneipen im Belgischen Viertel, sondern beispielsweise bei den legitimen Nachfolgern jener sozialen Bewegungen aus den 70er Jahren aussieht, die heute zu den Unterstützern und Nutzern des Autonomen Zentrums im schmuddeligen Köln-Kalk gehören.

Um eine realistische Einschätzung auf die sehnsüchtige Frage zu bekommen, „ob mit einem Aufstand vielleicht sogar in Köln zu rechnen sein wird“, horchte man bei Kölner Aktivisten nach, denen man gerade dank ihrer festen Verwurzelung in widerständigen Milieus die nötige Kompetenz und Authentizität unterstellte, Fragen nach kommenden Aufständen auch in der Dommetropole fachkundig beantworten zu können.

Allein, die Antworten müssen für die Redaktion überwiegend erschütternd ernüchternd ausgefallen sein. Bei einigen Aktivisten wird man schon aus Zeitproblemen davon ausgehen dürfen, dass sie zur Aufstandsentfesselung nicht befähigt sein werden. So konnte Katharina Sass, die zweite AStA-Vorsitzende für die Linke.SDS schon auf die einfache Frage, ob sie den Kommenden Aufstand denn überhaupt schon gelesen habe, nur antworten: „Es gibt so viel, was man lesen will, man kommt nur so selten dazu.“ Mit solch unsicheren Protagonisten, die sich vollkommen zwischen GesamtAStAsitzung und Regionalforum zur Programmdiskussion der Linkspartei aufreiben, werden kommende Aufstände ebenso schwer zu machen sein wie mit Micha von der Interventionistischen Linken und Claus Ludwig von der SAV, die mit Antworten wie „Aber Vorsicht, insbesondere der 3. Teil [des Kommenden Aufstands, N.J.] ‚Auf geht’s, sich finden, sich organisieren, Aufstand‘ führt direkt in den Tiefschlaf“ oder „Die beschriebenen Taktiken und Strategien hauen mich nicht vom Hocker“ vermutlich vor allen Dingen bemängeln wollten, dass Der Kommende Aufstandüber die Rolle der Partei schweigt und ihnen daher keine Mitglieder für anstehende trotzkistische oder antifaschistische Kaderschulungen in die Arme treiben wird. Man könnte also fest davon ausgehen, dass die gestellte Frage „Wann brennt Köln?“ nicht so bald im Sinne Kölner Stadtmagazine beantwortet werden würde, wenn es nicht doch für die aufstandshungrige Lumpenbourgeoisie im Belgischen Viertel Hoffnung gäbe, weil es noch eine weitere Gruppe gibt, die sich ganz den Parolen des Unsichtbaren Komitees verschrieben hat: den am „Ums Ganze“-Bündnis beteiligten Antifa AK Köln. Auch bei dieser „Assoziation merkwürdiger, linksradikaler, undogmatisch-kommunistischer Individuen, die sich dem Kampf gegen die Gesamtscheiße namens Kapitalismus verbunden fühlt“ pflegt man wie die großen Vorbilder aus Frankreich eine Sprache, die an halbverdaute Bruchstücke aus den Texten der Situationistischen Internationale erinnert und sich in Sätzen wie „Nur unsere Leseart scheidet sich von der Verdauungsrezeption des Feuilletons und vieler Linker. Diese crétins konsumieren das Werk als Trend inmitten jenes Spektakels, dass [sic] sie nicht verstehen wollen, und sehen es nicht als die Kriegserklärung die schon lange fällig war“ als die der Thematik angemessene Mischung aus Überheblichkeit und revolutionärem Herumgeprolle niederschlägt. Auch hier weiß man, wie der Gesamtscheiße namens Kapitalismus am besten beizukommen ist, nämlich durch weniger Demonstrationen [3] und mehr als Aufstände umschriebenes Autoabfackeln, und stellt ganz im Stile Ernst Jüngers, eines anderen großen Freundes brennender französischer Städte, fest: „Letztendlich wird dem Kleinbürger das Kunstwerk der auflodernden Flammen verborgen bleiben.“ Ein solch zugleich schwülstig-distinguierter wie gleichzeitig an sich auf der Rückfahrt von einem verlorenen Auswärtsspiel befindende ostdeutsche Fußballfans gemahnender Gestus macht klar, dass der Antifa AK Köln in der Sprache und den Forderungen des Unsichtbaren Komitees seine großen Vorbilder sieht.

Und dies nicht zufällig: Der vom Unsichtbaren Komitee beschworene Kommende Aufstand mutet wie die konsequente Vervollkommnung der Sehnsüchte des „Ums Ganze“-Bündnisses an. Dieses war immer darauf bedacht, die Massen für eine antistaatliche wie antikapitalistische Bewegung zu gewinnen, um den Wunsch, endlich einmal mit der Gesamtscheiße tabula rasa machen zu können, verwirklichen zu können. Daher präsentierte man beispielsweise jedes Jahr ein neues Thema [4], was nicht dem Verlangen nach einer Kritik an Staat und Kapital geschuldet war, die sich als Erkenntnis und Arbeit am Begriff nicht in starre jährliche Zeitraster pressen lässt. Vielmehr hatte man die endgültige Schlussfolgerung aus all den sich endlos wiederholenden Antifadebatten und der in diesen sich äußernden geringen Aufmerksamkeitsspanne des Publikums gezogen und bot daher direkt jedes Jahr eine wechselnde, mit zahlreichen gemeinschaftsstiftenden Demonstrationen und Mobilisierungen gewürzte Kampagne an, um die halluzinierten Massen wie sich selbst bei Laune zu halten. Da aber selbst dieses populistische Schielen nach den antistaatlich gestimmten Massen einer traditionellen linken Mobilisierung verhaftet blieb und so immer noch ein unsicheres Unterfangen darstellte, muss der Kommende Aufstand als große Verlockung erscheinen. Die marxistische Unterscheidung der Klasse an sich und der Klasse für sich muss nicht mehr getroffen werden, weil bereits die gegen den Staat gerichteten Taten als solche das revolutionäre Subjekt konstituieren. Die Feier der auflodernden Flammen stellt sich so als Abkürzung der „Distanz zur Straße“ (Das Unsichtbare Komitee) im Kampf gegen die Gesamtscheiße dar, der die Sehnsüchte all der objektiv Überflüssigen nach wahrhaftigen, authentisch-kraftvollen Verhältnissen verwirklichen soll, in denen die eigenen kläglichen, aber dennoch als ungemein wertvoll empfundenen Bemühungen nicht scheitern, sondern endlich angemessen honoriert werden. Wenn daher bereits jede offensichtlich antistaatlich gestimmte Tat als Teil einer Erhebung der revolutionären Massen gelten kann, sieht es mit der fälligen Kriegserklärung, die gar nicht so klammheimlich auch längst schon im Belgischen Viertel herbeigesehnt wird, vielleicht doch nicht so düster aus - und sei es, dass die Flammen des Kommenden Aufstandes als Orientierungshilfe in der tristen und dunklen Großstadt dienen mögen.
 

Anmerkungen:

[1] http://www.stadtrevue.de/ueberuns/

[2] Die folgenden Zitate entstammen der Stadtrevue vom März 2011.

[3] Eine Aussage, die im Übrigen überzeugender wäre, listete nicht die Homepage des Antifa AK Köln allein für die letzten 5 Monate die Organisation oder die Beteiligung an 13 verschiedenen Demonstrationen auf.

[4] 2009 organisierte man der „großen staatlichen Jubiläen 2009/2010 20 Jahre Mauerfall, 60 Jahre Grundgesetz, 20 Jahre Einheit“ die bundesweite antinationale Kampagne Staat Nation Kapital – Scheiße, 2010 war dann die Kritik der politischen Ökonomie dran.