Ausgabe #14 vom

Zeit der Völkerzärtlichkeit

RICHARD KEMPKENS

I. We Are the World
 
 
Zur Einstimmung vergleiche man zunächst einmal die zu Ruhe und Besonnenheit mahnenden internationalen Reaktionen auf die 46 Tote fordernde Versenkung der südkoreanischen Korvette Cheonan am 26. März 2010 durch ein nordkoreanisches Torpedo mit der Menge und Lärmintensität der UNO-Versammlungen, Sicherheitsratssitzungen, NATO-Sondergipfeln, Treffen der Arabischen Liga, Massendemonstrationen, etc., die sich mit der Enterung der Mavi Marmara am 31. Mai befasst haben.
 
 Eine Unglück erzeugende, genauer: das Unglück aufdeckende Wahrheit ist trotz ihrer Furchtbarkeit prinzipiell besser als eine tröstende, aber dringende Gegenmaßnahmen aufschiebende Lüge. In diesem Sinne hat die Gangschaltung vom israelkritischen Normalbetrieb in den hysterischen Modus der auf diesen Vorfall folgenden Wochen das Potential, zumindest bei denen, die die Ideologiekritik mit der Realpolitik verwechseln, eine so schmerzliche wie nötige Erkenntnis zu bewirken: Die Isolation Israels bei "Freund" und Feind ist, besonders in Europa, offenkundig geworden, die antisemitische Latenz hat sich, dankbar fürs Ereignis [1], als Virulenz enthüllt und der Blick in die Mördergruben der Herzen ist ungehindert.
 
 Ein unterdrückt und verstellt fortschwelender Antisemitismus hätte immer noch den fragwürdigen, aber praktischen Vorzug, dass es nicht zur offenen, neue Massen von "latenten" Antisemiten aktivierenden Hetze und Gewalt kommt, doch Antisemitismus oszilliert zwischen leiser Insinuation und unvermittelter Hetze mit kaum vorhersehbarem Wahn, und die vermeintlich "sichereren" Phasen stellen sich bei Ausbruch der Virulenz als Zeiten der stillen Rekrutierung heraus. Es ist schlimm, dass sich jetzt so viele Antisemiten outen, doch sie sind es schon vor dem Ereignis gewesen. Nichts ist für den Aufbau des Ressentiments förderlicher als der status quo, die von Marx erwähnte "allgemeine, tatlose Verstimmung", und die öffentlichen Ausbrüche der letzten Zeit sind ihr Sichtbarwerden, das der stillen Wirksamkeit folgt und neue Wirksamkeiten einleitet.
 
 Die jetzige Lage, dieses déjà vu der Prähistorie, die in einem Diluvium der falschen Aufhebung enden will, enthält auch die giftige Erkenntnis, dass die Antisemiten - wie immer - in ihrem Wahn weit enthemmtere Leidenschaften des Kopfes aufweisen als die mit Israel solidarischen Köpfe der Leidenschaft. Letztere sehen sich nun um die kritische Hoffnung betrogen, doch noch Unrecht gehabt zu haben, bzw. rechtzeitig das Volk dazu zu bewegen, "sich vor sich selbst zu erschrecken".
 
 Dass der Hass auf Israel altneue Triumphe feiert, ruft jedoch keine neuen Verteidiger auf den Plan. Die enthüllte Fratze ist für die Ideologiekritik kein Badiou'sches Ereignis, das in sich bereits den aktionistischen Ruf zu den Waffen enthält, sondern sie fördert Ohnmacht und Vergeblichkeit zutage, denen gegenüber das Denken nicht abreißen darf. Stattdessen aber ist im Lager der modernen Dreyfusards Resignation und eine Tendenz zum realpolitischen Einknicken festzustellen.
 
 Gewiss, kaum einer der zahllosen antiisraelischen Lautsprecher erweist sich von der Tendenz her als echte Überraschung, aber vor allem bei den "westlichen" Kandidaten ist eine neue Intensität und Einmütigkeit nicht zu leugnen.
 
 Um nur ein besonders deutliches Beispiel zu nennen: Praktisch ganz Schweden ist jetzt ein einziges Aftonbladet [2]. Die passiv-aggressive lutherische Selbstgerechtigkeit, die sich lieber mit den Konflikten anderer Staaten als z.B. mit der Tatsache beschäftigt, dass das friedensbewegte Schweden der weltweit neuntgrößte Waffenexporteur ist, kristallisiert sich in der Erfahrungsresistenz einer Cecilia Uddén, der beliebten, vielfach ausgezeichneten Kommentatorin und Nahostkorrespondentin von Sveriges Radio, die in einem Interview 2003 ihr kategorisch nordlichterndes Apriori erklärte: "Um den Konflikt ehrlich beschreiben zu können, muss man sich auf die Seite der Schwächeren stellen." [3]
 
 Zu den bekannteren Emissären des nordischen Ressentiments gehörten der Erfinder des trübseligen Moralpolizisten Wallander, Henning Mankell [4], und ein schwedischer Grüner im doppelten Wortsinn: Mehmet Kaplan ist Abgeordneter und Vorstandsmitglied der Grünen Partei und langjähriger Sprecher des der ägyptischen Muslimbruderschaft nahestehenden Sveriges muslimska råd. Zu erwähnen wäre unbedingt noch der Künstler Dror Feiler: Er machte mit einer Installation zu Ehren Hanadi Jaradats, die sich 2003 im Tel Aviver Café Maxim in die Luft sprengte und dabei 21 Menschen ermordete, von sich reden und provozierte einen schwedisch-israelischen Eklat. Feiler ist ein Spezialist für die Inszenierung "zionistischer Repression" und "Zensur", wie so viele der Intellektuellen, Künstler, Schauspieler, Parlamentarier und sonstigen Aktivisten an Bord.
 
 Das wie immer beispielhafte schwedische Engagement, das schon am Tag der Ereignisse 26 große, von Hizbollah- und Hamasanhängern wimmelnde Demonstrationen im Land zeitigte, soll hier nicht mit einer Aufzählung der kaum harmloseren antiisraelischen Hassbekundungen in Europa und sonstwo fortgesetzt werden. Kaum eine Regierung hat sich - bis auf die nun abgewählte niederländische und die tschechische - zurückhalten können, in der spontanen Verurteilung Israels Anschluss an die vox populi zu suchen.
 
 Alles, was an der je eigenen Herrschaft zu kritisieren wäre (Grenzregime, entmündigende Verbote, Gewalthandlungen der Exekutive, Durchsetzung der Verwertungskategorien), aber nicht angreifbar ist, weil es zu sehr mit den Interessen der beherrschten Subjekte verwoben ist und vom Staat effizient verteidigt wird, kann anhand des "zionistischen Gebildes" gefahrlos skandalisiert und denunziert werden. Jede Kritik der israelischen Souveränität legitimiert und zementiert die Herrschaft zu Hause, die, selber projektiv begeistert und zudem dankbar für dieses Ventil in Zeiten der Dauerkrise auf den "bösen Staat" Israel mit- oder allen voran einschlägt, um die eigene Staatlichkeit vor den wohlverdienten Schlägen der Beherrschten zu schützen.
 
 Je totaler die Integration, die Einschmelzung des Individuums ins Kollektiv, desto wütender müssten die Attacken gegen Israel sein. Das wäre eine zu prüfende Faustregel: An der Spitze der Attacken stehen die muslimisch beherrschten Rackets, allen voran der Iran, der der nächsten Gaza-Flotte prompt Geleitschutz durch Kanonenboote der Revolutionsgarden angeboten, dieses Angebot aber nach der Profilierung als Platzhirsch des globalen Antisemitismus wieder zurückgezogen hat. So weit, so richtig. Kaum weniger intensiv wäre die Israelkritik in Russland, China, Südafrika, Mexiko, Brasilien und bei den üblichen Verdächtigen in Süd- und Mittelamerika. Hugo Chávez plauderte den staatsaffinen Sinn der weltweiten Erregung aus, indem er sich selbst als von Mossadkommandos bedroht halluzinierte. Der eifrig beschworene israelische Schurkenstaat ist der Steigbügel der Volksgemeinschaften.
 
 In all den vorangegangen Ländern ist eine ausgeprägte Hilflosigkeit des Einzelnen vor der herrschenden Gewalt vorhanden, sei sie nun eher repressiv-zentralistisch wie in China oder eher korrupt-racketförmig wie in Mexiko. Das heißt, dass die dort Lebenden sich im so verzerrten wie benötigten Bild der unterdrückten Palästinenser spontan wiedererkennen, das ihnen von ihrer Herrschaft angeboten wird, welche wiederum die Rebellion in den erlaubten antiisraelischen Bahnen freigibt und so starke und unterdrückte, von der hoffnungslosen Ohnmacht der Untertanen herrührende Ressentiments kanalisiert. Und die Herrschaft selbst gibt nicht zufällig Israel der Verfolgung preis: Diejenigen, die sich "als Ingenieure der Weltgeschichte aufspielen", gefallen sich als die souveränen Puppenspieler des Ressentiments und hängen selbst an den unsichtbaren Fäden der aktionistischen Illusion.
 
 Welche Schlussfolgerung lässt aber die Anwendung der Faustregel auf die Hasstiraden aus Schweden, Spanien, Griechenland, Irland, ach, der ganzen EU zu? Es ließe sich behaupten, dass hier der wütendste Protest aus den Bereichen herrührt, die man generalisierend als sozialdemokratische disaster areas bezeichnen kann, Ländern und Kollektiven also, wo die ehemals allgegenwärtige Protektion und Subventionierung sich krisenhaft aufzulösen drohen und der einst gültige soziale Pakt, der Alimentierung und Reglementierung verband, in ungefederte und für viele Betroffene aussichtslose Konkurrenz überzugehen beginnt, wobei sich paradoxerweise der ursprünglich auf die Produktion hin zurichtende Griff des Staates nicht im Geringsten lockert, sondern verstärkt.
 
 Die Drohung der Überproduktionskrise, die die immer schon evidente kapitalistische Diskrepanz zwischen Arbeit und Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum drastisch vorführt, wird bislang relativ verschont gebliebenen, sich relativ sicher wähnenden Sphären, Schichten, Nationalökonomien gefährlich und erscheint in der Öffentlichkeit als neue "Finanzkrise" - dieses Stichwort ist mehr ein Signal als ein ökonomischer Begriff. Die das überschüssige Volk zunehmend ins administrative Nichts disziplinierende Absurdität des ideellen, deutsch-europäischen Gesamtkapitalisten tritt offen zutage, bei den Beherrschten wohlgemerkt nicht weniger als bei den Herrschenden. Der Staat wird scheinbar zum Zuchtmeister einer Produktion, die so, wie sie den Anhängern der "Realwirtschaft" vor Augen steht, nicht mehr aus Ostasien nach Europa zurückkehren kann. Aber in Wirklichkeit geht der Gesamtkapitalist dazu über, das Gros der ökonomisch Überflüssigen in experimentelle, ideologisch zugespitzte Formen moderner Leibeigenschaft zu pressen und sie an kurzer administrativer Leine zu Beamten ohne Beamtenprivileg, zu knapp gehaltenem und gründlich formatiertem Staatseigentum zu erziehen, das der Staat wirtschaftsregulierend oder herrschaftsreproduzierend verwenden kann. Dieser verschärfte Abhängigkeitszustand tritt - weil über allen das Damoklesschwert der Überflüssigkeit hängt - mit der gleichen Wucht über die einst halbwegs gesicherten Ufer der Prekarität, mit der die staatlich durchgesetzten Elendslöhne sich bis in die stärksten, noch aus keynesianistischen Zeiten übriggebliebenen Flächentarifverträge auswirken.
 
 Die Subjekte, die von der Herrschaft tief gezeichnet sind, rebellieren nicht gegen sie, weil sie in ihrer Unmündigkeit mehr als alles andere ihr Ableben fürchten und zu keinem eigenverantwortlichen Leben bereit und überhaupt imstande sind. Wohin nun mit der halbbewussten Wut über die tausend täglichen, scheinbar unabwendbaren Zumutungen, Entmündigungen, Entlassungsdrohungen, EU-Richtlinien, Rauchverbote, Weiterbildungsmaßnahmen, Bewerbungstrainings, Kopfnoten, Regelsätze, Passangelegenheiten, Gebührenerhöhungen, Ausschreibungen, etc.?
 
 Dies ist übrigens im menschenrechtlich tiefbewegten Skandinavien besonders ausgeprägt, das Ausmaß der Invasion durch den lutherisch-sozialdemokratischen Staat ist in Folkhemmet-Zeiten ins beinahe Sowjetische angewachsen. Die ungeheuerlichen Gewalttaten, die in den Schwedenkrimis genüsslich ausgebreitet werden, die hohe Alkoholismus- [5] und Selbstmordrate [6], die regelmäßig aufflackernden Kirchenverbrennungen durch satanistisch-neonazistische Zirkel und vielleicht noch die blutige Ermordung Anna Lindhs sind auch Manifestationen sich umzingelt und zersetzt fühlender, der pathischen Projektion und dem Amoklauf affiner Subjekte. Der veröffentlichte Hass auf Israel und die Juden ist all dem gegenüber sozialverträglicher.
 
 Bei aller aufkommenden Wut über die Zumutungen der Herrschaft sind diese schließlich durch kollektive Interessen (Standort usw.) legitimiert, so dass die von den Maßnahmen Ergriffenen ihnen nichts außer ein quengeliges, seine Vergeblichkeit ahnendes Gerede von Immerfleißiggewesensein und Immersteuerngezahlthaben entgegenzustellen haben, mit einem stets zunehmendem Element des Autochthonen und/oder Identitären, das mangelnde Qualifikation ersetzen und die längst ablaufende Entwertung des variablen Kapitals aufhalten soll. Das Gespenst, das in Europa umgeht, ist das Bewusstsein der Überflüssigkeit und die sich daraus nachspeisenden Zwangskollektive.
 
 Die delegitimierte Souveränität des Juden unter den Staaten bietet einen unverzichtbaren Ersatz für die vergebliche oder verunmöglichte Herrschaftskritik, vor allem in Gesellschaften, die Bürokratie und Korruption nicht mehr zu trennen vermögen, wie die griechische, türkische und italienische, oder die am versiegenden Tropf postkeynesianistischer Verwaltungen und ihrer politischen Zuchtmeister des ungeglaubten Neoliberalismus hängen, wie in Stockholm, Paris oder Brüssel (von letzterem Ort aus werden die erzkatholischen Länder Irland, Polen und Spanien alimentiert, die sich wohl nicht zufällig jüngst mit einem äußerst starken Israelhass hervortaten). Ihnen allen ist gemein, dass sie die vielfältig erfahrene herrschaftliche Gewalt zu affirmieren vollbringen, indem sie die abgespaltenen, Leid bewirkenden Elemente dieser Gewalt beim "zionistischen Gebilde" ins Monströse karikieren, denunzieren und mit auffällig intensivem Engagement angreifen, während sie sich grollend, aber gehorchend, vom eigenen Souverän wie die übersubventionierten Transferleistungsempfänger traktieren lassen, die sie zunehmend sind.
 
 Warum Israel? Die Frage, was nun paschtunische Ziegenhirten, südkoreanische BWL-Studenten und halbabgewickelte Europäer zum ökonomisch (und angesichts der Verlagerung des amerikanischen Interesses weiter nach Osten sogar geostrategisch) irrelevanter gewordenen Antizionismus treibt, müsste eher lauten: Warum nicht gleich Israel? Denn gegen den Judenstaat konzentriert sich das Ressentiment des erwachenden Weltbewusstseins, wie es in den nationalen und völkischen Kollektiven vor allem mit den örtlichen, leibhaftigen Juden geschah. Der Weltstaat kann nicht entstehen, weil dazu ein über ihm Stehendes notwendig wäre, auf das sich die geordneten Völker beziehen könnten, so wie es die konfligierenden Interessen im Nationalstaat tun. Was aber sehr wohl entstehen kann und z.T. schon dabei ist, zu entstehen, man möchte sagen aufscheint, ist der Weltunstaat, wo Metropole und Peripherie, Administration und Racket, die ewige Wiederholung des Immergleichen und der Ausnahmezustand, green zones und no-go-areas einander aussichtslos durchdringen und der Antizionismus zum Medium, zur currency zwischen den wechselnden Posten wird. Der noch unwirkliche Weltunstaat hat kein über sich Stehendes, aber sehr wohl ein außerhalb Bleibendes, einen totalen Feind, der durch die wechselnden Allianzen zwischen Eurasien, Ozeanien und Ostasien erhalten bleibt. Die einzige verlässliche Kohäsion des sich anbahnenden kopflosen Reichs, "das war, jetzt nicht ist und sein wird" (Apokalypse) ist der Hass auf das jüdische Gegenvolk, der sich vom antiken Imperialismus über den feudalen Antijudaismus bis zum modernen Antisemitismus zieht. Israel zieht alle Flüche und Verwünschungen über menschliche Gier, Durchtriebenheit, Gewalt, identitären Hochmut und wie die modernen Todsünden alle heißen auf sich, weil es der Staat der Juden ist, der globale jüdische Leib, der von den anderen Volkskörpern beschuldigt, ausgestoßen, verfolgt und zugerichtet wird, wie es einst mit den "gottesmörderischen" Juden vor allem bei der Entstehung der modernen, Gott entthronenden Nationen geschah. 
 
 Es ist die Umsetzung des alten Phänomens auf einer globalen Skala, und so wie das notwendige Scheitern der nationalstaatlichen Einheit an der (oft lächerlich bedeutungslosen) jüdischen Minderheit exorziert und speziell bei den bürgerlichen Nachrückern Deutschland, Österreich und Russland Identität wenigstens ex negativo gewonnen wurde, soll die Unmöglichkeit des Weltstaates vom unverdaulichen Israel gebüßt werden.
 
 Warum also nicht gleich Israel? Weil die Menschen im Leviathan sich noch fürchten, den Kopf zu verlieren. Die Herrschenden wollen ihre "Macht", die Beherrschten ihre "Freiheit" nicht aufgeben, so ohnmächtig und unfrei sie im Reich der Notwendigkeit auch bereits sind. Der Antisemitismus hat dementsprechend Züge der illusionären Selbstermächtigung und Selbstbefreiung, er ist das erlöste Toben des Irren, der sich zu seiner großen Erleichterung zur geschlossenen Abteilung schleifen lässt. Noch steht dem die raison d'état entgegen, lässt sich die zweite Natur durchhalten, weil in ihr die Freiheit noch aufscheint, und sei es nur beim Eintippen der PIN-Nummer im Supermarkt. Doch der Hass auf die so emanzipierende wie entmündigende Vermittlung, den so profitablen wie flüchtigen Wert, die so vollends aufgeklärte wie in triumphalem Unheil erstrahlende Zivilisation findet in den zutiefst von den ambivalenten Errungenschaften der Moderne geprägten Juden - namentlich im immer als reines Konstrukt vorgestellten jüdischen Staat - die ideale Konkretion des universalen Misslingens. 
 
 Die Erdbebenserie namens “Finanzkrise" mit ihrer Suche nach den geeigneten Schuldigen, die ihr Ziel bekennend und gleichzeitig verkennend Bankiers, Spekulanten, Manager, Politiker, Bürokraten, gierige Amerikaner und faule Griechen durchdeklinierte, konnte und wollte nicht in eine radikale Kritik übergehen und überschattete die nationalen und internationalen Institutionen mit dem Odium des Versagens. Der Missmut zwischen Volk und Herrschenden rührt aus der Ohnmacht, aus der sich niemand zu befreien weiß. Beide neigen zum Schlag nach "außen", um die eigene Verstrickung und Beteiligung an der Unterdrückung aller durch alle zu verdrängen. So ist es nicht allzu spekulativ, das Unbehagen in der zweiten Natur, das in der "Finanzkrise" aufschien, als eine der Hauptenergiequellen des neuen, hochwillkommenen antizionistischen Engagements und der sachlich desinteressierten Palästinasolidarität zu benennen.
 
 Die emotionale Identifikation mit den Palästinensern, Frau Uddéns svagare sida (schwächere Seite), ergibt erst bei Betrachtung des schändlichen, die offene Querfront von Linken, Faschisten und Islamisten demonstrierenden Ergebnisses an Bord der Mavi Marmara und bei den linkspazifistisch-turkomanisch-jihadistischen Aufmärschen die volle Absurdität, die vielen bereits entgeht. Das David-gegen-Goliath-Bild, die Na'visierung der edlen Wilden von der Hamas [7] beginnt aber diskreter und "harmloser" mit der Selbsttäuschung und Resignation, die Karl Marx den Deutschen nicht gönnen wollte. Man erlebt die Macht von Staat und Kapital nur als von außen, von oben, gar aus dem Verborgenen kommend und sich selbst als unschuldiges Opfer finsterer Machenschaften. Ist dieses jede eigene Verantwortung sowohl der Vergangenheit als auch der Zukunft gegenüber befriedigend leugnende Muster einmal eingeübt, verhärtet es sich leicht in der stets im Angebot befindlichen antisemitischen Projektion, die eher ein Bedürfnis, ein Drang, eine unterdrückte Leidenschaft als ein Konstrukt oder eine Manipulation ist.
 
 Nichts, was von außen ins verhärtete Bewusstsein gelangt, entgeht der prompten Verarbeitung, und ist, falls jemandem noch auf die Sprünge geholfen werden muss, von den Medien, wo die Zahl der von der Überflüssigkeit bedrohten Paniker Legion ist, ohnehin vorformatiert. Die so allmächtig wie erzböse halluzinierten IDF, die prinzipiell vernunftgeleiteten, weil in erster Linie mit dem realen Überleben der Juden begründeten Maßnahmen des israelischen Staates treten im gekränkten, die herrschaftliche Invasion auslagernden Subjekt an die Stelle des lästig gewordenen, weil glücksversagenden, mit der Autorität verbundenen Über-Ichs, das das geschwächte Ich nicht direkt anzugreifen vermag. Wo einst noch dieses Über-Ich wenigstens in der konkreten Gestalt eines persönlichen, väterlichen Herrschers scheinbar fassbar war, herrscht in den misslungenen Individuen ein unfassbarer Sachzwang. Ein nicht zu ortender, weil aus dem Innersten rührender Schmerz veranlasst sie, ihren Zorn auf ein feindliches, fremdes Objekt zu fokussieren. Die hemmenden Instanzen der herrschenden Vernunft, denen sich das Ich äußerlich unterwerfen musste, ohne wirklich aufgeklärt zu werden, entpuppen sich als Vernunft der Herrschaft und die alle Werte zersetzende Dauerkrise, die ständige Induktion von Angst durch zurichtende Maßnahmen, die den Zweck der monadischen Existenzsicherung nicht mehr erfüllen und den fetischistischen Kern der Verwertung immer deutlicher erkennen, besser: spüren lassen, dieses ganze Fegefeuer ohne Hoffnung auf Erlösung untergräbt die Gültigkeit der zivilisatorischen Hemmung. 
 
 Israel wird als falsches Über-Ich mit einer drängenden, vor Kühnheit bebenden Erregung attackiert, die mit der Freude verwandt ist, mit der die ihrem echten Über-Ich restlos unterworfenen Besatzer Polens alten Juden den Bart abrissen oder anzündeten, jahrhundertealte Synagogen verbrannten und sich sonstwie an den wehrlos gemachten Autoritäten schadlos hielten.
 
 Die enthemmten Irren von der Hamas hingegen sind Archetypen einer sadistischen Einschmelzung des individuellen Eros in den sozialen Thanatos, so gefürchtet wie faszinierend, und agieren auf der öffentlichen Bühne den Triumph des längst ausgehöhlten und haltlosen Ich aus, der um den Preis der Selbstdurchstreichung erkauft ist. Die konformistische Revolte im Ich wird mittels der moralischen Reinheit der im "Open-Air-Gefängnis" Gaza darbenden palästinensischen Kinder, der bluttriefenden Plakate unschuldiger arabischer Opferlämmer, ausgerufen, die die Schleusen des gerechten, lang unterdrückten Zorns öffnen und einen Lust leugnenden Sadismus im kollektiven Oberstübchen inthronisieren.
 
 Auf allen Demonstrationen aller Gruppen in allen Ländern erhob sich fortwährend die Frage, wie lange noch Israel mit diesen Verbrechen davonkommen würde, wie lange noch die Macht untätig zusehen wolle, bis Israel endlich bestraft und Gaza geöffnet werde. Damit haben hunderttausende Subjekte auch ihrer ungeduldigen Sehnsucht Ausdruck verliehen, dass ihre verdrängten, bösartigen Leidenschaften endlich den quälenden Rest Vernunft und Einsicht beiseite drängen und im Namen der angeeigneten "palästinensischen" Kränkung carte blanche erhalten. Dies alles ohne unmittelbare Gefahr, da sich diese Revolte nicht gegen die repressiv-destruktiven Instanzen der eigenen Gesellschaft richtet - das hätte z.B. gerade in der Türkei äußerst gefährliche Folgen -, sondern gegen einen gründlich dämonisierten Gegner, der Herrschaft und Subjekte, Es und Über-Ich auf Kosten des Ich versöhnt.
 
 Eine eingespielte, mehr als willfährige Medienmaschinerie hat, noch bevor sie sich ein Bild von der Lage verschaffte, bereits die Stichworte der empörten Verurteilung abgeliefert, für die sie vom Publikum bezahlt wird. Dieses wiederum musste man nicht lange beschwatzen oder manipulieren, ein guter Teil des Prozesses der emotionalen Selbstaufladung wird ohne große Hilfe von einer Öffentlichkeit in Gang gesetzt, die wie ein angeketteter Hund immer schon bereit ist, die diffuse, doch gar nicht so zufällige und ungezielte Wut dem nächstbesten, von den fürs materielle und ideelle Futter Zuständigen gerufenen "Fass!" zur Verfügung zu stellen. Das opportunistische Griechenbashing und andere Strohfeuer des Volkszorns, die beinahe im Wochenabstand durch die Kabel- und Antennenverbindungen des kollektiven Nervensystems flackern, verblassen jedoch zum verbindungsaufbauenden Trägersignal für die antiisraelischen hate minutes, die für eine Weile Linke und Rechte, Auto- und Allochthone, Christen und Muslime, Deutsche und Migranten zu versöhnen vermochten. Vergessen war auch für einen Moment der tiefsitzende Groll zwischen Türken und Arabern, Sunniten und Schiiten, selbst Indern und Pakistanern. Gab es nicht sogar gleichzeitig in Seoul und in Pyöngyang antiisraelische Demonstrationen? Südkorea strich aus Angst vor Ausschreitungen im Land den Staatsbesuch Shimon Peres' auf ein Mindestmaß zusammen [8] und unterschrieb die (bis auf Israel einstimmige) Abschlusserklärung der Conference on Interaction and Confidence Building Measures in Asia, die praktischerweise am 8. Juni in Istanbul unter der Leitung des ehemaligen türkischen Außenministers und jetzigen Präsidenten Abdullah Gül stattfand: "All member states, except one, expressed their grave concern and condemnation for the actions undertaken by the Israeli Defence Forces." Der Hass auf Israel ist die Zärtlichkeit der Völker.
 
 Dennoch fällt auf Seiten der FGM - ein Akronym, das für female genital mutilation stand, aber in der Googlesuche nun von den Blockadebrechern von Free Gaza Movement überholt worden ist - die artistische mise en scène [9], die Sorgfalt, mit der die richtigen Schlagworte und Bilder vorbereitet wurden, die längst professionalisierte Erzeugung von verfolgender Unschuld, in einem Wort die antisemitische Kulturindustrie auf, die die Augen und Ohren der ersehnten Völkergemeinschaft, die sich nur gegen Israel konstituieren kann, mit telegenen, kurzen und musikalisch dramatisierten Videos und zur Identifikation einladenden, prominenten Gesichtern versorgt. 
 
 Man kann kaum unterscheiden, wo der propagandistische Input aufhört und wo die Leute sich selbst aufhetzen. Die von der jungen welt bis zu den Tagesthemen reichende feine verbale Unterscheidung zwischen "Menschen" (das ist die virtuelle Gemeinschaft von Hilfslieferanten, darbenden Palästinensern und solidarischen Massen) und "Israelis" musste nicht erst herbeigeschrieben werden, sie war schon die ganze Zeit da.
 
 Die Mavi Marmara ist das jüngste und feinste Produkt einer langjährigen medialen Aufrüstung: Das antisemitische Love Boat war satellitenverlinkt, dicht gepackt mit engagierten Medienvertretern und ideologischen Multiplikatoren, auf hundert Internetseiten im Voraus gründlich angepriesen und durch gut getimete PR-Aktionen eingerahmt worden.
 
 Jede anzusprechende Gruppe wurde auf ihre Weise versorgt. Während moralinsauren Schweden und anderen, dem postkolonialen schlechten Gewissen verpflichteten Gutmenschen eine neue Möglichkeit der karitativen Onanie eröffnet wurde, konnten Linke einmal in dem schwelgen, was sie oft so schmerzlich entbehren müssen und wozu sie das bisschen verbleibender Menschheit verwandeln wollen: Massen in Bewegung. Man muss nur die hin- und hirngerissenen Gesichter der Linksparteifunktionäre und ekstatischen Antiimperialisten sehen, wie sie an der Spitze türkisch-arabischer Mobs von Berlin bis Köln "Menschheitsverbrechen" und "Massaker" in die frenetischen Mengen megaphonieren, um ihre präorgastische Freude am möglich gewordenen Gangbang der Völker - mit Israel als zentralem Objekt - zu erkennen.
 
 Die Feinde Israels haben hier einen telegenen Angriffspunkt gefunden, mit dem sich jederzeit antisemitische Mobs weltweit aufstacheln lassen, es ist bereits von neuen türkischen, libanesischen, iranischen flotillas die Rede, die aber nur deswegen ein so gefährliches propagandistisches Potential darstellen, weil westliche Staaten, Medien und Publikum mehr als bereit sind, über kleine Webfehler der live-Hetze großzügig hinwegzusehen und immer schon jede Selbstverteidigungsmaßnahme Israels so denunzieren, wie sie das fröhliche Schiffeversenken, die Frontex genannte Aufbringung, Abschiebung, Verfrachtung in libysche Internierungslager [10] und gegebenenfalls Ertränkung überflüssigen variablen Kapitals aus Afrika und Asien im Mittelmeer seitens der spanischen, italienischen und griechischen Küstenwache seit Jahren geschehen lassen und größtenteils beschweigen. 
 
 II. Turkish delight
 
 
Doch die harte, pochende Spitze der pathischen Penetration wird diesmal weder durch vermeintlich naive Menschenfreunde noch durch auf grüne Multitüden kalkulierende Linksnazis gebildet, nicht einmal durch arabische Jihadisten. Es sind die scheinbar mit einem Schlag auf den Plan getretenen türkisch-muslimischen Teilnehmer, die durch ihre Zahl und Entschlossenheit der Gaza Flotilla und den darauffolgenden Kundgebungen gegen Israel ihren Bewegungscharakter gegeben haben.
 
 Türkische Teilnehmer der ship intifada (O-Ton Hamas) erklärten beim Einschiffen, ihre Testamente bereits verfasst zu haben [11], was die Absicht belegt, es später zum propagandistischen showdown, zum Martyrium treiben zu wollen [12]. Zurückgebliebene Familienmitglieder durften religiös-ominöse Abschiedsgrüße von zumindest drei der neun getöteten Türken ausrichten. Unter den von der türkischen Öffentlichkeit durchweg als şehitler (Märtyrer) bezeichneten Helden waren u.A. Çetin Topçuoğlu, ein vorweg fürs Grobe ausgesuchter ehemaliger Taekwondomeister, İbrahim Bilgen, Kandidat der Saadet Partisi (Erbakans "Glückspartei"), und Fahri Yaldı, der schon lange für Palästina als şehit sterben wollte.
 
 Hakan Albayrak, der Ratgeber der rabiat antisemitischen Serie Ayrılık (Trennung), die - vom Rundfunkrat Erdoğans unbeanstandet - im Staatssender TRT1 Israel wörtlich und bildlich als Babymörder porträtierte, war mit seinem Bruder Sinan Albayrak, bekannt aus der antiwestlichen und gar nicht so subtil antikemalistischen Verschwörungskrimiserie Kurtlar vadısı (Tal der Wölfe), auf der Mavi Marmaraunterwegs. Beim Stechen in See wurden antisemitische Schlachtgesänge skandiert [13]. Delegierte der Muslimbruderschaft aus fast jedem arabischen Land [14] waren auf der Mavi Marmara zwar anwesend, doch diese Show war größtenteils das Erzeugnis einer türkischen GNGO (governmental non-governmental organisation) mit globaler Koproduktion und Vertrieb.
 
 IHH, deren voller, menschelnder Name İnsan Hak ve Hürriyetleri ve İnsani Yardı Vakfı (Stiftung für Menschenrechte und -freiheiten und menschliche Hilfe) lautet, hat 2005 den Preis für "die effizienteste Verwendung von Spendengeldern" durch die staatliche Stiftungsaufsicht erhalten - was man wirklich nur bekräftigen kann - und 2007 den Ehrenpreis des türkischen Parlaments. Es ist mittlerweile jedem Interessierten bekannt, dass IHH Teil eines Stiftungsnetzwerks namens Itilâf al khair (Vereinigung des Guten - I kid you not) ist, das seine Wurzeln in Saudi-Arabien hat, diesem Grundpfeiler der westlichen Sicherheitspolitik, vom in der Muslimbruderschaft eminenten Scheich Yusuf al Qaradawi betreut wird, und Gelder zur Hamas kanalisierte, bis sie von Israel 2002 aus Gaza ausgeschlossen und 2008 verboten wurde. Aber dies alles ist hier weniger bedeutsam als die Tatsache, dass die Türkei die IHH als Bindeglied zur Hamas nutzt und dies vom arabischen Freikorps begeistert aufgenommen wurde. Die Website der Hamas hat eine türkische Version online und seit Ende 2009 können auch türkischsprachige Fans die virtuelle Präsenz der Izz-ad-Din-al-Qassam-Brigaden, dem militärischen Flügel von Hamas, besuchen. IHH ist ein auf Wohlfahrt spezialisiertes Racket, das sich seine humanitären Sporen in Bosnien und Tschetschenien verdient hat und das eindeutigste Zeichen der Unmenschlichkeit im Emblem trägt: Einen Globus und eine Friedenstaube, den sattsam bekannten Aasgeier, der über der verendenden Zivilisation kreist [15].
 
 Die flotilla ist die Fortsetzung der Guerrilla mit anderen, dem propagandistischen Schlachtfeld angepassten Mitteln, was aber keineswegs als eine tendenzielle Abkehr von der Gewalt gesehen werden sollte. Es geht vielmehr darum, die bezüglich der Abwehr von Terror- und Raketenangriffen äußerst erfolgreiche Blockade aufzubrechen und die Legitimität des israelischen Souveräns gleich auf mehreren Ebenen anzugreifen. Diese Ideologie, die weltweit längst Massen ergriffen hat, wird ganz unmittelbar zur materiellen Gewalt werden, sobald Hamas wieder Dank des prompten Blockadebruchs Ägyptens aufgerüstet ist. Bis es soweit ist, behilft sich das Freiwilligenkorps der immer schon Gekränkten mit unermüdlicher Hetze gegen Juden, ob sie nun Israelis sind oder nicht, wie sich an der antisemitischen Epidemie bei facebook & Co. sehen lässt, wo es unter ihren türkischen und deutschtürkischen Teilnehmern auffällig selten um Israil, aber umso mehr um die Yahudiler geht [16]. Zu den Errungenschaften des FGM muss unter anderem auch der islamische Mob in Hannover gezählt werden, der eine Tanztruppe der Liberalen Jüdischen Gemeinde zu steinigen versuchte und damit den Wunsch nach der zügigen Umsetzung iranischer Rechtspraxis bekundete [17].
 
 Auf der ganz praktischen Ebene soll durch die Öffnung des Hafens von Gaza City der unkontrollierte Fluss an Geld, Stahl, Zement und Waffen Hamastan zu einer iranischen Raketenabschussrampe machen, die sich schon sehr bald durch die Bindung von IDF-Kräften im Süden Israels für Teheran nützlich machen könnte.
 
 Es geht außerdem darum, durch den Ruf nach einer "unparteiischen" Untersuchung des Vorfalls den UN, die mehr denn je von Muslimen und Antiimperialisten dominiert werden, weitere, Israel entwaffnende und blockierende Gerichtshoheit über die Region zu verschaffen. Ein Goldstonebericht II, sozusagen, der zweifellos den ersten Goldstonebericht zum Einmarsch in Gaza 2009 so ergänzen soll, wie Durban II es mit Durban I tat.
 
 Der vielleicht folgenreichste Angriff auf die Sicherheit Israels kommt also aus dem Land, das die meisten "Hilfslieferanten" stellte. Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdoğan und sein Außenminister Ahmet Davutoğlu stechen noch in der schrillen, globalen Kakophonie durch ihre drohungsschwangeren Tiraden gegen den langjährigen Sicherheitspartner Israel deutlich hervor. Zehntausende fanatisierte Israelhasser, die mehrheitlich an ihren Bärten bzw. Kopftüchern leicht als Anhänger der regierenden AKP oder allgemeiner des Islamisierungsprozesses in der Türkei zu identifizieren waren, versammelten sich auf dem geschichtsträchtigen, bislang laizistischen Veranstaltungen, Militärparaden und Strassenschlachten zum 1. Mai vorbehaltenen Taksimplatz in Istanbul und forderten das Ende der Blockade, den Abbruch jeder Zusammenarbeit mit Israel und weiteres robustes türkisches Engagement in Gaza. Desweiteren wurde unzählige Male behauptet, ein gewisser Allah sei der Größte: "Allahü ekber".
 
 Bei ihrer Rückkehr wurden die türkischen "Menschenrechtler" wie Helden empfangen und alle Sender berichteten live. Die oppositionelle, vermeintlich republikanische CHP versuchte zunächst, im Parlament gemeinsam mit der nationalistischen MHP die AKP rhetorisch in der Israelkritik zu übertrumpfen, um nicht beim Israelbashing hintanzustehen. Auf dem Taksimplatz dominierten zwar die Anhänger des Propheten, aber sie waren nicht unter sich. Sowohl Graue Wölfe als auch Linksradikale, die Bastarde des Kemalismus, fanden sich ein, und auch CHP und MHP schwangen die türkische Blutfahne. Manche Kemalisten haben aber erkannt, dass dieser Kampf um den ersten Platz im Antizionismus gegen die AKP derzeit aussichtslos ist und äußern zaghafte Kritik an der "Inkompetenz" Erdoğans, die die Türkei ihren westlichen Partnern zu entfremden drohe. So vor allem die kemalistischen Blätter Hürriyet und Milliyet, die selbstverständlich die von Erdoğan und Davutoğlu anvisierte Rolle der Türkei als zwischen Ost und West vermittelnde Macht des Nahen Ostens bejahen, den Gazavorfall aber unbedingt als taktischen Fehler sehen wollen [18]. Das hindert jedoch die ##Hürriyet##, die zunächst mit der Schlagzeile "Israel hat angegriffen" erschien, nicht daran, regelmäßig antiisraelische Titelbilder herauszugeben.
 
 Ahmet Davutoğlu hat in einem maßgeblichen Kursbuch der Außenpolitik namens "Stratejik derinlik: Türkiye'nin uluslararası konumu" (Strategische Tiefe: Die internationale Lage der Türkei) zur Wiederherstellung der mit dem Ersten Weltkrieg verlorengegangenen osmanischen Hegemonie aufgerufen. "Früher betrachteten manche die Türkei als einen Akteur mit starken Muskeln, schwachem Magen, Herzproblemen und einem mittelmäßigen Gehirn. Will sagen: starke Armee, schwache Wirtschaft, mangelndes Selbstbewusstsein und ein Defizit am strategischem Denken."
 
 Sein Rezept zur Genesung des kranken Mannes am Bosporus setzt auf den Umschwung von einer "defensiven" zu einer "dynamischen" Außenpolitik und der Ausübung von soft power auf die bislang rivalisierenden bis feindseligen Nachbarn. Ein wenig Willy, ein wenig Joschka, ein wenig Mahmoud, und die "Null-Problem-Politik" mit den ehemaligen osmanischen Vasallen nimmt Gestalt an. Erdoğan und Davutoğlu haben die Beziehungen zu Georgien, Aserbaidschan, Bulgarien, Griechenland, Syrien und Libanon bereits stark verbessern können. Es gibt sogar Annäherungsversuche zum armenischen Nachbarn, die freilich noch die diffizile historische Revision der von den Kemalisten glattweg geleugneten Massenmorde an den Armeniern und eine Aserbaidschan nicht entfremdende Lösung des Berg-Karabachkonfliktes erfordern werden. Der syrische Hamas-Chef Khaled Maschal wurde, so wie Mahmoud Ahmadinejad, mit rotem Teppich empfangen, Hassan Nasrallah und Ismail Haniya wurden umgarnt - hier spielte die IHH eine Schlüsselrolle. Der diplomatische Höhepunkt dieses Jahres ist aber der wenig beachtete Staatsbesuch Wladimir Putins, vielleicht auch noch der Besuch Davutoğlus in Athen. Im außenpolitischen Kurs der Türkei "lediglich" einen erratischen Orientalismus wie zu Zeiten Erbakans zu erblicken wäre dabei etwas zu kurz gefasst. Es geht - zumindest in der Version, die für westliche Ohren bestimmt ist - um eine türkische Neuausrichtung als Vermittler zwischen Asien und Europa, Amerika und dem Machtbereich des Islam. In Washington und Jerusalem wurde trotz vieler "verwirrender" Signale, und weil ein Abdriften der Türkei in den entstehenden antiwestlichen Block mehr als nur ein weiterer umgekippter Dominostein wäre, noch nach den antisemitischen Tiraden Erdoğans in Davos von manchen wider schlimmeres Wissen an diesem Bild festgehalten, nicht zuletzt bei den mühsam die Panik unterdrückenden Kommentatoren von Hürriyet & Co.
 
 Die türkische Außenpolitik gibt so viele, im In- und Ausland Kopfzerbrechen machende Rätsel auf, weil Davutoğlu nicht ohne Geschick auf mehreren Hochzeiten tanzen will. Zum Beispiel war im Zuge der "Null-Problem-Politik" (die mit dem geographischen Verlauf künftiger Pipelines und Energielieferungen schon weniger rätselhaft wirkt) kaum das Russland und den Iran umgehende Nabucco-Projekt gesichert worden, als mit Putin das Southern-Stream-Projekt in Gang gesetzt wurde, das den Russen die lästige Ukraine zu umgehen helfen wird und den ölarmen Türken Aussichten macht, zum nahöstlichen energy hub zu werden. An dieser Stelle ist an den bevorstehenden Rückzug der USA aus Irakisch-Kurdistan zu erinnern, der türkische (und iranische) Begierden nach den dortigen Erdölquellen weckt und der Türkei weitere Motivation verleiht, sich zur nahöstlichen Schutzmacht zu stilisieren.
 
 Diese imperiale Rolle erfordert Gesten nach innen und außen, die die türkische Unabhängigkeit vom Westen vor allem bei den muslimischen Nachbarstaaten hervorheben und Ankara als "ehrlichen Makler" aufwerten sollen. Erdoğan weiß um die geostrategische Erpressbarkeit des Westens und vor allem Israels und erwirbt mit antisemitischen Querschüssen wie in Davos [19] eine ungeahnte Beliebtheit in der islamischen Welt, deren Haltbarkeit aber am arabischen Misstrauen gegen den langjährigen Westverbündeten und osmanischen Kolonialherren krankt. Um dieses Misstrauen nachhaltig zu überwinden, müsste sich die Türkei konstant des antiisraelischen Tickets bedienen, wie es auch der Iran, dem sunnitisch motiviertes Misstrauen entgegensteht, mit wechselndem Erfolg getan hat. In Gaza sind nun nach dem Flottenvorfall türkische Babynamen sehr in Mode gekommen und türkische Flaggen zieren das ganze Gebiet. Langfristig kann dies dem iranischen Racket, der Hamas und den arabischen "Stämmen mit Staatsflaggen" eigentlich nicht gefallen, aber für den Moment ist dort bei der vielbeschworenen "arabischen Straße" alles eitel Freude, dass Israel gedemütigt ist, dass die Blockade von ägyptischer Seite aufgehoben wurde, und dass die Weltmeinung sich selbst in den USA stärker denn je gegen Israel gekehrt hat.
 
 Hamas hatte in den letzten Monaten sichtbar unterm militärischen Erfolg der Abriegelung Gazas gelitten (wenn auch etwas Schmuggelei immer ging) und war mangels erreichbarer Juden seit Beginn der Operation Cast Lead zur Terrorisierung der eigenen Bevölkerung übergegangen. Zwei Hinrichtungen von "israelischen Kollaborateuren" am 15. April 2010, denen erstmal zehn weitere folgen sollen [20], Entführungen und Folter von politischen Rivalen [21] sind Hinweise darauf, dass Hamas unfähig ist, ohne den Erzfeind innere Stabilität zu erreichen und selbst im rein hypothetischen Falle, dass sie ihren antisemitischen Furor "abzustellen" in der Lage wären, dies nicht ohne den Machtverlust ginge. Dass die Hamas lügt, wenn sie und ihre antiimperialistischen Multiplikatoren Gaza als von Judenhand geschaffene Sahelzone darstellen, ist nur ein Teil der Wahrheit. Das unbestreitbare Elend, das die Palästinenser im Gazastreifen zu direkt abhängigen Klienten der Hamas macht und sie wirksamer an sich bindet als selbst der innere Terror, ist zudem im wahrsten Sinne des Wortes selbstverschuldet. Das Racket kontrolliert und verknappt fast ungehindert jede Warenbewegung, jeden Devisentransfer, die noch hereinkommen und zerstört gezielt entstehende Versorgungsalternativen. So ist z.B. - sowohl von den Palästinafreunden und Menschenrechtsschwätzern als auch von den um die dortigen katastrophalen Zustände stets besorgten Medien geflissentlich ausgeblendet - erst zwei Tage vor dem Gaza Flotilla Incident ein Protest des UN Special Coordinator for the Middle East Peace Process, Robert Serry, unter dem Radar geblieben, in dem er sich bitter darüber beschwert, dass Hamas eine ganze Reihe von NGO-Büros und teils mit der UN kooperierenden Versorgungszentren überfiel und ihnen Ausrüstung und Hilfsgüter stahl [22].
 
 Erdoğan ist gegenwärtig mit einem Problem konfrontiert, das mit etwas anderen Vorzeichen auch Ismail Haniya, Hugo Chávez und Mahmud Ahmadinejad beschäftigt. Nachdem sich die "moralische Erneuerung" von Staat und Gesellschaft, die symbolischen Kampagnen und die populistische Regierungspropaganda verbraucht haben und die Ökonomie sich weiterhin weigert, der Ideologie zu folgen, zerren die üblichen gesellschaftlichen Zentrifugalkräfte am nationalen Einheitsprogramm, und das ein Jahr vor den nächsten Wahlen, bei denen die konkurrierende CHP nicht aussichtslos ist. Obwohl die Türkei ein spürbares Wirtschaftswachstum vorgelegt hat, bleibt ein abgründiger Unterschied zwischen dem Westen des Landes, der ökonomisch gesehen EU-fähiger als Rumänien oder Bulgarien wäre, und dem Osten, der trotz der gewaltigen, zentralistischen Staudammprojekte (GAP) beständig verarmte Bevölkerung in den Westen spült, die sich dort in Armutsgürteln um die Großtädte sammelt. Diese rückständigen Massen sind für Wohlfahrtsrackets höchst empfänglich und haben geholfen, Erdoğan an die Macht zu bringen.
 
 Die oberflächliche Versöhnung mit den Kurden unter islamischem Vorzeichen zeigt deutliche Risse, die PKK begeht pünktlich zum Beginn der Tourismussaison wieder massiv Anschläge und bei Beerdigungen von Anschlagsopfern kommt es vermehrt zu regierungsfeindlichen Kundgebungen. Am Tag des Gaza Flotilla Incidents wurde eine Marinekaserne in İskenderun mit Raketenwerfern angegriffen, wobei 4 Soldaten starben. Ahmet Davutoğlu, dem die Konsequenzen noch zu unkalkulierbar erschienen, legte der bereits in der AKP anlaufenden Beschuldigung, der Mossad arbeite nun mit der PKK zusammen, vorläufig einen Riegel vor. Doch die Selbstdarstellung der AKP als Partei einer neuen nationalreligiösen Einheit ist unwiderruflich beschädigt, und die Frage nach den Schuldigen hierfür wird wie immer alla turca beantwortet werden, also durch die "Entdeckung" finsterer Machenschaften ausländischer Mächte, die nach der traditionellen Paranoia mit Armeniern, Griechen, Freimaurern, Aleviten, Kurden, Kommunisten, usw. im Lande kooperieren und die in Erdoğans neuer Diktion jetzt durch das sinistre Gladio-Netzwerk der NATO und die Ergenekon-Verschwörung, die über Bande auf den noch wirksamen Kemalismus zielen, ersetzt werden. Diese Suche nach dem inneren Feind, die sich nicht nur durch die Ideologie der AKP zieht, sondern auch den Kemalismus bis zurück zu Atatürk und den Jungtürken prägt und noch aus dem Osmanischen Reich herrührt, hat aus bündnisstrategischen Gründen die bislang relativ verschont gebliebenen Juden in der Türkei ausgespart und tut dies noch, doch die ganze pathische Projektion ist bereits in der unaufhörlichen Minderheitenobsession und nun im Konfrontationskurs gegen Israel angelegt.
 
 Der die verspätete Republik zusammenhaltende Kitt war nach Atatürk das Türkentum (türklük), was in der Konsequenz Kurden, Lasen und Araber ausschloss, da der türklük-Begriff sich nie zur inklusiven Größe beispielsweise des französischen oder amerikanischen erhob, sondern ein diffus rassistisches Ideologem blieb. Atatürk hasste und verachtete den Islam, da er in diesem den Kern der rückständigen Beschränktheit des Osmanischen Reiches diagnostizierte:
 
 "Seit mehr als 500 Jahren haben die Regeln und Theorien eines alten Araber-Scheichs und die abstrusen Auslegungen von Generationen von schmutzigen und unwissenden Pfaffen in der Türkei sämtliche Zivil- und Strafgesetze festgelegt. Sie haben die Form der Verfassung, die geringsten Handlungen und Gesten eines Bürgers festgesetzt, seine Nahrung, die Stunden für Wachen und für Schlafen, den Schnitt der Kleider, den Lehrstoff in der Schule, Sitten und Gewohnheiten und selbst die intimsten Gedanken. Der Islam, diese absurde Gotteslehre eines unmoralischen Beduinen, ist ein verwesender Kadaver, der unser Leben vergiftet." [23]
 
 "Der Islam ist höchstens gut für verweichlichte Araber, aber nicht für Türken, die Eroberer und Männer sind!" [24]
 
 "Es gibt verschiedene Länder, aber nur eine Zivilisation. Voraussetzung für den Fortschritt der Nation ist, an dieser einen Zivilisation teilzuhaben." [25]
 
 Die säkulare kemalistische Rosskur des baş öğretmen (Hauptlehrer - eine beliebte Anrede Atatürks) ist ein Musterbeispiel nachholender Entwicklung, in der, lose am Beispiel Robespierres und Lenins orientiert, zweihundert Jahre westlicher Geschichte mit komprimierter nationalistischer Gewalt übersprungen werden und eine multiethnische, feudale Bevölkerung flugs in einen zentralistischen Nationalstaat integriert werden sollten. Da Atatürk und seine Anhänger damit scheiterten, die Kurden, ein Drittel der Bevölkerung der Republik, à la française per Territorialzugehörigkeit zu Türken zu erklären (daher auch die peinliche Sprachregelung "Bergtürken" aus Putschzeiten), und Kurden und auch Armenier sich schnell als affin erwiesen, nach dem türkischen Vorbild einen eigenen Nationalismus zu entwickeln, musste der ursprünglich laizistisch-religionsfeindliche Impetus dem Zweckbündnis mit östlichen Scheichs und kurdischen Imamen weichen. Als sich Atatürk 1924 des die Macht der Republik gefährdenden Kalifats entledigte, zerschnitt er das fragile, auf dem Islam begründete Band zwischen Türken und Kurden und es kam 1925 zum islamisch-kurdisch-nationalistischen Aufstand Scheich Saids, der blutig niedergeschlagen wurde. Seitdem pendelte die kemalistische Türkei zwischen dem Kohäsion verschaffenden Rückgriff auf den Islam und der panischen Eindämmung der schariatischen Experimente.
 
 Das Dilemma ist schlicht unlösbar: Wenn das Identifikationsangebot türklük lautet, ist vor allem der türkisch-kurdische Konflikt vorprogrammiert. Wenn der Islam, der 98% der Bevölkerung umfasst, hervorgehoben wird, geht letztlich die Republik selbst von Bord, wie die mehr oder weniger "grünen" Experimente unter Menderes (islamisch-liberal) Özal (liberal-islamisch), Erbakan (islamisch-fundamentalistisch) und jetzt Erdoğan (islamisch-"konservativ") beweisen. Zudem steht damit die Frage im Raum, ob die Aleviten, die zu allem Übel zu einem Großteil Kurden sind, überhaupt als Muslime zählen, ganz zu schweigen von Griechen, Assyrern, Armeniern, die als Nichttürken und Nichtmuslime unter beiden ideologischen Richtungen zu leiden haben.
 
 Identität ist in der Türkei immer nur im deutschen Sinne, also ausschließend, zu haben [26]. Die von Atatürk installierte türklük wurde den Kurden nicht nur ins Stammbuch, sondern mit Riesenlettern sogar in die Berge geschrieben: Ne mutlu türkum diyene - “Glücklich, wer sagen kann, ich bin Türke”, Türkiye bölünmez - “Die Türkei ist unteilbar” Doch die noch von Atatürk stammende gleichzeitige Unterdrückung der kurdischen Sprache und die klare Kurdendiskriminierung, vor allem in der Armee- und Beamtenhierarchie, machten es dem kurdischen Leser klar, dass er durch diese Türkiye aus- und nicht eingeschlossen war. Subtil waren die Kemalisten wahrlich nicht, und obwohl sich manche, vor allem alevitische Kurdensippen und -dörfer (politischer Individualismus ist gerade im Osten bis heute relativ selten), von staatlichen Subventionen und Fortschrittshoffnungen angelockt, auf die Seite Ankaras schlugen, muss man spätestens seit dem Machtantritt Erdoğans von einer Neuausrichtung der kollektiven Identität ausgehen, die keine der bisherigen taktischen Gewichtsverlagerungen der türkischen Politik ist, sondern der Übergang zu einer postkemalistischen, islamzentrierten Türkei.
 
 "Postkemalistisch" wäre hierbei eher chronologisch-historisch zu verstehen, da Erdoğans Reislamisierung sich auch aus kemalistischen Versatzstücken speist. So ist der von Außenminister Davutoğlu vertretene Neo-Osmanismus "anatolischer Eliten", die er anstelle der kemalistischen einsetzen will (und die in Armee- und Beamtenschaft trotz manchen Widerstandes zügig voranschreiten) eine islamzentrierte Variante des turanistischen Protektionismus, mit dem die Türkei sich als Schutzherrin der zentralasiatischen Turkvölker und der Auslandstürken zu inszenieren suchte. Davutoğlu will die ehemaligen Gebiete des Osmanenreiches, was Nordafrika, den Balkan, den Kaukasus und Filastin einschließt, unter die Fittiche des Nachfolgestaats des letzten Kalifats nehmen. Die fortwährende Abwicklung des Laizismus, das Sich-Andienen als westöstlicher "Dialogpartner" und die Attacken gegen den Sicherheitspartner Israel können als Bewerbung zum Amir al-Mu'immîn (Herrscher der Gläubigen) modernen Typs gedeutet werden, der aber nicht mehr direkt über die Gebiete herrscht und damit auch für die dortige Entwicklung verantwortlich wäre, sondern als primus inter pares einen muslimischen Commonwealth mit ihnen bildet. Spätestens hier wären die Iraner und Saudis anderer Meinung.
 
 Dass der Kemalismus von Anbeginn an seinen laizistischen Anspruch hinterging, soll einmal anhand der türkischen Nationalhymne (İstiklâl Marşı) illustriert werden. Ihr Verfasser Mehmet Âkif Ersoy war zuallererst ein Muslim und dann ein türkischer Nationalist [27], der in das Kommitee für Einheit und Fortschritt (İttihat ve Terakki Cemiyeti) eintrat, der wichtigsten Bewegung der Jungtürken und treibende Kraft des Massenmordes an den Armeniern. Ersoy war ein Vertreter des eher "islamischen" Flügels, im Gegensatz zum eher "türkischen" Ziya Gökalps - dieser wird als der Urheber des von Erdoğan zitierten und dessen Politikerkarriere leider doch nicht beendenden Gedichts Asker Duası (Gebet des Soldaten) angegeben [28]. Ersoy trat 1920 in die große Nationalversammlung ein, zog sich aber 1923 in stillem Protest gegen Atatürks laizistische Religionspolitik nach Ägypten zurück. Es ist im vielstrophigen Gedicht, das in den ungesungenen, aber immer noch zum Lehrplan der Grundschulen gehörenden bekannten Passagen voller Hasstiraden gegen den Westen ist, geradezu mustergültig vorgeführt, wie auch die Kemalisten bereit waren, auf den islamischen Todeskult als gesellschaftlichen Kitt zurückzugreifen. Schon die ersten zwei Strophen, die die von den Kemalisten angenommene Hymne bilden, und die in allen Schulen des Landes morgens gesungen werden, enthalten die Verknüpfung von vordergründig nationalistisch-rassistischem Text und jihadistischen Stichworten.
 
 "Fürchte Dich nicht, die rote Fahne, die in dieser Morgendämmerung weht, kann nicht erlöschen.
 Sie ist das letzte Herdfeuer, das über meiner Heimat brennt, ohne zu erlöschen.
 Sie ist der Stern meines Volkes, sie wird immer glänzen;
 Mein ist sie, allein meinem Volk gehört sie.
 
 Verziehe, Du eigensinniger Halbmond, nicht dein Antlitz, ich gebe mich Dir opfernd hin!
 Lache meiner heldenhaften Rasse zu! Warum diese Gewalt, warum dieser Zorn?
 Sonst würden wir unser für Dich vergossenes Blut nicht wohlgefällig heißen.
 Unabhängigkeit, das ist das Anrecht meines den Gerechten anbetenden Volkes!" [29]
 
 Kurban olayı ist gleichzeitig mit "Ich bitte Dich inständig" und "Ich opfere mich" zu übersetzen. Helâl ist nicht einfach nur "wohlgefällig", sondern vor allem das Wort für islamische Reinheit in Speise und Sitte. Und Hakk ist einer der meistgebrauchten 99 Namen Allahs (arab. Al Haqq). In Nationalhymnen findet sich des öfteren religiöse Munition, doch die türkische ist symptomatisch für eine oberflächlich säkulare Gesellschaft, die den fortschwelenden Wahn des Islams gleichzeitig unterdrückt und zur Erzeugung von Kohäsion und Hingabe nutzt. Das nationalstaatliche dulce et decorum est pro patria mori wird direkt aus dem jihadistischen Todeskult gespeist, der sich in der gesamten türkischen kültür bis in die banalsten Sphären nachweisen lässt. So gibt es kaum einen Liebesschlager ohne unterschwellige Mord- und Selbstmorddrohungen, kaum einen Film ohne heroisches Opfer, kaum eine auch "unpolitische" Serie ohne tragische Ehrenhändel. Und kaum eine Nachmittagssendung, ob staatlich oder privat, vernachlässigt es, einen tödlichen Hauseinsturz, ein schreckliches Busunglück oder - das ist der Moment, wo selbst die an Nachrichten uninteressierten Familienmitglieder gebannt zusehen - ein durch Behinderung oder Unfall grässlich entstelltes oder sterbendes Kind minutenlang dargeboten wird, mit schnulziger Konservenmusik untermalt und vom "Allah, Allah..." vor allem der Zuschauerinnen begleitet wird. Der schöne Tod und das unschuldige Leiden sind das tägliche Brot der Türken.
 
 Der Versuch einer kontrollierten Nutzung der islamischen Ressentiments ist nach mehreren, im letzten Moment von den Generälen gebremsten Experimenten nun zur ideologischen Reaktorschmelze geworden, und zwar nicht, wie man in republikanischen Kreisen lange klischeehaft dachte, in Form von wiedererstarkten Kalifen und Scheichs, sondern in der etatistisch-modernen, mehr von verarmten Stadtbewohnern als von kurdischen Bauern getragenen Erweckung, die die türklük unter islamischem Vorzeichen neu definiert.
 
 Der Türkei fällt auf dem Weg vom "dezent" frommen Türkentum zum Staatsislam ihre weitgehende Unabhängigkeit von US-Subventionen zugute, im Gegensatz zu Ägypten, das sonst ebensoviele historische und kulturelle Gründe hätte, Hegemonieansprüche zu erheben und dessen Bevölkerung sich mehrheitlich lieber heute als morgen von der Muslimbruderschaft beherrschen ließe. Für den Augenblick genießen die Nachlassverwalter Atatürks eine Situation, in der der Westen und Israel, zumal mit den Schwinden der disziplinierenden EU-Option, geopolitisch mehr auf die Türkei angewiesen sind als umgekehrt. Sie haben bereits bewiesen, wieviele Kröten sie zu schlucken bereit sind, um sich weiter der Illusion hingeben zu können, in Ankara einen letztlich treuen Bundesgenossen zu haben. Doch z.B. die Überlegungen, bei einer eventuellen Bombardierung iranischer Atomanlagen den türkischen Luftraum zu nutzen, sind längst von der neo-osmanischen Entwicklung affiziert, so dass nun Saudi-Arabien, das seine Bereitschaft hierzu halboffiziell erklärte, als die gangbarste Option übrigbleibt. Am 26.6.2010 ist das Offenkundige offiziell geworden: Erdoğan hat den türkischen Luftraum für israelische Flugzeuge gesperrt [30]. Caroline Glicks Schreckensvision einer türkischen Marine vor Gaza [31] mag heute noch paranoid klingen, aber es ist nur die konsequent weitergedachte Entwicklung des Neo-Osmanismus, der notwendig immer deutlichere territoriale und ideologische Duftmarken in der Region hinterlassen und von den ehemaligen arabischen Vasallenstaaten vor allem auf die der globalen Umma unter den Nägeln brennenden Judenfrage geprüft werden wird.
 
 III. Das kosmische Deutschland oder: Ph'nglui mglw'nafh Cthulhu R'lyeh wgah'nagl fhtagn [32]
 
 Aus Gründen der seelischen Hygiene habe ich mich bis hierhin nur en passant mit Deutschland befasst, auch deswegen, weil es in ideologischer Hinsicht schon so sehr über seine Landesgrenzen hinausgetreten ist, dass es bereits durch die Kritik Schwedens, der Türkei und Gazas in der Darstellung gespenstisch enthalten ist. Aber das leibhaftige Deutschland sei nun als letztes Türchen des antisemitischen Adventskalenders, als kleines Pièce de résistance nachgeholt. 
 
 Regierung, Medien und Volk, die für gewöhnlich einander nicht die Butter auf dem Brot gönnen, konnten bei aller beflissenen Staatsräson nicht widerstehen und geiferten eine Weile lang ihre Empörung gegen Israel. Doch es wären keine Deutschen, hätten sie nicht gleich in die Rolle des besorgtesten Freundes, des historischen Meisterschülers und ehrlichen Maklers zurückgefunden. Die scheinbar reflexivere Phase, die nach dem Rausch der ersten Tage eingetreten ist und in der sich etwas Besorgnis über die antizionistischen Ausfälle ausdrückt, ohne dass die Forderung nach der allmählichen Entwaffnung Israels zurückgenommen würde, ist nur der minusseitige Verlauf der Hertzkurve einer landestypischen Frequenz, die an sich immer stärker und plusseitig (antiisraelisch) assymmetrischer wird und den Betrachter in ihrer philosemitischen Sinus-Halbschwingung täuschen kann.
 
 Die Linkspartei hat sich mit der Unterstützung der Gaza flotilla und mit der massiven Teilnahme bei den antisemitischen Demonstrationen danach als leistungsstärkster Reichssender bei den Volksempfängern beworben. Gregor Gysis scheinbar "israelfreundliche" und regierungsbefähigende Öffnung hin zur Äquidistanz, die Koexistenz des Feigenblattes BAK Schalom mit Norman Paech, dem Schriftleiter des Judenreferats der Partei, werden dadurch nicht in Frage gestellt, sondern sind als Teil eines gesamtdeutschen, ja internationalen Trends anzusehen, mittels der Rolle des "besorgten Freundes" Israel an seine Todfeinde, denen man kritisch-solidarisch nahe bleibt, auszuliefern. Wer zwischen den vorsichtigeren Worten der "Freunde" (das schließt Gregor Gysi oder auch den Schreiber des AK Intifada der jungle worldStefan Vogt, ein [33], aber auch Körper von Gewicht wie Angela Merkel oder Wolfgang Thierse [34]) und den Hasstiraden der Feinde über die Semantik hinaus noch einen effektiven Unterschied erblicken will, sei an ihren einstimmigen Ruf nach der Aufhebung der Blockade erinnertder in einer Sternstunde des Reichstags kulminierte, in der ohne eine einzige Ausnahme oder Enthaltung alle Volksvertreter gegen Israel stimmten. Es hat wenig gefehlt und alles hätte sich wie 1914 erhoben, um das Deutschlandlied zu singen. Das Protokoll verzeichnete "spontanen Applaus im ganzen Hause".
 
 Es ist gleichgültig geworden, ob man wie die Blutzeugen Paech, Groth und Höger von "Piraterie" und "Massaker" redet oder wie die deutsche Regierung "Bedauern" und "tiefe Besorgnis" ausdrückt - sie alle treten, wenn es darauf ankommt, diskret in den Hintergrund bzw. ins Unterdeck und überlassen das blutige Geschäft den Muslimbrüdern und Hamas-Fanatikern, die ja niemand an Bord der Mavi Marmara gesehen, niemand mit Milliarden Euros gefördert, niemand in UNHCR-Einrichtungen versteckt, niemand über die Jahre mit anfeuernder Sympathie versorgt haben will. Paech bringt den gebannten und bannenden deutschen Blick, der keine jüdische, aber jede antijüdische Handlung entschuldigt, mit seinem Gerede von "höchstens zweieinhalb Holzstangen" in den Händen der türkischen Aktivisten für alle auf den Punkt.
 
 Deutsche und zunehmend auch gesamteuropäische (das schließt ideologisch leider größtenteils die Obama-Administration mit ein) Staatsräson besteht darin, die antirassistisch-antifaschistisch-antitotalitäre Doktrin, die sich an den Kultstätten der Vergangenheitsbewältigung (Auschwitz, Omaha Beach, Verdun, Katyn) inszeniert und stets relegitimiert, zur außenpolitischen Waffe zu machen und sie gegen die unversöhnbaren, weil ihre Souveränität errungen habenden und diese nicht mehr preisgebenden Juden zu kehren. Die faktische Lehre von Auschwitz, dem Herzstück deutscher Selbstfindung, ist, dass die goyim zu einer gegenseitigen Anerkennung, zu einem Tauschverhältnis ihrer nationalen Identitäten gelangen, während Israel noch lernen muss, dass obstinate jüdische Identität zu all dem Grauen geführt hat und nun den ewigen Frieden verhindert.
 
 Nach der Devise keep your enemies close sind in Trauerfalten gelegte deutsche Gesichter auch nicht von Yad Vashem wegzudenken. Doch die depressive Phase des solidarischen Gedenkens ist immer enger mit der manischen Begutachtung der "illegalen" Siedlungen und anderer Sichtungen israelischer Souveränität verbunden, wie Frank-Walter Steinmeier 2009 in der West Bank vorführte [35] und jüngst der Minister für Gas, Wasser, Scheiße, Dirk "Fünf vor Zwölf" Niebel, in aller Freundschaft vortrug [36]. Recep Tayyip Erdoğan hat diesen Dreh noch nicht heraus bzw. braucht ihn als "dynamischer" Außenpolitiker nicht mehr zu lernen. Eine der ersten Verhaltensauffälligkeiten des Großtürken auf internationalem Parkett war seine Weigerung, 2005 in Yad Vashem eine Kippa zu tragen [37], was von der westlichen und israelischen Presse, wenn überhaupt zur Kenntnis genommen, verständnisvoll kleingeredet wurde.
 
 Nicht so Deutschland, das in Gestalt seiner öffentlichen Personen oft und gerne sowohl Kippa als auch beeindruckende Trauermienen anlegt. Der ideologisch über Maas und Memel weit hinausgreifende Staat hat mittels des Gedenkens, der Verpflichtung gegenüber Israel, nach anfänglichen Neigungen, die unabweisbare Schuld zu leugnen, die Phasen des Abspaltens, Projizierens, Wiedergutmachenwollens, Opfer-Täter-Verkehrens durchlaufen und ist jetzt bei der sündenstolzen Integration angelangt, die die "prozionistische" Staatsräson in eine Rechtfertigung obsessiven stalkings wandelt.
 
 Israel kann immer nur die Projektionsfläche deutscher Abrechnungen sein, als lebende Erinnerung an den unheilbaren Zivilisationsbruch und als jüdischer Staat, der in seiner Entstehung und bewaffneten Existenz den Antisemitismus, die einzig echte Grundkonstante des Judentums, denunziert. Der Vorwurf der Künstlichkeit, Unnatürlichkeit und eigentlichen Unmöglichkeit ist mit den Juden auf Israel übergegangen, doch die falsche Aufhebung der zweiten Natur macht sich vor allem an den Handlungen Israels fest, die dieses Bild des Artifiziellen stören: Die Besiedelung und Verteidigung des Landes, die in der deutschen Ideologie als Blut und Boden verklärt wurden, um eine organische Verbindung von Volk und Territorium mittels des Opfers durch Arbeit und Kampf herzustellen, werden bei Israel, wo der Vorgang der Aneignung äußerlich auch so verstanden werden könnte, dafür kritisiert, dass sie nichts als der schnöde, sachliche Erwerb und die bewaffnete Verteidigung der eigenen, kleinlichen Interessen sind, dass ihnen also der todesumarmende Idealismus abgeht, ohne den kein deutscher Staat zu machen ist. Das für Deutsche Unverzeihliche ist gerade die Tatsache, dass Israel bei Strafe des Untergangs vernunft- und interessegeleitet handelt, was in der deutschen Diktion als identitärer Wahn und brutale Maßlosigkeit denunziert wird. Der Versuch hingegen, abgelaufene Medikamente und ökologisch bewusstes Spielzeug an ein zur Vernichtung Israels verschworenes Racket zu liefern, ist der Volksseele weit näher, weil es - wie Goebbels einmal die Bücherverbrennungen nannte - "ein heiliger und symbolischer Akt" ist. So wird auch selbst bei den "kritischen" Stimmen sowohl an der naiven Grundgüte der deutschen Teilnehmer festgehalten, die sich höchstens haben verführen lassen, als auch an der israelischen "Maßlosigkeit".
 
 Der Antizionismus mit integrierter israelsolidarischer Impedanz ist die deutsche Seite des globalen Phänomens. Die hiesigen Unterstützer der palästinensischen Sache sind nicht einfach Verführte, sondern Wahnsinnige und Verräter, die zunächst Israels, aber auch den eigenen Untergang bereiten. Deutsch-Europa öffnet - die "progressiven" Strömungen voran - seine Tore für maßlos destruktive Kräfte, die ihm den Garaus zu machen angetreten sind. Die Vernunft der Herrschaft, die den Weg zu einer vernünftigen Einrichtung der Welt sowohl schafft als auch verstellt, drängt mit den Beherrschten zur totalen Integration und damit zum kosmischen Deutschland, das im Falle seiner absurden Verwirklichung die traurigen Sprösslinge der Menschwerdung unterpflügen wird. Bis dahin träumt das seit 1945 tote, wahre Deutschland wie Ctulhu, das tentakelgesichtige Scheusal der Lovecraftschen Lustangst, von seinem Wiederaufstieg aus dem Völkermeer.
 
 Zum Schluss sei also eine Warnung aus der europäischen Antike wiederholt. Die Bewohner Ilions (Troja), die so genannten Teukrer, erweisen sich in diesen Zeilen Vergils als die wahre Geheimwaffe der Griechen. Das hölzerne Pferd ist lediglich das Vehikel ihres frommen Wahnes, der ihre Ohren vor der Drohung, die vernehmlich aus dem Bauch des Konstruktes erschallt, verstopft. Ebenso wie die linken und friedensbewegten Helden des Engagements die Welt durch die Bestrafung der Juden und die Umarmung der Palästinenser zu verbessern meinen, und damit einen weltweiten Jihad fördern, den sie heimlich bis offen ersehnen, glaubten die Teukrer an die Gottgefälligkeit ihrer Tat. Ebenso wie man sich von den Morden in Israel, New York, Madrid und London nicht von der unerwiderten Liebe zu Hamas & Co. abbringen lässt, stellten sich die Teukrer "viermal" fürs klar Wahrnehmbare und sogar für die Warnungen Kassandras taub. Der Wahn gab die Stadt der Vernichtung preis.
 
 "Laut heischt alles, das Bild zum Sitze der Göttin zu führen
 Und sie um Gnade zu flehn.
 Wir durchbrechen den Wall und öffnen die Mauern der Feste;
 Alles begibt sich ans Werk, setzt unter die Füße der Räder
 Rollenden Schwung und umwindet den Hals mit hanfenen Banden.
 Klimmend erhebt zu den Mauern das schicksalschwere Gebäu sich,
 Schwanger mit Waffen. Es tönt ringsum von Knaben und Mädchen
 Heilger Gesang, und sie freun sich, das Tau mit der Hand zu berühren.
 Schon rückt drohend es an und rollt in die Mitte der Feste.
 Oh, mein heimisches Land, o Ilion, Götterbehausung,
 Kriegrische Mauern der Dardaner ihr, viermal an der Schwelle
 Stockt' es im Tor, viermal scholl klirrend der Bauch von den Waffen.
 Doch wir beharren dabei; sinnlos vom Wahne geblendet,
 Bringen zur heiligen Burg wir das unglückselige Gräuel.
 Auch Kassandra öffnet den Mund zur Verkündung der Zukunft,
 Aber - so wollt es ein Gott - nie schenkten ihr Glauben die Teukrer.
 Ja wir kränzen, wir Elende, noch, für die es der letzte
 Tag war, rings durch die Stadt mit festlichem Laube die Tempel." [38]
 
 
 Anmerkungen:
 
 [1] "Damit sich ein die Situation betreffender Wahrheitsprozess entfaltet, muss ein reines Ereignis die Situation supplementieren. Dieser Zusatz ist aus der Situation [...] weder benennbar noch vorstellbar. Er wird durch eine einzigartige Benennung eingeschrieben, indem ein überzähliger Signifikant ins Spiel gebracht wird." (Alain Badiou, Manifest für die Philosophie, zit. n. Johan Frederik Hartle, Die Treue zum Ereignis denken. Der französische Philosoph Alain Badiou begibt sich in die Leere der Situation, unter: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=6967&ausgabe=200404).
 
 [2] Das ist ein während des Zweiten Weltkrieges prodeutsches Blatt, welches vor weniger als einem Jahr mit Daniel Boströms offen antisemitischen Gräuelstories über jüdischen Organraub an palästinensischen Kindern gegen Israel hetzte und sich von der Regierung und öffentlichen Meinung im Namen der Pressefreiheit darin geschützt und bestärkt sah.
 
 [3] "För att kunna beskriva konflikten ärligt måste man ta part med den svagare sidan." (http://www.ordfront.se/Ordfrontmagasin/Tidigare%20artiklar/1205sraelmedia.aspx)
 
 [4] "I must consider seriously whether I should block my books from being translated to Hebrew" (http://www.swedishwire.com/politics/4841-henning-mankell-may-halt-hebrew-book-version)
 
 [5] Man denke nur an den intensiven Fährenverkehr über den Öresund, oder nach Turku oder Puttgarden, der ein gut Teil seiner Existenz dem unauslöschlichen Durst schwedischer Prohibitionsflüchtlinge verdankt
 
 [6] "In Söderhamn, einer schwedischen Kleinstadt, hat ein Elch Selbstmord begangen, nachdem er sich in der Stadt verirrt hatte. Das Tier flüchtete in ein Parkhaus, doch auch dort wurde es von zu vielen Reizen getroffen, woraufhin es sich panisch aus acht Metern Höhe in die Tiefe stürzte." (http://www.shortnews.de/id/815751/Schweden-Elch-begeht-Selbstmord-wegen-zu-viel-Stress)
 
 [7] Diese romantisierende Idiotie westlichen Selbsthasses ist von den PR-geübten Freikorps schnell aufgegriffen worden: http://www.youtube.com/watch?v=IP_VOm7i_pA
 
 [8] http://www.haaretz.com/news/diplomacy-defense/south-korea-lowers-status-of-peres-visit-in-wake-of-gaza-flotilla-raid-1.294523
 
 [9] Einfach gesagt ist dies das räumliche Gegenstück zur zeitlichen Montage. Darsteller, Requisiten und Spielraum werden vor dem Drehen sorgsam positioniert (set dressing). Der Schwerpunkt dieser Technik liegt weniger in den "innerlichen" Vorgängen der Darsteller als in ihrer unmittelbaren, optischen Wirkung. Die IDF-Soldaten seilten sich über einer schwimmenden, auf sie wartenden Bühne ab.
 
 [10] "Wir waren mindestens 700, 100 Äthiopier, 200 Eritreer und 400 Sudanesen. Wir schliefen auf dem Boden, einer über dem anderen, weil es keinen Platz gab. Wir aßen einmal am Tag: 20 Gramm Reis und eine Brotstange, gegen Bezahlung. Jede Nacht nahmen sie mich in den Hof und ich musste Liegestütze machen. Als ich nicht mehr konnte, schlugen sie mich." (http://no-racism.net/article/2369/)
 
 [11] http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/middleeast/israel/7790919/Gaza-flotilla-the-Free-Gaza-Movement-and-the-IHH.html
 
 [12] http://taz.de/1/politik/nahost/artikel/1/maertyrer-an-bord/
 
 [13] http://www.memri.org/report/en/0/0/0/0/0/0/4249.htm
 

 [14] http://www.memri.org/report/en/0/0/0/0/0/0/4265.htm
 

 [15]  Weitere Details der Verbindung von IHH, Hamas und Al Qaida unter http://www.terrorism-info.org.il/malam_multimedia/English/eng_n/html/hamas_e105.htm
 
 [16]  Openbook durchsucht die öffentlichen Pinnwände bei facebook nach Stichworten, in diesem Fall "Juden". Insbesondere die älteren Einträge ab dem 5.6. sind aufschlussreich: http://youropenbook.org/?q=juden&x=43&y=7&gender=any
 
 [17] http://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Uebersicht/Juedische-Taenzer-beschimpft-und-mit-Steinen-beworfen
 
 [18] http://www.hurriyetdailynews.com/n.php?n=much-to-ponder-for-turkey-and-israel-once-the-dust-settles-2010-06-07
 
 [19] Es schadet gewiss nicht, einmal den Wortlaut seiner Israelkritik zu wiederholen, hier in einer Übersetzung der New York Times: "One minute, you must... one minute, you must... Mr Peres, you're older than me. Your voice is coming out in a very high tone. The reason your voice is coming out in a very high tone is due to a guilty conscience. My voice, however, will not come out in the same tone. When it comes to killing, you people know how to kill very well! I am well aware of how you shot and killed children on the beaches. Two former prime ministers from your country made some important remarks to me. You have prime ministers who say when they enter Palestine on tanks, they feel a different kind of joy, a great sense of happiness. You give me numbers, I can give you names. Maybe some of you are curious to know. I also condemn those people who aplaud this cruelty. Look, we cannot disregard areality here by brushing the truth aside. I have taken many notes, but I don't have time to respond to all of them. But I just want to say two things to you: Firstly, firstly, firstly... Excuse me, don't interrupt me! Firstly, the Old Testament says in the 6th commandment: "Thou shalt not kill!", but there is killing here. Secondly, it is very interesting that the Jewish writer Gilad Atzmon said: 'Israel's barbarity is way beyond cruelty'. Furthermore, Avi Shlaim, Professor at Oxford, writes in the Guardian that: 'Israel has become a rogue state with an utterly unscrupulous set of leaders'. Davos is over for me, I don't think I will come back to Davos again after this. Because you don't let me speak, the president spoke for 25 minutes, I only spoke for half of that.” 
 (http://thelede.blogs.nytimes.com/2009/01/30/video-of-the-davos-debate-on-gaza/?ref=europe)
 
 [20] http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2010/04/15/AR2010041501401.html
 
 [21] http://www.americanchronicle.com/articles/view/161812
 
 [22] http://www.reliefweb.int/rw/rwb.nsf/db900sid/MCOI-863HPL?OpenDocument
 
 [23] Jacques Bénoist-Méchin, Mustafa Kemal ou la mort d'un Empire, Paris 1954, S. 352.
 
 [24] Ebd., S. 353.
 
 [25] Akil Aksan, Mustafa Kemal Atatürk - Aus Reden und Gesprächen, Heidelberg 1981, S. 31.
 
 [26] Joachim Bruhn verweist zurecht darauf, dass die je verschiedenen Kriterien der Zugehörigkeit zur Nation auf die Verwirklichung der Homogenität der Subjekte zustreben. Siehe (http://www.ca-ira.net/verlag/leseproben/bruhn-deutsch_lp.html). Das ius sanguinis "lauert" (Bruhn) hinter dem ius soli stets auf seine völkische Verwirklichung, doch es macht sehr wohl einen praktischen Unterschied um Leben und Tod, ob man à la allemande zum künftigen Totschlag markiert oder à la française durch die Geographie unter Absehung der Eigenart homogenisiert werden soll. Ein Jude kann niemals Volksgenosse, aber unter Umständen citoyen und mit ziemlicher Sicherheit US citizen sein.
 
 [27] "O ihr Gläubigen, wisset, dass es im Islam keine Nationen gibt. Unser überaus großmütiger Prophet und Herr hat gesagt: 'Wer die Spaltung in Stämme betreibt, gehört nicht zu uns.' Sollten einige von euch sich auf ihr Arabertum, einige auf ihr Albanertum, einige auf ihr Türkentum und wieder andere auf ihr Kurdentum berufen; und solltet ihr die Glaubensbrüderschaft vernachlässigen, die euch doch mit dem festesten aller Bande verbunden hat, dann gnade uns allen Gott!" (Mehmet Akif, 1912; Sebilürreşad)
 
 [28] Zur Geschichte der interessierten Fälschung des eigentlich von Cebat Örnek stammenden Gedichtes siehe Philipp Lenhard/Justus Wertmüller, Von der Parallelgesellschaft zum Parallelstaat, in: Bahamas, Nr. 53/2007, S. 49.
 
 [29] Korkma, sönmez bu şafaklarda yüzen al sancak;
 Sönmeden yurdumun üstünde tüten en son ocak.
 O benim milletimin yıdııı, parlayacak;
 O benimdir, o benim milletimindir ancak.
 
 Çatma, kurban olayı, çehreni ey nazlı hilâl
 Kahraman ırkıma bir gül! Ne bu şiddet bu celâl
 Sana olmaz dökülen kanlarımız sonra helâl,
 Hakkıdır, Hakk'a tapan, milletimin istiklâl!
 
 [30] http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/naher-osten-und-afrika/Tuerkei-sperrt-Luftraum-fuer-israelische-Fluege/story/12102702
 
 [31] http://www.carolineglick.com/e/2010/06/weathering-the-approaching-sto.php
 
 
[32] In seinem Heim in R'lyeh wartet der tote Cthulhu träumend - H.P. Lovecraft
 
 [33] Siehe seine Freundschaftsbekundung in der jungle world, Nr. 23 vom 10.6.2010
 
 [34] http://www.emw-d.de/meldungen/de.meldung.688/
 
 
[35] http://www.lizaswelt.net/2009/07/juden-raus-heit-judenrein.html
 
 
 [36] http://www.lizaswelt.net/2010/06/um-zwolfe-wird-zuruckgeniebelt.html
 
 
[37] http://www.nytimes.com/2005/05/01/world/africa/01iht-mideast.html?scp=1&sq=erdogan%20vashem&st=cse
 
 
[38] Æneis, Buch II, Verse 232-250