Ausgabe #14 vom

Vernichtung als Bazar der Kulturen

Zur Aktualität des Antirassismus

ALEX GRUBER

Auf dem größten der antisemitischen Massenaufmärsche, die in Wien anlässlich der Aufbringung der Friedensflotte genannten antiisraelischen Armada abgehalten wurden, wurde neben Fahnen der Hisbollah, der Hamas, der Islamischen Republik Iran sowie Flaggen des militanten Jihad auch ein Transparent mitgeführt, auf dem zu lesen war: „Der Kampf gegen Israel ist nicht Antisemitismus, sondern Antirassismus.“ [1] Angesichts solch einer Ausführung, die vielleicht in ihrer Eindeutigkeit, nicht aber in der in ihnen sich reflektierenden Argumentation hervorsticht, sondern vielmehr von den Israelkritikern unterschiedlichster Couleur geteilt, ja sogar als Ausweis für Reflektiertheit sowie Menschen- und Friedensfreundlichkeit angeführt wird, stellt sich die Frage, was für ein Begriff von Rassismus dem Antirassismus als Weltanschauung zugrunde liegt und warum dieser geradezu notwendig auf so geartete Feststellungen hinauslaufen muss. 
 
 Den Vorwurf, selbst antisemitisch zu sein, weisen Antirassisten, wie man nicht zuletzt an dem angesprochenen Transparent sehen kann, weit von sich; eine zum antirassistischen Ticket gehörige Sensibilität, die sich auf Völkerverständigung und Minderheitenschutz beruft, gilt als Beweis, dass man kein Antisemit sein könne, weil man kein Rassist sei. Schon in dieser Argumentation wird deutlich, dass ein bestenfalls diffuses Verständnis des Antisemitismus vorherrscht: Er wird lediglich als eine Spielart des Rassismus betrachtet, als einer von vielen „Rassismen“ [2], der sich in diesem konkreten Fall eben gegen Juden richtet, wie andererseits die Islamophobie sich Moslems als Ziel suche. Dieses interessierte Unverständnis ist es, das dem Gerede von „strukturelle[n] Ähnlichkeiten zwischen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit“ zugrunde liegt, wobei es mittlerweile zum kritisch sich gebenden Repertoire der solcherart Argumentierenden gehört, gleichermaßen reflexartig wie gehaltlos darauf hinzuweisen, diese Konstatierung von Parallelen geschehe, „ohne billige Gleichsetzungen anstellen zu wollen.“ [3] 
 
 Der Rassismus im Allgemeinen entspränge dem Hass auf das Fremde und der Furcht vor dem Unbekannten, sei also ein Vorurteil im strengen Sinne des Wortes. Der Antisemitismus im Besonderen sei demgemäß eine solche Fremdenfeindlichkeit gegen und Diskriminierung von Juden. Der Hass auf den Zionismus, der in antirassistischen Kampfparolen gegen Israel wie den eingangs zitierten sich ausdrückt, kann in diesem Verständnis nicht als Antisemitismus begriffen werden – dies nicht zuletzt deswegen, weil die vernunft- und zivilisationsfeindliche Ranküne geradezu naturwüchsig zur Grundausstattung der Warner vor Islamophobie, ihrer Vorstellung von Rassismus und der darüber vermittelten eigenen Israelkritik gehört. [4] Unter dem Kampfbegriff Islamophobie wird mittlerweile so gut wie jede Kritik am Islam und dessen politischer Praxis subsumiert – auch wenn seine Propagandisten treuherzig versichern, gegen „Kritik an einzelnen Phänomenen des Islam überhaupt nichts [zu] haben“ [5] –, und er wird in einem weiteren Schritt als ein den „judeophobe[n] Aspekten“ des „Diskurses“ [6] gleichwertiges, wenn nicht aktuelleres und damit brennenderes Phänomen verstanden. Neben den bereits aufgeführten geben etwa die Veröffentlichungen des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung und seines Leiters Wolfgang Benz oder die des konkret-Autors Kay Sokolowsky [7] – um nur zwei weitere relativ beliebige Beispiele zu nennen – beredtes Zeugnis von dieser Tatsache. [8]
 
 Zum Verhältnis von Rassismus und Antisemitismus

 
 Materialistische Kritik dagegen hat kenntlich zu machen, dass der Rassismus historisch die Biologisierung von Produktivitätsgefällen darstellt. Als gesellschaftlich notwendiger Schein kolonialer Praxis entsprang er daraus, dass die Wertbestimmung kolonialer Arbeitskraft in Natur aufgelöst wurde – dass die kolonialen Arbeitskräfte auf Natur, auf quasi tierisches Dasein reduziert wurden. Sie wurden als „Minderwertige“ projiziert und ihre gesellschaftliche Stellung naturalisiert. Ihre Erscheinung als koloniale Arbeitskraft wurde also für das Wesen genommen, sodass es an der Oberfläche erschien, als ob die minderwertige Behandlung einer „natürlichen Minderwertigkeit“ entspreche, wie auf der anderen Seite die Kolonialisierung der „natürlichen Überlegenheit“ der Europäer entspringe. [9] Zu Zeiten des Kolonialismus und der Sklaverei, zu Zeiten der Durchsetzung des Weltmarkts also, heftete sich diese die Unterdrückung rationalisierende Verkehrung an einen realen gesellschaftlichen Unterschied, den zwischen kapitalistischer und vorkapitalistischer Subjektivität. [10] Dieser Unterschied existiert jedoch nicht mehr – was allerdings nicht bedeutet, dass sich die verkehrende Projektion aufgelöst hat und verschwunden ist. Vielmehr hat sie eine Transformation und Verallgemeinerung erfahren und befriedigt nun ein allumfassendes psychisches Bedürfnis der krisenhaft konstituierten kapitalen Subjekte.
 
 Der Rassismus ist demgemäß zu verstehen als eine objektive Verkehrung, durch den die Einzelnen sich ihre Tauglichkeit zur Verwertung bzw. ihre Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft als Naturmerkmal halluzinieren. Sie spalten die in der nachbürgerlichen Gesellschaft allumfassend gewordene Angst ab, der eigenen gesellschaftlich produzierten Überflüssigkeit überführt zu werden, und projizieren diese in die Außenwelt. Der identitäre Wahn ist solcherart eine Ideologie der Konkurrenz, eine Abgrenzung gegen und – letzten Endes – Feinderklärung an den nicht zum eigenen Kollektiv Gehörigen. In diesem wird, wie verkehrt und wahnhaft auch immer, der Konkurrent, die Arbeitskraft und damit der Gleiche erkannt, als der er gleichzeitig gebannt werden soll, was durch seine Reduzierung auf Natur, die zur Verwertung nicht tauglich ist, bewerkstelligt wird. Dadurch wird er überhaupt erst zu jenem Ungleichwertigen erklärt, der er in der Realität des global durchgesetzten Weltmarkts und seiner Subjektivität eben per se nicht ist. Wie sehr in dieser Denkform der Konkurrent immer noch aufscheint, und wie wenig die Projektion von eigener Verwertbarkeit aufgrund „natürlicher“ oder „kultureller“ Zugehörigkeit selbst von denen ganz geglaubt wird, die solche Vorstellungen hegen, das zeigt schon das zwangsläufig gleichzeitige, aber entgegen gesetzte Szenario, demgemäß dieselben Zuwanderer, die doch als bloße Natur zu Wert schöpfender Arbeit gar nicht in der Lage sein sollen, nur deswegen „zu uns“ kämen, um „uns die Arbeitsplätze wegzunehmen“. Gegen den vorherrschenden Rassismusbegriff wäre also kritisch einzuwenden, dass der Rassist und Fremdenhasser am Ausländer gerade nicht das Fremde und Andersartige – die Differenz, wie es im postmodernen Jargon heißt – hasst, sondern vielmehr die Gleichartigkeit. Was der Ausländerfeind also verabscheut, und wogegen er verzweifelt seine nationale Besonderheit stellt, ist die Gleichheit und Ununterscheidbarkeit der als Subjekte konstituierten Individuen im Prozess der kapitalen Verwertung – und darüber vermittelt seine eigene Austausch- und Ersetzbarkeit.
 
 Doch in Zeiten des durchgesetzten Weltmarktes und seiner massenhaften Produktion von für den Fortgang der Verwertung Überflüssigen gibt es kein natürlich scheinendes Kriterium – wie etwa die Hautfarbe –, das den Einzelnen ihre produktive Indienstnahme und damit ihre Zugehörigkeit zum Kollektiv der Überlegenen sichert. Gerade diese Tatsache aber nötigt diese Einzelnen umso mehr zum Beharren auf der eigenen Unverwechselbarkeit und der Attributierung der Konkurrenten als Fremde oder Nicht-Dazugehörige. Genau in dieser Tatsache ist denn auch die in den letzten Jahren immer verstärkter zu beobachtende Fahndung nach kollektiven Identitäten zu verstehen: die Suche nach unhintergehbarer Identität, deren Anerkennung den Individuen ihren „Platz an der Sonne“ – d.h. an der Werkbank – garantieren soll. Der arbeitsgerichtliche Streit etwa darum, ob Ossis eine eigene Ethnie sind und deswegen dem Antidiskriminierungsgesetz unterliegen, [11] ist nur eine, lediglich auf den ersten Blick belanglos und absurd wirkende Erscheinung dieses gesamtgesellschaftlichen Trends. Die Ununterscheidbarkeit der auf Kapitalproduktivität und Staatsloyalität festgelegten Monaden treibt diese zur Behauptung der Differenz. Sie treibt sie zur Forschung nach Merkmalen, die die Zugehörigkeit zu einem Kollektiv unhintergehbar begründen und entweder die als fremd Attributierten draußen halten, oder den Sich-selbst-Ethnifizierenden einen Zugang zu den Futtertrögen garantieren sollen, indem sie sich als unter Schutz zu stellende „Andere“ gerieren.
 
 Statt nun aber die Willkürlichkeit der kollektiven und identitären Zuschreibungen als Ergebnis der negativen Vergleichung durch Staat und Kapital zu kritisieren, beteiligt sich der Antirassismus an der Verschleierung eben dieses Mechanismus. Die Projektion der kollektiven Verschiedenheit wird nicht als dem Wunsch des kapitalen Subjekts entsprungen kritisiert und nicht als wahnhafter Versuch denunziert, der Gleichheit der Konkurrenz zu entgehen, sondern wird vielmehr in der Anerkennung der „Verschiedenartigkeit der Kulturen“ affirmiert und bloß positiv gewendet. Dieser Antirassismus nimmt den rassistischen Impuls auf, der die Verschiedenheit der Menschen nicht als je individuelle Qualität, sondern als Ausdruck eines unentrinnbaren Kollektivs behauptet. So schreibt etwa Iman Attia in ihrem Buch Die westliche Kultur’“ und ihr Anderes: „In gesellschaftskritischer Perspektive und von soziologischen Begriffen, Fragestellungen und Aufgaben ausgehend, ergänzt die poststrukturalistische Sozialwissenschaft mit der Kategorie ‚Kultur’ die bislang zentralen Kategorien der Struktur und des Subjekts. Als Bindeglied zwischen Struktur und Subjekt ist Kultur der Bereich, in dem Subjekte in den Strukturen handeln, sie sich aneignen, sie hervorbringen und transformieren. […] Dieser Prozess, in dem Subjekte und Strukturen sich aufeinander beziehen, findet seinen Rahmen und seinen Ausdruck in der Kultur.“ [12] 
 
 Was sich hier gesellschaftskritisch gibt, ist das genaue Gegenteil davon, nämlich die begriffliche Verdopplung der gesellschaftlichen Realität, statt ihrer kritischen Durchdringung: Die Annerkennung der Menschen findet nicht als Anerkennung dieser als besondere Individuen statt, sondern als Exemplare kultureller Kollektivsubjekte. Die Einzelnen werden entindividualisiert und zu klar abgegrenzten Repräsentanten fremder Kulturen gemacht, deren Kritik als eurozentristische Anmaßung aufgefasst wird. Um auch hier nur ein Beispiel unter vielen zu nennen, sei ein Aufsatz von Sawitri Saharso zitiert, in dem sie ausführt, dass es rassistisch sei, die Entfernung der Klitoris als Verstümmelung (Mutilation) zu bezeichnen und zu verbieten: „Das Problem eines solchen Verbots ist aber, dass viele Lebensweisen mit Praktiken der Geschlechterdiskriminierung verbunden sind. Obwohl ich begrüßen würde, wenn wir uns alle feministischen Überzeugungen anschließen würden, haben wir in unserem Privatleben das Recht, geschlechterdiskriminierende Praktiken zu wählen. Eine Praktik aufgrund von Geschlechterdiskriminierung zu untersagen, würde bedeuten, dass all diese Praktiken nicht mehr länger rechtens wären. Dies würde aber unzulässigerweise persönliche Freiheiten einschränken.“ [13] Solcher Antirassismus, der sich allen Ernstes als emanzipatorischer Sprecher für die Unterdrückten begreift, baut auf einer positiv verstandenen kulturellen Identität der Menschen und Völker auf, und schreckt dabei zwangsläufig nicht davor zurück, auch noch die schlimmsten Verbrechen als „persönliche Freiheit“ innerhalb der kulturellen Vielfalt unter Naturschutz und damit unter Kritikverbot zu stellen.
 
 Der Rassismus wie der Antirassismus sind objektive Denkformen der warenproduzierenden Vergesellschaftung und als solche Ausdruck des Wahns mittels dessen die kapitalen Subjekte sich einer als natürlich imaginierten, unaufkündbaren Zugehörigkeit zum Kollektiv, zur Gemeinschaft der Unabkömmlichen versichern möchten. Die allumfassende Nötigung, die eigene Nützlichkeit und Vernutzbarkeit im Gange der Verwertung, welche stets nur verlangt, niemals aber garantiert ist, zu beweisen, ist solcherart aber nicht aus der Welt zu schaffen. Die harmonisch halluzinierte Gemeinschaft entpuppt sich stets wieder als Zwangszusammenhang von Konkurrenten, die ihrem Verwiesensein an den kapitalen Prozess, den doch nur sie selbst in Gang halten, nicht entgehen können. Sie befinden sich in einer objektiven Situation, in der sie der negativen Vergleichung in der Konkurrenz ausgesetzt sind, welche einerseits ihre Subjektivität permanent setzt, diese aber ebenso permanent bedroht und hintertreibt. Dies bringt den Hass auf das gleichmachende Prinzip und alles, was damit identifiziert wird hervor. Das „automatische Subjekt“ (Marx), das die Einzelnen durch ihr gesellschaftliches Handeln produzieren und reproduzieren, wird von ihnen in einem Akt der Veräußerlichung als über ihnen stehende Macht konkretisiert und soll als Aggressor dingfest gemacht werden: als Finanzkapital und Spekulantentum [14], als Globalisierung, als Arroganz und Maßlosigkeit des Westens u. ä. „Die Feindschaft der Völker gegen die Globalisierung von außen entspricht der Feindschaft der Kollektivsubjekte gegen den Zersetzer im Inneren. In multipler Form entsteht so das ‚ewig jüdische Prinzip’ neu, jenes das stets verneint.“ [15]
 
 Die kapitalen Subjekte halluzinieren sich ein personifiziertes negatives Prinzip, auf das sie alle krisenhaften Phänomene der Moderne projizieren, ihm Allmacht und Allgegenwärtigkeit unterschieben, und es für alle empfundenen Übel und Ungerechtigkeiten verantwortlich machen. Insofern schwingt im Antisemitismus notwendig und immer ein sozialrevolutionäres Moment mit – die Schreckgestalt eines verneinenden Prinzips, das die Menschen, die Völker und Kulturen ins Übel stürzt, das ihre Identität unterwandert und zu zersetzen droht; diesem Prinzip soll es an den Kragen gehen, um so Identität endgültig und definitiv fest- und stillzustellen. In genau diesem Zusammenhang ist auch das eingangs zitierte Transparent zu verstehen: Der jüdische Staat wird als jener rassistische Aggressor projiziert, der die schützens- und erhaltenswerten Kulturen, Differenzen und „Praktiken“ (Saharso) der Welt bekämpft und zerstört, um sie unterjochen und ausbeuten zu können und den an diesem Unterfangen zu hindern als antirassistische Pflicht erscheint.
 
 Es existiert ein fundamentaler Unterschied zwischen Rassismus und Antisemitismus: Ersterer „ereignet sich […] im Rahmen von Vergleichung und Konkurrenz, während der Antisemitismus sich gegen die durch den Tausch gestiftete Vergleichung der Individuen als kapitale Subjekte wendet.“ Letzterer rationalisiert also die Vergleichung als Verschwörung und projiziert sie auf empirische Personen, die er ohne Rücksicht auf ihre Besonderheiten aus der Welt schaffen möchte. „Antisemitismus ist der barbarische Aufstand aller Ressentimentgeladenen und Opferwütigen, egal, wie sehr sie mit welch ‚rassistischen’ Vorwänden auch immer sich untereinander selbst ans Leder wollen.“ [16] Dies ist auch der Grund, warum sich unter jenem antiisraelischen Transparent eine auf den ersten Blick derart heterogene Masse versammeln kann, wie auf der Demonstration in Wien am 4. Juni 2010: Internationalistische Trotzkisten, arabische Islamisten, kurdische Nationalisten, türkische Faschisten der Grauen Wölfe und „Feministischer Widerstand gegen imperialistischen Krieg“ [17] – der Bezug auf den gemeinsamen Feind, der gemeinsame Hass auf das Abstrakte und die Sehnsucht nach unhintergehbarer Gemeinschaft schafft die Einheit der antisemitischen Internationale; diese ungenießbare Melange ermöglicht die Konstituierung jener Hetzmasse von einander spinnefeindlich gesinnten Rackets. 
 
 Es ist allein der Antisemitismus, der als allumfassende Welterklärung auftritt und eine existentielle Feinderklärung vornimmt, die ohne Rücksicht auf alle individuellen und sozialen Eigenschaften vorgeht und alle von ihm Betroffenen auf bloße Opfer, auf zu vernichtendes Material reduziert. Er ist die autoritäre Rebellion gegen die widersprüchliche und krisenhafte Konstitution der als kapitale Subjekte gesetzten Individuen und als solche gleichzeitig die bewusste Exekutierung der barbarischen Züge, die die kapitalvermittelte Vergesellschaftung in ihrem Verlauf aus sich selbst heraus produziert. Der Antisemitismus ist somit zu charakterisieren als fetischistische Revolte gegen das Kapital auf der Grundlage des Kapitals, und genau darin, eine konformistische Rebellion gegen das Kapital auf dessen eigener Grundlage exekutieren zu wollen, gleicht sich der gesinnungsethische Antikapitalismus der Antiglobalisierer und der Panarabisten, der Islamisten und der Antiimperialisten, was auch erklärt, warum der Antisemitismus ein notwendiges Moment all dieser Weltanschauungen ist; und zwar genau jenes verbindende Moment, das ihre jeweilige Avantgarde auf der Mavi Marmara hat zusammenfinden lassen. 
 
 Antirassismus als Antikapitalismus
 
 Der spontane Antikapitalismus, für den in Deutschland paradetypisch „Die Linke“ steht, erklärt Ausbeutung und Verelendung als Ausfluss egoistischer und raffgieriger Absichten, fasst diese in weiterer Folge als rassistische Diskriminierung und Ausplünderung der Völker der Dritten Welt und ist bestrebt, darüber die Zusammenrottung der Verelendeten zum Kollektiv der sich Wehrenden und Zurückschlagenden zu betreiben, wie man nicht zuletzt an den Geschehnissen rund um die antisemitische Piratenfahrt gen Gaza beobachten konnte. Es entspricht genau der antirassistischen Weltanschauung, wenn Anette Groth von einer „unglaublich gute[n] Atmosphäre“ inklusive Gesang auf der Mavi Marmara schwärmt und Norman Paech erklärt, sich in diesem „bunte[n] Treiben“ wie auf einem „Bazar“ gefühlt zu haben. [18] Es entspricht genau dieser Disposition, dass beide nichts als harmonische und friedliche Vielfalt der Kulturen erkannt haben wollen, bis die israelische Soldateska diesem fröhlichen und bunten Treiben ein gewaltsames Ende bereitet habe und dafür zurecht mit Gewalt konfrontiert wurde, die nichts als Gegenwehr und Selbstverteidigung gewesen sei. Der an dieser Stelle als repräsentatives Beispiel einer sich selbst als oppositionell halluzinierenden Organisation herangezogene BAK Shalom gibt zu dieser Irrenlogik dann das Feigenblatt ab, indem er in seiner Stellungnahme zur „Unterstützung der ‚Friedensflotille’“ den Parteigenossen Höger, Paech und Groth erst Respekt ob der „widrigen Umstände, die sie durchmachen mussten“, ausspricht und ihnen danach ins Stammbuch schreibt, dass sie es bei der grundsätzlich nicht verwerflichen „Infragestellung der israelischen Blockadepolitik“ ein wenig übertrieben hätten, um schließlich ebenfalls die Souveränität des jüdischen Staates zu untergraben, indem er ihm kluge Ratschläge gibt und eine internationale Untersuchungskommission fordert. [19] 
 
 Es ist der Antirassismus selbst, der den Rassismus nicht als eine objektive Gedankenform der globalen kapitalistischen Vergesellschaftung begreifen kann. Er macht ihn stattdessen zu einer Chiffre für Unrecht und Ungerechtigkeit schlechthin und schwingt sich so zum ressentimentgeladenen Deutungsmuster für gesellschaftliche Prozesse aller Art auf. Um auch hier wieder nur ein Beispiel zu nennen: Im Vorfeld der berüchtigten Durban Review-Konferenz letztes Jahr in Genf hielt das Forum für Menschenrechte in Israel/Palästina, dem etwa Amnesty International Schweiz und die Schweizer Caritas angehören, am 19. April 2009 eine Israel Review-Konferenz ab. Auf dieser wurden allen Ernstes israelische Swimming Pools zu rassistischen Unterdrückungsmaßnahmen erklärt, die den in der palästinensischen Scholle wurzelnden Olivenhainen das Wasser abgraben würden. [20] Wie Leo Löwenthal bereits in den 1940er Jahren festgestellt hat, dient diese Art der Agitation nichts anderem als dem Schüren von „Ressentiments gegenüber den Exzessen des Luxus.“ In seiner Studie Falsche Propheten führt er aus: „Der Agitator entwirft ein bizarres Bild überdimensionierter luxuriöser Besitztümer, […] wo es von Schwimmbassins nur so wimmelt.“ [21] 
 
 Der so argumentierende Antirassismus ist eine antikapitalistische Bewegung, die sich die Verallgemeinerung des Elends auf ihre Fahnen geschrieben hat und die, die sich unter dieser Fahne sammeln, erwarten nur eine Form der Belohnung: Sie dürfen ihr Mütchen an den im Luxus verkommenen Sündern kühlen, wenn ihnen diese als Beuteopfer in die Hände fallen. Seine Agitation zielt darauf, die Gesellschaft in identitäre, gemeinschaftliche Elendsselbstverwaltung zu überführen. Die zu schützenden Völker und Kollektive sind charakterisiert dadurch, dass sie durch rigide Verzichtsmoral und das aggressive Einklagen eines Opferstatus zusammengehalten werden und dieses Einklagen ermöglicht es, sich als jene „verfolgende Unschuld“ (Karl Kraus) zu präsentieren, die aus den Ausführungen Groths und Paechs spricht. Dieses Einklagen ermöglicht es, sich als Opfer zu fühlen und aufzutreten, das in der Verfolgung des imaginierten Verursachers der als Übel und Ungerechtigkeit empfundenen gesellschaftlichen Verhältnisse immer nur in Notwehr auf einen äußeren Aggressor zu reagieren beansprucht. So charakterisiert auch Jürgen Habermas die Selbstmordanschläge islamistischer und panarabistischer Rackets als psychologisch nachvollziehbare Reaktion, mit der eine durch „gewaltsame Entwurzelung“ „aus ihren kulturellen Traditionen herausgerissene Bevölkerung“ auf die „aufreizend banalisierende[…] Unwiderstehlichkeit einer materialistisch einebnenden Konsumgüterkultur“ reagiert. [22] Es gelte dementsprechend – so Habermas in einem anderen, gemeinsam mit Jacques Derrida verfassten Aufsatz –, den jihadistischen Terror als eine Bewegung zu sehen, welche den Westen „für die Gewalt einer oktroyierten und entwurzelnden Moderne zur Rechenschaft“ zieht. [23] 
 
 Nicht die Jihadisten mit ihrem Hass auf den Westen sollen die Urheber der Selbstmordanschläge sein, sondern der arrogante und überhebliche Westen, der seine Kultur dem gesamten Erdball aufzwinge, fordere solch antirassistische Gegenwehr geradezu heraus. Diese wird folglich auch nicht als Krieg, sondern geradezu als – wenn auch manchmal überzogen gewaltsame – kulturbewahrende Notwendigkeit verstanden, womit die antiwestliche Enthemmung zugleich gegen jede Kritik immunisiert wird. Durch die Selbstentmündigung mittels der Reklamierung des Status als bloßes Opfer verbitten sich die Kollektive und ihre Fürsprecher nicht nur jede Einmischung, sondern auch jede Kritik von vornherein als ethno- oder eurozentristische Arroganz und als Rassismus. So schreibt etwa Judith Butler in ihrem Aufsatz Unbegrenzte Haft in Hinblick auf jihadistische Kämpfer: „Wenn wir annehmen, dass jeder Mensch so Krieg führt, wie wir das tun, und daß dies ein Teil dessen ist, was ihn erkennbar menschlich macht, […] dann verwenden wir einen begrenzten und begrenzenden kulturellen Rahmen für unser Verständnis dessen, was es heißt, menschlich zu sein.“ [24] Und sie fährt fort: „Wenn diese Gewalt Terrorismus ist anstatt Gewalt wird sie als ein Handeln ohne politische Zielsetzung aufgefasst, oder sie kann politisch nicht gedeutet werden. […] Daß es ein islamischer Extremismus oder Terrorismus ist, bedeutet einfach, daß die bereits vom Orientalismus bewirkte Entmenschlichung auf die Spitze getrieben wird, so daß diese Art von Krieg aufgrund ihrer Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit von den Annahmen der Universalität und vom Schutz der Zivilisation ausgenommen wird.“ [25] Auch hier sind es wiederum nicht die Jihadisten, die, wie man in jeder ihrer Verlautbarungen nachlesen könnte, ganz selbstbewusst einen Kampf gegen die Zivilisation führen und diese vernichten möchten, die an der Barbarisierung der Verhältnisse arbeiten, sondern der rassistische Westen mit seinen universalistischen Vorstellungen etwa vom Kriegsrecht. Während der Kampf gegen Rassismus, wie ihn etwa die amerikanische Bürgerrechtsbewegung in den 1960ern geführt hat, den Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen von universalistischen Rechtsansprüchen kritisierte und dagegen vorging, dreht der Antirassismus den Spieß um: Er behauptet, vernunftgeleitete Maßstäbe seien rassistisch, weil westlich. Er denunziert und verwirft so den Universalismus als Partikularismus – solange dieser nicht auch noch das grausamste Verbrechen im Namen der Kultur mit einbezieht. Der Universalismus, der Butler vorschwebt, ist der der vollendeten kulturell-konkreten Parzellierung im Kampf gegen die abstrakten Allgemeinbegriffe.
 
 Der friedenssehnsüchtige Kampf gegen Israel
 
 Dieser Antirassismus ist – wie bereits erwähnt – Ausdruck einer konformistischen Revolte gegen das Kapital. Er entspringt nicht dem Wunsch nach Emanzipation, sondern ist vielmehr das genaue Gegenteil von emanzipatorischer Umwälzung auf dem höchsten Niveau bestehender Vergesellschaftung. Stattdessen will er in einem einseitigen Angriff auf die als abstrakt abgespaltenen Seiten der Warenproduktion das Konkret-Natürliche retten und entspricht darin genau der antisemitischen Denkform. Die wertförmige, über das Geld vermittelten Vergesellschaftung wird nicht deswegen kritisiert, weil sie irrational und die von ihr gesetzte Individualität als Anhängsel der Wertverwertung eine ideologische und krisenhafte ist. Die Gesellschaft und der über sie vermittelte Individualismus werden vielmehr denunziert, weil längst schon keine Gesellschaft von Individuen mehr gedacht, geschweige denn verwirklicht werden soll, sondern lediglich ein weltweiter Ethnienzoo verschiedener Kulturen und anderer kollektiver Identitäten. „In mir“, formuliert Butler in ihrer Kritik der ethischen Gewalt, ist „eine andere Geschichte am Werk und es ist unmöglich zwischen dem ‚Ich’ […] und dem ‚Du’ – der Menge der ‚Dus’ –, das mein Begehren von Anfang an bewohnt und enteignet, zu unterscheiden.“ [26]. In allen von uns ist eine Geschichte, eine Struktur, ein Sein Heideggerscher Provenienz am Werk, das bedingt, dass wir „alle nicht genau umgrenzt, nicht wirklich abgesondert, sondern einander körperlich auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind, einer in der Hand des anderen.“ [27] 
 
 Dass der als Menschenliebe und Verantwortungsethik auftretende Antirassismus sich aus trüben Quellen speist, aus genau jenem Hass auf den Konkurrenten, der im unmittelbar rassistischen Stereotyp offen zutage tritt und im antirassistischen nur positiv gewendet ist, sprechen die Vertreter dieser Weltanschauung offen aus. So hadert Judith Butler damit, dass der Westen in seiner arroganten Zentrierung auf Vernunft und Gesundheit, die „Gefährdetheit des Lebens“ [28] nicht als das unhintergehbare menschliche Existenzial affirmiere, sondern stattdessen versuche, diese in seiner Verdrängung des Todes und des Wahnsinns zu derealisieren und zu übertünchen. Es ist lediglich eine dünne Patina der Rationalisierung die sich über ihren todessehnsüchtigen Voyeurismus gelegt hat, wenn sie auf das Gefühl der Reue und Trauer hinweist, dass „die Bilder mit Napalm verbrannter Kinder“ im Vietnamkrieg ausgelöst haben. So bedauert sie, dass die „Medien solche Bilder nicht mehr zeigen“ und uns deswegen die Menschenleben „nicht in ihrer Gefährdetheit und Vernichtung erscheinen […].“ „Unter den derzeitigen Bedingungen der Darstellung“ so fährt sie fort, „können wir weder den gequälten Schrei hören noch durch das Gesicht gezwungen oder genötigt werden. […] [W]elche Medien werden uns diese Zerbrechlichkeit wissen und fühlen lassen und damit an die Grenzen der Darstellung gehen, so wie diese zur Zeit kultiviert und unterhalten wird?“ [29]
 
 Butlers gesamte Ethik ist eine Apotheose des Leids als menschliches Existenzial. Den Anspruch auf Versöhnung wird man bei ihr vergeblich suchen, vielmehr denunziert sie ihn als anmaßende Hybris des modernen Subjekts und insofern spielt auch der Begriff des Glücks in ihrer Philosophie keine Rolle: Das Menschliche, das es zu schützen gelte, ist ihr vielmehr der „Schrei menschlichen Leidens, der keine direkte Darstellung zuläßt“ [30] – eine uns in Geiselhaft nehmende „Vokalisierung der Qual“. [31] Dies nicht etwa zu kritisieren und abzuschaffen, sondern anzuerkennen und zum Programm einer Ethik zu machen, ist das Anliegen von Butlers Schriften, in denen sie dezidiert die Bejahung der „Unfreiheit im Herzen unserer Beziehungen“ [32] propagiert. Diese Unfreiheit und damit Todesverfallenheit menschlichen Lebens nicht anzuerkennen, darin besteht für Butler die Kardinalsünde des Westens und seiner Subjektivität, die ihr eine einzige Veranstaltung ist, der unhintergehbaren Verletzbarkeit allen menschlichen Lebens zu entrinnen. Es gehe dem westlichen Denken darum, einen „‚moralischen Narzissmus’ (zu nähren), dessen Lustgewinn in seiner Fähigkeit liegt, die konkrete Welt zu transzendieren“ [33] – also Qual, Leid und dem Tode Ausgesetztsein abschaffen zu wollen, was laut Butler eine arrogante Halluzination ist.
 
 Indem sie jedes über Immanenz hinausgehende Denken als Ausfluss moderner Subjektherrschaft und Selbstzurichtung denunziert, gerät ihr – wen wundert es noch – der Zionismus ins Blickfeld, jene politische Bewegung, die sich mit der Opferrolle der Juden nicht abfinden, sondern diese durch die Schaffung eines verteidigungsfähigen Staates beenden oder zumindest eindämmen will. Die Einfühlung ins Leid und die Denunziation jedes Versuches, das Unmenschliche aus der Welt zu schaffen [34], charakterisiert Judith Butlers Denken und bricht sich in den altbekannten Ressentiments Bahn. So kritisiert sie etwa Emmanuel Lévinas’ Versuch, über die Bedeutung des Holocaust für seine Verantwortungsethik nachzudenken, als eine alternative Version des Auserwähltheits-Anspruchs des Judentums. [35] Lévinas’ Überlegungen seien eine „skandalöse Darstellung des jüdischen Volkes“, eine zionistische Legitimationsstrategie, die „zu einem schrankenlosen Rückgriff auf Aggression im Namen der ‚Selbstverteidigung’“ ermächtige. [36] Während sie den Zionismus im Allgemeinen als „mörderische Aggression“ begreift, gesteht sie Lévinas gönnerhaft zu, dass sein Denken „hier wirklich durch Verletzungen und Beleidigungen geprägt “ [37] ist, die er erlitten habe. Dazu muss man wissen, dass Lévinas’ Eltern und Brüder in Litauen der nationalsozialistischen Vernichtung zum Opfer gefallen sind, welche für Butler gemäß ihrer Theorie diskursiver Einschreibung [38] kaum mehr als die Verwundung durch performative Sprechakte und diskriminierende Adressierungen ist: Offener als an dieser Stelle kann die poststrukturalistische Trivialisierung und Wegarbeitung von Auschwitz kaum ausfallen.
 
 Dass Butler nur pars pro toto für das antirassistische Weltbild ist, wird deutlich, wenn man einen weiteren Blick in das bereits zitierte Buch Die ‚westliche Kultur’ und ihr Anderes wirft. Darin schreibt Iman Attia, dass es „eine deutsche Mitschuld an der Lage von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten“ gibt, und zwar „durch die nationalsozialistische Ermordung und Exilierung von Juden und Jüdinnen, die den politischen Zionismus und damit die Landnahme und Vertreibung von PalästinenserInnen forcierten.“ [39] Der „deutsche Beitrag zur Kolonialisierung des ‚Orients’ bereits vor dem Nationalsozialismus“ so führt sie weiter aus, sei beschränkt gewesen, da das Deutsche mit dem Osmanischen Reich verbündet war und dessen Interessen nicht in die Quere kommen wollte. „Im Zuge des Nationalsozialismus freilich zeigte das Deutsche Reich kein Interesse an der Unterstützung von Jüdinnen und Juden. [sic!] In diesem Kontext ist der deutsche Beitrag zur Kolonisierung Palästinas im Zusammenhang mit der eliminatorischen Politik (Holocaust) und dem zunehmenden Antisemitismus zu sehen, in dessen Folge die Gründung eines eigenen Staates als Ausweg eingeleitet wurde.“ [40] 
 
 Während Attia die Vernichtung des europäischen Judentums also rationalisiert, indem sie die Palästinenser zu deren eigentlichen Opfern erklärt, so tut Butler dies, indem die Shoa bei ihr, wenn überhaupt, dann nur als Verwundung vorkommt, aufgrund derer Levinas zum Zionisten wurde und so die „mörderische Aggression“ Israels gerechtfertigt habe. In ihrer in dem Text Sprache, Politik, Zugehörigkeit geführtenAuseinandersetzung mit Hannah Arendts Elementen und Ursprüngen totaler Herrschaft etwa ist mit keinem Wort von Antisemitismus und Vernichtung die Rede. Der Nationalsozialismus firmiert hier als jene „Zeiten“, in „denen Menschen deportiert wurden, ihre Rechte verloren, aus ihren Häusern vertrieben oder als Menschen zweiter Klasse geführt wurden.“ [41] Anders darf er auch nicht vorkommen, geht es Butler doch darum, Israel und die USA als die Erben dieser Politik darzustellen; als Erben, die diese Politik sogar noch übertreffen, da die „außergesetzliche Ausübung von Souveränität“ [42] zwar „nicht neu“ sei, der „Mechanismus“ aber, mit dem die USA und Israel sich dieses Instruments bedienten, um ihre Ziele zu erreichen, eine „Einmaligkeit“ darstelle. [43] Die Anschläge von 9/11 betrachtet Butler dagegen als tätige „Dezentrierung“, mittels derer Al-Qaida den USA die konstitutive Verwundbarkeit des Lebens vor Augen geführt habe. Der Jihadismus ist ihr also quasi eine Schickung des Seins, die die hybrishafte Seinsvergessenheit souveräner Subjekte anklagt, um so zum „Verlust der Überheblichkeit der Ersten Welt“ [44] beizutragen. Die USA aber hätten diese „Erfahrung der Demütigung“ [45] nicht genutzt und stattdessen zum Zwecke der Wiederherstellung ihres Subjektstatus’ den War on Terror als einen „Kreislauf der Gewalt im Namen der Gerechtigkeit“ [46] gestartet. Indem die Vereinigten Staaten sich so gegen das Sein abdichteten, indem sie Ordnung stifteten kraft der Verteufelung und Vernichtung der im Islam dingfest gemachten Differenz, machten sie „die Gewalt im Namen ihrer Verleugnung zum Dauerzustand“ [47], eine Gewalt, die sich nicht nur im offenen Krieg äußere, sondern auch in der universalistischen Kultur, welche die USA der Menschheit aufzwängen. In diesem Zusammenhang spricht Butler der Burka „wichtige kulturelle Bedeutungen“ als Notwehrmaßnahme gegen die rassistische Oktroyierung westlicher Werte zu: Diese stehe „für die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und Religion, zu einer Familie“, sie sei „eine Übung in Bescheidenheit und Stolz“ und diene „als Schleier […], hinter dem und durch den die weibliche Handlungsfähigkeit wirken kann.“ [48] Demgemäß fasst sie Kritik an der Burka als „kulturimperialistische Ausbeutung des Feminismus“ [49], als Teil eines Programms der „Dezimierung islamischer Kultur“, das zur „Ausbreitung von US-amerikanischen kulturellen Annahmen führt, wie Sexualität und Handlungsfähigkeit zu organisieren und darzustellen seien.“ [50]
 
 Diese Gewalt wird für Butler wohl nur noch von der Israels übertroffen: Der jüdische Staat ist für sie der Inbegriff des National-Staates im Gegensatz zum post-souveränen Staat, dem Staat der Selbstbestimmung, den Butler sowohl durch den Internationalen Strafgerichtshof [51] als auch in Palästina heraufdräuen sieht, dem Staat der Selbstbestimmung, der das Territorium denationalisiert und so die Souveränität deformiert. [52] Israel dagegen als Nationalstaat par excellence gewinne seine Souveränität durch Vertreibung, Entrechtung und der Einrichtung von Gaza als „Open-Air-Gefängnis“ [53]; allesamt „Permutationen der Staatsmacht“ [54], mit denen es nationale Ordnung in die von Differenz geprägten Menschen einschreibt. Mittels dieser Einschreibung – in Bezug auf Israel kennt Butler plötzlich Einschreibungen, die nicht rein diskursiv sind, die mehr sind als die „Verletzungen und Beleidigungen“, die Lévinas durch den Nationalsozialismus erlitten habe – realisiert Israel seine Souveränität als „spezifische Anordnung von Macht und Zwangsmitteln, die eigens dazu bestimmt ist, die Lage und den Zustand des Enteigneten zu schaffen und zu erhalten“ [55] und ist so für Butlers Weltanschauung der Inbegriff eines rassistischen Apartheidsystems schlechthin. Dementsprechend bezeichnet sie Gaza auch als Ghetto und solidarisiert sich mit der Hisbollah [56], die sie als Widerstandsgruppe für die „Selbstbestimmung des libanesischen Volkes“ apostrophiert [57] und mit der Hamas, die sie gemeinsam mit der Hisbollah, den „progressiven sozialen Bewegungen“ und der „globalen Linken“ zurechnet, in der Butler auch sich selbst verortet [58] – auch wenn sie diese Solidarität als kritische verstanden wissen will, weil sie, wie schon Habermas und Derrida, die Gewaltfrage im Kampf gegen „Kolonialismus und Imperialismus“ etwas anders beantwortet sehen möchte. [59] Womit sich der Kreis geschlossen hat und wir wieder bei dem eingangs zitierten Transparentslogan angelangt wären: Der Kampf gegen vernünftige Universalität und damit der Kampf gegen allgemeinmenschliche Emanzipation, als welcher sich der Antirassismus heute darstellt, fällt notwendig mit dem Kampf gegen Israel zusammen – was man sowohl an dessen Theorie aufzeigen kann, als auch an der Praxis, etwa der Demonstrationen rund um die Verteidigung israelischer Souveränität gegen die Blockadebrecher von der Mavi Marmara.
 
 
 Anmerkungen:
 
 [1] Bilder dieses Aufmarschs sind zu finden unter:
 http://www.flickr.com/photos/49643818@N03/sets/72157624078673959/.
 
 [2] Gudrun Harrer, Die Angst vor dem „Muselblut“, in: Der Standard, Album vom 28.08.2010, S. A11.
 
 [3] Ebd.
 
 [4] Als partes pro toto seien hier zwei jener Bücher genannt, welche Gudrun Harrer in dem erwähnten Standard-Artikel der geneigten Leserschaft als Werke von „Spezialisten“ empfiehlt: Zwischen Antisemitismus und Islamophobie. Vorurteile und Projektionen in Europa und Nahost, hrsg. v. J. Bunzl u. A. Senfft, Hamburg 2008 und Islamophobie in Österreich, hrsg. v. J. Bunzl u. F. Hafez, Innsbruck – Wien - Bozen 2009.
 
 Die in diesen beiden Bänden versammelten Aufsätze bieten mehr als genug Anschauungsmaterial für den hier konstatierten Zusammenhang. Der Aufsatz Zwischen Antisemitismus und Islamophobie. Überlegungen zum neuen Europa von Matti Bunzl dürfte den Herausgebern gleich dermaßen gefallen haben, dass sie in wortidentisch in beiden Sammelbänden veröffentlichten. In diesem erklärt Bunzl die Beschäftigung mit dem Antisemitismus für unerheblich, da er „sich ausgelebt“ habe, in die „Bedeutungslosigkeit“ versunken, „irrelevant“ und „obsolet“ geworden sei (S. 61 bzw. 39f.) und damit lediglich eine Kategorie der Vergangenheit darstelle: „Europa muss sich dem Problem des Antisemitismus stellen, und zwar unter Anerkennung seiner besonderen Geschichte. Dringlicher ist jedoch die Frage der Islamophobie, sowohl hinsichtlich der Zukunft Europas wie auch der geopolitischen Gesamtlage“, da sonst „eine weitere Zunahme des Antisemitismus […] unser geringstes Problem“ wäre. (S. 73f. bzw. 48)
 
 [5] Harrer, Die Angst vor dem „Muselblut“, a. a. O., S. A11.
 
 [6] John Bunzl, Einleitung, in: Zwischen Antisemitismus und Islamophobie, a. a. O., S. 15.
 
 [7] Kay Sokolowsky, Feindbild Moslem, Berlin 2009.
 
 [8] So stellte etwa Wolfgang Benz am 26. 05. 2010 in der Sendung kulturzeit auf 3sat in Bezug auf die vom dänischen Künstlerduo „Surrend“ vorgenommene Bezeichnung des Deutschland-Korrespondenten der Jerusalem Post als Stürmer-Journalisten und als Teil der „jüdischen[n] Lobby in Deutschland“ fest, mit Antisemitismus habe dies nichts zu tun.
 
 [9] Vgl. dazu: Peter Schmitt-Egner, Rassismus und Wertgesetz. Zur begrifflichen Genese kolonialer und faschistischer Bewusstseinsformen, in: Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie, hrsg. v. H.-G. Backhaus, Nr. 8/9, Frankfurt/M. 1976.
 
 [10] Vgl. dazu und zu den Widersprüchen, die dem Rassismus daraus erwachsen: Clemens Nachtmann, Rasse und Individuum. Plädoyer für eine vollendet künstliche Amoral, in: Bahamas, Nr. 58/2009, S. 53ff.
 
 [11] Vgl. dazu etwa: Christian Fahrenbach: „Ossi“-Vermerk beschäftigt Arbeitsgericht, unter: www.morgenweb.de/service/archiv/artikel/687146685.html: „Das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG), vereinfacht Antidiskriminierungsgesetz genannt, verbiete eine Absage mit dem Argument ‚Ossi’. Das Gesetz wolle schließlich Benachteiligungen aufgrund der ‚Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft’ ausschließen. ‚Die beiden Teile Deutschlands haben sich während der Trennung auseinandergelebt’, erklärt Nau [der Rechtsanwalt der ostdeutschen Klägerin; AG]. ‚Die Ostdeutschen hatten teilweise Wortbildungen und Sitten, die wir nicht kannten’, führt er aus. Die Richter müssen also entscheiden, ob der ‚Ossi’ eine eigene Ethnie ist. ‚Der Begriff >ethnische Herkunft< ist weder in der ursprünglichen europäischen Richtlinie noch im daraus abgeleiteten deutschen Gesetz genau definiert’, erklärt Heiko Habbe, Rechtsanwalt und Fachmann für Antidiskriminierungsrecht.“
 
 [12] Iman Attia, Die „westliche Kultur“ und ihr Anderes. Zur Dekonstruktion von Orientalismus und antimuslimischem Rassismus, Bielefeld 2009, S. 18f.
 
 [13] Sawitri Saharso, Gibt es einen multikulturellen Feminismus? Ansätze zwischen Universalismus und Anti-Essenzialismus, in: Zwangsfreiheiten. Multikulturalität und Feminismus, hrsg. v. B. Sauer u. S. Strasser, Wien 2008, S. 19.
 
 [14] So macht etwa der sozialdemokratische österreichische Bundeskanzler Werner Faymann vaterlandslose Spekulanten für die ausbleibende Bildungsreform in Österreich und andere Angriffe auf die Gerechtigkeit verantwortlich: „Wir sind für eine gemeinsame Schule, für ganztägige Schulformen. Da betrachte ich solche Initiativen und schon gar nicht Sie persönlich als Gegner, sondern als Unterstützung. Es ist legitim, zu sagen, ich hätte gerne von allem das Doppelte und das gleich. Aber das funktioniert nicht. Nicht durch die Schuld eines Landes allein, sondern durch eine internationale Entwicklung haben Spekulationen der Realwirtschaft so viel Geld weggenommen, dass die Staaten jetzt einfach zu wenig haben. [...] Auf der anderen Seite liefert die Spekulation der Finanzmärkte nichts an die öffentliche Hand ab. Für öffentliche Aufgaben, für das, was wir eine soziale und gerechte Welt nennen, ist dann weniger da.“ (Der Standard, 28./29.08.2010, S. 8)
 
 [15] Uli Krug, Pazifistische Bruderschaft. Antirassisten und Nationalrevolutionäre gemeinsam gegen Zionismus und Globalisierung, in: Bahamas, Nr. 37/2002, S. 16.
 
 [16] Clemens Nachtmann, Drittes Reich, Dritte Welt, Dritter Weg. Über Rassismus und Antirassismus, in: Bahamas, Nr. 43, 2003/04, S.58.
 
 [17] Siehe unter: http://www.flickr.com/photos/49643818@N03/4669495160/in/set-72157624078673959/.
 
 [18] Vgl. dazu den Report Mainz der ARD vom 07.06.2010. (http://www.youtube.com/watch?v=zm8-32abifM&feature=player_embedded)
 
 [19] Vgl. http://bak-shalom.de/index.php/2010/06/06/stellungnahme-des-bak-shalom-zu-den-reaktionen-auf-den-stopp-der-free-gaza-flottille/.
 
 [20] Vgl. http://www.jpost.com/servlet/Satellite?cid=1239710727591&pagename=JPost%2FJPArticle%2FShowFull.
 
 [21] Leo Löwenthal, Falsche Propheten. Studien zur faschistischen Agitation, in: Ders., Falsche Propheten. Studien zum Autoritarismus, Frankfurt/M. 1990, S. 42.
 
 [22] Jürgen Habermas, Fundamentalismus und Terror, in: Ders., Der gespaltene Westen, Frankfurt/M. 2004, S. 19.
 
 [23] Jürgen Habermas/Jacques Derrida, Der 15. Februar – oder: Was die Europäer verbindet, in: Habermas, Der gespaltene Westen, a. a. O., S. 51.
 
 [24] Judith Butler, Unbegrenzte Haft, in: Dies., Gefährdetes Leben. Politische Essays, Frankfurt/M. 2005, S. 109.
 
 [25] Ebd., S. 108.
 
 [26] Judith Butler, Kritik der ethischen Gewalt. Adorno-Vorlesungen 2002, Frankfurt/M. 2007, S. 102.
 
 [27] Ebd., S. 136.
 
 [28] Judith Butler, Gefährdetes Leben, in: Dies., Gefährdetes Leben, a. a. O., S. 170.
 
 [29] Ebd., S. 177.
 
 [30] Ebd., S. 170.
 
 [31] Ebd., S. 165.
 
 [32] Butler, Kritik der ethischen Gewalt, a. a. O., S. 124.
 
 [33] Ebd., S. 141.
 
 [34] Ebd. S. 142f.
 
 [35] Vgl. ebd., S. 125ff.
 
 [36] Ebd., S. 128f.
 
 [37] Ebd. S. 128.
 
 [38] Vgl. dazu: Judith Butler, Hass spricht. Zur Politik des Performativen, Frankfurt/M. 2006.
 
 [39] Attia, Die „westliche Kultur“ und ihr Anderes, a. a. O., S. 82.
 
 [40] Ebd., S. 83.
 
 [41] Judith Butler/Gayatri Chakravorty Spivak, Sprache, Politik, Zugehörigkeit, Zürich - Berlin 2007, S. 33 f.
 
 [42] Judith Butler, Unbegrenzte Haft, in: Dies., Gefährdetes Leben, a. a. O., S. 119.
 
 [43] Ebd., S. 112.
 
 [44] Judith Butler, Gewalt, Trauer, Politik, in: Dies., Gefährdetes Leben, a. a. O., S. 57.
 
 [45] Ebd., S. 43.
 
 [46] Judith Butler, Erklärung und Entlastung oder: Was wir hören können, in: Dies., Gefährdetes Leben, a. a. O., S. 34.
 
 [47] Ebd., S. 35.
 
 [48] Butler, Gefährdetes Leben, a. a. O., S. 168.
 
 [49] Butler, Gewalt, Trauer, Politik,  a. a. O., S. 59.
 
 [50] Butler, Gefährdetes Leben,  a. a. O., S. 168.
 
 [51] „Ich glaube nicht, daß der Internationale Strafgerichtshof Souveränität kriminalisiert hat, aber es ist schon der Fall, daß er eine Reihe internationaler Schutzmechanismen entwickeln will, die nicht auf Basis der National-Staaten formuliert sind, wie es die Genfer Konvention tat. Das Versprechen ist also, daß ein postnationales Verständnis dessen entwickelt werden soll, was Menschenrechte sein könnten.“ (Butler/Spivak, Sprache, Politik, Zugehörigkeit, a. a. O., S. 68)
 
 [52] Vgl. ebd., S. 70.
 
 [53] Ebd., S. 10.
 
 [54] Ebd., S. 12.
 
 [55] Ebd., S. 9.
 
 [56] Judith Butler u.a., Solidaritätserklärung mit den Menschen in Libanon und Palästina, unter: http://www.islinke.de/sol_libanon.htm.
 
 [57] Butler, Unbegrenzte Haft, a. a. O., S. 119.
 
 [58] Vgl. Judith Butler on Hamas, Hezbollah & the Israel Lobby, unter: http://radicalarchives.org/2010/03/28/jbutler-on-hamas-hezbollah-israel-lobby/.
 
 [59] Judith Butler, In diesem Kampf gibt es keinen Platz für Rassismus,  in: Jungle World Nr. 30/2010. (http://jungle-world.com/artikel/2010/30/41420.html)