Ausgabe #14 vom

Neu: “Das Heft zum Kopftuch”

HEIKO E. DOHRENDORF

“Mutti“ hat entschieden: So was wie Islam gibt es eigentlich gar nicht. Und wenn doch, ist es gut so und alles möge bleiben wie es ist. Ansonsten gilt: Anything goes, und zwar in Farbe. – Eine Broschüre aus Bonn erklärt die Welt zum Vorurteil und postuliert statt dessen den Primat der Halluzination als Fortsetzung der Politik mit altbekannten Mitteln.

Was geht?* – unter diesem Titel hat eines der unzähligen Reichspropagandaministerien die erste Ausgabe einer poppigen Broschüre aufgelegt, die sich offensichtlich an jugendliche Moslems wendet und der Frage nachgeht: „Mit oder ohne?“. – Ohne kostet doppelt, Blasen nur 'nen Fuffie, das dürfte sich auch im Migrationshintergrund langsam herumgesprochen haben, aber darum geht es hier angeblich gar nicht. „Das Heft zum Kopftuch“ will, wie der Untertitel auch gleich offen bekennt, der muslimischen Jugend vielmehr einige Handreichungen bereitstellen, das ihnen obliegende Herrschaftssystem sprachregelungsmäßig kompatibel zum hysterisch ignoranten Multikulturalismuswahn seiner deutschen Beschützer darzustellen.   

Die Bundeszentrale für politische Bildung als Herausgeber dieses Beipackzettels zur Frauenverpackung, auf dessen Titelseite als Ergebnis eines sauberen Zielgruppencastings vier MuslimanInnen in repräsentativer Sortierung den deutschen Islam verkörpern, behauptet im Wesentlichen die Normalität all dessen, was sowieso schon ist und ruft dazu auf, das gegebene Elend in fröhlichen Farben zu sehen und jede von den Sprachregelungen abweichende Tatsachenwahrnehmung als Vorurteil abzutun. Exakt zwei Hintergrundmänner (ein Türke, ein Algerier) sowie zwei junge Frauen (eine in Winterkleidung mit lila Kopftuch, eine sommerlich-leger und wie für ein Konfirmationsfoto lächelnd) laden uns im Folgenden ein, herauszufinden, was wir »über die Frau im Islam« wissen.   

Um es vorweg zu nehmen: da gibt es tatsächlich einiges, was man bisher gar nicht wusste. Z. B., dass die gute, alte Gleichstellung der Frau im Islam längst verwirklicht ist: „Was Sex angeht, macht der Islam keinen Unterschied zwischen Mann und Frau“. – Aha. In der Auflösung der diversen Psychotests und Mitmachspielchen des Heftes verraten die Bonner Quizmaster Annika, Nesrine und Ingo aus dem Off auch, dass „in den meisten muslimischen Gemeinden der Welt“ – nein, von Staaten ist hier schon gar nicht mehr die Rede; weltliche Souveräne, Rechtsordnungen und -organe kommen in dieser deutsch-pädagogischen Variante des Islam-Appeasements längst nicht mehr vor – Folgendes „gilt: Eine volljährige, muslimische Frau darf selbst entscheiden, wen sie heiratet.“ – Weswegen sowas auch am besten im Alter von so 14 bis 15 Jahren erledigt ist, gelle? Und weil derart plumpe Lügen sich ansonsten nicht einmal die gleichgesinnten Redaktionen von AggroMigrant, Muslim-Markt und Al Jazeera in die Welt zu setzen trauen, fügt man eben locker hinzu: „Einzige Bedingung ist: Der Bräutigam muss Moslem sein.“ – Na, dann ist ja gut.  

 Irgendwer ist da also doch, der so Sachen wie die Partnerwahl der »Frau im Islam« erlaubt oder verbietet und jedenfalls „Bedingungen“ dekretiert. Die Instanzen des Islam, der gesamte familiäre, religiöse und ummagemeinschaftliche Tugendterror-, Gewalt- und Herrschaftsapparat, werden in dem Heftchen, das wohl auf die Klientel in den Schulen so aufregend wirken soll wie früher die Dr. Sommer-Seiten in der Bravo, nicht einmal erwähnt oder gar als solche benannt. Nein, das gibt es alles gar nicht, und wenn doch, ist es scheißegal, sollen sich wohl auch die vordergründig autochthonen Schüler denken, die in der entsprechenden Unterrichtseinheit vermutlich einigermaßen ratlos danebensitzen, wenn sie angesichts einer Reihe von sechs Mädchenfotos (sechsfach sortiert, in aufsteigender Reihenfolge ihrer Verwestlichung, von rechts nach links) Fragen beantworten sollen wie „Mit welcher der Frauen würdest Du am liebsten flirten?“ und „Wie sollte sich Deine Schwester anziehen, wenn sie ausgeht?“   

Aber der eingeborene deutsche Junge ist hier vielleicht gar nicht gemeint; der ist mit den unzähligen Nebelkerzen auf den bunten Seiten ringsum auch reichlich beschäftigt: Die amerikanische Sängerin Alicia Joseph Augello-Cook ist ganzseitig mit kik-Hemd und selbstgebatiktem Sexy-Kopftuch abgebildet; Kopftuchverbote gibt es nur in Ägypten; die „mehr als zehn“ Ehefrauen des Propheten „haben sich frei bewegt und waren aktiv“; eigentlich tragen alle Menschen Kopftuch oder sollten es tun, sagt zumindest die „Bibel (1 Korinther 11,5)“, aber einige Christen halten sich seit zweitausend Jahren nicht mehr an ihre Gebote. Nein – angesprochen wird hier der ansonsten unterschlagene kleine Pascha selbst: Dem wird nämlich nicht etwa gesagt, dass es ihn vielleicht einen Scheißdreck anzugehen habe, wie sich seine Schwester anzieht. Vielmehr wird er ermuntert, das zu tun, was er immer tut: Unter den Bikini- und Burka-Sammelbildchen anzukreuzen, was eine Frau zum „flirten“ ist und was eine muslimische „Schwester“. – Diese Broschüre bestreitet nicht nur, dass es sich beim Islam um eine frauenverachtende Angelegenheit handelt, sie ruft sogar dazu auf, diese Normalität endlich zu akzeptieren und als selbstgewähltes Schicksal emanzipierter junger Frauen zu sehen, bestärkt die jungen Männer darin, über die Kleidung von Schwestern und anderen Frauen zu entscheiden und gilt in Bonn vermutlich als kritisch-aufklärend, weil der moderne Moslemmann außerdem noch freundlich ermahnt wird, nicht so viel „Doppelmoral“ an den Tag zu legen: „Ein echter Mann steht zu seinen Werten und beschützt auch seine Schwester gegen die doofen Sprüche anderer!“   

Nachdem mit dem hellblauen (!) „Jungs“-Kästchen auf der linken Mittelseite des Heftes also mal geklärt ist, wie es sich mit dem Unterschied zwischen Müttern und Huren verhält, dürfen daneben (allen Ernstes in rosa) anhand derselben sechs role models auch die Mädchen von ihrem muslimischen Wahlrecht Gebrauch machen: „Du willst Dich für eine Party schön machen. Welchen Style wählst Du?“, werden sie gefragt, und: „Welchen Style würden Deine Eltern gut finden?“ – Das behauptet, emanzipierend wirksam sein zu wollen, den Mädchen im Zuge irgendeines angeblichen empowerments nahezulegen, über Diskrepanzen zwischen eigenen Wünschen und elterlichen Geboten nachzudenken. Die „Auswertung“ stellt dann aber schnell wieder klar, wo der rechte Platz der muslimischen Frau ist: „Ständig bewegst Du Dich auf dünnem Eis! Das ist anstrengend! Umso wichtiger, dass Du Freunde hast, die Dich unterstützen!“ – Geht doch nichts über die Gemeinschaft – in der die Brüder gerade darüber abgestimmt haben, welche Frauen zum Bumsen gut sind und wie sich die Schwester zu verhüllen hat.   

Unter dem Deckmantel der Behauptung, alle Menschen seien nicht nur prinzipiell oder potenziell oder zumindest in einer besseren Welt gleich, sondern diese Gleichheit wäre – zumindest im Islam – bereits Wirklichkeit, werden hier alle offensichtlichen Widersprüche in einen gleichgültigen Affirmationsbrei gerührt, in dem nichts mehr Bedeutung hat und Wirklichkeit nicht mehr vorkommt. Die zentrale Aussage des Machwerks – Wirklichkeit ist bloß ein Vorurteil – nivelliert zwar nicht das Geschlechterverhältnis im Islam, das ein gewalttätiges war und ist, und an dem auch nichts geändert werden soll, denunziert diese Erkenntnis aber stattdessen als das eigentliche Übel. Wer Unterdrückung nicht abschaffen will, sondern sie für einen selbstbewussten „Style“ hält, so meint die Bundeszentrale und rät es auch den Mädchen, der hat damit endlich seine „Vorurteile“ überwunden. Politik für Mädchen ist also im Wesentlichen eine Frage von Mode und Kosmetik, so wie offensichtlich Wahrheit für solche famosen Neusprech-think tanks.  

 Über die zusätzlich implizierten Nebenwirkungen dieses Printobjektes im Bereich der Rezeption durch deutsche Lehrerinnen und Streetworker mag ich gar nicht spekulieren. Da kommt man in den Bereich des inkommensurabel Irrationalen, da begegnet man Affektpumpen vom Schlage einer Claudia Roth, das ist dann wirklich Teufels Küche – und da wartet schon ganz lieb und verständnisvoll Volker Beck, der sich die Integration des Islam in die deutsche Gesellschaft und das Verhältnis der Scharia zum BGB als auf Gegenseitigkeit  beruhenden Prozess vorstellt.  Als Erkenntnis bleibt nur, dass Deutschland ebenso dringend aufhören muss wie der Islam. Beide Gemeinschaftsidentitäten sind sich einig in der Forderung nach Gruppenrechten und erklären das Individuum – die vom muslimischen Ehrenmord bedrohte Frau ebenso wie den sich dem deutschen Arbeits- und Vereinswesen verweigernden Mann – für vogelfrei. Und ganz nebenbei werden die Geschlechterrollen und familiären Gewaltverhältnisse im Islam – unter den begeisterten Augen der emanzipierten rot-grünen Damenwelt, deren Ethno-Zoo im Kopf jetzt immer bunter wird – auch der von Kopftuch-Chic und türkischem Mackertum längst faszinierten deutschen Jugend als legitimes Gesellschaftsmodell zum Mitmachen anempfohlen. Nach der Kapitulationserklärung des deutschen Präsidenten am diesjährigen Tag der offenen Moschee scheint sich das Bestreben, die Institutionen des Islam zum Integrationswerkzeug umzulügen, als konsensfähig zu erweisen – als „integrationsunwillig“ dürften also perfiderweise bald diejenigen unter den als „Muslimas" bezeichneten Frauen mit Migrationshintergrund gelten, die kein Kopftuch tragen wollen. Was da zusammenwächst, ist das Grauen.  

 * Alle Zitate aus: Was geht? Nr. 1/2010, hrsg. v. d. Bundeszentrale für politische Bildung 2010. (http://www.bpb.de/files/PJBAAB.pdf)