Ausgabe #14 vom

Ich ohne Mandat*

RALF FRODERMANN

Teil 1 / Syllogistisches Impromptu

Alle Lügen in diesen Zeiten und unter Subjekten, deren Selbsterhaltung mit dem permanenten Nachweis ihrer Notwendigkeit zusammenfällt, sind Notlügen. Sie vorderhand für bare Münze zu nehmen, galt einmal als Ausdruck humaner Gesinnung eher denn als sakrosankt.

Ratifizierte Lügen, also ungeglaubt-geglaubte, bilden gegenwärtig notwendige Stützpfeiler vieler Dialoge etc. über zum Beispiel die Zerstörung des Glücks und andere Misshelligkeiten wie das erlebte Leben als Dementi des Lebendigen. Sie zu entlarven, gilt mindestens als überflüssig, in der Regel als asozial und demagogisch.

So bleibt nichts als die Emanzipation von der Wahrheit, d.i., weil dies nicht sein kann, das Grauen. 

Teil 2 / Rezeption des Geredes

Die Gabe der Aufmerksamkeit, insbesondere in Gesprächen, verkümmert sukzessive. Da man alles schon einmal gehört zu haben gewohnt ist und die Neuigkeit selber in aller Regel keine sonderliche mehr ist, bilden sich Takt und Bemühen um Denken und Gedachtes unweigerlich zurück. Enorme Konzessionen an syntaktisch oder gar semantisch Sinnloses erfolgen daher ebenso stillschweigend wie solipsistisch, Fehler werden allenfalls mimisch markiert, ähnlich der optischen Fehlermeldung auf dem Display eines Fahrzeugs; die Korrektur als einmal übliches Verfahren des Metagesprächs gilt als skurril, kaum mehr lehrerhaft: Jeder weiß immer schon, was gemeint ist.   

Nachsicht ist heute eine erwartbare, ungravierende Kapitulationserklärung, Einverständnis der Verständnislosen.   
 

* für Zekiye Göndük