Ausgabe #14 vom

Editorial

In eigener Sache

Liebe Leserinnen und Leser,
 
 Der dem Kapitalismus entspringende deutsche Wahn folgt nicht einfach seinen Rezessions- und Konjunkturverläufen, sondern ist als immerwährende, in ihrem innersten Kern nicht mehr rational zugängliche, die Subjekte in panische Lemmingbewegungen stürzende Krise zu verstehen. Einen guten Beweis dafür liefert der derzeitige wirtschaftliche Aufschwung, der von den medialen Marktschreiern als Verheißung einer neuen Vollbeschäftigung ausgerufen wird, wie es der Chef des Forschungsinstituts Kiel Economics mit dem vielversprechenden Vornamen Carsten-Patrick und dem in Zeiten eines aufkommenden Polit-Adels doch irgendwie enttäuschenden Nachnamen Meier tut. Und das Geheimnis dieses Gnadenjahres der Verwertung wird vom Institut nicht zurückgehalten: "Diese erhöhte Nachfrage ist nicht allein Reflex der guten Konjunktur, sondern auch Konsequenz der seit Jahren andauernden Lohnzurückhaltung, in deren Folge sich das Verhältnis von realen Arbeitskosten zu Arbeitsproduktivität deutlich verringert hat. Am aktuellen Rand liegen die realen Lohnstückkosten um knapp 5% unter ihrem Stand von vor Beginn der Lohnzurückhaltung, d.h. von Seiten der Arbeitskosten gehen weiterhin Impulse auf die Arbeitsnachfrage aus."
 
 Die wahre german angst ist nicht die vor dem Untergang, der hierzulande eher ersehnt als befürchtet wird, sondern die vor dem möglichen Ausbleiben von Ausbeutung. Müsste also nun, wo die traurigen Überreste des deutschen Proletariats durch die Preisgabe ihrer einfachsten materiellen Interessen dem Wertgesetz ein erneutes, kollektives Opfer dargebracht und den sich in Arbeitsplatzdürren ausdrückenden Zorn des Gottes dieser Welt abgewendet haben, nicht vielleicht eine Beruhigung einstellen, eine Heilsgewissheit der Fleißiggewesenen? Ganz im Gegenteil: Ist es doch der primäre deutsche Wahn, der sich in der Schröder-Losung "Hauptsache Arbeit" kristallisiert und in guten wie in schlechten Zeiten zuerst die ideologische und dann die produktive Leistung meint, der all die anderen Verrücktheiten generiert:
 
 Seien es die Waldmenschen von Stuttgart, die im Namen ihres Freundes, dem Baum (und seinem biotopischen Einwohner, dem mulmgierigen Juchtenkäfer) kurzerhand ein Avatar-Reenactment inszenierten, komplett mit sich in den Baumkronen verschanzenden schwäbischen Na'Vis und kinderprügelnder und rentnerblendender Soldateska. In der allabendlichen Institution zur Auslootung der Untiefen des Sachzwanges (Tagesschau) wurde eine kleine Schlossgarten-Naqba dargeboten, mit der nicht zuletzt die Partei in der Lieblingsfarbe des Propheten weiter die Herzen des Volkes erobert hat. Wie könnten die Deutschen auch die Identifikation mit einem Wesen verweigern, das in verrottendem Holz und Insektenkot nistet, Zeit seines Lebens kaum je seinen heimatlichen Baum verlässt und bei der Paarung einen strengen Ledergeruch absondert? Was von außen gesehen leicht als ökofaschistischer Mief zu erkennen ist, ist von innen gesehen mulmige, sich in der kollektiven Scheiße wärmende Unschuld, mit der die unermüdliche Wühlarbeit am längst abgestorbenen Stamm der bürgerlichen Republik betrieben wird.
 
 Seien es die Bewerbungen der Halbschwedin Stephanie zu Guttenberg als Chirurgin am Volkskörper - ein klassisches Aufgabenfeld von Kanzler- und Präsidentengattinnen - mit ihrer telegenen Initiative "Innocence in Danger", deren Vorsitz sie gleichzeitig mit dem Amtsantritt ihres Ehemannes, dem Gebirgsjäger d.R. und Ribbentropp-Nachfahren Karl-Theodor zu Guttenberg, als Wirtschafts- und Technologieminister übernahm. Auch Frau zu Guttenberg führt einen Kreuzzug im Namen der Unschuld mit diskretem Lustgewinn - in der von ihr gesponserten Fernsehsendung dienen virtuelle 13jährige Lolitas als Päderastenfallen, so dass die so verbotene wie bebende Lust im Paket mit ihrer Abspaltung und Bestrafung geliefert wird.
 
 Sei es die unverlangte Wortmeldung des vom Kollektivbewusstsein ständig verdrängten Bundespräsidenten, der seiner Farblosigkeit mit einem grünen Klecks beizukommen suchte und während seines wirklich unanhörbaren Schwalls irrlichternd und völlig unschuldig eine wahre Wahrheit aussprach, der sich auch diese Redaktion verpflichtet hat: "Der Islam gehört zu Deutschland" - hier liegt der große Irrtum Sarrazins, der durch die Hysterie um seinen Ausflug in die Rasseneugenik verdeckt wurde.
 
 Man mag je nach persönlicher Disposition und Leidensgeschichte die schwäbischen Waldschrate schlimmer finden als den bleichgesichtigen Wulff, oder sich lieber vor dem unaufhaltsamen Fürstenpaar fürchten: Wenn man aber die Illusion aufgibt, in diesem Land Politik machen zu wollen, erkennt man aus der gewonnenen Distanz die Totalität eines Parteien und Bewegungen, Herrschende und Beherrschte, Lichtgestalten und Dunkelmänner transzendierenden Pandämoniums, in dessen innerster Kammer der ungeglaubte Glaube des arbeitswütigen Evangeliums wohnt: "Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen." (Faust II)
 
 Es ist aber selbsterklärtes Ziel dieser verspäteten, dafür wieder etwas dicker gewordenen Zeitschrift, dem ideologischen Sich-Blau-Anmalen (als Na'Vi-Beschwörung der ersten Natur) oder dem Sich-Grün-Anmalen (als Rückkehr zu modrigen Fundamenten), die noch bevorstehende grüne und blaue Flecken und Schlimmeres ankündigen, das gute alte Blaumachen und Ins-Grüne-Fahren entgegenzuhalten und die Einstellung aller Versuche zu fordern, dieses Land zu retten.
 
 Die Redaktion
 
 Köln, Oktober 2010