Ausgabe #14 vom

Die Freiheit, die ich meine

(K)eine Antwort auf Ingo Elbe

TJARK KUNSTREICH

Der Begriff des Dezisionismus in Bezug auf Sartres Existentialismus wurde von Herbert Marcuse eingeführt und von Theodor W. Adorno und anderen übernommen, wobei fraglich ist, ob dies ihr eigenes Urteil aufgrund der Lektüre Sartres oder die unbesehene Übernahme von Marcuses Existentialurteil ist. Dabei trifft der Begriff, mit dem man Carl Schmitts Freund-Feind-Unterscheidung, die der Souverän zu treffen hat, verbindet, auf Sartre gar nicht zu: Nur weil dieser immer von Entscheidungen spricht, die der Mensch frei sei zu fällen, ist er noch lange kein Dezisionist, der die Welt in Schwarz und Weiß aufteilt. Die dumme, weil oberflächliche Denunziation des Existentialismus Sartrescher Prägung setzt aber hier – meiner Ansicht nach: wider besseren Wissens oder besseren Wissenkönnens –, an und es stellt sich die Frage, mit welcher Intention das geschieht. Das wäre ein Thema, über das zu diskutieren sich lohnte: Warum zum Beispiel lobt Marcuse im 1965 geschriebenen Nachsatz zu seinem Existentialismus-Artikel ausgerechnet den schrecklichsten Text Sartres, das Vorwort zu Frantz Fanons Die Verdammten dieser Erde? Warum will er am Ende der Ursprungsfassung von 1948  keine Freiheit außer der der freien Gesellschaft gelten lassen und negiert damit jede Überschreitung, die dem Ziel der freien Gesellschaft innewohnt (die er wenige Jahre später, in Triebstruktur und Gesellschaft durchaus zu würdigen weiß)?

Ingo Elbe schreibt einen ellenlangen Text als Replik auf meinen, und übrig bleibt ein Satz: „Sartres existentialistische Subjekt- und Handlungstheorie allerdings scheint nur wenig geeignet, Licht ins Dunkel dieses furchtbaren Prozesses zu bringen.“ Das ist auch nicht Sartres Anspruch – es geht ihm nicht um den wie auch immer furchtbaren Prozess, sondern um die Subjekte, die ihn zu Wege bringen. Aus der neueren Forschung über den nationalsozialistischen Judenmord ist bekannt, dass sich die Mörder entschieden haben und dass jene, die keine Juden töten wollten, dies auch nicht getan haben und dafür nur in Ausnahmefällen belangt wurden; niemand wurde gezwungen, in Auschwitz zu arbeiten oder an Erschießungskommandos teilzunehmen. Es gab keinen abstrakten Prozess, der zu irgend etwas führte und in dem Sinne auch kein Dunkel, das erhellt werden müsste. Das Märchen vom Dunkel der Judenvernichtung hat nur den Sinn der Verleugnung des Ausmaßes des Schreckens. 

Wer vom Prozess spricht, dem geht es darum die Subjekte, die ja potentiell etwas anderes wollen und tun könnten, als das, was sie wollen und tun, freizusprechen. Wer so spricht, verachtet aber die Subjekte, weil er von ihnen zu wissen meint, dass sie nur Abscheuliches zu tun vermögen. Da er meint, auf sie angewiesen zu sein, verschont er sie gnädig und kritisiert andere, sie verstünden nicht genug von den Prozessen, die aus Subjekten Mörder machen. Um diese Prozesse ist es ihnen zu tun, auch wenn sie eifrig dementieren, dass dem so sei, irgendwie ist nämlich alles dialektisch. Und hochphilosophisch: Deswegen sei Sartre falsch verstanden, wenn man seine Begriffe alltagssprachlich interpretiert. Ohne in die Geheimnisse der Existentialontologie eingeweiht zu sein, könne man nicht wissen, was Wahl, was Freiheit, was Situation meint. Bei Sartre hat das allerdings den Haken, dass er diese Begriffe an Alltagsbeispielen erklärt – wieso sollte er sie anders meinen? Man könnte genau diesen Konkretismus kritisieren, aber zu behaupten, dem wäre nicht so, sagt mehr darüber aus, wie Elbe Sartre verstehen will, als über Sartre selbst. 

Elbes Replik hat zum Inhalt, die Frage der eigenen Freiheit und Verantwortung im Kampf gegen den Antisemitismus heute zum Diskurs zu degradieren, in dem verschiedene Konzepte folgenlos verglichen und gegeneinander abgewogen werden. Dafür stehe ich nicht zur Verfügung.