Ausgabe #14 vom

Der General

Apologetisches zu Friedrich Engels

JAN HUISKENS

In der letzten Ausgabe der Prodomo hat Luis Liendo Espinoza alles gesagt, was man zu Engels kruder Naturdialektik und „wissenschaftlichen Weltanschauung“ sagen muss. [1] Es ist deshalb müßig, sich erneut durch die theoretischen Schriften Engels’ zu quälen, um die Differenz zwischen ihm und Marx herauszuarbeiten. Espinoza ist vorbehaltlos zuzustimmen, wenn er schreibt: „An Engels' Konzeption der Dialektik wird harte Kritik geübt, doch es sei daran erinnert, dass diese Kritik kein abschließendes Urteil über Engels’ Bedeutung für den Kommunismus abzugeben vermag, sondern sich in erster Linie auf den Gehalt seiner Schriften bezieht.“ Diese immense Bedeutung gegen den Marxismus-Leninismus (ML) auf der einen, gegen die Neue Marx-Lektüre (NML) auf der anderen Seite stark zu machen, ist ein Desiderat der Zeit. Denn beide eint, dass sie Engels vornehmlich als Wissenschaftler betrachten anstatt als Revolutionär – der Unterschied besteht nur in der jeweiligen Beurteilung der Engelsschen Wissenschaft vor dem Hintergrund des eigenen Weltbildes. Während erstere Engels als großen Vordenker des Staatssozialismus vereinnahmen und sein Konterfei deshalb in Gestalt eines in die Ferne blickenden Propheten an die Häuserfronten der Karl-Marx-Allee montierten, beklagen zweitere, dass Engels das Niveau der Marxschen Kritik nie erreicht habe. Wichtig wäre es aber, den Grund für die enge Zusammenarbeit, ja, man könnte sagen, Waffenbrüderschaft zwischen Marx und Engels zu begreifen. So sehr man anschaulich widerlegen kann, dass beide genau dieselben Positionen vertreten haben (konsequenterweise subsumiert der ML Engels einfach unter das Stichwort „marxistisch“), so wenig überzeugend ist die psychologisierende These der NML, Engels sei eben ein guter Freund und vor allem ein guter Finanzier gewesen. Beide begreifen nicht, was Marx an Engels fand und umgekehrt.

Um dem Problem auf die Spur zu kommen, ist es zunächst erforderlich, das Banalste in Erinnerung zu rufen: Marx wie Engels waren kommunistische Revolutionäre, die Theorie war von vornherein als Mittel zum Zweck des Umsturzes intendiert und insofern genuin kritisch. Wessen theoretische Erkenntnisse dabei radikaler ausfielen, ist unbestritten, aber auch vollkommen irrelevant. Denn die Revolution lebt bekanntlich nicht von Helden, sondern von einer Assoziation der Individuen, die die Gewalt über das eigene Schicksal erringen wollen. Insofern sind Marx und Engels als Gespann zu begreifen, das seinerseits in eine soziale und intellektuelle Organisation eingespannt war. Der Ausgangspunkt für eine angemessene Beurteilung des Beitrages Engels’ für den Kommunismus ist somit nicht die Wertformanalyse, sondern die Neue Rheinische Zeitung oder der „Bund der Kommunisten“.

Das klingt antiintellektualistisch, ist es aber nicht. Denn wer intellektuelle Leistungen ausschließlich individualisiert – d.h. einen bürgerlichen Geniekult betreibt –, der wird niemals begreifen können, dass Erkenntnis stets im Rahmen konkreter gesellschaftlicher Verhältnisse statthat. Gerade bei Marx zeigt sich dies, wenn man sich vergegenwärtigt, dass seine Theorie stets eine Kritik der Nationalökonomen, wahren Sozialisten etc. war. Mit anderen Worten: Das Genie braucht andere Genies, um selbst eines zu sein. Diese Rolle nahm für Marx Friedrich Engels ein, der eben nicht nur sein bester Freund und Finanzier, sondern vor allem sein Genosse war. Mit Engels diskutierte Marx mehr als mit jedem anderen, mit ihm besprach er Strategien, übte Selbstkritik und vor allem: versuchte, den richtigen Weg zur Abschaffung des Kapitalverhältnisses zu finden. Man kann das selbstverständlich auch an der theoretischen Entwicklung ablesen, schließlich waren Engels Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie (1844) zusammen mit den frühsozialistischen Schriften Moses Hess’ wohl mit die wichtigste Anregung für Marx’ verstärkte Auseinandersetzung mit der Kritik der politischen Ökonomie. [2] Die frühen ökonomiekritischen Schriften von Marx lassen sich nur vor dem Hintergrund der theoretischen Auseinandersetzungen innerhalb der deutschen und europäischen kommunistischen Szene [3] angemessen begreifen. Anders steht es mit dem Kapital: Schließlich ist Marx’ zweite Phase der systematischen Auseinandersetzung mit der Politischen Ökonomie eine Reaktion auf das Scheitern der Revolution. 1848/49 stellte einen tief greifenden Bruch in der theoretischen Entwicklung der Kommunisten dar. In den 50er und vor allem 60er Jahren brach ein Großteil der einstigen Gefährten weg und zog sich enttäuscht ins Privatleben zurück. Andere (z.B. Hess) vertieften sich in naturwissenschaftliche Studien. Marx suchte das Scheitern durch die mangelnde Radikalität der Kritik zu erklären. Engels, mit dem er weiterhin in intensivem Kontakt stand, beschäftigte sich in dieser Zeit vor allem mit einem Thema, das ihm den durchaus nicht pejorativ gemeinten Spitznamen „der General“ einbrachte: mit dem Krieg und, wie eine seiner späteren bekannteren Schriften heißt, der Rolle der Gewalt in der Geschichte. Erst in den 70er und 80er Jahren – also während des Ablebens und vor allem nach dem Tod seines Diskussionspartners und Kampfgefährten Marx – entwickelte Engels das, was heute Engelsismus gescholten wird.

Engels’ großes Thema war also die Gewalt. [4] Das ist wahrhaftig kein beliebig gewähltes Thema, sondern es steht tatsächlich im Zentrum jeder radikalen Kritik an Herrschaft und Ausbeutung. Engels hatte erkannt, dass Verhältnisse, die mit Gewalt aufrechterhalten werden, auch nur mit Gewalt gestürzt werden können. Er wusste, dass der Gewalt nur mit Gewalt beizukommen ist, dass also Herrschaft nicht weggewünscht, dekonstruiert oder aufgelöst werden kann, sondern praktisch abgeschafft werden muss. Es ist unmittelbar einsichtig, dass die NML mit dieser Erkenntnis wenig anfangen kann, schließlich geht es ihr, etwas pauschalisierend ausgedrückt, gar nicht um die Revolution, sondern – darin ganz konservativ – um einen Sozialstaat, dessen hauseigene Intellektuellen den Marx aber wirklich so richtig verstanden haben – anders ist es nicht zu erklären, dass sich das Gros der Vertreter der NML im Umfeld der Linkspartei bewegt. Im Gegensatz dazu nahm Engels 1848 an den revolutionären Kämpfen gegen Preußen in Baden und der Pfalz teil und brachte es dabei aufgrund seiner militärtaktischen Kenntnisse immerhin zum Adjutanten August Willichs [5]. Auch in seinen Kriegsanalysen, etwa in den von ihm verfassten militärtheoretischen Abschnitten von Marx’ Artikeln zum amerikanischen Bürgerkrieg, bewies Engels große prognostische Fähigkeiten. Man mag nun naserümpfend einwenden, das sei ja alles schön und gut, nur habe das jawohl nichts mit materialistischer Kritik zu tun, aber dieser Einwand delegitimiert sich sofort, wenn man sich vor Augen führt, dass Engels offenbar einen ziemlich scharfen Blick auf die Zeit hatte, in der er lebte. Er analysierte schonungslos, welche Entwicklung die Welt nahm und suchte fieberhaft nach Möglichkeiten der praktischen Intervention. Kurz: Er tat das, was Materialisten tun müssen. Dabei betrieb er die Kriegsanalysen nicht um ihrer selbst willen, sondern um aus ihnen zu lernen. Besonders der historische Zugang Engels’, der sich immer bemühte, Parallelen in der Geschichte zu finden, um aus alten Fehlern zu lernen, zeigt, dass er den Krieg vom Standpunkt des Revolutionärs aus betrachtete. So schrieb er schon in der 1850 erschienenen Schrift Der deutsche Bauernkrieg: „Es ist an der Zeit, gegenüber der augenblicklichen Erschlaffung, die sich nach zwei Jahren des Kampfes fast überall zeigt, die ungefügen, aber kräftigen und zähen Gestalten des großen Bauernkriegs dem deutschen Volke wieder vorzuführen. Drei Jahrhunderte sind seitdem verflossen, und manches hat sich geändert; und doch steht der Bauernkrieg unsern heutigen Kämpfen so überaus fern nicht, und die zu bekämpfenden Gegner sind großenteils noch dieselben. Die Klassen und Klassenfraktionen, die 1848 und 49 überall verraten haben, werden wir schon 1525, wenn auch auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe, als Verräter vorfinden. Und wenn der robuste Vandalismus des Bauernkriegs in der Bewegung der letzten Jahre nur stellenweise, im Odenwald, im Schwarzwald, in Schlesien, zu seinem Rechte kam, so ist das jedenfalls kein Vorzug der modernen Insurrektion.“[6]

Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass man der Bedeutung Friedrich Engels’ für den Kommunismus nicht dadurch gerecht wird, dass man den Theoretiker Marx (der freilich auch nicht das war, als was ihn die Marxisten – ob neu oder alt – darstellen wollen) dem Idioten Engels gegenüberstellt. Beider Leistung ist nur in Bezug zu den gesellschaftlichen Kämpfen, an denen sie teilhatten, zu beurteilen: Und da sehen sie, betrachtet man das Scheitern der Revolution, genauso armselig aus wie Theodor W. Adorno und die Antideutschen.


 Anmerkungen:

[1] Luis Liendo Espinoza, Dialektik und Wissenschaft bei Engels, in: Prodomo. Zeitschrift in eigener Sache, Nr. 13/2010, S. 86-90.

[2] Dazu muss man wissen, dass Hess, Grün und Weitling die ersten waren, die in Deutschland den französischen und englischen Frühsozialismus bekannt machten. Marx’ Proudhon-Rezeption war bereits durch die seiner Mitstreiter vermittelt. 

[3] Nicht zu vergessen auch die nordamerikanische. Vgl. dazu exemplarisch Karl Marx/Friedrich Engels, Zirkular gegen Kriege [1846], in: MEW, Bd. 4, S. 3-17. 

[4] Vor 1848 hatte Engels vor allem parteipolitisch gearbeitet, d.h. versucht, die inhaltlichen Grundsätze einer kommunistischen Partei zusammen zu tragen und politische Gegner, die (meistens zutreffend) als Gefahr für das revolutionäre Projekt betrachtet wurden, mit Häme, Spott und Widerlegung zu überziehen. Das geschah in enger Kooperation mit Marx. 

[5] Zu Willichs faszinierendem Leben und Wirken vgl. Rolf Dlubek, August Willich (1810-1878). Vom preußischen Offizier zum Streiter für die Arbeiteremanzipation auf zwei Kontinenten, in: Akteure eines Umbruchs. Männer und Frauen der Revolution von 1848/49, hrsg. v. H. Bleiber, W. Schmidt u. S. Schötz, Berlin 2003, S. 923–1004. 

[6] Friedrich Engels, Der deutsche Bauernkrieg [1850], in: MEW, Bd. 7, S. 327-413.