Ausgabe #13 vom

Unkomplexe Komplexitätsreduktion

Über anakoluthisches Sprechen. Eine sprachethische Note

RALF FRODERMANN

Das ungesagte Wort wurde beim Wort genommen und bildete, so gut wie das gesprochene, ein semantisches Signal, einen referentiellen Halo-Effekt.

Interesseloses Unbehagen an Kultur, Geschichte, Zivilisation und Aufklärung – erkennbar an Marginalien wie etwa der, dass nach Löschung eingegangener, so genannter „Nachrichten“ die Meldung „Fortschritt“ auf dem Display mancher Mobiltelefone erscheint – sorgte dafür, dass das ungesprochene Wort heute oft nichts weiter als einen approbierten Regelverstoß eines kommunikativen Kontexts darstellt. Seine sprachliche Bewältigung erfährt er im angemessen unangemessen Fragmentarischen.

Als bloßes Stilmittel hat es ebenso ausgedient wie das ungesprochen-gesprochene Wort, die Ellipse, ja wie aller Manierismus, dem das Bruchstück, die knappe Allusion wie das beredte Schweigen integral eignete.

Ohne alle stilistischen Intentionen wirkt fragmentarisches Sprechen schamlos. Allerdings nicht auf die Schamlosen, deren Produktion in die Sphäre der Bildung fällt.

Die Sprache ist ohne Sprecher wie die Sakralbauten Europas ohne Gläubige und jene zerfällt wie diese. Das syntaktische Desaster, der Satzbruch, ist nicht länger ein zu korrigierender Makel, sondern – unkorrigierbar wie das parmenideische All-Eine - Schibbolet Ich-loser Subjekte, deren amputierte Sprache ihnen selbst den Ausdruck ihrer Phantomschmerzen versagt.

Die unfertige Rede ist die Rede des unfertigen Menschen; eine Rede, die einzig im Schlag oder im Schrei mündend zu sich kommt, indem sie untergeht oder Untergang besiegelt.

So sprachlich weist sich heute die Zukunft aus.