Ausgabe #13 vom

Die „Kopfprämie“ gibt es längst, sie beträgt 359 Euro plus Lagerplatz.

HEIKO E. DOHRENDORF

Warum es komplett egal ist, wer regiert.
Warum es dumm ist, über Politik auch nur zu diskutieren.
Warum alle Argumente falsch sind.

Warum der ganze Betrieb aufhören muss, bevor die „Bedarfsprüfung“ der Arbeitsverwaltung für annähernd alle zur Normalität wird
und warum niemand das Recht haben sollte, im Fernsehen zu reden.

Die Verlautbarungen von Politikern und Experten, die Argumente dafür und dagegen, die angeführten Gründe, Ursachen, Sachzwänge und Bedenken, die Interessen der Profiteure und die Wahnidee von einer angeblichen „Staatsverschuldung“ haben mit dem, was in der Wirklichkeit, d. h. der privaten und öffentlichen Wirtschaft, geschieht, nichts zu tun. Deswegen ist das Gequake der Opposition stets notwendig noch unwahrer als das Gelaber der Regierung. Was gemacht wird, wird gemacht, und Frau Merkel ist einerseits die optimale Regierung, denn sie äußert sich zu politischen Fragen konsequent gar nicht, verkörpert nebelwallend perfekt die Behauptung, so etwas wie Gesellschaft gebe es gar nicht. Andererseits verdichtet die Meinungsforschungsmaschine, zu der die Elisabeth-Noelle-Neumann-Mayer-Leibnitz-Nachfolgeorganisationen („Konsumklimaindex“) ebenso gehören wie BILD-Zeitung, TV, Internet und Milliarden täglich abgesetzter SMS, die Fürze der Staatsbürger zu mehrheitsfähigen Ressentiments. Aufgabe der hoheitlichen Quasselindustrie ist es dann, zu behaupten, irgendwelche Maßnahmen wären Antworten auf irgendwelches Wollen, irgendwelche Gesetze seien da zur Lösung irgendwelcher Probleme und man streite sich nur über den besten Weg usw. – das alles ist Lüge.

Ein schönes Beispiel sind die aktuellen Possen um die sogenannte „Gesundheitsreform“. Der ganz offensichtlich verabredete Teilzeitstreit zwischen FDP, Merkel und Krankenkassen hat ausschließlich den Zweck, die Abschaffung des Krankenversicherungsschutzes mittels Spürbarkeit vorzubereiten, auf die Agenda zu setzen. Dementi sorgen für Akzeptanz des Dementierten, des Gesundheitsministers Affigkeit sorgt für Einvernehmlichkeit in einem Volk von Komplicen, das nur Ganoven uneingeschränkt traut, in unzähligen Straßeninterviews in den Regionalprogrammen geht es um die Frage, ob acht Euro viel „Geld“ seien. – Natürlich nicht, und 359 Euro sind auch nicht mehr Geld, das gibt jeder der beteiligten, d. h. gesendeten Klugscheißer zum Frühstück aus. Aber um acht Euro oder irgendwelche „Preiserhöhungen“ geht es hier keineswegs. Geplant ist vielmehr die Abschaffung des Geldes als Massenwährung zugunsten vollständiger Konsumkontrolle, d. h. allgemeiner „Bedarfsprüfung“ durch die Organe der „Gemeinschaft“. Treppenhausgeschwätz und Missgunst werden zur Staatsräson, wer nichts erbt, muss zum Asi-Amt, der Wert der Ware Arbeitskraft ist null oder wird gar negativ. Geld und Konsum gibt es nur noch für den, der es druckt oder der einen kennt, der.

Am Ende der Ära Schröder/Volkswagen hatte man ein paar Millionen Arbeitslose von Normalkonsum auf Bettelei umgestellt, d. h. sie leben von einer „Kopfprämie“ in Höhe von Euro 359 plus Miete und müssen sich dafür dem Tugendterror- und Paniksystem der Arbeitsverwaltung unterstellen. Eine staatsunmittelbare Klasse von Almosenempfängern wurde etabliert, die jede Klospülung zu rechtfertigen und jeden Fleck im Laken zu veröffentlichen hat. Die neue Unterschicht sieht zunächst recht muselmanisch aus, die Opfer taugen aber vielleicht noch zu Krawallmachern – auch Wehrmacht und SA rekrutierten sich aus dem RAD.

Inzwischen stehen im Zugriff der staatlichen Bedarfsprüfer und Tugendwächter auch noch ein paar Millionen Arbeitende, denn die Löhne haben sich – welch ein Zufall! – ebenfalls auf Höhe der „Kopfprämie“ in Höhe von Euro 359 plus Miete eingependelt, d. h. Arbeitgeber zahlen irgendwas (fünf bis sieben Euro brutto, am liebsten Teilzeit, neue Jobs gibt es sowieso nur als Praktikum oder auf „400 Euro Basis“) und die ARGE stockt auf bis auf Euro 359 pro Kopf plus Miete.

Am Ende der Ära Merkel/Opel wird man vielleicht das „plus Miete“ den Kommunen überlassen, d. h. auf „Sammelunterkunft“ umgestellt haben, ganz gewiss aber wird das Elendsregime nun auch noch die vielen Millionen Glückliche betreffen, die noch nie in die Entwertungsmaschine der Arbeitsverwaltung gerieten [1], d. h. nicht für 750 Euro netto arbeiten gehen müssen, sondern sich noch in Vollarbeitszeit mit Tariflohn verdingen und von knapp 2000 Euro netto ihren Familien ein Häuschen und ein Auto abstottern. Wenn vom Normalgehalt nämlich noch die „Gesundheitskopfprämie“ abgeht, wird plötzlich die Hälfte der Bevölkerung zu „Aufstockern“. – Nichts anderes bezweckt der geplante „Sozialausgleich“: Alle außer den Berufsverbrechern in Politik, Management und Verwaltung sowie dem selbstgerechten Hofstaat in öffentlichem Dienst, Umweltbildungfrauenundmigrantenpopkultur und Fernsehen werden zu Almosenempfängern, für die kein Grundgesetz mehr gilt, die sich nicht einmal mehr auf die Freiheit des Marktes berufen können: Es herrscht Arbeitspflicht und wer sich Alkohol oder Zigarretten kauft, dem wird die Stütze gestrichen. – Die angemessene Staatsform für so eine Gesellschaft ist der Islam.

Dies alles geschieht, weil es gewollt ist. Mit „Demografie“, „Finanzkrise“, „Globalisierung“, „Staatsverschuldung“ und ähnlichen Halluzinationen hat das alles rein nichts zu tun: Wirtschaftskrisen gab und gibt es immer, solange Kapital und Wert herrschen – und die Idee, ein Souverän, der ja seine Notenpresse immerhin selbst bedient, könne bei irgendwem anders als bei überlegenen anderen Staaten Schulden haben, ist albern. Bei wem hat der Staat denn „Schulden“? Bei den Banken? Kein Wunder, Merkel hat denen gerade die nächsten tausend Staatshaushalte blanko überschrieben – wissend, dass es längst scheißegal ist. Bis zur nächsten Währungsreform ist Geld nur noch Blödsinn, die Rede von der Staatsverschuldung nichts anderes als die mittelalterliche Drohung mit dem Fegefeuer. Nur beim Einkaufen entpuppt das gute Geld sich als etwas mehr denn ein Hirngespinst – wer essen will, muss schwarze Zahlen auf dem Konto haben –, nämlich als Essenz des Machtverhältnisses, das wir, nicht einmal unserer Ohnmacht bewusst, jeden Tag bejubeln, wenn wir arbeiten und kaufen und glauben, wir hätten da irgendwie ein Recht darauf. – Nimmt der deutsche Staat, d. h. die Gemeinschaft der einander Hassenden, eine ganz normale zyklische Kapitalentwertung, Folge der ganz normalen und als „Wachstum“ ja geradezu herbeigebeteten Kapitalakkumulation, zum Anlass, mal wieder auf Vernichtung umzuschalten, ist das vermutlich eine Charakterfrage. So lange Deutsche täglich durchschnittlich viereinhalb Stunden Fernsehen gucken, bei jeder Gelegenheit stolz einander ihr Geld vorzählen, sich über einen vollen gelben Sack so freuen wie über üppigen Stuhlgang, sich immer wieder das neueste „Windows“ kaufen, nur um sich auch so „belogen und betrogen“ fühlen zu dürfen wie Nachbarn und Kollegen, den ganzen Tag in Handies und Navis glotzen, dauernd irgendwelche Parteien wählen wollen, in Israel die größte Gefahr für den Weltfrieden sehen und „Arbeit“ für eine gute Sache halten, solange übrigens auch die deutschen Fräuleins als bewusstlose Bewertungs- und Belohnungsinstanz und Generalagentur des Warenwahns weiterhin Täter bewundern und Opfer verachten – „Emanzipation“ heißt hier bloß, dass Frauen nunmehr, was nicht einmal besonders neu ist, auch Täter werden wollen und können –, wird es weiter geschehen.


Anmerkungen:

[1] „Arbeitslose einstellen? Bin ich verrückt? Bestatter holen sich ihre Leichen ja auch nicht vom Friedhof!“ (Frodermann)