Ausgabe #13 vom

Dialektik und Wissenschaft bei Engels

LUIS LIENDO ESPINOZA

Der folgende Text soll Auftakt für eine Debatte über den kritischen bzw. unkritischen Gehalt des Werkes von Friedrich Engels darstellen. Anlass für diese Auseinandersetzung ist die wiederholt von Vertretern der "Neuen Marx-Lektüre" vorgetragene Behauptung, Engels habe Marx' Werk grundsätzlich verfälscht und sei der Hauptverantwortliche für den "wissenschaftlichen Sozialismus". Die Redaktion ist der Ansicht, dass man Engels mit dieser Schuldzuweisung nicht gerecht wird und dass die absolute Trennung zwischen Marx' Kritik und Engels' Theorie von Seiten der NML eine Abspaltung darstellt, welche die eigene unkritische Wissenschaftlichkeit auf Engels projiziert, um sich dem unauflöslichen Zusammenhang von Kritik und Revolte nicht stellen zu müssen. In der nächsten Ausgabe wird es also eine Entgegnung bzw. Ergänzung des folgenden Artikels geben. Weitere kritische Beiträge zur Debatte sind ausdrücklich erwünscht. Die Redakion wartet auf Einsendungen.

Die Redaktion

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 „Alles, was im Bereich der Menschengeschichte wirklich ist, wird mit der Zeit unvernünftig, ist also schon seiner Bestimmung nach unvernünftig, ist von vornherein mit Unvernünftigkeit behaftet; und alles, was in den Köpfen der Menschen vernünftig ist, ist bestimmt, wirklich zu werden“ Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie

Folgende Ausführungen verstehen sich als Momentaufnahme einer noch lange nicht abgeschlossenen Auseinandersetzung mit dem Begriff der Dialektik. Ein Grundgedanke dieses Unternehmens bildet die Notwendigkeit, die Reduktion der Dialektik auf Methode und Theorie der Kritik zu unterziehen und ferner die Aussicht, den Beitrag der Dialektik an der Kritik der Gesellschaft näher bestimmen zu können. An Engels Konzeption der Dialektik wird harte Kritik geübt, doch es sei daran erinnert, dass diese Kritik kein abschließendes Urteil über Engels' Bedeutung für den Kommunismus abzugeben vermag, sondern sich in erster Linie auf den Gehalt seiner Schriften bezieht. 

Ungeachtet der Versicherungen des Marxismus bzw. des Marxismus-Leninismus, der Dialektische Materialismus sei originäres Produkt des Marxschen Werkes, waren es Engels Darstellungen der Dialektik in Anti-Dühring, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie und in der nach Engels Tod herausgegebenen Dialektik der Natur, welche bis ins Detail die Vorstellung von Dialektik prägten. Ingo Elbe spricht daher von einem Engelsismus (Elbe 2001, 2006, 2007) [1] als den eigentlichen Kern der nach Marx benannten Weltanschauung. Die Schwäche dieser Bezeichnung liegt allerdings in der Personalisierung des Gegenstandes der Kritik. Die Regression der Kritik zur Wissenschaft war keine alleinige Kopfgeburt Engels. Dessen halsbrecherische Verkürzungen im Anti-Dühring waren Marx bekannt und blieben ohne ernsthaften Widerspruch. Die Kanonisierung der Schriften Engels durch die Arbeiterbewegung ist dieser selbst anzulasten. Darüber hinaus reproduziert die wissenschaftliche, positive Kritik des Engelsismus, für die Elbe stellvertretend erwähnt sei, das quasi-ontologische Bedürfnis nach Definition und Ordnung. Die Engelssche Weltanschauung wird allein mit dem Ziel der Rekonstruktion einer angeblich kritischen Marxschen Theorie hinterfragt. Diese Tendenz der Neuen Marx-Lektüre bleibt der Tradition des Marxismus verhaftet, will allein Theorie erneuern und ist daher unkritisch. Der Materialismus jedoch soll nicht erklären und Verständnis erheischen, sondern „beruht auf der schärfsten Kritik der bestehenden Gesellschaft, Kritik ist [sein] Lebenselement“. [2]

Tatsächlich fußt Engels Konzeption der Dialektik auf zwei folgenschweren Voraussetzungen. Einmal ist Engels Fassung der Dialektik in all ihren Erscheinungen vom bürgerlichen Begriff der Wissenschaft [3], d.h. einer instrumentellen Auffassung von Vernunft durchdrungen. Zweitens und im diametralen Gegensatz zu der in Anspruch genommenen wissenschaftlichen Vorgehensweise und Engels Beteuerungen sind seine Ausführungen von einer kaum nachvollziehbaren Gleichgültigkeit gegenüber der Hegelschen Philosophie geprägt.

Hatte bereits Marx von „Bewegungsformen“ (Marx 1983, S. 12) der Dialektik gesprochen und in Die deutsche Ideologie gemeinsam mit Engels Ansätze der wissenschaftlichen Anschauung verfasst, so versteifte sich Engels darauf, diese und andere Verweise und Anmerkungen aus Marx’ Werk in die Konstruktion einer systematischen Wissenschaft zu zwängen. Das in sich widersprüchliche und fragmentarische Werk Marx’ sollte dem Brauch der sich gerade formierenden Sozialwissenschaften entsprechend in das Verhältnis von (empirischem) Gegenstand und Methode gebracht werden. Die historischen und empirischen Momente in Marx’ Arbeiten galten dementsprechend als Forschungsmaterial, seine kritischen Einsichten wären Ergebnis der positiven Anwendung einer wissenschaftlichen Methode.

Hatten sich Marx und zum Teil auch Engels immer wieder dagegen gesträubt, die als „materialistische Auffassung“ (AD, S. 10) bekannten kritischen Annahmen über Gesellschaft zu einem umfassenden Weltbild zu erklären, so führte Engels Konzeption der Dialektik genau in diese Sackgasse, indem er quasi-universelle „dialektische Bewegungsgesetze“ attestierte, welche er in der Natur, in der Geschichte und auch in der „Entwicklungsgeschichte des menschlichen Denkens“ (Ebd., S.11) identifizierte. Engels Konzeption der Dialektik (die Marx in die Schuhe geschoben wurde) war so gesehen gleichbedeutend mit einem fundamentalen wissenschaftlichen Paradigmenwechsel, der alle relevanten Gebiete wissenschaftlichen Forschens betraf.

Mit anderen Worten: Wissenschaft wurde hier nicht grundsätzlich kritisiert, sondern der bürgerlichen Wissenschaft allein der überragende wissenschaftliche Sozialismus entgegengestellt. [4] Die wissenschaftliche Methode, für die Engels auch bei Marx genügend Ansatzpunkte finden konnte, wurde Schritt für Schritt zu einem treibenden Element für die Transformation von Marx’ Kritik in Ideologie. Der Anspruch des wissenschaftlichen Sozialismus auf einen Platz unter den etablierten Wissenschaften wurde mit dem Verweis auf dessen Erklärungs-, letztlich Manipulationspotenz unterstrichen. Die dunklen Flecken der Sozialwissenschaften sollten durch die „Entdeckung“ der „materialistische[n] Geschichtsauffassung“ erhellt werden. Die „Enthüllung des Geheimnisses der kapitalistischen Produktion“ versprach die sachliche Auflösung der Krise des Kapitals. „Mit ihnen wurde der Sozialismus eine Wissenschaft“. (Ebd., S. 26)

Engels' Analogie einer angeblichen Dialektik der Natur mit einer Dialektik der Geschichte und des Denkens fußte auf der nur abenteuerlich zu nennenden Reduktion der Hegelschen Dialektik auf einige wenige „Bewegungsgesetze“, die nach seinen Worten allein „in ihrer ganzen Einfachheit und Allgemeingültigkeit klar zur Bewußtheit zu bringen“ (Ebd., S. 11) waren.

Die Komplexität und Vielschichtigkeit der Dialektik Hegels wurde von Engels konsequent ignoriert. Hegels Subjekt-Objekt Dialektik, welche die Schranken seiner idealistischen Konzeption transzendierte und die Unwahrheit der Trennung von Gegenstand und Geist offen legte, wurde der berüchtigten Umstülpung geopfert, um Dialektik von ihrem nicht verwertbaren erkenntnistheoretischen und -kritischen Ballast – dem „philosophische[n] Kram“ (DdN, S. 203) - zu befreien. Der ideologiekritische Kulminationspunkt der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie - die Wertformanalyse – ist ohne Hegels Objektivität des Begriffs undenkbar. Dessen Idealismus war ein Angriff gegen die Tendenz der positiven Wissenschaften, den Geist mangels Verwertbarkeit und Identitätsnachweis allein als Mittel zur Umsetzung von Gebrauchsanleitungen zu bestimmen. Bewusstsein wäre nicht allein als Produkt zu begreifen, dass aus gesellschaftlichen Verhältnissen abzuleiten wäre, sondern als originäres Moment gesellschaftlicher Objektivität selbst. Marx gegen Hegel gerichtete Forderung, „die eigentümliche Logik des eigentümlichen Gegenstandes“ (MEW 1, S. 296) zu fassen, verteidigte Hegels Errungenschaft gegen dessen eigene Tendenz zur Schematisierung.

Dagegen wird der Begriff von Engels zugunsten eines bornierten Empirismus, der Degradierung des Geistes, aufgegeben. Die Philosophie wurde brachial auf das einseitige Verhältnis von „Ding“ und „Idee“ zurechtgestutzt. Der Gedanke sollte sich seinen Wert durch realitätsgerechte Entsprechung oder Abbildung des Gegenstandes, d.h. der verdinglichten gesellschaftlichen Verhältnisse, verdienen. Philosophie als „Theorie der Denkgesetze“ war vor allem „für die praktische Anwendung des Denkens auf empirischem Gebiete von Wichtigkeit“. (Ebd., S. 32) Begriffe hatten bei Engels keine eigene Qualität, sondern waren allein „abstrakte Abbilder der wirklichen Dinge und Vorgänge“. (AD, S. 23) Es gelte von den „gegebenen Tatsachen“ [5] (DdN, S. 36) auszugehen. „Die Natur ist die Probe auf die Dialektik“. (AD, S. 22)

Das erkenntniskritische und aufklärerische Moment der Hegelschen Dialektik, die „Selbstentwicklung des Begriffs“, galt Engels als „unbrauchbar“. Diese „galt es zu beseitigen“. In grausamer Ironie verkannte sich diese brutale intellektuelle Selbstverstümmelung in der Anfangszeit des Kommunismus als Überwindung oder Aufhebung einer „ideologische[n] Verkehrung“. Die berühmte Formel, man hätte Hegel „vom Kopf […] wieder auf die Füße gestellt“, die von Generationen von Marxisten nachgebetet wurde, bedeutete einer kritischen Philosophie ihre Flügel zu brechen und sie auf dem Boden der Tatsachen, i.e. der identischen Bezeichnung, der konformen Vermittlung zu zwingen. Die „revolutionäre Seite“ Hegels erkannte man nicht in seiner immanenten Forderung nach kritischer Reflexion und der bestimmten Negation der Fesseln des gemeinen Verstandes, sondern in einer angeblichen „dialektischen Methode“, (LF, S. 636) welche losgelöst von ihren Bestimmungen besinnungslos als Konstatierung von Entwicklung und Bewegung definiert wurde.

Wo Engels einmal tatsächlich Hegels Intention erkannte, schien er diese nicht zu begreifen. „Die Wahrheit“, sei bei Hegel, so Engels, nicht eine „Sammlung fertiger dogmatischer Sätze“, sondern der „Prozeß des Erkennens selbst“. Blind gegen diese Eingebung reduziert Engels diesen Prozess wieder auf Geschichte und Kontinuität, auf den Aufstieg „von den niedern zu immer höhern Stufen“. (Ebd., S. 614) „Damit reduzierte sich die Dialektik auf die Wissenschaft von den allgemeinen Gesetzen der Bewegung.“ (Ebd., S. 636) Die Dialektik des Begriffs war hier nicht einmal mehr der Schatten ihrer selbst, sondern bloßes Abbild angeblich universeller Naturgesetze. [6] Integralrechnung, die Veränderung des Aggregatszustands, Ablagerungen der Gesteinsformationen oder die Himmelsmechanik galten Engels als Beispiele derselben. Während Hegel eines naiven Schematismus bezichtigt wurde, der „die dialektische Gesetze in die Natur hineinzukonstruieren“ (AD, S. 12) suchte, meinte Engels „die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens“ (Ebd., S. 132) zu ergründen.

Die Reduktion der Dialektik durch Engels auf Bewegungsgesetze bedeutete, die Degradierung des Materialismus zu einer instrumentellen Vernunft. Die „ganze Herrschaft“ über die Natur bestand nach Engels darin, „ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können.“ (DdN, S. 174) Das Gesetz garantierte getreu dem bürgerlichen Verständnis die Beherrschung der chaotischen Natur durch die Macht des Wissens. Dieses Verhältnis zur Vernunft beschränkte sich nicht auf das Gebiet der Naturwissenschaft, sondern wurde konstitutiv für die Vorstellung von Vernunft überhaupt bzw. die Beziehung von Körper und Geist. Nicht allein Natur, auch „Menschengeschichte“ oder die „geistige Tätigkeit“ galt es „der denkenden Betrachtung [zu] unterwerfen“. (EdS, S. 428) Wissen war ein Werkzeug zur Manipulation und Dialektik nur eine moderne, ausgefeilte „Erklärungsmethode“. (DdN, S. 33)

Wo Hegel anhand der Bestimmungen des Begriffs die unzähligen Vermittlungen, die Verschlungenheit, den Reichtum und die Grenzen der Vernunft aufzuschlüsseln versuchte, spricht Engels von der Dialektik als der „einfache[n] Tatsache, dass die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw. treiben können“. (BvM, S. 453)  Die einfache Tatsache der sinnlosen Not der Menschen wurde schließlich das dankbare Material, an dem sich die halluzinierte Überlegenheit der Dialektik als Methode, als Allheilmittel zur optimalen Akkumulation und Verwertung des Wissens beweisen konnte. Die praxisorientierte Züchtigung des Geistes war und ist Moment der wahnhaften Konstitution des bürgerlichen Subjekts. Theorie ist eine ideologische Form, um die allgemeine Zurichtung und krisenhafte Diffusion der Subjekte zu rationalisieren. Die allseitige Gleichgültigkeit und Apathie der Subjekte ist die Basis für Ideologie und die folgenden Technokraten des Marxismus verstanden es, den Massen die Überlegenheit des wissenschaftlichen Sozialismus buchstäblich einzuhämmern. Die Gleichgültigkeit gegen den Geist schlug bereits unter Lenin und konsequent unter Stalin in Gewalt gegen den Einzelnen um. 

Der Versuch, eine kritische Bestimmung der Dialektik zu erarbeiten, scheiterte (dies gilt auch für Lukács) an der gesellschaftlichen Dialektik der Aufklärung; an der Kapitulation vor der gesellschaftlichen Tendenz, Kritik verwertungsfähig zu gestalten, ihre Kommensurabilität mit Theorie beweisen zu müssen. Um Anerkennung und Applaus zu ernten, galt es den Gedanken in die herrschende Denkform zu bannen. In der verkehrten Welt galt schließlich die intellektuelle Selbstaufgabe und solipsistische Isolation des Denkens als realitätsgerecht. Die Simulation von Handlichkeit und Plausibilität, die Beschwörung der Verwertungsfähigkeit wies den Gedanken als Wissen aus und die Wissenschaft war der offizielle Titel zur Verwaltung, Manipulation und Kontrolle dieses Wissens. Das Moment der Befreiung und der Reflexion wurde schließlich im wissenschaftlichen Sozialismus der Methode als äußerer Zweck angeheftet.

In der Wertformanalyse hatte Marx bereits eine fundamentale Kritik an der damals modernsten Sozialwissenschaft, der politischen Ökonomie, geleistet. In Auseinandersetzung mit deren Kategorien wurde das Kapital als paradoxe, irrationale Form gesellschaftlicher Vermittlung und Ideologie als entsprechende, zwanghafte Denkform der Rationalisierung dieses Unwesens bestimmt. Diese Kritik des Kapitals wurde jedoch geflissentlich ignoriert bzw. das Heilige Buch der Arbeiterbewegung kaum rezipiert. Der kritische Gehalt des Kapitals wurde in den unzähligen Versuchen, die Kritik vermittlungsfähig zu machen, und mit der autoritären Verehrung für Marx und Engels neutralisiert. Marx war sich des kritischen und antitheoretischen Gehalts des Kapitals entweder nicht vollständig bewusst oder konnte, aus welchen Gründen auch immer, Engels nicht bestimmt genug auf diesen hinweisen. Engels wiederum erlag den Schmeicheleien der Führer der Arbeiterbewegung und reproduzierte allen Distanzierungen zum Trotz den Schein systematischer Wissenschaft. Sein Werk lag darin, die „negative Kritik“ und „Polemik“ nun „positiv“ werden zu lassen und eine systematische „Darstellung“ der „dialektischen Methode“ und „kommunistischen Weltanschauung“ zu geben. (AD, S. 8) Die Unsicherheit Engels' wurde in der wiederholten Beteuerung ersichtlich, Methode und Weltanschauung seien „zum weitaus größeren Teil von Marx begründet und entwickelt“ worden und nur „zum geringsten Teil“ von Engels selbst. (Ebd., S. 9) [7] Tatsächlich verhielt es sich genau umgekehrt, denn jene waren in dieser Form seine eigenen Kreationen.

Ungeachtet aller Lippenbekenntnisse wurde Hegel zum toten Hund erklärt. Im Anti-Dühring gab Engels vor, Hegel gegen Dühring zu verteidigen. Doch dessen zentrale Begriffe und deren Gehalt schienen keiner ernsthaften Auseinandersetzung wert. Im gleichen Atemzug wurde Hegels Werk als „kolossale Fehlgeburt“ tituliert, welche „an einem unheilbaren, innern Widerspruch“ (Ebd., S. 23) litte. Gegenüber dem Sträuben der Hegelschen Dialektik, sich dem gemeinen Verstand anzudienen, wurde die praktische Macht der „neuen Weltanschauung“ (LF, S. 611) gepriesen:

„Die historische Theorie von Marx ist nach meiner Meinung Grundbedingung jeder zusammenhängenden und konsequenten revolutionären Taktik; um diese Taktik zu finden, braucht man nur die Theorie auf die ökonomischen und politischen Bedingungen des betreffenden Landes anzuwenden.“ (AB, S. 458)

Die Nötigung zum selbstständigen Denken, wozu die Philosophie Hegels herausforderte, war nun theoretisch umschifft. Die "äußerst geheimnisvoll aussehenden dialektischen Gesetze“ wurden "sofort einfach und sonnenklar“. (DdN, S. 52) Revolution war keine Frage der Mündigkeit der Individuen, sondern nur Problem der Anwendung und des Verstehens der richtigen Theorie. [8]

Hier und da schien Engels allerdings der Gehalt der Kritik zu dämmern. Ihre Aufgabe sei es „nicht mehr, ein möglichst vollkommenes System der Gesellschaft zu verfertigen“. (EdS, S. 434) Engels kritisierte die „empirische Verachtung der Dialektik“ (DdN, S. 49) [9] und relativierte in seinen späten Briefen den Einfluss der ökonomischen Basis. [10] Die materialistische Auffassung gelte es „vor allem [als] eine Anleitung beim Studium“, nicht als „fertige Schablone“ (AB, S. 501, 498) zu begreifen. Der Materialismus müsste davor bewahrt werden, in „eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase“ (Ebd., S. 502) umzuschlagen. Doch diese und andere Hinweise wurden von seinen eigenen zentralen Thesen konterkariert, welche darauf hinausliefen, die Kritik der Gesellschaft zu einem Problem der richtigen Anschauung zu entschärfen und die Kritik in umfassende Wissenschaft umzumodeln. Sprach Marx noch davon, die „Verhältnisse […] zum Tanzen zu zwingen“ (MEW 1, S. 381), so hieß es bei Engels im Jargon der (Sozial)wissenschaft:

„Eine exakte Darstellung des Weltganzen, seiner Entwicklung und der der Menschheit sowie des Spiegelbildes dieser Entwicklung in den Köpfen der Menschen, kann also nur auf dialektischem Wege, mit steter Beachtung der allgemeinen Wechselwirkungen des Werdens und Vergehens, der fort- oder rückschreitenden Änderungen zustande kommen.“ (EdS, S. 431)

Als „positive Wissenschaft“, die sich nicht länger mit der notwendig destruktiven Kritik einer absurden und gänzlich unfassbaren Form der Vergesellschaftung aufhielt, war Kritik massen-, d.h. politiktauglich geworden. Sie vermittelte nun „positive Kenntnisse“ (AD, S. 34) zur Rationalisierung einer verkehrten Welt. Im Zentrum der geistigen Anstrengung stand nicht mehr der Versuch, mit der „Waffe der Kritik“ (MEW 1, S. 385) die Negation des Individuums zu bekämpfen, sondern diese wissenschaftlich zu erklären. Der praktische Kampf wurde den Parteistrategen und roten Heerführern überlassen. Der Niedergang der Kritik bedeutete Moral, Sinnstiftung für die Massen, Theorie für die Führer. Damit fiel der erste und folgenschwere Streich gegen das kommunistische Projekt der Befreiung tatsächlich durch die Hand der Akteure dieses Projekts selbst.

„Denn was jeder will, wird von jedem anderen verhindert, und was herauskommt, ist etwas, das keiner gewollt hat.“ (AB, S. 503)


Anmerkungen:

[1]  Arnold Künzli sprach bereits 1965 vom Engelsismus: „Engels hat den 'prophetischen' Gehalt des Marxschen Werks philosophisch dogmatisiert und dabei teilweise verzerrt. Es bleibt eine Aufgabe der Marxismus-Forschung zu untersuchen, wie weit das, was man heute allgemein Marxismus nennt, nicht in Wahrheit ein »Engelsismus« ist.“ (Künzli 1966, S. 18).

[2] Friedrich Engels zit. n. Kliem 1977, S. 565.

[3] Dies ist eine Tautologie, da der Begriff der Wissenschaft eo ipso Produkt bürgerlicher Ideologie ist. Dies widerspricht in keiner Weise dem Wahrheitsgehalt einzelner Resultate von Wissenschaft.

[4] Auch Hegel versuchte die positiven Wissenschaften einer Wissenschaft der Logik unterzuordnen. Im Gegensatz zu den Verkürzungen und Verflachungen des Dialektischen Materialismus basierte die Wissenschaft der Logik auf einer enzyklopädischen Kritik der gemeinen Wissenschaft bzw. Philosophie. Die Marxsche Dialektik der Wertform fußt dementsprechend auf der Kritik der Wissenschaft der politischen Ökonomie. Sie blieb bis Lukács’Geschichte und Klassenbewusstsein Engels und den Marxisten gänzlich verborgen.

[5] Engels setzt Tatsachen kursiv, dennoch unterliegt er schließlich der ideologischen Trennung des Gegenstandes der Erkenntnis vom Prozess des Erkennens und dem erkennenden Subjekt.

[6] „Die Dialektik, die sog. objektive, herrscht in der ganzen Natur, und die sog. subjektive Dialektik, das dialektische Denken, ist nur Reflex der in der Natur sich überall geltend machenden Bewegung in Gesetzen“. (DdN, S. 204) Der phantastische dialektische Wurm: „Dagegen ein Wurm, durchschnitten, behält am positiven Pol den aufnehmenden Mund und bildet am andern Ende einen neuen negativen Pol mit ausscheidendem After; aber der alte negative Pol (After) wird jetzt positiv, wird Mund, und ein neuer After oder negativer Pol am Wundende gebildet. Voilà Umschlagen des Positiven ins Negative.“ (Ebd., S. 209)

[7] Vgl. auch EdS, S. 635, Anm. 1

[8] Symptomatisch dafür Karl Kautsky führender Funktionär der SPD: Erst „seit dem Engelsschen »Anti-Dühring« begannen wir tiefer in die marxistische Denkweise einzudringen, systematisch marxistisch zu denken und zu arbeiten. Erst von da an datiert der Anfang einer marxistischen Schule.“ (Kautsky, zit. n. Kliem 1977, S. 513)

[9] Im Vorwort zur 2. Auflage des Anti-Dühring scheint Engels seine Degradierung des Begriffs etwas entschärfen zu wollen. Die Naturwissenschaften sollten daran erinnert werden, „daß aber die Kunst, mit Begriffen zu operieren, nicht eingeboren und auch nicht mit dem gewöhnlichen Alltagsbewußtsein gegeben ist, sondern wirkliches Denken erfordert“. (AD, S. 14) In der Alten Vorrede zum „[Anti-] Dühring". Über die Dialektik wird die empirische Tendenz relativiert. Über die Arbeit der Naturwissenschaft, die „Erkenntnisgebiete unter sich in den richtigen Zusammenhang zu bringen“, heißt es: „Damit begibt sich die Naturwissenschaft aber auf das theoretische Gebiet, und hier versagen die Methoden der Empirie, hier kann nur das theoretische Denken helfen.“ (DdN, S. 31) In Dialektik der Natur spricht sich Engels scharf gegen die „alle Theorie verachtende, gegen alles Denken mißtrauische Empirie“ (Ebd., S. 49) aus. Das theoretische Denken wird jedoch in weiterer Folge wieder auf Methode reduziert.

[10] „Es ist also nicht, wie man sich hier und da bequemerweise vorstellen will, eine automatische Wirkung der ökonomischen Lage, sondern die Menschen machen ihre Geschichte selbst, aber in einem gegebenen sie bedingenden Milieu, auf Grundlage vorgefundener tatsächlicher Verhältnisse, unter denen die ökonomischen, so sehr sie auch von den übrigen politischen und ideologischen beeinflußt werden mögen, doch in letzter Instanz die entscheidenden sind und den durchgehenden, allein zum Verständnis führenden roten Fadenbilden.“ (AB, S. 560; vgl. auch ebd., S. 549, 508-511, 502-504).  


Siglen der verwendeten Schriften von Friedrich Engels:

AB - Karl Marx/Friedrich Engels: Ausgewählte Briefe, Berlin 1953.

AD - Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft („Anti – Dühring“), Berlin 1980.

BvM - Das Begräbnis von Karl Marx, in: K. Marx/F. Engels, Ausgewählte Werke, Moskau 1975, S. 453-454.

DdN - Dialektik der Natur, Berlin 1975.

EdS - Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, in: K. Marx/F. Engels, Ausgewählte Werke, Moskau 1975, S. 395-452.

LF - Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, in: K. Marx/F. Engels, Ausgewählte Werke Moskau 1975, S. 610-649.


Literatur: 

Elbe, Ingo, Marx vs. Engels – Werttheorie und Sozialismuskonzeption, unter: http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Marx-vs-Engels-Werttheorie-und.html (2001)

Elbe, Ingo, Zwischen Marx, Marxismus und Marxismen. Lesearten der Marxschen Theorie, unter: http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Zwischen-Marx-Marxismus-und.html (2006)

Elbe, Ingo, Die Beharrlichkeit des ‚Engelsismus’, unter: http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Die-Beharrlichkeit-des-Engelsismus.html (2007)

Kliem, Manfred, Friedrich Engels. Dokumente seines Lebens. 1820 – 1895, Frankfurt/M. 1977.

Künzli, Arnold,  Karl Marx. Eine Psychographie. Wien 1966.

Marx, Karl, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Erster Band, Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals, Frankfurt/M., Berlin u. Wien 1983.

Marx, Karl, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, unter: http://www.mlwerke.de/ me/me01 /me01_378.htm.    

Marx, Karl, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Kritik des Hegelschen Staatsrechts, unter: http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_203.htm.