Ausgabe #13 vom

Der Wein

Teil 4

GEORG WEERTH

XVI 
 
 Es sehnt sich meine Seele
 Nach einem kühlen Trunk.
 Den besten, den ich wähle,
 Der ist nur gut genung.
 Er steht so schön im Glase
 Und gibt so lichten Schein,
 Wie Morgentau im Grase,
 Wie Rosen auf dem Rain.
 
 Ich fange an zu singen
 Vom König Salomo,
 Vom Fürst zu Flachsenfingen -
 Und bin in dubio,
 Ob nicht die blühnde Rebe
 So jugendlich und hold
 Viel besser sei als Stäbe
 Von Silber und von Gold;
 
 Ob man in jenen Welten,
 Sind wir nicht fromm gewest,
 Das Böse zu vergelten
 Uns schrecklich dürsten läßt;
 Ob oder arme Seelen
 Man zu erfreuen denkt
 Und die erschlafften Kehlen
 Mit Geisenheimer tränkt?
 
 Ich weiß nicht - und es kümmert
 Mich wenig auch; wenn gut
 Nur meine Flasche schimmert,
 Da bin ich hochgemut.
 Da ist zum Paradeise
 Mir rings die Welt erblüht,
 Da sing ich leise, leise
 Ein alt verschollen Lied.
 
XVII
 
 Und als ich einst am frühen Tag
 Den großen Henkelkrug zerbrach:
 Da ist der Wein geflossen
 Wohl in die duftigen Sprossen.
 Da tranken die Blumen groß und klein
 Von meinem kühlen Klosterwein. 
 
 Da kamen Schmetterlinge bunt
 Herüber aus dem Wiesengrund.
 Da kamen lust'ge Fliegen,
 Die täten im Kreise liegen,
 Im Kreise wohl bis zum Abendschein
 Bei meinem kühlen Klosterwein.
 
 Da wurde mancher Trunk getan,
 Da hub der Maienkäfer an:
 "Mir ist so wohl zumute,
 Als ob ich auf Lilien ruhte,
 Als blühte schöner die Seele mein
 Von diesem kühlen Klosterwein."
 
 Da sprach die Bienenkönigin:
 "Wie ist so lind mein hoher Sinn!
 Komm her, daß ich dich drücke,
 Komm her, verliebte Mücke,
 Komm her, wir tanzen den Ringelreihn
 Wohl um den kühlen Klosterwein!"
 
 Da war besäuselt gar und ganz
 Der jugendliche Schwalbenschwanz,
 Er strich wohl durch die Moose:
 "Zieht aus mir Mantel und Hose,
 Ich habe getrunken zu großer Pein
 Von diesem kühlen Klosterwein!"
 
 Die Bremse war schon hoch betagt,
 Sie hat kein einzig Wort gesagt,
 Sie klagt' um ihre Tugend
 Und die verlorene Jugend.
 Sie hat sich ersäufet so stumm, allein
 Tief in dem kühlen Klosterwein!
 
 Und stille ward es rings umher,
 Kein Jubeln und kein Singen mehr.
 Es kam die Nacht geschritten,
 Die Bremse hat ausgelitten.
 Sie starb und rief in das Tal hinein:
 "Leb wohl, du kühler Klosterwein!"
 
XVIII
 
 Ich ließ das Roß zu Tale lenken,
 Da traf ich zwei Gesellen fein,
 Das war in einer alten Schenken
 Der rote und der weiße Wein.
 
 Sie sahn mich an aus großen Krügen,
 Wie Gold und Rosen schauten sie.
 Mein Herz empfand ein still Vergnügen,
 Mir ward, ich wußte selbst nicht wie.
 
 Kaum sah ich hell den Weißen funkeln,
 Da half kein Bitten und kein Flehn.
 Und sah ich, ach, den Roten, Dunkeln -
 Da war es gleich um mich geschehn!
 
 Wollt wandern ich am Morgen gerne:
 Sah mich der Rote lockend an.
 Und wollt ich ziehn beim Glanz der Sterne -
 Hatt's mir der Weiße angetan!
 
 Mir war's, zwei tolle Teufel zwackten,
 Der ein am Bart mich armen Tropf,
 Indes des andern Fäuste packten
 Und zögen mich an meinem Zopf.
 
 Sie zogen mich von Nacht bis Morgen,
 Zwackten von Woche mich zu Mond:
 Und Jahr und Tag hab ich verborgen
 Bei den Gesellen schon gewohnt.
 
 Nun oft, wenn in den Lindenbäumen
 Der stille Mond spazierengeht:
 Da ist's, daß mir ein seltsam Träumen
 Leis schauernd durch die Seele weht.
 
 Da träum ich wohl: die alte Schenke,
 Die würde endlich still und leer -
 Sie brach zusammen - und ich tränke
 Wohl nimmer Oberingelheimer mehr.
 
XIX
 
 Gott grüß dich, alte Schenke,
 Mit deinem runden Schild!
 O gib ein gut Getränke,
 Das meinen Kummer stillt.
 O gib vom selben Weine,
 den ich in Lust und Not
 Wohl trank beim Abendscheine
 Mit Freunden, die nun tot.
 
 Da draußen stand die Erle
 Und schlug ans Fenster leis;
 Hier innen stieg die Perle
 Im Glase silberweiß.
 Und ringsumher Gesichter,
 So lieb und wohlbekannt:
 Der alte Friedensrichter
 Saß oben an der Wand
 
 In rotgeblümter Weste -
 Ich mein, ich säh ihn noch,
 Wenn er die andren Gäste
 So fürchterlich belog,
 Wenn er vom letzten Kriege
 Erzählte wie ein Buch
 Und fluchend nach 'ner Fliege
 Mit beiden Fäusten schlug.
 
 Ganz nah an seiner Seite,
 Die Brille auf der Nas,
 Der wunderbar gescheite
 Magister loci saß.
 In Heidelberg studiert' er
 Philosophie und Jus,
 Und sonderlich zitiert' er
 Den Jobs und Tacitus.
 
 Es lärmt' und schrie so heiser
 Der dünne Advokat,
 Die Kön'ge und die Kaiser
 In Acht und Bann er tat.
 Mit seinem Ziegenhainer
 Hätt er sie gern entthront,
 Auch hat den Nierensteiner
 Er nimmermehr geschont.
 
 Er trank - nur einer fand sich,
 Der schärfer trank als er:
 Trank er der Schoppen zwanzig -
 Der Küster trank noch mehr!
 Mit würdevollen Mienen
 Sah er ins Glas hinein,
 Wie Schimmer von Rubinen
 War seiner Wangen Schein,
 
 Und seine Stimme tönte
 So schauerlichen Baß,
 Als ob im Keller dröhnte
 Ein altes Mutterfaß,
 Als ob die Orgeln brummten
 In aller Christenheit -
 Wir staunten und verstummten
 Für eine lange Zeit.
 
 Und jedem Herzen bangte,
 Bis daß der Musikant
 Die braune Geige langte
 Hernieder von der Wand.
 Er strich die glatten Saiten,
 Er strich sie hell und rein;
 Wir täten ihn begleiten
 Mit einem Chorus fein.
 
 So war es einst! - Gekommen
 Ist nun der Winter kalt,
 Hat Blum' und Blut genommen
 Aus Wiesen, Berg und Wald.
 Verschwunden und vergessen
 Sind, ach, für immerdar,
 Die fröhlich hier gesessen
 Manch langes liebes Jahr;
 
 Die einst in Lust geschwommen
 Und großer Freudigkeit,
 Wenn da ins Land gekommen
 Die Krammetsvögelzeit;
 Die im gewölbten Saale
 Erhuben Klang und Sang,
 Wenn man zum ersten Male
 Den neuen Weißen trank;
 
 Die sich zusammenfanden
 An Sankt Martini Tag,
 Wenn man in allen Landen
 Die Gans zu essen pflag;
 Die nie nach Hause kamen,
 Als wenn sie still entzückt
 Und auch in Gottes Namen
 Einen Rausch darauf gedrückt.
 
 Was mag es doch bedeuten,
 Mein Herz ist so voll Gram?
 Die Abendglocken läuten
 Da draußen wundersam.
 Ich sah den Mond erscheinen,
 Der durch die Wolken bricht,
 Und weiß nicht, soll ich weinen,
 Oder wein ich lieber nicht?
 
 Drum hurtig zugegossen!
 Ein überschäumend Glas:
 Den seligen Genossen,
 Euch Toten bring ich das!
 Bis in die Gräber rauschet
 Wohl dieser volle Klang:
 Ihr fahrt empor und lauschet
 Und winket: "Habe Dank!"

 

Georg Weerth, Der Wein (1843), in: Ders., Sämtliche Werke in fünf Bänden. Herausgegeben von Bruno Kaiser, Bd. 1: Gedichte, Berlin (Ost) 1956, S. 59-80.