Ausgabe #13 vom

Bad Sägewerk (Nerven)

HEIKO E. DOHRENDORF

Martin Semmelrogge fühlt sich hier auch ohne Führerschein pudelwohl: „Endlich sehe ich mich mal wieder auf einem Plakat. Können Sie sich vorstellen, was das für mich bedeutet?“ – Ob wirklich jede REHA-Maßnahme in dem holsteinischen Neurologie-Mekka derart erfolgreich verläuft, bleibt fraglich.

Aus großer Höhe betrachtet, erscheint Bad Segeberg mit seiner Psychosomoatischen Klinik, seinem Neurologie-zentrum und seiner bedeutenden Familien- und Freizeitindustrie übersichtlich: Bei „google earth“ erscheint das dritte große Krankenhaus („AK Segeberg“) zutreffend als „Autobahnkreuz“. Anstatt sich nämlich, wie andere ländliche Großgemeinden in den frühen 70er Jahren es taten, eine Umgehungsstraße als Bypass legen zu lassen, um dem Verkehrsinfarkt zu entgehen, entschieden die Segeberger Lobotomie-Experten sich dafür, die mitten durch den Ort führende Bundesstraße 206 im Stadtgebiet vierspurig auszubauen und an beiden Enden der Fußgängerzone Autobahnauffahrten anzulegen.

Auf der einen Seite des ebenerdigen Highways liegen der Kalkberg, ein netter Marktplatz sowie der See mit den 40 Watt-Bewegungsgruppen. Hier gestaltet sich das Leben geruhsam und beschaulich, für den größten Aufreger sorgte immerhin Großbäcker Michely, als der jüngst zu Sylvester 80.000 Berliner-Vorbestellungen gegen Vorkasse annahm – es aber gerade mal schaffte, knapp 40.000 Stück gefülltes Siedegebäck herzustellen. Die Menschenschlange der geduldigen Backwarenabholer am letzten Tag des Jahres reichte über den ganzen Marktplatz und durch Nebenstraßen bis weit ins neue Jahr hinein – am Ende mussten sie ohne Jahresendhupferl gehen und wurden damit vertröstet, in vermutlich ein bis zwei Wochen auch ihr Geld wieder abholen zu dürfen. – Mit solch genialem Marketing konnte auch keine kaufmännische Werbegemeinschaft mehr mithalten, weswegen sich inzwischen der einst so mächtige „Kalkberg-Ring“ auflöste; der gut versteckte Weihnachtsmarkt der Konkurrenz von der „IG Altstadt“ hielt genau zwei Tage, dann kamen die Beschicker nicht mehr. Eine geplante Vereinsgründung geschäftlicher Interessenten im Bereich der Kurhausstraße wurde daraufhin vorerst verschoben. – Andererseits der Bundesstraße gibt es eigentlich nur die KFZ-Zulassungsstelle und den Südstadt-Slum; die vierspurige Reviergrenze wirkt sich erfreulich mäßigend auf die Kriminalität im Innenstadtbereich aus. Barrierefreiheit ist gar nicht immer so gut, das lernt man hier schnell.

Richtig gut gehen hier genau zwei: Möbelkraft und Karlmayfestspiele, die hatten auch beide extrem gut besuchte Weihnachtsmärkte mit Schlittschuhbahn (Kraft, gehört jetzt Hübner in Berlin) bzw. „Country meets Western“-Cowboymusik (Kalkbergarena, mit echten Rentieren). Beide Großfreudenspender sind mit dem Auto gut erreichbar, nur eben von Segeberg aus nicht. Kaum angeschnallt, landet man schon auf irgendeiner Nebenstrecke nach Kaltenkirchen (Disco) oder Henstedt-Ulzburg (halber Weg nach Norderstedt) – nur die überregionalen Einfuhrschneisen führen direkt zu Winnetous Schwester bzw. mit Vollgas in die neue Sitzgruppe. Die Stadtmarketing will jetzt bei Möbelkraft Schilder aufstellen, die nach Segeberg zeigen: hundert Meter weiter ist eine richtige Stadt. Auf dem Kalkberg wären solche Hinweise sinnlos – wer eben noch mit seiner ganzen Bagage nebst Alter Schmetterhand und Heinrichstutzen die edlen Wilden vor den Scheiß-Amis beschützt hat, hält sich von den heiligen Gräbern der Aborigines in der innerstädtischen Prärie respektvoll fern und führt die ihm Anbefohlenen lieber nächstes Wochenende zum gemeinsamen Schlafzimmer-Aussuchen bei Kraft aus, das macht denen nämlich Freude.

Einmal im Jahr, immer im Mai, kommt aber Tabaluga, das ist ethisch korrekt und wer will wirklich gegen den kleinen, großen Peter Maffay etwas einzuwenden haben, wenngleich er es in puncto Verrücktheit mit Karl May, der sein ostdeutsches Reservat niemals verlassen hat und sich selbst für Onkel Manitu hielt, sicher nicht aufnehmen kann. Den Rest des Jahres bleibt man besser zuhause: mittwochs kommt „Basses Blatt“, das lesen aus gutem Grund alle, die irgendwas wissen wollen, denn die nicht-werbefinanzierten Tageszeitungen sind Mantelblätter (Segeberger Nachrichten = Lübecker Nachrichten; Segeberger Zeitung = Kieler Nachrichten; Stormarner Tageblatt = sh.z und sowieso andere Seite vom Klingberg), deren Lokalteile seit Jahresbeginn ausschließlich Freiwillige Feuerwehr bringen (ungelogen, von acht Seiten „Segeberger Umland“ sind jeden Tag mindestens sechs komplett voll mit Fotos von den Jahreshauptversammlungen und den annähernd identischen Texten der jeweils veröffentlichten Jahresberichte, wobei man nach drei Wochen jetzt offenbar mit allen FFs des Kreises durch ist und deshalb erstmal mit den neugewählten Vorständen der dazugehörigen Jugendfeuerwehren weitermacht, bis Jahresende folgen Ehrennadeln für verdiente Mitglieder, Beförderungen und natürlich Anschaffungen von Löschfahrzeugen, Atemschutzgeräten und Tauchrettern sowie Planungen für neue Feuerwehrgerätehäuser und Aktivitäten der Gattinnen), der Rest ist dann Handball und am Wochende auch Kieler Fußball und Oldesloer Tennis.

Da ich neben Krimis auch gerne etwas „real fiction“ lese, bleibt mir nur die Doku-soap mit der hiesigen ARGE, die zum Glück auch immer im Briefkasten ist, wenn ich so gegen elf mit der Feuerwehrzeitung durch bin.