Ausgabe #12 vom

„Voll leer“ / „Voll die Leere“

Zum komparativen Gebrauch des Adjektivs „voll“

Eine Stilübung

RALF FRODERMANN

Die Immunität gegen Stilblüten wie die Reduktion der Sprechakte auf semantische riffs und licks gelten als Ausweis zeitgemäßen Sprechens, insbesondere unter sogenannten jungen Leuten jeden Alters. Regelverstoß ist die Grundregel einer im Entstehen begriffenen dezisionistischen Grammatik.

„Die Disco war voll leer“ oder „Der Typ ist voll der Arsch“, prädikative oder nominale Äußerungen dieser Art wirken weder befremdlich noch gesucht, sondern werden als authentische Pragmatik wahrgenommen.

An den Rändern der Sprache, bis weit hinein in ihre Zentren, haben sich, ähnlich wie in den urbanen Metropolen, slums gebildet, in welchen einzig das Prinzip Selbsterhaltung in Kraft ist. Stilfragen sind keine!

Insistierendes Sprechen, die Sprache der Nervensägen - „voll die Sprache“ oder auch das als provokative Frageohrfeige intonierte „Hallo?“ – sind Signale der Selbsterhaltung, die mit keinem Empfänger mehr rechnen. Dieses solipsistische Sprechen ist nichts als ein einfaches Existentialurteil. 

Die Regression der Sprache hat die Sphäre des Adjektivs erreicht. Von ihr bleibt als unsichtbare semantische Strahlung einzig die missbräuchlich und aus Verständnislosigkeit verwendete Quasimodalpartikel „voll“ im Gedächtnis zukünftiger Grammatiker.

Die Welt ohne Eigenschaften bedurfte des Eigenschaftswortes nicht mehr.

Gesprochene Sprache, deren Medium der Schall war, wurde zum Schalldämpfer.

Alles, was gesagt werden konnte, konnte einmal miserabel oder eminent gesagt werden.

Quod erat demonstrandum!