Ausgabe #12 vom

Nachdenker der Vernichtung

MATHIAS SCHÜTZ

Wer sich zu Jahresbeginn in deutschen oder europäischen Innenstädten aufhielt, der kam nicht umhin, auf mehr oder weniger große und aggressive Menschenmengen zu stoßen, die auf Plakaten und in Sprechchören einen Holocaust beklagten. Nun waren diese Menschen aber, was angesichts des Beweggrundes ihrer Zusammenkunft – der Operation Gegossenes Blei der israelischen Armee gegen die Hamas in Gaza – erstaunlich erscheinen mag, keine Juden oder proisraelisch gestimmte Zeitgenossen, ganz im Gegenteil: Nicht die zionistische Lobby, über die ironischerweise gerade in Deutschland so viel gemunkelt wird, machte sich vor den Vergangenheitsbewältigern aller Länder eines „instrumentalisierenden“ und „inflationären“ Gebrauchs des Begriffs Holocaust schuldig, sondern die Hamas- und Hizbullah-Fahnen schwingenden, „Tod Israel“ rufenden Apologeten des islamischen Kampfes um „ganz Palästina“ (und noch viel mehr). Dass diese den Begriff Holocaust überhaupt im Munde führten, verweist auf die Bedeutung des Begriffs im Umgang mit ihm in den arabischen und islamischen Ländern: Zum einen wird der Holocaust als drohendes, sich realisierendes oder bereits realisiertes Ereignis, als „Vernichtungskrieg“ (Norbert Blüm) Israels gegen die Palästinenser angeprangert; andererseits wird der Holocaust an den israelischen Juden als logische Konsequenz aus diesem imaginierten Krieg gefordert. Auch wenn diese Forderung aus realpolitischen Abwägungen meist nicht offen ausgesprochen wird: der jüdische Staat wird weiterhin als aggressiver Parasit im arabisch-islamischen Volkskörper wahrgenommen. Die Tatsache, dass man sich nach mehreren erfolglosen Versuchen, ihn militärisch auszulöschen, mancherorts mit seiner Existenz arrangiert hat und gegenwärtig die iranische Bedrohung mehr im Vordergrund zu stehen scheint, bedeutet keineswegs, dass man sich mit seiner Existenz auch abgefunden hat. Gerade die Rolle, die der Begriff Holocaust im Bezug auf die Auseinandersetzung der arabisch-islamischen Staaten mit Israel spielt, verdeutlicht dies; dass der Begriff überhaupt diese Rolle erringen konnte, ob als antisemitische Projektion oder Drohung, ist bedingt durch eine exzessive Leugnung der realen Judenvernichtung. Zum Verständnis dieses bedingenden Verhältnisses trägt seit Kurzem eine Monographie der israelischen Historiker Meir Litvak und Esther Webman bei, die die „arabischen Antworten auf den Holocaust“ in minutiöser Art aus Quellen gesammelt und ausgewertet haben. 
 
 Litvak und Webman geben sich redliche Mühe, Ordnung in die arabische Holocaustrezeption zu bringen. Der erste Abschnitt des Buches behandelt chronologisch die Stadien, in denen sich die verschiedenen Ebenen des Diskurses herausbildeten: von den Jahren zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Staatsgründung Israels über das Reparationsabkommen zwischen Israel und Deutschland und den Eichmann-Prozess bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Im zweiten Abschnitt des Buches werden systematisch die verschiedenen Ebenen des Diskurses dargestellt, von der Leugnung des Holocaust über seine Rechtfertigung, die verschiedenen Formen seiner Relativierung, wie der Gleichsetzung von Zionismus und Nationalsozialismus, die Behauptung einer Mitschuld der Zionisten am Holocaust oder den Vergleich von Nakba und Judenvernichtung, bis hin zur retrospektiven Beurteilung des Dritten Reiches. Ein letztes Kapitel beschreibt den marginalen neuen Ansatz arabischer Historiker und Publizisten nach dem Oslo-Prozess, der durch eine tatsächliche Anerkennung der Judenvernichtung die „Empathie“ gegenüber der Leugnung stärken will, jedoch aufgrund seines unausweichlichen politischen Gehalts gegenüber dem Zionismus dem vorgeblichen Anspruch gar nicht gerecht werden kann und regelmäßig in antizionistische Rhetorik zurückverfällt. „Bisher kann die Dekonstruktion des neuen Ansatzes durch die gebräuchlichen Begriffe der Holocausthistoriographie leicht nachweisen, dass dieser auf unterschiedlichen Stufen mit verfeinerten Motiven des holocaustleugnerischen Diskurses, wie auch mit Elementen der Relativierung und politischen Instrumentalisierung aufgeladen ist. […] Die Verfolgung der Juden wird anerkannt [acknowledged], aber im selben Moment mit der palästinensischen Tragödie und deren Anerkennung durch Israel und den Westen in Verbindung gebracht. Der Vergleich der beiden Ereignisse, entweder direkt oder durch Folgerung, beinhaltet per Definition die Minimalisierung und Relativierung des Holocaust. Die Anerkennung [recognition] ist die Basis für eine Aussöhnung und ein Mittel der Realisierung palästinensischer nationaler Hoffnungen.“ (S. 373 - Übersetzung MS) 
 
 Deswegen ist das Problem der Analyse dieses Diskurses und der ihm inhärent scheinenden Trennungslinien, dass eben diese fast nicht auszumachen sind. Die Übergänge und die gegenseitige Inspiration sind fließend, auch weil islamische Termini bei der Bebilderung allgegenwärtig sind: “Gleichermaßen benutzen Autoren jeglicher ideologischer Coleur oft stark aufgeladene islamische oder moderne arabische Begriffe, um jüdische oder deutsche Handlungen zu beschreiben, um ihren Lesern die europäische Situation näher zu bringen oder um deren Sympathie für Maßnahmen der Nazis gegen die Juden hervorzurufen.“ (S. 197) Was aber viel bedeutender ist: Litvak und Webman trennen zwar formell zwischen den verschiedenen ideologischen Gruppierungen, und tatsächlich sind radikale Moslems in ihrer Leugnung und Beschwörung des Holocaust am ungeniertesten und konsequentesten, aber gleichzeitig zeigen die Autoren, dass alle Lager über die Jahrzehnte hinweg, wenn auch nicht in gleichem Ausmaß, sämtliche Formen der Holocaustleugnung und -beschwörung bedienten und immer noch bedienen. “Gleichzeitig vertreten Autoren jeder ideologischen Ausrichtung ähnliche Ansichten und Positionen.” (S. 17) Die für die radikalislamische Propaganda selbstverständlichen Formulierungen, Rechtfertigungen und Argumentationen tauchen in meist oberflächlich enttheologisierter Art und Weise auch bei als links oder nationalistisch eingestuften Autoren auf. Gleichzeitig bedienen sich radikale Moslems bei ihren säkularen Feinden – die Charta der Hamas ist hierfür das beste Beispiel, in der nicht nur antijüdisch-muslimische Überlieferungen aufgeführt werden, sondern genauso die Protokolle der Weisen von Zion, die im säkular-antisemitischen Lager von ungleich größerem Gewicht sind - oder vielmehr waren. Denn längst sind die verschiedenen Lager zu einem einzigen antisemitischen Amalgam verschmolzen. Die Unterschiede in der Rhetorik scheinen weniger auf handfeste ideologische Differenzen rückführbar als vielmehr auf persönliche Zufälle, mit welchem Bein etwa der jeweilige Nationalist, Linke oder radikale Moslem morgens aufgestanden ist und ob sein Kaffee schmeckte oder nicht. 
 
 Angesichts der unzähligen Beispiele aus arabischen Schul- und Geschichtsbüchern, aus Zeitungsartikeln und -kolumnen, aus Radiobeiträgen und Fernsehsendungen, aus Ansprachen und Interviews arabischer Offizieller, die allesamt gleichermaßen haarsträubend sind, erscheint eine angemessene, selektierende und gewichtende Wiedergabe unmöglich. Holocaustleugnung, wie sie hier in einem Ausmaß und einem Variantenreichtum präsentiert wird, welcher die Phantasiewelten eines Tolkien oder Walter Moers in Verlegenheit bringen würde, ist das Spiegelbild des Ereignisses, das geleugnet wird. Die schiere Irrationalität und Nicht-Begreifbarkeit der Judenvernichtung spiegelt sich auf absurde Weise in den Konstruktionen und Projektionen der Holocaustleugner wider, für die Zuschreibungen wie Dummheit oder Wahnsinn verharmlosende Rationalisierungen wären. “Dieser Ansatz war nicht das Ergebnis eines Mangels an Informationen und Wissen über die historischen Ereignisse, sondern rührt von ideologischen Motiven und politischen Bedürfnissen her.” (S. 380) Dass der Diskurs aus „ideologischen Motiven“ und „politischen Bedürfnissen“ hergeleitet wird, deutet schon an, dass man es nicht mit einem ideologiekritischen Werk zu tun hat. Die Motive und Bedürfnisse und somit der gesamte Diskurs wird stets im Zusammenhang mit dem arabisch-israelischen Konflikt gedacht: “Der arabische Holocaustdiskurs ist […] Teil eines weiteren antizionistischen und antisemitischen Diskurses, der als Teil und Bestandteil [as part and parcel] des arabisch-israelischen Konflikts entstand. […] Ein weiterer Faktor, der den arabischen Holocaustdiskurs beeinflusst, ist der weit verbreitete Anklang von Verschwörungstheorien in der politischen Kultur des Nahen Ostens und deren Anwendung auf die Juden.“ (S. 4, S. 6) Es ist genauso wahr wie banal zu konstatieren, dass kriegerische Auseinandersetzungen irrationale und schlicht unwahre Welterklärungen befördern können und somit für die unmittelbar und mittelbar Involvierten in friedlicheren Zeiten auch eine weniger emotionale und hysterische Betrachtungsweise der eigenen Situation möglich ist. Aber daraus zu schließen, dass der Konflikt der arabisch-islamischen Staaten mit Israel der Grund für ihre ideologische Holocaustrezeption ist, verdreht die historische und psychologische Konstellation. Der arabische Antisemitismus hat weitaus mehr mit der Rolle der Juden im islamischen Weltbild - und der Anklang von Verschwörungstheorien mit der Art und Weise, wie seit der Ermordung des dritten Kalifen Umar im Jahr 644 die umma ihre Herrschaftsnachfolge regelte - zu tun als mit dem Konflikt. 
 
 Obwohl der ideologiekritische Anspruch fehlt, tut dies dem Werk und seiner Bedeutung keinen Abbruch. Litvak und Webman lassen an keiner Stelle Zweifel an dem zutiefst antisemitischen Charakter des gesamten Diskurses aufkommen. Interessant ist hier weniger die Bilanzierung der offenen Leugnung oder gar Verherrlichung des Holocaust, die weitestgehend bekannt sein dürfte. Wichtiger sind vielmehr die an historischen Fakten orientierten arabischen Neuen Historiker und wie diese sich zu den radikaleren Aspekten des Diskurses verhalten, von denen sie sich vorgeblich abgrenzen wollen. Ein etwas längeres Beispiel soll dies verdeutlichen: “Eine erhellende Manifestation der gespaltenen Sicht auf den Nationalsozialismus zwischen den Generationen ist der Fall des angesehenen syrischen Dichters Nizar Qabani und seiner Nichte. Als Autor für al-Hayat beschrieb der Dichter 1995 die Bewunderung, die die Generation der 1940er gegenüber Nazideutschland verspürte, dessen Namen 'einen schönen Klang, der die Vorstellungsgabe und Träume eines jeden entfachte' sowie die inspirierende Forderung nach 'Macht, Tapferkeit und nationalem Wohlstand […]' besaß, und er erinnerte sich an seinen Vater, der wollte, dass Deutschland den Krieg gewinnt, und einzig Radio Berlin hörte. Qabanis Nichte kritisierte in einem darauf antwortenden Artikel diese Einstellung unter Arabern, 'die an gefährlichen Vorstellungen litten', deren schlimmste 'der Feind unserer Feinde ist unser Freund' sei. In einem Kommentar anlässlich des zweiten Todestages des Dichters schrieb Jihad al-Khazin, Kolumnist und Herausgeber von al-Hayat, dass sich die meisten der Leserbriefschreiber auf die Seite des Dichters und gegen seine Nichte gestellt hätten. Khazin erwähnte zudem ein Gedicht, das Qabani ihm 1996 nach dem Massaker in dem libanesischen Dorf Qana geschickt hatte, in dem er die Juden heftig attackierte und über Hitler schrieb: 'Möge Gott ihm, der sie verbrannte, gnädig sein.' Khazin, der einer jüngeren Generation angehört und den Holocaust anerkennt, schlug vor, die Formulierung 'Hitler, möge Gott ihn verfluchen' zu benutzen, da Hitler keine Gnade verdiene, aber Qabani bestand darauf, Hitler nicht zu verfluchen. Schließlich einigten sie sich auf die Worte: 'Hitler fand nicht die Zeit, sie auszurotten', welche Hitlers Taten auf eine neutralere Weise darstellten. Latifa Sha’lan, die im Nachhinein über diese Geschichte nachdachte, kommentierte in der saudischen Wochenzeitung al-Majalla kritisch, dass die arabische Faszination […] für Hitler bis in die Gegenwart (das Jahr 2001) anhält und ihre falsche Legitimation aus der Wut auf die Politik Israels bezieht.” (S. 284) 
 
 Was, wenn man das Buch liest, an diesem Beispiel stutzig macht, ist die Tatsache, dass Widerspruch eingelegt wird. Was nicht stutzig macht – an dieser Stelle im Buch ist man schon fast gefährdet, den Absatz auf Grund einer vorhergegangen Sintflut an gleichwertigen Aussagen zu überlesen – ist die vermeintliche Diskussion zwischen jemandem, der die Nazis bewundert, und jemandem, der sie verachtet und den Holocaust „anerkennt“. Das Ergebnis der Diskussion ist die Konstatierung, dass Hitler nicht genug Zeit hatte, die Juden vollkommen auszulöschen – aus dieser Aussage eine Form des Bedauerns herauszulesen, dürfte wohl nicht unter den Verdacht unzulässiger Psychologisierung fallen. Der gemeinsame Nenner der Bewunderer Hitlers und jener, die ihn verachten, ist der Antisemitismus. „Das Zitieren von Mein Kampf als eine historische Quelle durch viele Autoren, um jüdische Untaten zu beschreiben, mag auch die Wertschätzung des Buches und seines Autors widerspiegeln, zumindest was dessen Einstellung gegenüber den Juden anbelangt.“ (S. 279) Am Holocaust offenbart sich der gemeinsame Kern des Denkens der Nazis und des arabischen Diskurses. Wie der nationalsozialistische Sozialdarwinismus den Krieg der Rassen als Schicksal der Menschheit postuliert, so bedauern die arabischen Holocaustleugner und -relativierer die als tragisch aufgefasste Entwicklung in Europa, welche in den Zweiten Weltkrieg mündete und in der Hitler zwar eine besondere und abzulehnende Rolle als Weltenbrandbeschleuniger spielte, in der aber Deutsche gleichermaßen litten und deshalb nicht als Täter zu bezeichnen sind. „Viele derer, die Nazideutschland kritisierten, ignorierten oder bagatellisierten sein rassistisches und mörderisches Wesen, sobald es die Juden betraf, oder rechtfertigten sogar Hitlers antijüdische Politik und beschränkten ihre Kritik allein auf die Politik der Nazis gegenüber anderen europäischen Nationen. Andere sahen keinen bedeutsamen Unterschied zwischen dem Nationalsozialismus und anderen imperialistischen Mächten des Westens.” (S. 272f.) 
 
 Der Blick der Nazis und des arabischen Diskurses auf die Geschichte ähnelt sich in einem wesentlichen Aspekt: Auch wenn das Geschichtsverständnis der Nazis als Existenzkampf der Rassen mit der islamischen Unterscheidung von dar al-Islam (Haus des Islam) und dar al-Harb (Haus des Krieges) oberflächlich nichts zu tun hat, deutet doch die beschriebene Rezeption des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust eine bedeutende Überschneidung an: Die gegenseitige Bekämpfung der Rassen bzw. der ungläubigen Imperialisten kennt keine moralische Position, sondern lediglich naturgesetzlich bzw. göttlich vorherbestimmt erscheinende, deswegen unausweichliche Entwicklungen, die eben ihre Opfer fordern. Die Juden hingegen werden aus diesem mythologischen Weltbild herausgehoben und als Feind der Menschheit gebrandmarkt, der für den amoralischen und kriegerischen Zustand – entgegen seiner angeblichen Schicksalshaftigkeit – verantwortlich gemacht werden kann und durch den dieses Weltbild überhaupt erst seine Einheit gewinnt. Deswegen stimmen europäische Neonazis mit dem arabischen Holocaustdiskurs auch durchweg überein. Die Rolle der Juden, und somit des Holocaust ‒ unabhängig davon, welcher Art der Leugnung oder Relativierung man exakt anhängt ‒, verbindet die beiden Weltbilder, der Staat Israel hat den europäischen Krieg ins arabische Herzland getragen und stellt die arabisch-islamische Einheit infrage, die es freilich niemals gegeben hat. „Infolgedessen stellten das Aufkommen des Zionismus und die Erfolge Israels gegenüber den Arabern ein theologisches und psychologisches Problem für viele Muslime dar, die beides als eine Abweichung von oder Verzerrung der korrekten kosmologischen Ordnung ansahen.” (S. 218) 
 
 Und diese Schlussfolgerungen spielen auch dort eine implizite Rolle, wo der Holocaust nicht explizit gleichzeitig geleugnet und bejubelt wird; er wird niemals an und für sich, sondern stets mit Blick auf den Staat Israel behandelt, seine Nicht-Leugnung ist niemals gleichbedeutend mit seiner bedingungslosen Anerkennung, ganz im Gegenteil. Selbst Autoren wie Edward Said, die ihr Denken an der westlichen Holocaustrezeption geübt haben, schaffen es nicht, von der Vernichtung der Juden zu sprechen, ohne den Staat Israel und die Nakba daraus abzuleiten. Das Leiden der Juden wird immer in Verbindung gebracht mit dem Leiden der Palästinenser, beide sind für Said „zwei große, verabscheuungswürdige Verbrechen“ (S. 129), weswegen die Anerkennung des Holocaust nur zugestanden wird, wenn seine unmittelbare Folge, die Nakba, im gleichen Maße anerkannt wird, mit allen expliziten und impliziten Konsequenzen. So forderte der Herausgeber der liberalen libanesischen Tageszeitung al-Hayat, Hazim Saghiya, 1998 anlässlich des von ihm unterstützten anberaumten Besuches Yassir Arafats im Washingtoner Holocaust-Museum die Palästinenser dazu auf, „den Anspruch auf ihre Aufnahme in die Liste der Opfer des Holocaust und, als solche, auf Wiedergutmachung zu verstärken.” (S. 339) Said und Saghiya sind jedoch noch recht harmlose Zeitgenossen, während „etliche Autoren, sowohl Linke als auch Islamisten, den Zionismus als ideologische Quelle des Nationalsozialismus auffassen.“ (S. 223) Oder aber: Die Zionisten hätten sich wahlweise geweigert, den Holocaust zu verhindern, oder ihn sogar bewusst zugelassen und unterstützt, um die Alten, Armen und Schwachen sterben zu lassen und so die Besiedlung Palästinas und die Staatsgründung Israels mit den Reichen, Jungen und Starken noch intensiver vorantreiben zu können. Auch wenn der Holocaust stattgefunden habe, so habe er den Juden und ihren Zielen, der Staatsgründung Israels, der Vertreibung und Unterwerfung der Palästinenser, der Spaltung der Araber, und der Beherrschung der Welt durch einen Schuldkomplex gedient. Das prominenteste Beispiel für diese Auffassung ist das Thema der Moskauer Dissertation Mahmud Abbas‘: Die Judenvernichtung als Waffe der Juden gegen Palästinenser, Araber, den Islam, Deutschland und die ganze Welt; wenn Menschen so zynisch, berechnend und rücksichtlos agieren, ist es gar nicht möglich, sie anders anzusehen denn als Weltfeind. 
 
 Der Umfang der Holocaustleugnung in den arabischen Staaten ist letztlich nur schwerlich empirisch zu fassen. Litvak und Webman führen einzig eine Umfrage des Fernsehsenders al-Jazeera aus dem Jahr 2001 an, die anlässlich des 53. Jahrestages der Nakba und im Rahmen einer Diskussion der Frage, ob Zionismus schlimmer als Nazismus sei, abgehalten wurde. Laut dieser Umfrage bejahten 84,6% von 12.347 Teilnehmern diese Frage, während 11,1% eine Gleichwertigkeit konstatierten. (S. 242) Das Buch lässt jedoch keinen Zweifel zu: Wie im Westen der Holocaust als unleugbares Ereignis anerkannt wird, so ist die Leugnung des Holocaust in den arabischen Staaten in gleichem Maße selbstverständlich und auf der Tagesordnung. Der jüngst erschienene Roman Das Dorf des Deutschen des algerischen Schriftstellers Boualem Sansal (1) dürfte für den arabischen Diskurs den gleichen Stand haben wie die Schriften eines Irving, Garaudy oder Faurisson für die westliche Holocaustforschung. Dementsprechend ist die Empörung über die jüngste Weigerung der Hamas, in UN-Schulen in Gaza den Holocaust behandeln zu lassen, pure Heuchelei; denn diese Weigerung ist nicht nur ein Problem, welches von Ahmadinejad, al-Manar und Filastin al-Muslima ausgeht, sondern, wie etwa MEMRI seit geraumer Zeit und von seltenen politischen Erfolgen gekrönt deutlich zu machen versucht, auch ein generelles Problem der arabischen und islamischen Welt. Das Problem hat in dem Buch von Meir Litvak und Esther Webman seine angemessene, weil ungeschminkte, wissenschaftliche Behandlung gefunden. Genau deswegen wird ihm wohl die mehr als notwendige Rezeption und Anerkennung, jenseits von Israel und den USA, versagt bleiben, weil man sich hierzulande lieber darauf konzentriert, zusammen mit Avraham Burg Hitler zu besiegen und im gleichen Atemzug die Mittel und Wege, mit denen genau dies historisch realisiert wurde, zu unterbinden.
   
 Meir Litvak/Esther Webman, From Empathy to Denial. Arab Responses to the Holocaust, Columbia University Press, New York u. Chichester 2009, 435 S., 32,99 Euro. 
 
 
 Anmerkung:
 
 (1) Vgl. Tjark Kunstreich/Joel Naber, Späte Revolte, in: Jungle World, Nr. 20-21/2009.