Ausgabe #12 vom

"Ein originär islamisches Produkt"

Interview mit Robert S. Wistrich über den islamischen Antisemitismus

Robert Solomon Wistrich, geboren am 7. April 1945 in Lenger (Kasachstan) als Sohn polnischer Holocaust-Überlebender, ist Professor für Europäische und Jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Zudem ist er Leiter des Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism. Zu seinen wichtigsten Publikationen gehören Revolutionary Jews from Marx to Trotsky, New York 1976, Socialism and the Jews, Oxford 1982, Der antisemitische Wahn. Von Hitler bis zum Heiligen Krieg gegen Israel, Ismaning 1987, Hitler und der Holocaust, Berlin 2001 und die im Auftrag des American Jewish Committee erstellte Broschüre Muslim Anti-Semitism. A Clear and Present Danger, New York 2002. Am 5. Januar 2010 erscheint sein neues, 1200 Seiten starkes Buch A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad.

Das Interview wurde im August 2009 an der Hebrew University of Jerusalem geführt, in der Folge des Panels "Contemporary Antisemitism. European and Muslim Legacies" auf der 15. World Conference of Jewish Studies, an dem neben Robert S. Wistrich auch Irwin Cotler, Jeffrey Herf und Menahem Milson teilnahmen.

Das von Ihnen organisierte Podium auf der Konferenz hieß "Gegenwärtiger Antisemitismus. Europäisches und islamisches Erbe". Ich frage mich, ob es sinnvoll oder nötig ist, zwischen europäischem und nationalsozialistischem Antisemitismus auf der einen Seite und dem islamischen Antisemitismus zu unterscheiden. Ist Antisemitismus nicht vielmehr ein universelles Syndrom, das man unabhängig von der Geographie verstehen sollte?

Offen gesagt: Ich sehe keinen Widerspruch darin, den Antisemitismus sowohl als partikulares als auch als universelles Phänomen - es gibt da einige Ausnahmen wie Indien und China - anzusehen. Zweifellos nimmt der Antisemitismus, so wie andere Ideologien auch, je nach Kontext verschiedene Formen an. Er ist nicht immer und überall derselbe, obwohl es auch Verbindungen zwischen den verschiedenen antisemitischen Strömungen in der Geschichte gibt. Selbst in der heutigen Zeit der Globalisierung wäre es ein großer Fehler, anzunehmen, alle Kulturen seien identisch, es gäbe die gleichen mentalen Strukturen, die gleichen Codes und Gebräuche. Ich denke, jeder Historiker, der etwas taugt, wird anerkennen, dass man nicht sehr viel über eine Gesellschaft aussagen kann, ohne ihre Besonderheiten zu berücksichtigen und wenigstens zu versuchen, die Gesellschaft von innen kennenzulernen. Das Wesentliche ist, denke ich, die Balance zwischen den Besonderheiten und dem universellen Charakter des Antisemitismus zu finden, so wie Sie es tun würden, wenn Sie Ideologien wie Faschismus oder Kommunismus untersuchen. Sie können nicht einfach ignorieren, wie sich der Antisemitismus in einer bestimmten Gesellschaft entwickelt. Der Kommunismus in China und Vietnam ist nicht derselbe wie in Kuba oder Frankreich und dennoch ist und war er ein internationales Phänomen. Dasselbe gilt für den Antisemitismus. Und deshalb denke ich, es ist legitim, das europäische und das islamische Erbe getrennt zu untersuchen und dann die Verbindungen und wechselseitigen Einflüsse zu erhellen. Dieser Ansatz unterstellt, dass es deutliche Unterschiede gibt. Der Ursprung des islamischen Antisemitismus ist ziemlich verschieden von dem des europäischen, aber es gibt eine Annäherung. Ich glaube, das ist eine der Erkenntnisse, die auf dieser Konferenz deutlich geworden sind. Nicht weniger wichtig ist, dass wir den Mythos, der Islam als solcher sei frei von Antisemitismus, zerstört haben.

Insbesondere in Deutschland und Europa gibt es aber beinahe einen Konsens darüber, dass es keine soziale oder theologische Grundlage des Antisemitismus innerhalb der islamischen Welt gebe und dass der Antisemitismus vielmehr ein Exportprodukt des europäischen Kolonialismus sei.

Es mag einen solchen "Konsens" geben. Sie wissen besser als ich, ob das in Deutschland so ist. Ich halte das für einen großen Fehler, auch wenn eine solche Argumentation politisch korrekt ist. Sehen Sie sich die alten islamischen Quellen, angefangen mit dem Koran, an. Dieser Text beschreibt die Feindschaft zwischen Mohammed und den jüdischen Stämmen und den Krieg, den er gegen sie führte und in dem die Juden vernichtet worden sind. Denken Sie an die – ziemlich zahlreichen – Stellen im Koran, in denen behauptet wird, die Juden seien Feinde Gottes, des Propheten und des Islam; Textstellen, die behaupten, die Juden hätten gegen den Islam konspiriert und intrigiert und seien dessen schlimmster Feind. Das ist ganz und gar ein originär islamisches Produkt, das nicht von außen importiert wurde und von Anfang an vorhanden ist. Am Anfang dieses neuen monotheistischen Glaubens steht eine starke Feindschaft gegen die Juden, und natürlich hat das einen sehr großen Einfluss auf  die islamische Zivilisation, insbesondere im heutigen Kontext des radikalen und militanten Islam. Und es gibt noch die Hadithen, die Aussprüche, die dem Propheten zugeschrieben werden, die Sunna und antijüdische Elemente, die über Jahrhunderte in die islamische Überlieferung eingegangen sind.

Wenn Sie Andrew G. Bostoms Textsammlung The Legacy of Islamic Anti-Semitism lesen, wird das unmissverständlich klar. In meinem bald erscheinenden Buch A Lethal Obsession. Antisemitism from Antiquity to the Global Jihad habe ich die Folgen dieser Tradition umfassender als dies jemals geschehen ist analysiert. Die Dämonisierung der Juden mag im Islam weniger sichtbar sein als im Christentum zur Zeit der Kirchenväter. Im frühen Islam fehlt die unnachgiebige Polemik des Adversus Judaeus. Im 3. und 4. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung gab es große Bemühungen, das Judentum komplett zu verleugnen. Im Islam gibt es keine genauen Parallelen und deshalb erscheint der Islam bis zum 20. Jahrhundert toleranter zu sein, verglichen mit der mittelalterlichen christlichen Literatur mit ihren Predigten, teuflischen Mythen und der Folklore. Aber diese "Toleranz" hatte enge Grenzen und es handelt sich um etwas ganz anderes als die Toleranz im modernen Sinne. Im Prinzip besagt sie, dass, solange die Juden und Christen die Überlegenheit und die Herrschaft des Islam anerkennen, sie innerhalb diskriminierender Gesetze geduldet werden. Ich denke, die ahl al-dhimma, der Pakt, der die Juden und Christen unter islamischer Herrschaft „beschützte“, ist paradoxerweise eine der Erklärungen dafür, warum der Antisemitismus im Islam lange Zeit zurückhaltender gewesen ist. Der Pakt bot einen gewissen Schutz, aber er definierte den Status der Juden als untergeordnet, minderwertig. Eine ideologische Rechtfertigung des Antisemitismus war nicht nötig, solange die Unterordnung der Christen und Juden im islamischen Recht so eindeutig festgelegt war. Diese Demütigung der nicht-islamischen Minderheiten endete mit der europäischen Herrschaft. Der Anfang der Gleichheit für diese Minderheiten kam ironischerweise mit dem westlichen Kolonialismus, mit der Emanzipation vom religiösen Dogma und dem Einfluss liberaler und westlicher Ideen. Kultureller und rassistischer Antisemitismus entstand als vergeblicher Versuch von Traditionalisten, Nationalisten und Islamisten, die islamische Hegemonie wiederherzustellen. Das ist einer der Gründe, warum der Antisemitismus in der islamischen Welt in der Moderne so begeistert aufgenommen worden ist. Er spiegelt islamische Minderwertigkeitsgefühle und Ressentiments gegen den Westen wider. Darüberhinaus werden die Juden als aufstrebend wahrgenommen und das, während gleichzeitig die Stellung des Islam immer weiter absinkt. Es ist auch kein Zufall, dass im 19. Jahrhundert und insbesondere im zerfallenden Osmanischen Reich die europäischen Ritualmordlegenden in die islamische Welt eindrangen. Sie wurden zuerst von den christlichen Minderheiten aufgesogen. Je unsicherer und defensiver die Muslime in ihrer eigenen kulturellen Identität wurden, desto empfänglicher wurden sie für die Mythen des europäischen Antisemitismus.

Würden Sie sagen, dass das ein westlicher Import gewesen ist oder mehr eine regionale Erweckungbewegung?

Es war teilweise ein Import, aber es gab Gründe, warum dieser Import im Gegensatz zu anderen erfolgreich gewesen ist. Sie müssen sich ansehen, warum genau dieses besondere "Produkt" der westlichen Kultur einigen Moslems, insbesondere Arabern, zusagte. Selbst in relativ moderaten Gesellschaften wie Tunesien, einer Gesellschaft, in der die Bedingungen für die Juden und für erfolgreiche Verwestlichung besser waren, war das Endergebnis dasselbe. In fast allen arabischen Ländern floh die jüdische Minderheit nach 1945 oder wurde vertrieben. Das war nicht nur das Resultat des Palästinakonflikts, sondern auch eine Folge der inneren Dynamik der arabischen Gesellschaften, dem Aufstieg des arabischen Nationalismus und dem intoleranten islamischen Fundamentalismus.

Kann man also sagen, dass zwar die schlimmsten Bilder des Antisemitismus, die Legende von der Blutschande und die Protokolle der Weisen von Zion, importiert wurden, aber nicht der ideologische Rahmen?

Genau. Die Protokolle waren eine russische Erfindung, die vom Westen aus in die arabische Welt importiert wurde, aber es gibt die Grundlagen in den islamischen Quellen, die erklären, warum die europäischen antisemitischen Verschwörungstheorien dort auf so fruchtbaren Boden gestoßen sind. Die Juden wurden bereits im frühen Islam negativ dargestellt: als heimtückisch und manipulativ, im Hintergrund arbeitend, um den neuen Glauben zu untergraben. Der Islam scheint mir ein besonderer Fall innerhalb der monotheistischen Familie zu sein, speziell in der heutigen militanten Form. Er verleugnet sowohl Judentum und Christentum und behauptet gleichzeitig irreführend, sie zu respektieren. In Wahrheit verleibt sich der Islam die beiden anderen Religionen ein und erwartet, dass sie schließlich verschwinden, denn alles, was am Judentum und Christentum gut sei, sei vom Islam übernommen worden. Demzufolge sind die hebräischen Patriarchen, biblischen Propheten und Könige ipso facto "Muslime". Sie sind gläubig und deshalb sind sie Moslems. Jeder Gläubige ist per Definition Moslem. Abraham (Ibrahim) ist der erste Moslem. Moses (Musa) ist auch ein Moslem, ein vorbildlicher Gläubiger und eine wichtige Figur im Koran. David (Daoud) und Solomon (Suleiman) sind Propheten des Islam. Ist das Toleranz? Nein, es ist spirituelle Einverleibung.

Gefährlich wird dies dadurch, dass der islamische Mainstream die Juden und Christen beschuldigt, ihre eigenen Schriften zu verfälschen, um die Überlegenheit, Endgültigkeit und Unfehlbarkeit der "perfekten Offenbarung" Mohammeds zu rechtfertigen. Das Christentum hat etwas ähnliches gegenüber dem Judentum unternommen, aber auf eine andere Art und Weise.

Das Christentum erkannte das Alte Testament an und hat dann behauptet, das Neue Testament vollende das Alte. Aber das Christentum hat niemals behauptet, Abraham, Moses oder die Propheten Israels seien Christen. Es meinte, das Alte Testament habe das Erscheinen Jesu vorhergesagt, des christlichen Messias. Aber es meinte niemals, die jüdischen Propheten wie Isaiah seien jemals Christen gewesen. Aber der Islam betrachtet die jüdischen Propheten und Jesus als Muslime. In der schiitischen Version, besonders im Iran, mit der apokalyptischen Lesart des Islam, gibt es die Vorstellung, am Tag des jüngsten Gerichts würde Jesus zusammen mit dem Mahdi - dem islamischen "Messias" - wiederkommen, um die Welt zu erlösen. Das ist, woran Ahmadinedschad und andere offenbar fest glauben und dieses Szenario wird wahrscheinlich mit einem Massaker an den jüdischen "Ungläubigen" bzw. den bösen Zionisten verbunden werden.

Sie haben den Koran als eine der Quellen des islamischen Antisemitismus bezeichnet. Wie groß ist der Einfluss des Koran, nicht nur auf den radikalen Islam, sondern auf die "islamische Straße" und die Diaspora?

Sehr groß, größer als je zuvor. Zum einen, weil die heutigen Massenmedien die Verbreitung des Koran enorm erleichtern. Aber nicht nur das. Tatsache ist, dass trotz des weit verbreiteten Analphabetismus in der islamischen Welt der Koran jedem bekannt ist. Die Lektüre des Koran ist im wesentlichen dessen Vortrag. Wie Sie wissen, kann man hier in Jerusalem den Gesang des Muezzins jeden Abend hören. Der Einfluss des Koran kommt zum Teil von der Wirkung dieses Gesangs. Auf arabisch gelesen, oder eher rezitiert, hat der Koran eine ziemlich hypnotisierende Wirkung und er ist dem kritischen Gedanken wenig förderlich, zumindest in der gegenwärtigen Form. Je fundamentalistischer und monolithischer die Interpretation des heiligen Textes ist, umso mehr Hass wird gegen Nicht-Muslime geschürt. Was geschieht, ist, dass das antisemitische Gift in der fundamentalistischen Interpretation der klassischen Texte stark betont und aufgebläht wird. Stellen Sie sich vor, was im Christentum üblich war, beispielsweise im Katholizismus vor dem zweiten Vatikanischen Konzil. Es gab eine Lesart des Neuen Testaments, derzufolge die Juden buchstäblich die Söhne des Teufels seien. Niemand konnte dem wirklich widersprechen, weil es die übliche Sicht auf die Rolle der Juden beim Tod Jesu war. Seit dem Vatikanischen Konzil gibt es ernsthafte Bemühungen, die Christen zu einer weniger stereotypen Sicht auf die Juden zu erziehen. Etwas Vergleichbares gibt es in der islamischen Welt heutzutage nicht. Stattdessen dominiert dort die dschihadistische Ideologie, und zwar mit relativ geringem Widerspruch. In den letzten Jahren gab es dort den Anfang einer Ernüchterung. Schließlich haben die Dschihadisten inzwischen viele Moslems ermordet! Besorgnis darüber gibt es selbst in Saudi-Arabien, einem Land, das seine giftige antisemitische Version des wahhabitischen Islams über die ganze Welt verbreitet hat. Nun sind sie beunruhigt, weil sie sich bedroht fühlen, sowohl vom schiitischen Iran als auch vom radikalen Islam überhaupt, dem Frankenstein-Monster, das mit ihrer Hilfe erschaffen wurde. Es ist jetzt sehr spät, etwas dagegen zu unternehmen und die boshaften antiwestlichen und antijüdischen Predigten in den saudischen Moscheen werden immer noch nicht unterbunden. Wenn es um die Juden geht, kann man die Saudis kaum als moderat bezeichnen, auch wenn sie manchmal als Stimme der Mäßigung dargestellt werden. Was den Antisemitismus angeht, haben die Saudis eine große Schuld auf sich geladen. Die islamischen Stimmen gegen den radikalen Islam kommen aus einer Minderheit und sie sind eher säkular. Das ist ein Problem, denn der Spielraum für den Säkularismus ist in der islamischen Welt heute nicht sehr groß. Trotzdem ist in den letzten Jahren Kritik an der antisemitischen Demagogie geübt worden. Diese Kritik kommt von aufgeklärteren Arabern und anderen Moslems im Westen, die verstehen, dass der Antisemitismus eine politische Waffe der religiösen Fanatiker ist, welche ihre Gedanken- und Meinungsfreiheit beschränken wollen. Oder die Kritik kommt von muslimischen Frauen, die sich über den repressiven Glauben empören, der sie zur Sklaverei verurteilt. Aber diese Dissidenten sind politisch isoliert. Es ist wahr, dass es in Ägypten aus Furcht vor der Muslimbruderschaft eine Gegenbewegung gegen den Extremismus gibt. Die offizielle Position Ägyptens gegenüber der Hamas ist kühl bis feindselig und deshalb gibt es auch eine vorsichtige Annäherung zwischen Israel und Ägypten in einzelnen Fragen. Aber Sie wissen selbst, dass das ambivalent ist. Andererseits ist es einfach schockierend, welche antisemitischen Publikationen in Ägypten üblich sind. Wenn das heute in Europa geschehen würde, wäre die Hölle los.

Auf der Konferenz haben Sie gesagt, dass der Antisemitismus in Europa seine traditionelle Stärke wiedergewinne, teilweise über die islamische Diaspora. Würden Sie sagen, dass die (Wieder-)Islamisierung der islamischen Gesellschaften und der Diaspora nur im Zusammenhang mit dem Vormarsch des Antisemitismus gesehen werden kann?

Unglücklicherweise sind alle Tendenzen zur Islamisierung sowohl im Mittleren Osten als auch in der Diaspora fundamental antiwestlich und enthalten üblicherweise ein antisemitisches Element. Die Fundamentalisten, die beispielsweise Sayyid Qutb folgen, sind alle antiwestlich und antisemitisch. Antiwestlich heißt, Pluralismus, liberales Denken und Demokratie als Farce und Bedrohung des Islam abzulehnen. Der kapitalistische Westen, und davor der Kommunismus, werden immer mit dem Einfluss der Juden und des Zionismus in Verbindung gebracht. In der gegenwärtigen islamischen Ideologie gibt es keine große Unterscheidung zwischen al-yahud (den Juden) und der “zionistischen Verschwörung”. Für die Islamisten ist das im wesentlichen identisch. Die Fatah behauptete, sie sei nur gegen den Zionismus, aber weder Hamas noch Hisbollah machen einen Unterschied zwischen Juden und Zionismus. Und Iran behauptet, nur den Zionismus anzuprangern und die iranischen Juden zu protegieren. Israel zu dämonisieren führt am Ende aber immer zum Antisemitismus. Heute ruft die semi-säkulare Fatah die Araber zum Kampf gegen die "Judaisierung" Jerusalems auf. Sie verabscheuen die "Judaisierung" von al-Quds, ihrer heiligen Stadt. Schlimmer noch, Arafat, Abu Mazen und andere Führer der Fatah haben immer geleugnet, dass es eine historische Verbindung der Juden mit Jerusalem gebe, was natürlich eine schändliche Verfälschung ist.

Also ist diese Unterscheidung zwischen Juden und dem Zionismus...

eine einfache Rationalisierung. Für die arabischen Massen bedeutet das wenig und die arabischen Intellektuellen haben mit ihrer unnachgiebigen Verleumdung Israels und des Zionismus viel zur antijüdischen Hetze beigetragen.

Natürlich kennen Sie Adolf Hitlers Satz: “Indem ich mich des Juden erwehre, erfülle ich das Werk des Herrn.” Das ist vielleicht keine gute Beschreibung des Nationalsozialismus, passt aber umso besser auf den Islamismus. Kann man den radikalen Islam als Testamentsvollstrecker des Nationalsozialismus bezeichnen?

Das habe ich schon vor 25 Jahren getan! Ich schrieb das Buch Hitler’s Apocalypse, das unter dem Titel Der antisemitische Wahn ins Deutsche übersetzt worden ist, und im Nachhinein erscheint es als geradezu prophetisch. Damals haben das manche "Experten" abgelehnt, aber sie haben sich geirrt. Das war 1984. Ich denke, heute sind diese Dinge viel extremer als ich mir damals vorstellen konnte. Aber ich habe Dinge vorausgesehen, die passieren würden und ich habe auf den totalitären Antisemitismus der islamischen Erweckungsbewegung hingewiesen. Heute können wir noch klarer sehen, dass die Grundlage für den radikalen Islam schon in den 1930er und 1940er Jahren gelegt wurde.

Jeffrey Herf hat in einer hervorragenden Arbeit die Wirkung der NS-Propaganda im Mittleren Osten untersucht und dargelegt, mit welcher Genauigkeit sie an die islamische Tradition appelliert hat. Die Nazis haben ihre Propaganda angepasst und nutzten die Kenntnisse deutscher Orientalisten ebenso wie die Anwesenheit arabischer Exilanten in Berlin, die sehr genau wussten, welches Idiom sie in ihren Radiosendungen in den Nahen Osten benutzten, schließlich sprachen sie ihre Muttersprache. Manche arabischen Propagandisten wie Haj Amin al-Husseini waren genozidale Antisemiten, die den Massenmord an den Juden offen begrüßten. Aber wir müssen fragen, und das habe ich meinem neuen Buch getan, warum die arabischen Gesellschaften und ihre politische Kultur im Ganzen so bereit und willens gewesen sind, die schlimmsten Formen des europäischen Antisemitismus zu absorbieren. Es muss Tendenzen in der arabischen politischen Kultur gegeben haben, die den Enthusiasmus über den Nazi-Antisemitismus verursacht haben. Auch wenn die Nazi-Propaganda außergewöhnlich geschickt war, kann sie nicht funktioniert haben, ohne dass sie den Arabern attraktiv erschien. Ohne Zweifel ist ein Teil der Erklärung politischer Natur. Von den 1930er bis in die 1950er Jahre kämpfte die arabische Welt gegen den britischen und französischen Kolonialismus und sie suchte nach einem Verbündeten, der ihnen helfen würde, das westliche Joch abzuschütteln. Man muss sehr naiv sein, dies zu ignorieren. In diesem Kontext konnte Hitler wie ein möglicher Befreier aussehen. Es gab aber auch eine Wahlverwandtschaft. Leute wie die Gründer der baathistischen Bewegung in Syrien und im Irak oder die ägyptischen Nationalisten wie der junge Nasser und Sadat, die die ägyptische Revolution von 1952 führten, bewunderten Nazi-Deutschland. Die deutsche nationale Erweckungsbewegung, einschließlich des Antisemitismus, zog sie an. Das Dritte Reich stand für Militarismus, Ruhm, Gehorsam, nationale Einheit, einen messianischen politischen Glauben und die Ermordung der Juden. Dazu kam der Konflikt in Palästina und zu einem gewissen Grad die Innenpolitik der arabischen Staaten, die immer noch unter westlichem Einfluss standen. Von diesem nationalistischen oder islamischen Standpunkt waren die Juden fremd. Für die muslimische Mehrheit waren sie Agenten des kolonialen Westens. Am Ende sollten sie verschwinden, was dann nach 1945 auch passierte. Mit dem Aufstieg des Panarabismus und des Panislamismus war die jüdische Existenz in den arabischen Ländern zum Untergang verurteilt. In Bagdad beispielsweise gab es schon im Juni 1941 ein verheererendes Pogrom (farhud), angetrieben von einem Nazi-ähnlichen irakischen Antisemitismus. Ein Jahrzehnt später wurden die Juden rücksichtslos enteignet und vertrieben. Sie waren Bürger des Irak und haben dort 2500 Jahre lang gelebt, also viel länger als die Moslems. Sie sprachen arabisch, waren in die Gesellschaft integriert und wohlhabend. Aber parallel zu dem ökonomischen, politischen und kulturellen Krieg, der gegen sie geführt wurde, wurde ein antisemitischer Krieg gegen sie geführt. Zweifellos gab es die Nazipropaganda, aber die wichtigsten Faktoren waren der irakische Nationalismus und die Anwesenheit des Mufti von Jerusalem und anderer Palästinenser im Irak, die den Mob dazu anstachelten, die Juden anzugreifen und ihr Eigentum zu erobern.

Die Folge war, dass der Irak judenrein wurde. Das passierte 1950/51. Von 1945-1970 wurde die gesamte arabische Welt von einer Million sephardischen Juden ethnisch gesäubert.

Diese entscheidende Tatsache ist heute fast völlig in Vergessenheit geraten und niemand interessiert sich noch dafür. Zum Teil verdankt Israel seine Existenz diesem Exodus und ruft die Erinnerung an diese dunkle Vergangenheit, die die Realität des islamischen Antisemitismus bezeugt, nicht wach. Im Nahost-Konflikt geht es nicht nur um palästinensische Flüchtlinge aus Israel, sondern genauso um jüdische Flüchtlinge aus den arabischen Ländern und natürlich auch um die Überlebenden des Holocaust in Europa.

Dieses Interview wurde von Mathias Schütz am 11.8.2009 an der Hebräischen Universität Jerusalem geführt.

Übersetzung: Walter Felix