Ausgabe #12 vom

Die Stimme aus dem Off

Über Krise, Ausnahmezustand und Revolution

PHILIPP LENHARD

Das allgegenwärtige Gerede über die Krise ist nicht nur allzu oft unkritisch, ja affirmativ, sondern der Gehalt, der mit dem Begriff einmal verbunden war, ist dabei vollkommen aus dem Blick geraten. Ähnliches gilt für den Begriff des Ausnahmezustandes, den der Modephilosoph Giorgio Agamben mittlerweile sogar so sehr ideologisiert hat, dass er bei ihm nur noch eine anthropologische Grundkonstante bezeichnet, die sowohl im alten Rom als auch in Auschwitz und Guantanamo gleichermaßen zu finden ist. Der Begriff Revolution ist ebenfalls so sehr inflationiert worden – es gibt u. a. die Orangene, die Friedliche, die Mikroelektronische und die Swiffer-Wischmob-Revolution –, dass er nicht mehr eine grundlegende und an die Wurzel gehende Umwälzung gesellschaftlicher Verhältnisse meint, sondern ein Event oder eine originelle Marketingidee.

Es ist keine neue Erkenntnis, dass die Krise einer Gesellschaftsordnung zwar keine hinreichende, aber gleichwohl eine notwendige Bedingung für eine Überwindung dieser Ordnung ist. Eine solche Krise besteht dann, wenn die soziale Synthesis ihre Funktion nur noch teilweise oder gar nicht mehr erfüllen kann, also dann, wenn das, was die Gesellschaft bis dahin zusammengehalten hat, sich auflöst. Eine solche Synthesis war im Mittelalter der als persönlich und allgegenwärtig vorgestellte Gott mitsamt seiner irdischen Armee. Der Glaube an die Souveränität Gottes zerfiel, als seine irdischen Vertreter nicht mehr in der Lage waren, dem Ansturm der neuen Wissenschaften und dem politischen Selbstbewusstsein der durch den Handel zu Reichtum gekommenen Bürger Stand zu halten. Die Resultate dieser Souveränitätskrise sind bekannt.

Was aber soll es bedeuten, wenn heute von einer „Krise des Kapitalismus“ gesprochen wird, wie es etwa die beiden Hochglanzmagazine Stern und konkret getan haben? Werden derzeit Geld und Staat, Wert und Politik infrage gestellt? Gibt es nennenswerte gesellschaftliche Kräfte, die eine Abschaffung der kapitalistischen Warenproduktion nicht nur fordern, sondern auch imstande wären, diese Forderung durchzusetzen? Davon kann wohl keine Rede sein. Es muss also, wenn in den Leitartikeln von einer „Krise“ die Rede ist, etwas anderes gemeint sein.

Der allseits beliebte Marxist Michael Heinrich erklärt es uns: „Als ökonomische Krise bezeichnet man schwere Störungen der ökonomischen Reproduktion einer Gesellschaft. In einer kapitalistischen Ökonomie heißt dies, dass ein großer Teil der produzierten Warenmenge nicht mehr absetzbar ist: nicht etwa weil kein Bedürfnis für die entsprechenden Produkte bestehen würde, sondern weil kein zahlungskräftiges Bedürfnis vorhanden ist. Das Warenkapital lässt sich nicht mehr vollständig in Geldkapital verwandeln, so dass sich das vorgeschossene Kapital immer schlechter verwertet und die Akkumulation abnimmt. Damit vermindert sich die Nachfrage der kapitalistischen Unternehmen nach den Elementen des produktiven Kapitals, also nach Produktionsmitteln und Arbeitskräften. Massenarbeitslosigkeit und ein Rückgang der Konsumtion der Arbeiterklasse sind die Folgen, was zu einem weiteren Rückgang der Nachfrage führt und die Krise verschärft.“ [1] 
Die Frage, die sich angesichts dieser Beschreibungen ökonomischer Vorgänge stellt, ist, warum sie ausgerechnet für eine Krise des Kapitalismus sprechen sollen. Denn auch, sagen wir mal: vor fünf Jahren wurde ein großer Teil der produzierten Waren u. a. aufgrund mangelnder Kaufkraft nicht abgesetzt. Das Warenkapital lässt sich nie vollständig in Geldkapital verwandeln, denn sonst gäbe es ja gar keine Firmenpleiten und Unternehmen müssten auch keine Angst haben, von ihren Konkurrenten aus dem Markt gedrängt zu werden. Auch die Massenarbeitslosigkeit, von der Heinrich spricht, gibt es seit den 70er Jahren in Deutschland. Dass in den beiden auf den Weltkrieg folgenden Dekaden so etwas wie Vollbeschäftigung herrschte, ist eine Ausnahme in der Geschichte des Kapitalismus und nicht die Regel. Bekanntlich schrieb ja schon Marx über die „industrielle Reservearmee“. Angesichts dieser Tatsachen scheint es, als könne ein marxistischer Gelehrter wie Michael Heinrich nicht erklären, was eine Krise von einer Nichtkrise unterscheidet.

Ziehen wir deshalb einen bürgerlichen Ökonomen zu Rate. Meinhard Miegel, bis Ende letzten Jahres im Vorstand des CDU-nahen Forschungsinstituts für Wirtschaft und Gesellschaft in Bonn, gab vor einigen Monaten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3. Juni 2009) ein Interview, in dem er die „finale Krise“ verkündete. Wer so redet, müsste doch eigentlich wissen, was eine Krise ist, sollte man meinen, denn das ist ja die Voraussetzung dafür, zu wissen, wann eine Krise „final“ ist. Bevor Miegel allerdings sagt, was eine „finale Krise“ ist, verkündet er erstaunlicherweise zunächst, die gegenwärtigen Ereignisse seien jedenfalls nicht als Krise zu charakterisieren. Und warum? „Weil der Begriff Krise negativ besetzt ist. Ich aber sehe in der gegenwärtigen Entwicklung viel Positives. Hinter uns liegt eine Phase, in der sich viele verhalten haben wie Drogensüchtige. Jetzt haben wir die Chance, aus dem Sumpf herauszukommen.“ Die Droge, von der Miegel spricht, ist das Wachstum, also die Akkumulation von Kapital, die ja immerhin Zweck der ganzen Veranstaltung namens „kapitalistische Produktionsweise“ ist. Aber schauen wir, was uns der Professor über die Droge Wachstum zu sagen hat: „Wachstum, Wachstum um jeden Preis. Und da echtes, solides Wachstum vielen nicht reichte, wurden riesige Schaumberge geschlagen. Jetzt platzen die Bläschen, und der Berg fällt wieder in sich zusammen. Aber keine Angst, das bringt uns nicht ins Armenhaus. Wir werden nur auf das Niveau gebracht, das unserer eigentlichen Leistungskraft entspricht.“ Miegel verwendet hier zwei Wörter, bei denen es stets angebracht ist, misstrauisch zu sein, nämlich „echt“ und „eigentlich“. Er unterscheidet zwischen einem echten Wachstum und einem unechten; denen entsprechen als Grundlage des Wachstums eine eigentliche und eine uneigentliche Leistungskraft. Was er damit meint, sagt er leider nicht, aber jedenfalls bringt er – wie immer, wenn Ökonomen die Begriffe fehlen – einige Metaphern vor. Er redet von Drogensüchtigen, Sumpf, Bläschen und Schaumbergen. Letztere Metapher steht für das unechte Wachstum, weil der Berg nur aus Schaum bestehe, der beim ersten Wind weggeblasen werde. Der Wind, so könnte man mutmaßen, könnte die Krise sein, die sichtbar macht, dass man den Berg gar nicht besteigen kann, ohne einzusacken. Jeder weiß – und auf die Suggestivkraft seiner Zuhörer setzt Miegel ja auch –, dass er mit dem Schaum und den Bläschen so genannte „Auswüchse“ des Finanzkapitals meint, Spekulationen, die nicht mehr in einem angemessenen Verhältnis zur viel gepriesenen „Realwirtschaft“ ständen. Diese ist identisch mit der „eigentlichen Leistungskraft“. Dunkel ahnt man, die Realwirtschaft habe etwas mit industrieller Produktion zu tun, aber ausgesprochen wird das nicht, denn auch Miegel weiß ja als studierter Ökonom, dass Produktions- und Spekulationssphäre im Kapitalismus unauflösbar miteinander verknüpft sind. Schließlich wird in der Finanzsphäre vermehrtes Kapital wieder in den Produktionsprozess eingespeist und dieser wiederum hat erheblichen Einfluss auf die Börsenkurse. Spekulationen sind keine Pervertierungen der Logik des Kapitals.

Weil aber der Kapitalismus in den Augen Miegels ohnehin eine tolle Angelegenheit ist, muss der Spekulationssektor in demagogischer Absicht abgespalten und verdammt werden, um die gute alte, „solide“ Warenproduktion als Hort der Vernunft erscheinen zu lassen. Mit diesem Trick gelingt es Miegel auch, die Einschätzung, die Wirtschaft stecke in der Krise, abzubügeln. Denn nicht die Wirtschaft steckt laut Miegel im Schlamassel, sondern nur diejenigen, die zu gierig gewesen seien – die neuerlichen Arbeitslosen meint er übrigens nicht. Die Pleite von Banken und Spekulanten sei ein Segen, denn jetzt gesunde das System und befreie sich von schädlichem Ballast. Er formuliert das so: „Dieser Wachstumswahn ist jetzt mit der Wirklichkeit kollidiert.“ Doch es gibt auch Hoffnung: „Hinter uns liegt eine Phase des Rausches. Was dringend gebraucht wird, ist Bodenhaftung.“ Und was soll das sein, diese Bodenhaftung? Er verrät es uns: „Wir sollten uns als Gesellschaft, vielleicht sogar als Menschheit eingestehen: Wir haben uns übernommen. Die Versorgungs- und Entsorgungskapazitäten der Erde reichen nicht aus, um einer vorerst weiter explodierenden Weltbevölkerung den angestrebten Lebensstandard zu ermöglichen.“ Behalten wir also „Bodenhaftung“, so sollte man die absurde Vorstellung aufgeben, alle Menschen könnten ausreichend ernährt werden. Denn das ist laut Miegel die „herrschende Ideologie“, die dringend ausgemerzt werden muss. Ein paar heilsame Tote, die uns klar machen, dass wir uns übernommen haben, können gewiss nicht schaden. Diese Häme ist nicht besonders originell. Schon Georg Weerth hatte sie bei einem prominenten Nationalökonomen diagnostiziert: „Der weise Malthus sitzt aber in seinem politisch-ökonomischen Himmel und schaut lächelnd hinab auf die guten Menschen, die noch immer nicht glauben wollen, dass es Laster und Elend geben muss, um die überflüssige Bevölkerung aus dem Wege zu schaffen.“ [2] Unser Malthus heißt Miegel und der weiß nicht nur, dass man sich um die paar Überflüssigen nicht zu kümmern braucht, sondern auch, dass die inneren Werte viel wichtiger sind als materieller Reichtum: „Viele vermögen mit ‚innerem Reichtum’ gar nichts mehr anzufangen. Dabei macht er den Menschen erst zum Menschen. Kaninchen und Kühe haben ihn nicht.“ Und das stimmt, es sei denn, man begreift die Milch einer Milchkuh als inneren Reichtum.

Auch Miegel kann offenbar nicht erklären, was eine Krise ist. Was er von sich gibt, sind Ratschläge, Menschen kaltschnäuzig verhungern zu lassen und den bankrotten Unternehmen nicht hinterher zu trauern. Aber eine Krise liegt seiner Ansicht nach nicht vor, im Gegenteil: Das unnatürliche Wachstum, diese entfremdete Erscheinung, wird endlich beiseite geräumt, damit es dem Kapitalismus wieder gut geht. Doch ein Versuch soll Miegel dennoch zugestanden werden, denn er hat ja noch nicht gesagt, was er unter einer „finalen Krise“ versteht; vielleicht bringt das ja ein wenig Licht ins Dunkel: „In der ersten Krise dieses Jahrzehnts wackelten Unternehmen. In dieser Krise wackeln Unternehmen und Banken. Und in der nächsten, die jetzt vorbereitet wird, werden Unternehmen, Banken und Staaten wackeln. Dann kann nur noch der liebe Gott Rettungsschirme aufspannen.“ Was ist nun los, fragt man sich? Jetzt haben wir auf einmal doch eine Krise? Und in der nächsten werden nicht nur Unternehmen und Banken pleite gehen, was ja eigentlich, wie wir kurz vorher gehört haben, ganz gut ist, sondern auch Staaten – und das sei dann tatsächlich fatal, denn irgendwer muss ja die „eigentliche Leistungskraft“ und ihre Früchte vor der Gier beschützen. Eine finale Krise besteht also dann, so lässt sich aus Miegels Bemerkungen folgern, wenn die Staatsmacht zerfällt und das Privateigentum nicht mehr geschützt werden kann. Nimmt man das ernst, dann sind die jetzigen Ereignisse keine Krise, sondern höchstens eine Vorstufe. Es kann zu einer Krise kommen, Miegel sagt sogar, es weist vieles daraufhin, dass eine solche Krise kommt – übrigens im Jahr 2015, Wetten werden gerne entgegen genommen -, aber was jetzt geschieht, ist in seinen Augen noch nicht sehr bedrohlich. Entscheidend sei, dass die Politik jetzt keine Fehler mache und Fehler sind für ihn bekanntlich Maßnahmen, die unechtes Wachstum befördern. Mit anderen Worten: Alles pleite gehen lassen, denn sonst ist der Staat und damit die Marktwirtschaft selbst am Ende. Es ist durchaus interessant, wie sehr sich dieser Wirtschaftsliberale plötzlich um den Staat sorgt. Miegel spürt, dass eine Krise im emphatischen Sinne erst dann gegeben ist, wenn die Produktionsweise selbst in existentieller Gefahr ist.

Man sollte mit dem Begriff „Krise“ sehr vorsichtig umgehen. Allzu groß ist die Gefahr, den kapitalistischen Normalbetrieb zu verherrlichen, allzu leicht auch vermischen sich Wunschdenken und materialistische Analyse. Es ist durchaus sinnvoll, eine „Krise“ im Sinne Miegels, der Angst vor einem Umsturz hat, als eine Situation zu definieren, in der die herrschende Produktionsweise als Ganze auf dem Spiel steht. Diese Definition ist sehr nah am Begriff des Ausnahmezustandes. Nur wird der Ausnahmezustand zumeist, zumindest bei Carl Schmitt, ausschließlich als politischer verstanden, also als eine Situation, in der der Souverän das Recht suspendiert, um die Einheit des Ganzen zu erhalten. Eine Krise aber kann dem Ausnahmezustand vorausgehen und verändert damit seine Bedingungen. Es ist ein Unterschied, ob eine bewaffnete Gruppe das Gewaltmonopol revolutionär herausfordert und der Staat geht brutal gegen diesen Gegenstaat vor, ohne sich an das bestehende Recht zu halten, oder ob der Staat sich auflöst, weil er pleite ist und sein Personal nicht mehr versorgen kann. Im ersten Fall haben wir es vielleicht mit so etwas wie Freikorps zu tun – also irreguläre Kettenhunde des Staates, die den Feind vernichten sollen –, im zweiten Fall stehen sich nicht mehr unbedingt zwei Gruppen gegenüber, sondern das Hauen und Stechen kann sich totalisieren, die gesamte Gesellschaft sich in Banden auflösen - ohne dass sich wieder ein einheitliches Staatssubjekt etablieren kann. Auch für diesen Zustand gilt, was Schmitt am Anfang seiner Politischen Theologie so treffend auf den Punkt gebracht hat: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“ Nur findet die Entscheidung nicht statt, die Ordnung fällt scheinbar zurück in den bürgerlichen "Urzustand" des homo hominis lupus.

Carl Schmitt war, das muss man in diesen Zeiten immer wieder sagen, ein Nazi. Nichtsdestotrotz ist sein Diktum über die Souveränität wahr. Und zwar gerade deshalb, weil es so formalistisch ist. Schmitt hatte, als er die Politische Theologie schrieb, die Zerschlagung eines kommunistischen Aufstandes im Kopf. Der Ausnahmezustand muss also nicht unbedingt ein aus der Perspektive allgemein-menschlicher Befreiung negativer Zustand sein, eine recht verstandene „Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand“ ist durchaus eins mit einer auf die Verwirklichung allseitigen Glücks  zielenden Kritik. Wie sich der Ausnahmezustand konkret gestaltet, hängt davon ab, mit welchem politischen Bewusstsein die jeweiligen Akteure kämpfen und über welche Waffen sie verfügen können. Dass das Ziel dieses Aufstandes nicht die Errichtung eines endlich gerechten und sozialen Volksstaates sein darf, sondern nur die Abschaffung jeglicher Herrschaft von Menschen über Menschen und vor allem von Sachen über Menschen, sollte klar sein.

Doch die Chancen für eine allgemein-menschliche Befreiung sind bekanntlich derzeit ohnehin ziemlich schlecht. Ob aus der im Ausnahmezustand erkämpften Souveränität heute überhaupt noch ein Staat im klassischen Sinne neu entstehen könnte oder ob sich die gesamte Gesellschaft bei grundsätzlichen Veränderungen zwangsläufig in einen dem Gazastreifen ähnlichen Albtraum verwandeln würde, darüber sollte man ernsthaft nachdenken. Denn betrachtet man historisch die Entstehung des modernen Nationalstaates, dann kommt man ja nicht um das revolutionäre Bürgertum herum, das den ideellen Gesamtkapitalisten gewaltsam gegen den Adel durchsetzte. Nicht nur gibt es heute keinen Adel mehr, sondern auch die Bürger sind – so sagt man wohl – heute nicht mehr das, was sie einmal waren. Die gesellschaftlichen Bedingungen sind also völlig andere als noch vor 200 Jahren und daher ist nicht anzunehmen, dass sich aus dem großen Chaos, das auf eine Krise folgen würde, erneut ein bürgerlicher Rechtsstaat entwickeln würde. Festzuhalten ist: Solange die Krise eine Situation ist, die über die Menschen hereinbricht anstatt von ihnen selbstbewusst ins Werk gesetzt zu werden, kann sie nur das, was ohnehin herrscht, noch auf die Spitze treiben. Das Hauen und Stechen, das der allseitigen Konkurrenz entspringt, könnte dann ganz offen ausgetragen werden. Ein Rechtsstaat wäre da – abgesehen von der Möglichkeit einer herrschaftsfreien Gesellschaft – eindeutig die zivilisierteste Form menschlichen Zusammenlebens.

Doch die radikale Linke ignoriert in ihrer Mehrheit die drohende und sich bereits vollziehende Barbarisierung. Sie wittert im Zusammenbruch von Unternehmen und dem mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eintretenden drastischen Anstieg der Massenarbeitslosigkeit ihre große Chance. Sie will die Zukunftsängste der Menschen ganz im Sinne der nicht tot zu kriegenden Verelendungstheorie aufgreifen und ihnen ihr Heilmittel nahe bringen, was ja zunächst auch verständlich ist, wenn man nicht genauer hinsieht. Tut man das jedoch, dann sieht man, dass es diesen Linken nicht um Aufklärung und Kritik geht, sondern um Rattenfängerei. „Gemeinsam gegen die kapitalistische Krise!“ lautet beispielsweise eine Parole, die derzeit in Köln von einer trotzkistischen Gruppierung mit dem merkwürdigen Namen 'SA Voran' auf jeden Stromkasten gekleistert wird. Was die Parole bedeuten soll, ist eigentlich unerheblich, denn es geht diesen Freunden der unterdrückten Massen ohnehin nur darum, „aufrüttelnde“ Signalwörter an den Mann zu bringen, auf dass sich dieser der mehr imaginierten als erhofften revolutionären Bewegung anschließen möge. Wichtig ist deshalb, möglichst viele Sehnsüchte und Befindlichkeiten gleichzeitig auf knappstem Raum – nämlich einer Bildzeitungsüblichen Headline – anzusprechen. Die Ingredienzien, mit denen die Leute gelockt werden, sind: 1. Gemeinschaft, 2. Antikapitalismus, 3. Krisenbewusstsein. Das könnte klappen, wenn die Menschen wirklich so panisch wären, wie es sich die Linken vorstellen. Doch von einer solchen Massenpanik ist bislang nichts zu sehen. Die Leute interessieren sich kaum dafür, dass immer mehr Unternehmen Insolvenz anmelden – in Deutschland 10 % mehr im 1. Quartal dieses Jahres –, solange es nicht ihren eigenen Arbeitsplatz betrifft. Ist zweiteres der Fall, dann ziehen sie sich eine Weste an und malen, wie kürzlich anlässlich der Insolvenz Arcandors, Plakate, auf denen etwas hilflos „Wir sind ein Stück Deutschland“ steht. Mehr passiert nicht.

Die Passivität der Arbeiter liegt sowohl im Produktionsprozess selbst begründet, der den Geist abstumpft und auf Dauer dumm und träge macht, als auch in der Form der politischen Teilhabe des Einzelnen. Wenn Politik nur noch bedeutet, den objektiven Zwängen des Kapitals zu gehorchen – „Sachzwang“ heißt das im Politikerjargon –, dann sind die Einzelnen nichts weiter als Stimmvieh, das die Entscheidungen der politischen Klasse abzunicken hat. Sicherlich konkurrieren die Parteien um die Gunst der Wähler, weshalb es auch einige Unterschiede zwischen CDU und Linkspartei gibt. Aber grundsätzlich sind sich die Parteien so einig, dass eine anlässlich der Europawahl durchgeführte Umfrage zeigte, dass die Parteiprogramme von nur ganz wenigen Personen überhaupt eindeutig zugeordnet werden können. Auch die Politiker, seien sie nun rechts oder links, wissen natürlich, dass die Wähler auf Inhalte schon deshalb nicht achten, weil sie ahnen, dass sich an ihrer Lage sowieso nichts ändern wird. Parteiwerbung funktioniert aus diesem Grunde ganz genau wie die Reklame für ein Duschgel oder eine Zigarettensorte. Sie wird sogar von denselben Experten produziert. Angesprochen wird nicht der Verstand der Konsumenten, sondern ihr Unbewusstes, also all die Triebregungen, die man sich aufgrund gesellschaftlicher Tabus nicht gestattet und sie mangels Sublimationsmöglichkeiten solange verdrängt, bis sie auf ein außerhalb des Ich liegendes Objekt projiziert werden können. Die Managerschelte, das Ressentiment gegen „Heuschrecken“ usw. sind Ausdruck solcher Vorgänge, bei denen die eigenen Allmachts- und Verschlingungsgelüste abgespalten und auf bestimmte, von der Öffentlichkeit zum Feindbild erklärte Personen projiziert werden.

Dasselbe gilt für die meistgelesenen Medien: Was die Bildzeitung, und hier muss man sie wirklich mal negativ hervorheben, ihrer Leserschaft anbietet, ist weder Information, noch Reflexion und schon gar keine Kritik, sondern Balsam für die Seele. Der Grund dafür, dass die Bild täglich von 11 Millionen Menschen gelesen wird, die Rote Fahne aber, die ganz ähnlich verfährt, wöchentlich nur von vielleicht dreitausend, ist – abgesehen von Vertriebswegen, Werbung usw. –, dass die wackeren Revolutionäre dank ihrer ideologischen Identität viel zu konkret werden: Sie versuchen, ihre Ressentiments nachträglich durch Argumente zu begründen. Das hat die Bild nicht nötig. Sie spricht nur das Unbewusste an, die Begriffslosigkeit und die bewusst vage gehaltenen Formulierungen eröffnen dem Betrachter ein viel attraktiveres Paralleluniversum, das sich bequem und widerstandslos projektiv ausgestalten lässt. Der spontane Antikapitalismus der Straße, der sich weitgehend in den fast schon unwirklichen Fantasien über „die da oben“ erschöpft, ist also keine Reaktion auf irgendetwas, weder auf eine Krise noch auf Ausbeutung oder das schlechte Wetter, sondern umgekehrt eine Aktion; freilich eine Aktion ganz eigener Art: nämlich eine pathische Projektion. Adorno und Horkheimer schreiben in der Dialektik der Aufklärung: „Indem das Subjekt nicht mehr vermag, dem Objekt zurückzugeben, was es von ihm empfangen hat, wird es selbst nicht reicher sondern ärmer. Es verliert die Reflexion nach beiden Richtungen: da es nicht mehr den Gegenstand reflektiert, reflektiert es nicht mehr auf sich und verliert so die Fähigkeit zur Differenz. Anstatt der Stimme des Gewissens hört es Stimmen.“ [3] Der aus dem niemals so recht überwundenen primären Narzissmus resultierende Ausfall eines realistischen, nämlich über den Verstand vermittelten Weltbezuges kulminiert, wenn das Ich dieser Dynamik nicht aus eigener Kraft entgegenwirken kann, in einem in sich geschlossenen Wahnsystem, das seine Inhalte unmittelbar, d.h. ohne jegliche Regulationsinstanz, aus dem Unbewussten empfängt. Die Welt wird dann als Alptraum erlebt, die kleinen Kränkungen des Alltags als existenzielle Angriffe auf die eigene Identität empfunden. Vor allem aber ist dieser infantile Charakter, der gleichermaßen eine Bedingung wie ein Resultat der fortgesetzten gesellschaftlichen Ohnmacht ist, höchst paranoid. Er leidet mehr an dem Befürchteten und Geahnten als an tatsächlichen Widerfahrnissen. [4] Er ist gefangen in seiner eigenen Scheinwelt, leidet an ihr, womit sich der Wahnsinn allerdings nur noch potenziert. Die Menschen reagieren nur noch reflexhaft, sie wollen und können sich nicht mehr vorstellen, dass es anders sein könnte, als es ist, weil die Außenwelt einzig als Schicksal erscheint, das dem Individuum zwar widerfährt, ansonsten aber vollständig anonym ist. Dass die Menschen sich trotz der immer unerträglicher werdenden Zustände nicht gegen diese wehren – was freilich die nicht geringe Möglichkeit einer konformistischen Revolte einschlösse –, ist auch auf diesen sich geistig vollständig von der Außenwelt abkapselnden infantilen Charakter zurückzuführen. Solche Menschen sind zwar oft noch fähig zu arbeiten und die für das Überleben notwendigen Dinge zu erledigen, aber im Ganzen betrachtet handelt es sich bei ihnen nur noch um vor sich hin vegetierende Wesen, denen die Welt nicht mehr als eine gesellschaftlich veränderbare erscheint, sondern einzig als bedrohliche Natur. Dieser Wahn ist zwar nicht identisch mit dem Warenfetischismus, koinzidiert aber prächtig mit ihm. Weil Geld und Ware im Tausch nicht als Produkte eines gesellschaftlichen Verhältnisses erscheinen, sondern als „mit eigenem Leben begabte […] selbständige Gestalten“ [5], wird der Eindruck, dem Einzelnen mit seinen Bedürfnissen stehe eine Welt voller bösartiger Gestalten und geheimnisvoller Mächte gegenüber, noch verstärkt. Um noch einmal Marx zu zitieren: „Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, dass sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen.“ [6] Der Warenfetischismus also verstärkt die narzisstischen Tendenzen des Individuums, indem er es als vollständig von der Außenwelt getrenntes erscheinen lässt und seine Funktion innerhalb des gesellschaftlichen Zusammenhanges verdunkelt.

In Bezug auf die Krise bedeutet das, dass die üblichen Gegenüberstellungen „Wirtschaft – der Einzelne“, „Kapitalismus – Proletariat“, „Krise – die Menschen“ etc. nur der psychischen Realität der beschädigten Subjekte entsprechen, nicht aber die gesellschaftlichen Verhältnisse auf den Begriff bringen. Indem nicht nur die Marxisten das Kapital fetischistisch als eine den Einzelnen gegenüberstehende Macht darstellen und nicht als ein automatisches Subjekt, das sich nur durch die Einzelnen hindurch reproduziert und also gar nicht von ihnen zu trennen ist, befördern sie den Mechanismus der pathischen Projektion. Das Lamento über die geldgierigen Manager, welche es selbstverständlich tatsächlich gibt, was aber in diesem Zusammenhang gar nicht von Belang ist, führt das mustergültig vor. Noch einmal Horkheimer und Adorno über die pathische Projektion: „[A]nstatt in sich zu gehen, um das Protokoll der eigenen Machtgier aufzunehmen, schreibt es die Protokolle der Weisen von Zion den andern zu.“ [7] Das Subjekt, das die eigenen Allmachts- und Zerstörungsgelüste auf das Objekt „Kapitalismus“, „Finanzhaie“, „Manager“ etc. pp. projiziert, ist – darauf verweist die Nennung der antijüdischen Hetzschrift – ein Antisemit. Ganz Schlaue haben dafür einmal den Begriff des „strukturellen Antisemitismus“ erfunden, um den „richtigen“ vom beinahe-Antisemitismus abzugrenzen. In Wahrheit ist natürlich der Antisemitismus immer eine Struktur und insofern auch strukturell: Er ist eine Triebstruktur, ein spezifisches Verhältnis von Innen- und Außenwelt, von Bewusstem und Unbewusstem. Unabhängig von der Intensität des Wahns, die durch die Fähigkeit des Individuums, sich unbewusste Triebregungen bewusst zu machen und sie dem Urteil der Vernunft zu überantworten, bestimmt wird, zielt aber der Antisemitismus immer und überall auf die Vernichtung des Juden. Die Figur des Juden ist, obwohl selbstverständlich konkreten Menschen Gewalt angetan wird, weniger ein Objekt, als vielmehr ein Prinzip. Das negative Prinzip, die „Gegenrasse“, erscheint immer als großer Gegenspieler, als eine anonyme Macht, die alle Versuche des Subjekts, seine Erfüllung zu finden, hintertreibt und beständig sein Leben infrage stellt.

Diesen psychischen Zustand kann man, wie das die Bahamas getan hat, als Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand begreifen. Aus der Perspektive des pathisch projizierenden Charakters stellt sich dieser Zustand so dar: Die Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand ist für ihn identisch mit der Ausschaltung jeglicher Kontroll- und Begrenzungsinstanzen: Die destruktive Energie des Unbewussten kann dann ungehindert hervortreten, das Subjekt sich an denjenigen, die als Verkörperungen des negativen Prinzips ausgemacht werden, schadlos halten. In diesem Ausnahmezustand wird die destruktive Triebdynamik vollends unbeherrschbar. Das Subjekt muss sich nach diesem Zustand sehnen, weil er ihm die Befreiung aus der beklemmenden und quälenden Lage verheißt. Die Trennung von der Außenwelt könnte, so ahnt das bislang völlig auf sich selbst ausgerichtete Individuum, überwunden werden, indem die Triebe ungehindert nach außen schlagen und sich an der Welt gütlich tun. Weil aber dieser ersehnte Zustand notwendig mit dem Ausfall von Reflexion einhergeht, ist die in ihm erreichte Triebbefriedigung inhuman: Weil die unbewusst vollzogene Trennung von der Außenwelt nicht bewusst gemacht, sondern durch Regression zum Verschwinden gebracht wird, äußert sich die neu gewonnene Vereinigung mit der Außenwelt destruktiv, in der Annihilation alles Nichtidentischen. Der Mensch wird zum Raubtier.

Einer, der schon lange darauf spezialisiert ist, die Menschen als Tiere darzustellen und ihnen die Rückkehr in den „Menschenpark“ schmackhaft zu machen, ist Peter Sloterdijk. Sein jüngstes Werk, das er passend zur Krise geschrieben hat, bringt den eben beschriebenen Ausnahmezustand apologetisch auf den Punkt. In seinem Buch, das den programmatischen Titel Du musst dein Leben ändern. Über Anthropotechnik trägt [8], spricht er mit der „Stimme“, von der Adorno und Horkheimer in Bezug auf den Paranoiden handelten. Sloterdijk schreibt: „’Du musst dein Leben ändern!’ Die Stimme, die Rilke im Louvre zu sich sprechen hörte, hat sich inzwischen von ihrem Ursprung gelöst. Binnen eines Jahrhunderts ist sie in den allgemeinen Zeitgeist eingeflossen, ja, sie ist zum letzten Inhalt all der Kommunikationen geworden, die um den Globus schwirren. Es gibt im Augenblick keine Information im Weltäther, die nicht ihrer Tiefenstruktur nach auf diesen absoluten Imperativ zu beziehen wäre. Er ist der Ruf, der sich nie zu einer bloßen Tatsachenfeststellung neutralisieren lässt, er bildet den Imperativ, der durch alle Indikative hindurchwirkt. Er artikuliert das Leitwort, das die zahllosen chaotischen Informationspartikel zu einer prägnanten moralischen Gestalt anordnet. Aus ihm spricht die Sorge um das Ganze. Es lässt sich nicht leugnen: Die einzige Tatsache von universaler ethischer Bedeutung in der aktuellen Welt ist die diffus allgegenwärtig wachsende Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann.“ [9] Dass es so nicht weitergehen kann, sagen die Kommunisten, seit es sie gibt. Sloterdijk aber geht es nicht darum, einen unvernünftigen Zustand zu überwinden, sondern die mystische Stimme aus dem Unbewussten, der es ganz narzisstisch ums Ganze geht, zu erhören. Diese Stimme duldet keine Widerworte, gerade weil sie „diffus allgegenwärtig“ ist. Sie ist nicht dingfest zu machen, weil sie aus dem Unbewussten kommt, aber sie gelangt auch nicht vollständig ins Bewusstsein, wo sie dem Vorgang der Reflexion unterworfen werden könnte. Sie ist ein „absoluter Imperativ“, also unhinterfragbare Herrschaft, die die Menschen aus der realen Welt herausholt und damit das Realitätsprinzip außer Kraft setzt: Nietzsche, der hier als Mann hinter der Stimme präsentiert wird, spreche „uns in der Form des Befehls an, der eine bedingungslose Überforderung aufrichtet. Damit stellte er sich gegen den pragmatischen Konsensus, wonach man von Menschen nur verlangen dürfe, was sie im status quo zu leisten fähig sind.“ [10] Sloterdijks pseudokritisches Aufbegehren gegen den status quo zielt ab auf den Ausnahmezustand, in dem „[d]ie maßvollen Gebote, die vernünftigen Vorschriften, die alltäglich zu erbringenden Anforderungen“ [11] beiseite geschoben werden können, weil es endlich um das ganz Große, das Ursprüngliche, das „Unmögliche“ geht. Doch Sloterdijk wäre nicht der Faschist, der er ist, wüsste er nicht auch: „Wer nicht vom Übergroßen erfasst wurde, gehört nicht zur Gattung homo sapiens.“ [12] Dass ausgerechnet jene, die dem Gesetz, also den vernünftigen Vorschriften und den maßvollen Geboten, treu bleiben – nämlich die Juden –, keine Menschen sein sollen, liegt durchaus in der Logik der Sache. Denn der Ausnahmezustand, in dem sich ein Jeder dem Übergroßen – jener leeren Abstraktion, die, weil sie über das Realitätsprinzip und jeden Möglichkeitssinn zugleich hinausgeht, letztlich als Tod zu dechiffrieren ist – hingeben kann, unterliegt ja überhaupt keinem Gesetz mehr, das den Wahn begrenzen könnte. Weil sich dieser avisierte Zivilisationsbruch, der das vorläufige Ende eines langen psychopathologischen Prozesses darstellt, unmittelbar gegen die Ordnung des Realitätsprinzips richtet, werden diejenigen gejagt, die seit ältesten Zeiten mit der Beschränkung individueller Willkür identifiziert werden. Der Hass auf die Juden, der aus jeder Zeile bei Sloterdijk hervorlugt, auch wenn er ihn nie explizit macht, ist in der konformistischen Revolte, die er propagiert, angelegt. Der Einzelne soll sich in der Revolte gegen alle zivilisatorischen Grenzen frei machen – frei von einem Gewissen, frei von Manieren, Konventionen und Anstand, frei vom Verantwortungsgefühl gegenüber seinen Mitmenschen. Verheißen wird ihm dafür der wohlig-schaurige Untergang in der paranoiden Gemeinschaft, die durch kollektive Teufelsaustreibung zu sich selbst findet. Der Ausnahmezustand ist so individuell wie kommunitär: Innen- und Außenwelt, Individuum und Gemeinschaft fallen blind in eins und sind verbunden durch jenen archaischen Ruf aus dem Unbewussten: „Der Satz ‚Du musst dein Leben ändern!’ liefert die Grundform des Rufs an alle und an keinen. Zwar richtet er sich unmissverständlich an einen bestimmten Empfänger, aber er spricht neben ihm auch alle anderen an. Wer ihn ohne Abwehr vernimmt, erlebt durch ihn die Begegnung mit dem Erhabenen in einer persönlichen Adressierung. Erhaben ist, was durch Vergegenwärtigung des Überwältigenden dem Beobachter die Möglichkeit seines Untergangs im Übergroßen vor Augen stellt, dessen Vollzug jedoch bis auf weiteres aussetzt. Das Erhabene, dessen Spitze auf mich zeigt, ist persönlich wie der Tod und unfassbar wie die Welt.“ [13
]
Die religiöse Sprache, in der das Religiöse an den Pranger gestellt wird, ist Ausfluss einer politischen Theologie, die darauf abzielt, die Menschen, die sich im status quo bequem eingerichtet haben, für den Untergang zu mobilisieren. Denn in diesem Untergang sieht der heideggerisierende Intellektuelle zugleich den Anfang allen Daseins, der Tod verbindet und überschattet alles irdische Leben und damit das Glück, das der Einzelne doch in dieser Welt vielleicht bisweilen noch finden will. Was demgegenüber Sloterdijk anzubeten befiehlt, ist nicht mehr der monotheistische Gott, der ja immerhin das Glück als Versprechen noch aufrechterhielt, sondern das Nichts, der Tod, der als „Erhabener“ geheiligt wird. Sloterdijk spricht diesen Mord am monotheistischen Gott und dessen Ersetzung durch den Tod selbst offen aus: „Man braucht nicht religiös musikalisch zu sein, um zu begreifen, warum die Große Katastrophe zur Göttin des Jahrhunderts werden musste. Da sie über die Aura des Ungeheuren verfügt, kommen ihr die wesentlichen Merkmale zu, die bisher den transzendenten Mächten zugeschrieben wurden: Sie bleibt verhüllt, gibt sich aber in Zeichen schon zu erkennen; sie ist unterwegs, jedoch in ihren Vorboten schon authentisch da; sie offenbart sich individuellen Intelligenzen in grellen Visionen und übersteigt zugleich die humane Fassungskraft; sie beruft Einzelne in ihren Dienst und macht sie zu Propheten“ [14]. Logisch, dass Sloterdijk ein Prophet der Katastrophe ist, darunter macht’s ein selbstbewusster Berufsphilosoph natürlich nicht.
Und dieser Prophet, um den Ausflug ins Reich der Postmoderne abzuschließen, verkündet uns die heilsame Botschaft der aktuellen Krise: „Die einzige Autorität, die heute sagen darf: ‚Du musst dein Leben ändern!’, ist die globale Krise, von der seit einer Weile jeder wahrnimmt, dass sie begonnen hat, ihre Apostel auszusenden. Sie besitzt Autorität, weil sie sich auf etwas Unvorstellbares beruft, von dem sie der Vorschein ist – die globale Katastrophe.“ [15]

Ob es wirklich zu dieser Katastrophe kommt, von der Sloterdijk schwärmt, weiß niemand. Aber die momentan zu beobachtende Lethargie oder sogar Apathie der Menschen lassen nicht erkennen, dass ihnen ein destruktiver Impuls zugrunde liegt und dass sich dieser Impuls durchaus mobilisieren lässt. Figuren wie Peter Sloterdijk versuchen die Massen aufzuhetzen. Dem müsste man weiterhin Kritik und Aufklärung entgegensetzen, schon weil gar keine anderen Waffen verfügbar sind. Was gewiss nicht schaden könnte, wäre, die kritischen Interventionen zu verstärken. Die Propheten des Unheils müssen denunziert und der Lächerlichkeit preisgegeben werden.


Anmerkungen:

[1] Michael Heinrich, Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung (Zweite, durchgesehene und erweiterte Auflage), Stuttgart 2004, S. 169.

[2] Georg Weerth, Joseph Rayner Stephens, Prediger zu Stalybridge, und die Bewegung der englischen Arbeiter im Jahre 1839, in: Ders., Sämtliche Werke in fünf Bänden, hg. v. Br. Kaiser, Berlin 1956, Zweiter Band: Prosa des Vormärz,  S. 102.

[3] Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt/M 1998, S. 199.

[4] Vgl. Uli Krug, Der Wert und das Es, in: Bahamas, Nr. 39/2002.

[5] Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd. 1, MEW 23, S. 86. Detlev Claussen verweist zu Recht in Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus, Erweiterte Neuausgabe, Frankfurt/M 2005, S. 153f auf die Parallelen von Marx und Freud anhand des Begriffs des Fetischs.

[6] Marx, Das Kapital, a.a.O., S. 86.

[7] Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung, a.a.O., S. 199.

[8] Peter Sloterdijk, Du musst dein Leben ändern. Über Anthropotechnik, Frankfurt/M 2009.

[9] Ebd., S. 699.

[10] Ebd., S. 699f.

[11] Ebd., S. 700.

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] Ebd., S, 702.

[15] Ebd., S. 701f.