Ausgabe #11 vom

Die Zeugen der Anklage

Traditionslinien in Enzo Traversos Gesellschaftskritik

FABIAN KETTNER

Der Jude muss schweigen. Davon hängt sein Werk ab. Es lebt von der Judenfrage und der Judenvernichtung und davon, diese als nicht spezifisch jüdische darzustellen. Was im Zentrum seines Werkes steht, das muss er immer wieder zum Verschwinden bringen, daher die Rastlosigkeit und die stetig abgewandelte Wiederkehr seiner Bemühungen. Und dabei geht es Enzo Traverso zunächst um etwas ganz anderes. In seinem neuesten Buch Im Bann der Gewalt um eine Neuinterpretation der Zeit zwischen 1914 und 1945, in seinen Büchern von 1993 bis 2003 darum, den Nachweis zu führen, dass zwischen Holocaust und Moderne ein intimer Zusammenhang bestehe. 
 

 Europäischer Bürgerkrieg gegen Deutschland

 
 Die Zeit zwischen 1914 und 1945 nennt Traverso, in Anlehnung an Eric Hobsbawm [1], ein „Zeitalter der Extreme“, in das nicht nur zwei Kriege fielen, sondern das auch eine Epoche der Revolutionen gewesen sei. Er nennt sie auch die des „europäischen Bürgerkriegs“ (Im Bann, S. 9), eine Bezeichnung, die er Ernst Nolte entleiht [2], von dessen revisionistischen Intentionen er sich deswegen absetzen muss. Ein Bürgerkrieg, das weiß auch Traverso, ist „kein zwischenstaatlicher Konflikt, sondern ein Ordnungsbruch im Inneren eines Staates, der sich nicht mehr in der Lage sieht, sein Gewaltmonopol aufrechtzuerhalten“ (ebd., S. 81), und deswegen macht der Begriff des „europäischen Bürgerkriegs“ keinen Sinn, denn Europa war und ist kein Staat, in dessen Innerem ein kriegerischer Konflikt ausgefochten worden wäre. Man kann diesen Gedanken auch vernachlässigen, denn weder erfährt man über diesen angeblichen Bürgerkrieg viel, noch begründet Traverso sein Konzept. Er bemüht sich lediglich, formale Merkmale eines Bürgerkrieges in der Epoche von 1914-1945 wieder zu finden, aber weder die Strategie eines unconditional surrender [3], noch die Selbstzweckhaftigkeit des Kriegführens [4] und auch nicht der gnadenlose Krieg gegen die Zivilbevölkerung [5] treffen auf alle Bürgerkriege und auf alle Beteiligten der Kriege und Konflikte zwischen 1914-1945 zu.
 
 Traverso beschwört Europa immer wieder als Einheit, so wenn er den Ersten Weltkrieg als „eine europäische Krise“ (ebd., 141) bezeichnet und es zum Subjekt macht, welches nach dem Ersten Weltkrieg „damit beschäftigt [war], seine Wunden zu verbinden“ (ebd., S. 160). Belege für sein Bild eines gegen Europa geführten europäischen Bürgerkrieges findet er v.a. bei Äußerungen von Autoren aus der Zwischenkriegszeit [6], aber Wahrnehmungen von Literaten schaffen noch keine Fakten. Das Konzept des europäischen Bürgerkrieges funktioniert nur vor dem Hintergrund einer Idee, die Traverso immer wieder andeutet, nämlich dass die europaweit exilierte antifaschistische Linke die Trägerin eines geheimen Europas sei. [7]
 
 Folgt man Traversos Überlegungen, dann wurde der europäische Bürgerkrieg hauptsächlich gegen Deutschland geführt, denn über weite Strecken präsentiert Im Bann der Gewalt die Deutschen als Opfer. Wo man Täter und Verantwortliche, v.a. deutsche, benennen könnte, da verwendet er unpersönliche Beschreibungen von subjektlosen Entitäten, die blind vor sich hinwirken. Der Titel des Buches gibt den Ton vor: wer im Bann der Gewalt steht, der tut, wie alle anderen Gebannten, nur das, was er anders nicht kann. Aber bei Traverso ist eine Doppelstrategie zu erkennen: deutsche Verbrechen werden unter den unterschiedslosen Bann 'der Gewalt' subsumiert, militärische Aktionen gegen Deutschland hingegen nicht, sondern Subjekten mit – meist niederen – Intentionen zugeschrieben. Der Erste Weltkrieg bspw. entstand bei Traverso wie ein Waldbrand, denn das Attentat von Sarajevo war wie ein „Streichholz […], das einen Brand entzündete, der ganz Europa ergriff.“ Der Krieg selber wurde „von keinem seiner Akteure vorausgesehen oder gar gewollt. Hervorgerufen wurde er durch die Havarie einer diplomatischen Maschinerie“ (ebd., S. 80). Nach dem Krieg aber sind die Rollen klar verteilt, denn hier „entschied man sich, […] Deutschland zu bestrafen“ (ebd., S. 48), und so „bahnte er [der Versailler Vertrag] dann dem Faschismus den Weg“ (ebd., S. 50). Nachdem das uneuropäische Europa Deutschland bestraft und damit in den Nationalsozialismus getrieben hatte, sollte Deutschland im Zweiten Weltkrieg vernichtet werden. „Die Bomben sollten die deutsche Zivilgesellschaft unter einem Schutthaufen begraben und ihre Kultur vernichten. Der Nihilismus, der sich zuerst auf spektakuläre Weise in den Bücherverbrennungen zeigte, […] fand nun auf dem Höhepunkt des europäischen Bürgerkriegs sein logisches Ende“ (ebd., S. 135). Traverso differenziert nicht nach Intentionen und unvermeidbaren Nebeneffekten, dafür suggeriert er eine irgendwie bestehende Verbindung zwischen Nazis und Alliierten, die er durch das theoretische Kitt-Wort „logisch“ erschleicht. Zuerst verbrannten die Nazis und dann die Alliierten den europäischen Geist in Buchform; nicht taten die ersten mit Absicht, was die zweiten leider nicht verhindern konnten, wenn sie die ersten daran hindern wollten, nicht nur Bücher, sondern die ganze Welt anzuzünden. Geht es um alle Beteiligten des Luftkrieges, inklusive der Deutschen, so verlieren sich die konkreten Umstände schnell in der „Spirale der Gewalt“ (ebd., S. 131) und der „Logik des totalen Kriegs“ (ebd., S. 133); geht es hingegen um die alliierten Luftangriffe auf Deutschland, dann wird das Leiden der deutschen Zivilbevölkerung beschworen, über das man laut Traverso in Deutschland jahrzehntelang nicht habe sprechen dürfen. [8] Geht es um die Nürnberger Prozesse, dann wird der Gegenstand dieser Prozesse, die deutschen Vernichtungskriege, schnell zu einer „gerade zu Ende gegangene[n] kriegerische[n] Auseinandersetzung“ (ebd., S. 154f.) neutralisiert, der Prozess selber hingegen zum selbstherrlichen Schauspiel einer ungerechten Siegerjustiz stilisiert, die v.a. ihr „Rachebedürfnis befriedigen“ wollte (ebd., S. 149ff.).
 

 Holocaust und Moderne

 
 Traverso behauptet, dass zwischen 'der Moderne' und dem Holocaust ein enger innerer Zusammenhang bestehe. Es ist Konsens in verschiedenen Disziplinen, dass die Herausbildung durchrationalisierter Strukturen eine der bestimmenden Züge moderner Gesellschaften ist. Traverso greift hier die weberianischen Diagnosen über das Wesen der Bürokratie auf und kombiniert sie mit einer marxistischen Entfremdungskritik des Fabrikwesens. Er folgt auch der These der Radikalisierung der Rationalisierung, dass diese sich immer weitere Bereiche der Gesellschaft subsumiere und zum Schaden der Lebenswelt nach ihrer eigenen Logik umforme, pointiert sie aber dahingehend, dass diese rücksichtslose Rationalisierung ihre extremste und brutalste Form in Auschwitz gefunden habe. In der systematischen Judenvernichtung ließen sich zum einen die Organisationsprinzipien von Bürokratie und Fabriksystem und zum anderen ältere Herrschaftsstrategien identifizieren.
 
 Traversos Herstellung des Zusammenhangs hat unterschiedliche logische Status, dessen scheint er sich aber nicht bewusst zu sein. (1) stellt er den Zusammenhang über Vergleiche und Analogien her. [9] Zum zweiten sollen Moderne und Holocaust in einem inneren Bedingungsverhältnis zueinander stehen, das Traverso unterschiedlich dringlich fasst. (2a) habe die Moderne Auschwitz ermöglicht [10], habe also die Mittel bereitgestellt, um die Judenvernichtung durchzuführen. (2b) sei die Entwicklung von der Moderne zu Auschwitz wenn auch nicht notwendig (in einem historisch-teleologischen Sinn), so doch immerhin folgerichtig gewesen. [11] Eine Teleologie, eine Notwendigkeit, eine Unvermeidbarkeit, die Traverso an anderer Stelle verneint, schleicht sich hier durch Begriffe wie „Logik“ oder „Tendenz“ wieder ein. [12] (2c) sei in Auschwitz – auch wenn Traverso sich das metaphysische Vokabular wohl verbitten würde – das Wesen der Moderne zur Erscheinung gekommen. [13]Um dies noch in eine andere Richtung ein wenig auszubuchstabieren und durchzudenken: Gab es früher auch Herrschaft, Ausbeutung, Verfügung und Vernutzung, so seien diese früher doch nie gänzlich inhuman gewesen. Das Mischungsverhältnis vom grundsätzlich inhumanen Charakter von Herrschaft und Ausbeutung einerseits und humanen Rücksichten andererseits sei in Auschwitz entmischt worden. Herrschaft und Ausbeutung treten hier rein hervor, werden quasi rationalisiert, d.h. von allen Beigaben gereinigt. Einerseits sei in Auschwitz alles wie immer gewesen, habe business as usual geherrscht, andererseits sei das Ewiggleiche radikalisiert worden und damit viel schlimmer geworden.
 
 Wohlgemerkt hat Traverso den traditionsmarxistischen Diskurs verlassen: es geht ihm nicht darum, einen ökonomischen Nutzen der Judenvernichtung oder ökonomische Interessen, die hinter ihr gestanden hätten, nachzuweisen. Die Rationalität der Shoah bezieht sich bei ihm nicht auf die Rationalisierung von Ausbeutung (= exorbitante Erhöhung des Mehrwerts durch die Möglichkeit zu besonderer Rücksichtslosigkeit gegenüber den Arbeitskräften), sondern auf die Rationalisierung (i.e. rationellere = effektivere Organisation) des Judenmords. Auch betont er, dass die Vernichtung nicht Mittel zu einem außer ihr liegenden Zweck, sondern Selbstzweck war. Insofern war sie „unvernünftig“ [14] und fügt sich auch nicht in eine Geschichtsteleologie. „In Auschwitz kam es zu der für das 20. Jahrhundert so charakteristischen Vereinigung einer hohen Rationalität der Mittel […] mit einer völligen Irrationalität der Zwecke“ (Auschwitz denken, S. 338). [15]
 
 Dieser These von den Strukturen, die Auschwitz ermöglicht haben sollen, korrespondieren Vorstellungen vom Ablauf der Tat und vom Charakter und Verhalten der Täter. Diese hätten sich vom bisherigen Rassen- und Judenhass signifikant unterschieden, die Ermordung sei ruhig und sauber abgelaufen, die Täter seien keine sadistischen Hasstäter gewesen, sondern kalt kalkulierende, rational vorgehende Beamte und Bürokraten, die nur ihre Arbeit erledigt hätten. Letzteres lässt sich dahingehend auffächern, dass sie erstens, wie in der modernen Arbeitswelt von Fabrik und Bürokratie üblich, nur mit dem Teilbereich befasst gewesen seien, der ihnen als Arbeitsgebiet zugeteilt worden sei. Auf Grund der modernen Organisation von Arbeitsabläufen hätten sie auch gar keine Möglichkeit gehabt, den Gesamtprozess zu überblicken, d.h. also zu realisieren, dass sie ein kleines Stück zur Judenvernichtung beitrugen. Dieser objektiven Verhinderung von Einsicht in ihr Tun korrespondiert zweitens ein subjektiver Faktor, eine bestimmte Mentalität der Bürokraten der Endlösung. Diese seien nur an der effizienten Ausführung ihrer partikularen Tätigkeit interessiert gewesen, hätten ihre Aufgabe nur formal betrachtet, nicht dem Inhalt nach. Und dies impliziert, dass ihnen ihre Aufgabe gleichgültig gewesen sei und sie für jede beliebige Aufgabe universell einsetzbar gewesen sein müssen. Drittens folgt hieraus, dass sie tatsächlich nur Anweisungen befolgt hätten, denen sie auf Grund ihrer subalternen Mentalität sich nicht hätten entziehen können und über die sie sich auf Grund ihrer Borniertheit nie Gedanken gemacht hätten. [16]
 

 Zur Methode

 
 Man kann dieses Bild vom Holocaust unter verschiedenen Aspekten kritisieren: Erstens es ist historisch/sachlich meist falsch, mindestens aber einseitig. Es ist zweitens in sich widersprüchlich, weil Traverso sich einander widersprechende Argumente vorbringt. Drittens sind seine Argumente schwach, weil er meist nur Analogien präsentiert und nicht den logischen Status seiner Indizien klärt. Dies sei hier nur kurz erwähnt und – zugegeben – nicht weiter material ausgeführt und begründet. Diese Kritik bleibt hier nur als These stehen; ausgeführt und begründet wird sie in Zukunft an anderer Stelle.
 
 Worum es hier gehen soll, das ist ein weiterer Aspekt von Traversos Methode, auf die er nicht reflektiert und der er deswegen blind folgt. Es soll hier um die Anordnungen gehen, was als relevantes und legitimes historisches Indiz zugelassen wird und was nicht, um das also, worauf sein Gesamtbild vom Nationalsozialismus aufbaut – und was er hierzu nicht zulässt. Und an dieser Stelle kommt seinem vorletzten Buch, Gebrauchsanleitungen für die Vergangenheit, eine Schlüsselrolle zu, weil er in diesem versucht, eine bestimmte historiographische Perspektive methodisch auszuschließen: die jüdische und israelische. Dieser Ausschluss ist wichtig, denn diese Perspektive gefährdet sein Gesamtbild sowohl vom europäischen Bürgerkrieg als auch vom Zusammenhang von Holocaust und Moderne. In beiden Fällen verhindert die These von der Singularität der Shoah Traversos Versuch einer Kontextualisierung der Shoah, und im zweiten Fall zersetzt die Perspektive der Überlebenden sein Bild von Tat und Tätern.
 

 Singularität im Kontext

 
 Traverso betont, dass die Shoah singulär war und ist [17], auch wenn er das, was an ihr singulär ist, inhaltlich falsch bestimmt und sich dabei obendrein selbst widerspricht. [18] Und an diesem Punkt gelangt man an eine für Traverso typische Doppelstrategie: etwas verbal zu behaupten – dies aber in der Praxis nicht zu berücksichtigen. Er behauptet die Singularität der Shoah – und handelt im weiteren nicht danach. Ja: die Shoah ist singulär – aber. Natürlich kann man die Shoah mit anderen Ereignissen der Geschichte vergleichen, man kann sie sogar gleichsetzen; man kann alles mit jedem vergleichen, es kommt nur darauf an, was man als das vergleichende Dritte einsetzt. Man sollte aber auf dieses Dritte reflektieren und dann schauen, ob man mit diesem Dritten der Shoah gerecht wird.
 
 Traverso bereitet seine Kontextualisierungsversuche zunächst mit moralischen Bekenntnisformeln vor. „Natürlich möchten wir hier nicht die Singularität der Gewaltakte des Nationalsozialismus verharmlosen“ (Moderne und Gewalt, S. 24, meine Hervorhebung). Nachdem der eigene gute Wille zu Protokoll gegeben wurde, kann man dazu übergehen, dass man trotzdem kontextualisieren müsse. „Die 'Endlösung' erscheint uns heute als der Höhepunkt einer ununterbrochenen Kette von Gewalttaten, Ungerechtigkeiten und Morden, die mit der Entwicklung der westlichen Welt einhergehen, und zugleich als ein einmaliger, mit nichts zu vergleichender Bruch innerhalb der Geschichte. Dies heißt, daß die Einzigartigkeit von Auschwitz nur in einem komparativen Verfahren wahrgenommen und analysiert werden kann, das in der Lage ist, es in einen größeren Kontext von Verbrechen und rassistischen Gewalttaten einzuordnen“ (Die Juden, S. 142, meine Hervorhebung). Dies wäre eine Quadratur des Kreises. Es ist sinnlos zu behaupten, dass die Shoah gleichzeitig singulär und gleichartig mit anderen Ereignissen sei. [19] Die Shoah wird hier nacheinander unter zwei unterschiedlichen und einander ausschließenden Hinsichten betrachtet. Das vergleichende Dritte seiner Kontextualisierung ist Gewalt, Grausamkeit, Ausbeutung, Herrschaft [20]; unzweifelhaft, dass dies Elemente des Holocaust sind, aber damit wird nicht das bezeichnet, was ihn ausmacht. Die Aspekte, mit und unter denen er die Shoah in die Kontextualisierung hineinzieht, sind die, die die Shoah zur bloßen Erscheinung eines Anderen machen. Sie war laut Traverso nicht nur der „Gipfel eines Berges aus den Trümmern und Leiden der Menschen“, sondern eben auch „[n]ur der Gipfelpunkt eines historischen Prozesses“ (ebd., S. 149 und 148, meine Hervorhebung). Die Fixierung auf die Aspekte, mit und unter denen er die Shoah in die Kontextualisierung hineinzieht, ist die, die er selber vorher als Kennzeichen für die Singularität abgelehnt hatte (Maximum an Grausamkeit und Opfern), und ist die, die das  Begreifen der Shoah verunmöglicht.
 
 An dieser Stelle seien zwei Hinweise erlaubt. Zum einen spielt Traversos vergleichendes Dritte ('die Gewalt') später genau dann keine Rolle mehr, wenn sie es müsste, nämlich bei der Phänomenologie der Tat und der Täter. Zum anderen – und ich betone hier ausdrücklich, dass diese Überlegung spekulativ ist und in den fragwürdigen Bereich der Psychologisierung übergeht – ist es möglich, dass mit dem nur moralischen Bekenntnis zur Singularität der Grundstein für ein Ressentiment gelegt wird, das man im Folgenden beobachten kann. Errichtet wird eine moralische Instanz, weil man sich die Singularitätsthese nur moralisch begründet vorstellen kann. Und diese moralische Instanz, ihre aus eigener Schwäche herrührende dogmatische Starrheit, an der man selber schuld ist, wird dann auf die Juden/Israel projiziert.
 

 Universale gesellschaftskritische Lehre

 
 Die Kontextualisierung von Auschwitz ermöglicht es Traverso sowohl zu erkennen, dass Auschwitz „nicht nur eine deutsche Besonderheit, sondern eine europäische Tragödie des 20. Jahrhunderts“ sei (Auschwitz denken, S. 351), wie auch das „universelle Erbe von Auschwitz“ (ebd., S. 356) herauszustellen. Zu diesem Erbe gehört die Verpflichtung, dafür Sorge zu tragen, dass Auschwitz sich nicht wiederhole. Diesen kategorischen Imperativ Adornos hält auch Traverso hoch und ihn zu befolgen heißt für ihn, 'die Moderne' respektive den Westen' kritisch zu begutachten, weil die Strukturen, die nach Traversos Ansicht schon einmal nach Auschwitz führten [21], nach wie vor bestehen. [22] Man solle auf die Janusköpfigkeit der Moderne [23] sowie auf die Brüchigkeit respektive Abgründigkeit ihrer Normalität aufmerksam werden. [24] Zu was für einer Art von Opposition ihn diese Einsichten treiben, das bleibt offen. Wenn Auschwitz „grundlegend die Geschichte des Abendlandes in Frage“ stelle (Die Juden, S. 140), dann stellt sich die Frage, ob nur die Geschichte oder auch das Abendland in Frage gestellt werden soll. Sein Urteil, dass „Auschwitz […] eine unerbittliche Verdammung des Okzidents“ bleibe (Nach Auschwitz, S. 117), hinterlässt das Unbehagen, ob hier die Wut über die misslungene Aufklärung sich nicht wieder mal gegen das Misslingen, sondern gegen die Aufklärung richtet; oder ob, schlimmer noch, das Misslingen der Aufklärung nur als Vorwand dient, in der Pose des gerechten Empörers die Aufklärung zu bekämpfen.
 

 Die jüdische Perspektive

 
 Nur und erst die Kontextualisierung von Auschwitz erlaubt es, die universalen gesellschaftskritischen Lehren aus Auschwitz zu ziehen. Der Kontextualisierung – und, wie wir im weiteren sehen werden, Traversos gesamter Konstruktion des Zusammenhanges von Holocaust und Moderne – entgegen steht die jüdische Perspektive auf die Shoah, die des Überlebenden, inklusive seiner Nachfahren. In den Gebrauchsanleitungen für die Vergangenheit geht es vor allem darum, diese jüdische Perspektive zu einer hegemonialen zu stilisieren und Richtlinien für einen richtigen Gebrauch der Vergangenheit, insbesondere des Holocaust, festzulegen.
 
 Wir betreten nun Gefilde der Vermutung, des Gerüchts und der Unterstellung, von nun an wird es mitunter schwierig, deutlich auszumachen, gegen wen und was Traverso sich wendet und wie er darauf kommt. Dies ist auffällig, weil er sich ansonsten bemüht, alle seine Thesen mit reichlich Fußnoten-Material zu unterfüttern. [25] Seinem Befund, dass Fragen zum Umgang mit der Vergangenheit und dass das Thema Erinnerung in den letzten Jahren eine erheblich größere Bedeutung erlangt haben, kann zugestimmt werden. [26] Aber auf welches Land bezieht er sich, wenn er von einer „Erinnerungsbesessenheit“ (Gebrauchsanleitungen, S. 8) und einer „Phase der Obsession“ spricht, „wie sie heute herrscht“ (ebd., S. 39), welche Erinnerung woran meint er und welche Zeitzeugen würden „auf einem Sockel“ stehen (ebd., S. 11) und „heute ungefragt zu Ikonen“ (ebd., S. 12)? Er sagt es nie explizit, aber man weiß, was er meint: Deutschland, den Nationalsozialismus, die Holocaust-Überlebenden. Es nicht sagen zu müssen und trotzdem damit rechnen zu können, dass jeder einen versteht – respektive andersherum: – es nicht explizit gesagt zu bekommen und trotzdem zu verstehen, was er meint, dies schafft ein besonderes Einverständnis zwischen Autor und Rezipienten.
 
 Traverso macht die Erinnerung der Überlebenden en passant verächtlich, indem er sie mit Pejorativa aus der linken Theorie assoziiert [27], vor allem aber geht es ihm um ihre angebliche hegemoniale Stellung. Wer auf einem Sockel steht, der wird unangreifbar, dem unterwirft man sich (oder dem muss man sich unterwerfen) wie einer Götzenstatue und der lässt nichts anderes neben sich gelten. [28] Im Besonderen verdrängt werde die Erinnerung an den antifaschistischen Widerstand [29] – und damit die Möglichkeit genommen, Traversos linkes vereinigtes Europa als Appellationsinstanz zu etablieren. Im Allgemein bestehe die Gefahr, dass die Subjektivität der Zeitzeugenberichte die Objektivität der Geschichte verdecke. [30] Die partikulare jüdische Perspektive neige dazu, sich als allgemeine aufzuspreizen und drohe, alle anderen zu verdrängen. [31]
 
 Traverso folgt der schon erwähnten Doppelstrategie: die Berechtigung der jüdischen Perspektive verbal anzuerkennen – und dies de facto nicht zu tun. Es gehe ihm nicht darum, die „Erinnerung auszuschließen, sondern sie auf Distanz zu halten und sie in ein größeres historisches Ensemble einzufügen“ (ebd., S. 27), aber dabei hält er sie so weit auf Distanz, dass sie sein historisches Urteil nicht mehr affizieren kann. Man könne auch verstehen, dass für einen jüdischen Historiker die Shoah einmalig sei, aber dieser dürfe diesen Völkermord nicht zum einzigen in der Geschichte machen. Dass die Shoah singulär ist, ist nun nicht mehr eine Einsicht, zu der man nach einem eingehenden Vergleich historischer Fakten gelangt, sondern nur noch die Perspektive jüdischer Erinnerung. [32]
 

 Die Zeugen der Anklage

 
 Auch wenn Traverso weiß, dass „eigentlich […] jede historische Arbeit auch indirekt ein Urteil über die Vergangenheit“ enthält (ebd., S. 67), dass die Wahrheit des Historikers sich nicht darauf beschränkt, „die Fakten zu etablieren, sondern versucht, auch sie in ihren Kontext zu stellen“ und dass „[d]ieselben Fakten […] zu unterschiedlichen Wahrheiten“ führen (ebd., S. 68), so verfolgt er doch das Ziel, historische Objektivität zu etablieren. Dabei zeigt sich allerdings zum einen, wie wenig er von dem weiß, was er als partikulare Perspektive auf Distanz halten will, und zum anderen, wie unkritisch er dem gegenüber steht, was er als Quellen historischer Objektivität ansieht.
 
 Denn mitnichten ist es so, dass die Erinnerung eines Überlebenden für diesen auf Grund seiner Subjektivität „keine Beweise für den [benötigt], der sie in sich trägt“ (ebd., S. 16). Diese Unterstellung würde schnell zerstreut durch einen Blick in die entsprechende Literatur. [33] Aber diese kommt bei Traverso nicht vor und seine Sprache zeigt, wie er sich diese Erfahrungen und damit die Realität des Holocaust jenseits imaginierter Amtsstuben von Schreibtischtätern vom Leibe hält. Wenn Überlebenden sich immer wieder verzweifelt das Problem stellt, dass die konventionelle Sprache auch in ihren drastischen Ausdrücken nicht hinreicht, um die Realität in den Lagern und ihre Gefühle zu beschreiben, so schwanken Traversos Beschreibungsversuche zwischen Ahnungslosigkeit und Verharmlosung: Ein „Zeitzeuge“ erinnere sich an „Geräusche, Stimmen, Gerüche, Angst und an das Fremdsein bei Ankunft im Lager“ oder auch an „die Müdigkeit einer langen Reise“ (ebd., S. 18). 'Lärm, Geschrei, Gestank, Terror, Panik, Todesangst, Verzweiflung und Entsetzen' sind bereits zu schwach und „Müdigkeit“ war das geringste Problem für den, der nicht „eine lange Reise“ hinter sich hatte, wie jemand, der in den Urlaub fährt und behaglich müde im Badeort ankommt, sondern der mehrere Tage eingequetscht zwischen wahnsinnig gewordenen Menschen, Leichen, Kot, Urin und Verwesung, in quälender Hitze oder tödlicher Kälte halb verhungert und verdurstet – ja, was? – 'unterwegs war'? 'deportiert wurde'? 'mit dem Tod zur Vernichtung fuhr'?
 
 Für jemanden, der die objektive Geschichte hochhält, ist Traverso sehr schnell fertig mit jemandem wie dem überragenden Historiker und Philosophen Steven T. Katz, der in seinen äußerst umfangreichen Untersuchungen ein erdrückend massives Material von nichts als Fakten entfaltet und ein ausgeprägtes Methodenbewusstsein für den Beleg seiner These von der Singularität der Shoah beweist. [34] Er hält sich stattdessen lieber beispielsweise an „die aus Auschwitz erhaltenen Fotos“ (ebd.). Es gibt zwei Fotofolgen aus Auschwitz, die eine ist kurz und besteht aus verwackelten Fotografien, die heimlich von Mitgliedern des so genannten „Sonderkommandos“ aufgenommen wurden; die andere ist länger und die Bilder konnten von SS-Männern in aller Ruhe aufgenommen werden. Die erste ist relativ unbekannt, die zweite nicht, denn einzelne Aufnahmen sind auf den Umschlägen sowie im Inneren zahlreicher Geschichtsbücher für unterschiedlichen Gebrauch zu finden, es handelt sich um das berühmte „Auschwitz-Album“. [35] Die Beschreibungen, die Traverso zu den „aus Auschwitz erhaltenen Fotos“ beisteuert, lassen vermuten, dass er letzteres im Sinn hat. Die Kritik der Konstitution von Faktizität ist – man denke nur an den „Positivismusstreit“ – häufig ein philosophisch schwieriges Problem, man unterscheidet zwischen Fakten und Faktizität, Wirklichkeit, Realität und Objektivität, wahr und richtig. In diesem Fall jedoch fällt die Beantwortung der Frage danach, wer die Fotos und vielleicht zu welchem Zweck gemacht hat, was auf ihnen zu sehen ist und was nicht, leicht. Täter haben diese Fotografien nicht nur gemacht, sondern fabriziert und inszeniert. Das „Auschwitz-Album“ ist kein unvorsichtigerweise von den Tätern gewährter Blick hinter die Kulissen der Vernichtung, sondern zeigt etwas von ihr, um von ihr ablenken zu können. Der übliche Horror von Tod und massiver brachialer Gewalt bei der Ankunft eines Transports ist auf ihnen nicht zu sehen, es gibt keine grundlos schreienden, prügelnden und schießenden Wachen, keine scharf gemachten Schäferhunde, keinen Gestank, keine Exkrementeberge in den Waggons, keine gestapelten Leichen, die aus den Waggons fallen, keine Selektion, keine verzweifelten, weil auseinander gerissenen Familien usf. Stattdessen kommen Menschen an und finden ihren Weg ins Lager. Sie sehen nicht glücklich aus und es wird nicht behauptet, dass sie nicht ermordet würden, aber dies wird auch nicht gezeigt. Alles geht seinen ruhigen, geordneten, sauberen Gang. Genau so, wie Enzo Traverso sich den Holocaust vorstellt.
 
 Er kritisiert, dass Überlebenden-Berichte historischen Quellen gleichgestellt würden [36], aber weder bezieht er dieses Urteil auf alle Zeugen, noch folgt er seinen eigenen Grundsätzen. Denn die Zeugen für seine These vom Zusammenhang von Holocaust und Moderne, die er zurecht von der jüdischen partikularen Perspektive bedroht sieht, seine Zeugen für seine Anklage der Moderne, sind allesamt Täter des Nationalsozialismus, deren Aussagen er vertraut. Keine Andeutung einer kritischen Distanz ist zu merken, keine Skepsis, kein Misstrauen, dass ein Beteiligter an einem Massenmord sich vielleicht exkulpieren können wollte. Gerade ein Zeugnis wie das von Rudolf Höß, dem Kommandanten von Auschwitz, ist kein unverhoffter Einblick in die Täter-Seele, sondern ein Versuch Höß', sich als tragisches Opfer von weltgeschichtlichen Schicksalszwängen nicht nur herauszureden, sondern vor allem sich zu überhöhen. [37]
 
 Es geht hierbei nicht um moralische Empörung darüber, dass Traverso auf der einen Seite den Opfern nur subjektivistische Borniertheit zutraut und ihnen vorwirft, sich quasi zur herrschenden Klasse der weltweiten Erinnerungspolitik aufzuschwingen respektive sich dafür missbrauchen zu lassen, und auf der anderen Seite die Täter-Zeugnisse dafür zu nutzen, die historische Objektivität zu konstruieren, zu der die Opfer unfähig seien. Sondern es geht um um seine offensichtliche Naivität wenn nicht Parteilichkeit, die sein Streben nach historischer Objektivität hohl werden lässt, und die man vielleicht dadurch ergründen kann, indem man ihm unterstellt, unbedingt den Zusammenhang von Holocaust und Moderne herstellen zu wollen.
 
 Er greift die Täter-Aussagen auf, die sein Bild vom Holocaust, von der Mentalität der Täter und vom Charakter der Tat stützen. Das Bild vom reinen Schreibtischtäter, der nur seine Arbeit tat und nicht wusste und auch nicht wissen konnte, zu welchen Ergebnissen seine Arbeit führte, lässt er sich von Walter Stier, dem ehemaligen Chef des Büros 33 der Deutschen Reichsbahn bestätigen. [38] Das Bild von der perfektionierten, rationalisierten und höchst effizienten fabrikmäßigen Vernichtung liefert ihm der SS-Arzt Friedrich Entreß. [39] Zu einem reibungslosen und effizienten Massenmord gehört auch, dass er sauber und diskret ablief. Und so wurde in den Gaskammern von Auschwitz für Traverso„der Tod zum ersten Mal zu einem anonymen und 'sauberen'. Blut wurde nur vergossen, wenn die Opfer einander in ihrem Todeskampf niedertrampelten und zerkratzten“ (Auschwitz denken, S. 343). Überlebende des so genannten „Sonderkommandos“ berichten, dass es „nur“ bei jeder Vergasung passierte, dass die Opfer in Panik gerieten und schrien, von den Stellen, an denen die Zyklon B-Körner eingeworfen wurden, wegdrängen wollten, und sich dabei gegenseitig zerkratzten und außerdem zu Tode quetschten und trampelten und im Todeskampf ihre Exkremente unter sich ließen. [40]
 
 Aber dabei bleibt es nicht, denn er deutet die Geschehnisse auch selber um, malt sich den Rahmen seiner kategorialen Staffelei so aus, dass das Bild zu seiner These passen wird. Wenn Traverso an einer Stelle mal wieder behauptet, dass die Leiter des bürokratischen Apparates „den Prozess in seiner Gesamtheit nicht“ kontrolliert hätten, dann spricht er hier wohlgemerkt nicht über Beamte der Reichsbahn (die tatsächlich Beamte waren, vor dem und während des Nationalsozialismus), sondern über die Leiter von Vernichtungslagern (die keine Beamte waren, sondern Angehörige des Reichssicherheitshauptamtes, was einen erheblichen Unterschied macht [41]). Und auch ihnen gesteht er folgerichtig zu, dass „sie sich damit rechtfertigen, dass sie sagten, dafür trugen sie keinerlei Verantwortung, sie hätten nur Befehle ausgeführt“ (Moderne und Gewalt, S. 47). Es bleibt schleierhaft, was er mit den „Behörden, die die Lager leiteten“, (Nach Auschwitz, S. 22) meint, denn zwar verfügten Auschwitz und Majdanek, weil sie nicht ausschließlich Vernichtungs-, sondern auch Konzentrationslager waren, über Registraturen, Schreibstuben, SekretärInnen und ähnliches, aber ein Blick in das nach wie vor umfangsreichste Buch über die drei reinen Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka [42] ergibt, dass es dort nichts dergleichen gab. Auch das SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt, quasi der ökonomische Arm der Lager-Verwaltung, war keine normale Behörde. [43] Aber für Traverso muss, wo Holocaust war, Bürokratie beteiligt gewesen sein.
 
 Wie anderswo üblich sind auch bei ihm Adolf Eichmann und Rudolf Höß die Kronzeugen für die angebliche Bürokratenhaftigkeit der Täter. Aber beispielsweise Höß' Klage darüber, er habe ständig dem gesamten Vernichtungsprozess beiwohnen müssen [44], passt nicht zu der Diagnose von nach Verwaltungs- und Fabrik-Vorbild mediatisierten Prozessen, die es verunmöglichten, den Gesamtprozess zu überblicken und ein Gefühl persönlicher Verantwortung zu entwickeln. Der Bericht eines Zeitzeugen, den auch Traverso akzeptieren müsste, weil dieser nämlich als nicht-jüdischer deutscher Kommunist im KZ war, belegt außerdem wiederholt Höß' unmittelbare seelische wie körperliche Grausamkeit im KZ Sachsenhausen. [45]
 
 Gegen die äußerst populäre Vorstellung, Eichmann sei ein „typische[r] Repräsentant der deutschen Bürokratie“ (Gebrauchsanleitungen, S. 40) und deswegen so ein erfolgreicher Judenvernichter gewesen, mag man sich vielleicht kaum wehren können, weil Eichmann selber sich so darstellte und vor allem von Hannah Arendt an dazu gemacht wurde. (Aber inzwischen könnte man es besser wissen. [46]) Höß versuchte zwar auch, sich in seinen autobiographischen Aufzeichnungen als „Rad in der großen Vernichtungsmaschine des Dritten Reichs“ [47] darzustellen – was Traverso nachspricht [48] –, machte aus seiner unbürokratischen Mentalität, aus seinem Hang zum Söldnertum, seinen umfangreichen Gewalterfahrungen, seiner Landsknechtsnatur und seiner frühen Neigung zum Nationalsozialismus aber nie einen Hehl. Traverso macht aus ihm trotzdem einen Bürokraten [49], auch wenn Höß dieses Deutungsmuster nicht vorgab, sondern nur immer wieder den Zwang der Befehle betonte, und seine Unmöglichkeit, sich ihnen zu widersetzen. [50] Traverso führt auch nicht aus, was er damit meint, und eröffnet deshalb nur einen Raum für vage Assoziationen.
 
 Er bemängelt an den Kritikern von Arendts Eichmann-Buch, dass jene ihre „Haltung kritischer Empathie“ (ebd., S. 29) gegenüber Eichmann nicht verstanden hätten. Arendt sei es darum gegangen zu verstehen, nicht zu rechtfertigen, sie habe deswegen versucht – wie ein Polizist in einem Krimi – sich in die Psyche des Täters hineinzuversetzen, um sein Handeln besser nachverfolgen zu können. Es bleibe dahin gestellt, ob dies funktonieren kann und ob dies das Verstehen der Shoah befördert; zu kritisieren bleibt Arendt dafür, dass ihre Einfühlung häufig darin bestand, ihre Interpretationen mit den Gedanken und inneren Regungen Eichmanns zu verwechseln, von denen sie jedoch gar nichts wissen konnte. [51] Auch Traverso ist dies nicht fremd: Höß habe „jeden Abend über seine Opfer Buch“ geführt (Auschwitz denken, S. 341), und wir erfahren nicht, woher er dies weiß; aus Höß' Memoiren kann er es nicht haben. Aber man sieht ihn sofort vor sich, den angeblichen Bürokraten, wie er zu sein hat, damit das Bild von Holocaust und Moderne stimmt: ein Pedant mit Brille, ordentlichem Seitenscheitel, verkniffenem säuerlichen Gesicht und Ärmelschonern sitzt an einem aufgeräumten Sekretär, vor sich ein großes Buch mit vielen Linien, Kästchen und Tabellen, in der rechten Hand einen Füller, rechts vom Buch ein Tintenfässchen, von dessen Inhalt bestimmt kein Tropfen daneben geht. Und so sitzt er da und trägt mit leicht kratzenden Geräuschen zum Ende eines langen harten Arbeitstages säuberlich die Zahlen des mordenden Tagesgeschäfts ein. So sieht er aus, der Mann der Wachträume des Enzo Traverso, eine Chimäre seiner historischen Objektivität.
 

 Vermeidungsstrategien

 
 Die eigentlich recht plumpen – und schon lange widerlegten – Ausreden der Täter, sie hätten nichts gegen die Judenvernichtung tun können, hätten keine Verantwortung getragen, nur Anweisungen ausgeführt und nichts als ihre Arbeit getan, diese Ausreden fanden in den gesellschaftskritisch motivierten und meist links anzusiedelnden Nachkommen eifrige Verfechter. Was andere Bevölkerungsteile stur nachsprachen und sich selbst und aller Welt immer wieder versicherten, das wurde von den Nachkommen in den Rang tieferer Einsichten und zum gesellschaftskritischen System erhoben.
 
 Traverso gibt vor, den Holocaust im Gegensatz zu vielen anderen Theoretikern nicht zu verdrängen, sondern ihn zuzulassen, damit dessen Negativität sich voll entfalten könne, um einen Bruch im Gefüge der Moderne sichtbar zu machen. Aber wo lässt er diesen Bruch auftreten und wofür ist dieser gut? Es gehe darum, Unbehagen gegenüber der Normalität zu verspüren respektive ihre grundsätzliche Brüchigkeit zu bemerken, um ein Unbehagen an ihr zu nähren und eine Distanz zur eigenen Gesellschaft herzustellen. Eine Empörung gegenüber der eigenen Gesellschaft soll aufsteigen, wegen ihrer genozidalen Potenz und wegen ihres Umgangs mit dieser Vergangenheit, die universal drohe wiederzukehren: weil sie ihre genozidale Potenz verbirgt, weil sie die Erinnerung an die Vergangenheit benutzt, um von ihren gegenwärtigen Verbrechen abzulenken, und weil sie die Leiden, die sie selbst verursacht, verdecken möchte. [52]
 
 Was Traverso vorgibt zu tun, das tut er nicht. Zum einen ist seine Thematisierung des Holocaust gleichzeitig eine De-Thematisierung, die Ereignisse des Holocaust hält er auf Distanz und rationalisiert sie. [53] Denn zum anderen tauchen Tat, Täter und Opfer der Shoah bei ihm nicht auf, ein bestimmtes Narrativ vom Holocaust ist ihm nur Mittel zum Zweck, um 'Gesellschaftskritik' betreiben zu können. Es geht hierbei nicht um moralische Empörung darüber, dass der Holocaust instrumentalisiert wird und dass man dies nicht dürfe, sondern darum, dass Traverso dem Holocaust mit seinen Bemühungen nicht gerecht wird. Er tut, was er anderen vorwirft: weil er weiß, welche Macht der Holocaust als Mittel zur Anprangerung hat, deswegen benutzt er ihn. Pikanterwise kritisiert er dabei 'die Moderne' mit einer Version vom Holocaust, die sich auf Aussagen von Menschen stützt, die ihrerseits in Theorie und Praxis große und militante Feinde der Moderne waren.
 
 
 Anmerkungen:
 
 [1] Hobsbawm 1995. 
 
 [2] Nolte 1987. 
 
 [3] Vgl. Im Bann, S. 86f. 
 
 [4] Vgl. ebd., S. 93ff. 
 
 [5] Vgl. ebd., S. 99f. und 121ff. 
 
 [6] Romain Rolland, für den Europa „verstümmelt“ wurde (ebd., S. 183) und Winston Churchill, für den mit dem Krieg der „europäischen Zivilisation“ „eine schreckliche Wunde“ zugefügt worden sei (ebd., S. 188). 
 
 [7] Vgl. ebd., S. 293ff. 
 
 [8] Vgl. ebd., S. 135f. und Gebrauchsanleitungen, S. 26. 
 
 [9] „Die Lager funktionierten wie Todesfabriken, die dem Blick der Zivilbevölkerung entzogen waren, und wo die Serienproduktion von Waren durch die Produktion und industrielle Eliminierung von Leichen ersetzt war“ (Moderne und Gewalt, S. 42). „Wie in einer tayloristischen Fabrik war die Aufgabenteilung [beim Tötungsprozess] mit der Rationalisierung der Zeit verbunden“ (ebd., S. 43), weswegen Traverso hier eine „Analogie zum Taylorismus“ (ebd., S. 44) sieht. „Das System der Produktion und das der Menschenausrottung glichen einander in erstaunlichem Maße. Auschwitz funktionierte wie eine produktive Todesfabrik.“ (Auschwitz denken, S. 338), weswegen er hier „Ähnlichkeiten […] mit dem Zivilisationsmodell der westlichen Welt“ (Gebrauchsanleitungen, S. 93) erblickt. (Alle Hervorhebungen von mir.) 
 
 [10] Traverso betont, dass er nicht nach „Ursachen“, sondern nach „Ursprüngen“ suche, „nach Elementen, die für ein geschichtliches Phänomen erst dann konstitutiv werden, als sie sich in ihm kondensiert und herauskristallisiert hatten“ (Moderne und Gewalt, S. 22). Immer wieder betont er „die tiefe Verankerung des Nationalsozialismus [...] in der Geschichte des Okzidents, im Europa des industriellen Kapitalismus, des Kolonialismus, des Imperialismus, des Aufschwungs der modernen Wissenschaften und der Technik, im Europa der Eugenik, des Sozialdarwinismus“ (ebd., S. 21). Deswegen ist Auschwitz für ihn an manchen Stellen „nicht das unausweichliche, natürliche und notwendige Resultat der Moderne. Der Gewaltexzeß, zu dem es dort kam, ist für die moderne Gesellschaft keineswegs normal. Doch die Moderne schuf die Voraussetzungen für die Menschenvernichtung“ (Auschwitz denken, S. 349). Die „historischen Voraussetzungen“ der Gaskammern waren „mit unterschiedlicher Intensität in der gesamten westlichen Welt verbreitet“ (Gebrauchsanleitungen, S. 92), die Judenvernichtung habe das staatliche Gewaltmonopol sowie konstitutive Strukturen der modernen Zivilisation (Technik, Industrie, Arbeitsteilung und bürokratisch-rationelle Verwaltung) vorausgesetzt, deswegen könne man Auschwitz ein „Kind der westlichen Welt“ nennen (ebd., S. 73). (Alle Hervorhebungen von mir.) 
 
 [11] „Die Gaskammern und die Verbrennungsöfen stellen den Endpunkt eines langen Prozesses der Entmenschlichung und der Industrialisierung des Todes dar, in den die instrumentelle Rationalität sowohl der Produktion wie der Administration der modernen westlichen Welt (die Fabrik, die Bürokratie, das Gefängnis) Eingang gefunden hat“ (Moderne und Gewalt, S. 25). „[I]n Auschwitz machte sich eine verborgene Tendenz der westlichen Welt geltend, brach eine latente Hölle an die Oberfläche der Kultur durch“ (Auschwitz denken, S. 335). Der westliche Rationalismus habe „die Tendenz [...], sich dialektisch in ein Dispositiv der Herrschaft, sodann in eine Quelle der Zerstörung des Menschen zu verwandeln“ (Nach Auschwitz, S. 118). (Alle Hervorhebungen von mir.) 
 
 [12] Auschwitz ist für ihn „eine Ausnahme, eine Anomalie -, deren Möglichkeit in der Normalität der modernen Gesellschaft angelegt war“ (Auschwitz denken, S. 350) und deshalb „eine der Entwicklungsmöglichkeiten unserer Zivilisation“ (ebd., S. 353). (Alle Hervorhebungen von mir.) 
 
 [13] Auschwitz war von der taylorisierten Fabrik „eigentlich nur eine in schlimmerer Weise karikaturhafte Variante “ (Moderne und Gewalt, S. 44). „[I]m Bau von Gaskammern machte sich eine Rationalität geltend, wie sie für die Industriegesellschaften des 20. Jahrhunderts typisch ist“ (Auschwitz denken, S. 348). (Alle Hervorhebungen von mir.) 
 
 [14] Nach Auschwitz, S. 18 und 110. 
 
 [15] Vgl. auch Auschwitz denken, S. 337-9 und 345. 
 
 [16] Belege und Material hierzu an späterer Stelle, wenn konkrete Täterdarstellungen erörtert werden. 
 
 [17] „[D]er Krieg der Nazis“ stellte „einen Bruch und etwas völlig Neues“ dar (Im Bann, S. 51); die Shoah könne „nicht einfach aus dessen [vom Zweiten Weltkrieg] innerer Logik abgeleitet werden“ (ebd., S. 73). Sie sei „eine gewaltsame und plötzliche Zerstörung, die man nur irrtümlich als Ergebnis eines unausweichlichen historischen Prozesses verstehen kann.“ Auschwitz sei „ein absolutes Novum“ gewesen, „ein großer qualitativer Sprung“, stelle „einen tiefen Riß in unserem Jahrhundert“ dar (Die Juden, S. 150). 
 
 [18] In einem älteren Werk (Die Juden) besteht „in ihrer Modernität“ „[e]iner der markanten Züge der Shoah“, hierin sei sie präzedenlos (ebd., S. 145). Wenige Seiten vorher betont er, dass nicht das „Ausmaß“ (i.e. die Quantität der Opfer) und nicht die „industrielle Art und Weise“ der Vernichtung die Shoah einzigartig mache, sondern dass „[z]um ersten Mal in der Geschichte“ versucht worden sei „eine Gruppe von Menschen aus 'rassenbiologischen' Gründen zu vernichten“ (ebd., S. 142). Die Vernichtung „im Namen der Reinheit der 'arischen Rasse'“ (ebd., S. 147), der „Siegeszug einer modernen und angeblich wissenschaftlichen Theorie, des biologischen Rassismus“ (ebd., S. 148) mache die Singularität aus. Über zehn Jahre später ist wieder die „industrielle“ Art und Weise der Vernichtung das Singuläre (Gebrauchsanleitungen, S. 92). - Dies ist falsch. Die Singularität besteht in der 'Absichthaftigkeit' („intentionality“) und darin, dass die Shoah der bislang erste und einzige 'richtige' Genozid war, weil es den Deutschen darum ging, wirklich jeden Juden zu vernichten. Material in aller Ausführlichkeit und Gründlichkeit, in reiner Sachlichkeit und ohne die üblichen moralisierenden Beimischungen in Katz 1994 (Band 2 und 3 erscheinen hoffentlich bald), in Kurzform und unter verschiedenen Perspektiven in Katz 1981, 1988, 1991 und 1996. Vgl. auch Bauer 1978, 1984, 1987, 1990, 1991. 
 
 [19] Sie sei gleichzeitig „Endpunkt einer ununterbrochenen Kette von Gewalt und Ungerechtigkeit, in ihrer mörderischen Einzigartigkeit jedoch ein radikal neues Phänomen“ (Die Juden, S. 148f.). (Alle Hervorhebungen von mir.) 
 
 [20] Beispiele aus der Geschichte zeigten, „dass Auschwitz sich in ein noch viel größeres Ganzes von Gewalt einschreibt“ (Nach Auschwitz, S. 118). 
 
 [21] „Auschwitz hat ein für allemal bewiesen, daß ökonomischer und industrieller Fortschritt zu einer menschlichen und sozialen Regression führen kann“ (Die Juden, S. 148). 
 
 [22] „[W]ir leben immer noch in einer Welt, in der Auschwitz möglich ist“ (Gebrauchsanleitungen, S. 72). 
 
 [23] „Der Westen besteht eben nicht nur aus den edlen Prinzipien der Erklärungen der Menschenrechte; er hat auch andere Gesichter“ (Moderne und Gewalt, S. 21). 
 
 [24] „Die Formulierung, dass Auschwitz wie eine Todesfabrik funktionierte […] wirft die Frage nach der Normalität unserer modernen Gesellschaften auf“ und sei deswegen geeignet, „unser 'Alltägliches' in Frage zu stellen“ (Gebrauchsanleitungen, S. 73). Es gehe nicht darum, „die Vergangenheit zu normalisieren“, sondern darum, „die Gegenwart zu entnormalisieren“ (Auschwitz denken, S. 345/Fn 32), respektive „unsere Zivilisation zu 'entnormalisieren' und die Geschichte Europas in Frage zu stellen“ (Gebrauchsanleitungen, S. 93). 
 
 [25] Auch wenn er sich nicht über den logischen Status eines Zitats im Klaren zu sein scheint: Ein Zitat eines Autoren, der weitgehend seiner Meinung ist (wie Zygmunt Bauman, Günther Anders, Hannah Arendt etc.), kann kein Beweis für Traversos Thesen sein, sondern nur dafür, dass es andere gibt, die derselben Meinung sind wie er. Ein Zitat ist hier nur eine Variation der eigenen Gedanken, der man sich bspw. deswegen bedienen kann, weil die Formulierung gelungen ist und zur Illustration der eigenen Überlegungen besonders gut taugt. Zieht er doch ein solches Zitat als Beweis für seine Thesen heran, dann ist das, wie wenn ein Zeuge Jehovas aus der Bibel zitiert, um die Richtigkeit seines Glaubens zu 'beweisen'. Das Zitieren wird redundant und tautologisch, ärger noch, wenn er sich des trotzkistischen Zitierkartells bedient. 
 
 [26] Vgl. zur Übersicht bspw. König 2003. 
 
 [27] Erstens laufe die Betonung der Einzigartigkeit Gefahr, „in ein altes eurozentristisches Voruteil zu verfallen“ (Nach Auschwitz, S. 119). Zweitens werde die Erinnerung durch ihre Ubiquität schließlich auch kulturindustriell verwertet und deswegen komme es zu „einem Phänomen der Verdinglichung der Vergangenheit, d.h. ihrer Verwandlung in ein Konsumprodukt“ (Gebrauchsanleitungen, S. 8). Drittens erfülle die Erinnerung eine ideologische Funktion, weil sie zu dem Zeitpunkt der „Vermittlungskrise der Gesellschaften“ (ebd., S. 10) auftrete. Die Erinnerung wird also zu einer Ersatzhandlung für die Bewältigung gesellschaftlicher Probleme. 
 
 [28] Die Vergangenheit verwandele sich zu einer „mystische[n] Vergangenheit“, die Erinnerung an die Shoah werde zu einer „Alltagsreligion“ (ebd., S. 8), es komme „auf erschreckende Weise [zu] eine[r] Sakralisierung der Singularität der Shoah“ (Nach Auschwitz, S. 120). 
 
 [29] Weil Zeitzeugen „mehr und mehr als Opfer identifiziert“ werden, deswegen haben „Widerständler […] ihre Aura verloren oder sind vergesssen worden“ (Gebrauchsanleitungen, S. 12). Unter dem Druck der hegemonialen Narrative würden überlebende antifaschistische Kämpfer dazu gebracht, sich nicht mehr als Kommunisten, sondern „vor allem als jüdische Deportierte“ zu betrachten (ebd., S. 16). Traverso gibt keinen Beleg. 
 
 [30] Oder sogar dazu neige, die objektive Geschichte auszulöschen. Claude Lanzmann, dessen Shoah er früher noch als „hervorragende[n] Film“ lobte (Die Juden, S. 141), beschuldigt er später, seinen Film als Ereignis „nach und nach an die Stelle des eigentlichen Ereignisses“ setzen zu wollen (Gebrauchsanleitungen, S. 60), „dessen Beweise er sogar zerstören wollte.“ Der Holocaust werde bei ihm auf eine diskursive Konstruktion reduziert und dem Autor unterstellt Traverso niedere Beweggründe: „weil Shoah sich als Dialogfolge abspielt, deren Subjekt Lanzmann bleibt, zeigt der Film auch die narzisstische Haltung des Autors“ (ebd., S. 61). In Lanzmanns wohl begründeter Entscheidung, die Frage nach dem Warum der Judenvernichtung nicht stellen zu wollen, sieht Traverso eine „Sakralisierung von Erinnerung […] mit obskurantistischer Einfärbung“, „ein normatives Verbot des Verstehens, welches das Herz der Geschichtsschreibung als Interpretationsversuch trifft“ (ebd., S. 62). Stets kann man in Traversos Kritik einen Kampf von Machinationen, Künstlichem und Erfundenem gegen die objektive Realität beobachten. Eine einseitige, nationalen Interessen untergeordnete Geschichtsforschung in Israel lege es darauf an, auf der einen Seite „tausendjährige Spuren der jüdischen Vergangenheit in Palästina zum Vorschein zu bringen“ und auf der anderen Seite „die realen Spuren der arabisch-palästinensischen Vergangenheit zu zerstören“ (ebd., S. 24, unter Bezug auf Edward Said). Ebenso werde in Israel die Historiographie der Vertreibung der Palästinenser 1948, der Nakbah, unterdrückt. „Diese Erinnerung und Geschichtsschreibung blieben bis heute auf die arabische Welt beschränkt, sie verstoßen sowohl gegen den zionistischen Bericht […] als auch gegen das historische Bewusstsein der westlichen Welt“ (ebd., S. 46). 
 
 [31] Vor der Folie der ideologietheoretischen Modelle des traditionellen Marxismus (vgl. bspw. Haug 1993, 4. Kapitel, Hauck 1992, S. 9ff.) sind die Juden in der globalen Erinnerungspolitik wie innergesellschaftlich die bürgerliche Klasse im Kampf gegen das Proletariat. Denn auch hier spreize sich eine partikulare Perspektive als allgemeine auf, um hegemonial werden zu können. Sie stelle sich als allgemeine dar, damit die Subalternen ihr auf den Leim gehen, - sei es in Wirklichkeit aber nicht. Die bürgerliche Klasse lege ihre ideologische Sicht nur über die Wahrheit und der Marxismus wird zum Gralshüter der Objektivität. 
 
 [32] „Die Gesamtheit dieser Erinnerung ist Teil der jüdischen Erinnerung, eine Erinnerung, die der Historiker nicht ignorieren kann und die er respektieren, untersuchen und verstehen muss, aber der er sich nicht unterordnen darf. Er hat nicht das Recht, die Besonderheit dieser Erfahrung in ein normatives Prisma der Geschichtsschreibung zu verwandeln. Seine Aufgabe besteht eher darin, diese Einzigartigkeit der gelebten Erfahrung in einen allgemeinen historischen Kontext einzuschreiben“ (Gebrauchsanleitungen, S. 18). 
 
 [33] Vgl. summarisch nur bspw. Langer 1988, 1998, 2006. 
 
 [34] Vgl. Gebrauchsanleitungen, S. 19. 
 
 [35] Vgl. hierzu Doosry 1995 im Folgenden des weiteren Knoch 2001, S. 75-91 und 102-115, v.a. aber Rupnow 2005, S. 232-261 und 2006, S. 101-106. 
 
 [36] Die Zeitgeschichte „integriert die mündlichen Quellen auf gleicher Ebene wie die Quellen aus den Archiven“ (Gebrauchsanleitungen, S. 15). Den Beleg bleibt Traverso schuldig. 
 
 [37] Vgl. Loewy 2002 und 2004. 
 
 [38] Vgl. Auschwitz denken, S. 339/Fn 21. Er bedient sich dabei Stiers Aussage in Lanzmanns Shoah (vgl. Lanzmann 1999, S. 156-164) und verkehrt damit dessen Intention in dieser Szene ins Gegenteil. 
 
 [39] Vgl. Auschwitz denken, S. 336. 
 
 [40] Vgl. bspw. Lanzmann 1999, S. 137 und 148-9, Greif 1999, S. 95-7, 154, 195f., 207f., 253, 301, 309-11, 320f. und Venezia 2008, S. 103, 109. 
 
 [41] Vgl. Wildt 2002. 
 
 [42] Arad 1987. 
 
 [43] Vgl. Kaienburg 2003 und Schulte 2001. 
 
 [44] Vgl. Höß 1963, S. 132. 
 
 [45] Vgl. Naujoks 1987, S. 171, 172, 176-9. 
 
 [46] Vgl. aus der vielfältigen Literatur nur Safrian 1995, Cesarani 2004 und Lozowick 2000. 
 
 [47] Höß 1963, S. 156. 
 
 [48] Vgl. Nach Auschwitz, S. 22. 
 
 [49] „[D]ie bürokratische Mittelmäßigkeit […], die autoritäre Persönlichkeit, die geistige Armut, kurz die „Banalität des Bösen“, die eine Masse von anonymen Beamten und Bürokraten zu unerbittlichen Vollstreckern eines geplanten Massakers werden ließ“ (ebd., S. 113). 
 
 [50] Vgl. Höß 1963, S. 124f., 126. 
 
 [51] Vgl. Robinson 1965, S. 8, 10-12, 15, 49, 53, 54, 105. 
 
 [52] In einer „sehr selektiven Erinnerung“ werde der Holocaust „in ein Instrument transformiert für eine besonders vergessliche Erinnerungspolitik, was die Verbrechen der USA angeh[t]“ (Gebrauchsanleitungen, S. 50, Bezug auf Susan Sontag). Es bestehe die Gefahr, „die Erinnerung an sie [die Shoah] zu missbrauchen, sie einzubalsamieren, in Museen einzusperren und ihr kritisches Potential zu neutralisieren, oder schlimmer, sie apologetisch als Stütze der aktuellen Weltordnung zu benutzen.“ Sie diene dann als „negative Legitimation des liberalen Westens“ (ebd., S. 71). 
 
 [53] Vgl. hierzu Langer 1998.
 
 
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