Ausgabe #11 vom

Der Jargon des Antizionismus

Tales from Decrypt

PAUL MENTZ

In letzter Zeit versuchen zahlreiche linke Gruppen, deren Mehrzahl in einem Bündnis namens "Ums Ganze" vernetzt ist, der antifaschistischen Szene die Israelsolidarität auszutreiben, indem sie dieser einen abstrakten Antinationalismus gegenüberstellen. Ein besonders ärgerlicher Fall dieses Ansinnens liegt in dem Artikel Gut gemeint - wenig verstanden: Zum Verhältnis von Israelsolidarität und Realpolitik eines anonymen Autors von der Kommunistischen Gruppe Bochum vor, der in der sich scheinbar naiv im Sozialarbeiter-Duktus an interessierte Jugendliche heranwanzenden und sich bei den diversen Grüppchen in NRW großer Beliebtheit erfreuenden Antifa-Jugendzeitschrift Decrypt erschienen ist. Anlass des Decrypt-Textes war eine angesichts des Gazakrieges in Bochum durchgeführte Demonstration gegen Antisemitismus, an der sich neben israelsolidarischen Kommunisten auch zahlreiche Bürger - u.a. Angehörige der jüdischen Gemeinde - beteiligten. Wir drucken im Folgenden eine Kritik an diesem Text ab.

Die Redaktion

Es stellt sich mit Recht die Frage, warum man eine Replik auf einen Schülerzeitungsartikel der Kommunistischen Gruppe Bochum (KGB, der Name ist Programm) verfassen sollte, weil man schließlich nicht an jeder Mülltonne schnüffeln muss - „man wird davon nicht schlau, es wird einem nur schlecht.“ (Pohrt) Würde es sich bei der KGB um eine besonders dämliche Variante der deutschen Linken handeln, wäre die Frage nach der Relevanz einer Replik berechtigt, aber leider zeigt ein Blick auf die diversen Blogs antifaschistischer Gruppen in NRW, dass es sich bei der KGB um keinen Einzelfall handelt, sondern diese vielmehr einen pars pro toto darstellt.

Es ist gegenwärtig leider kein selten anzutreffendes Phänomen, dass antifaschistische Gruppen gemeinsam mit Islamfaschisten gegen „Anti-Islam-Kongresse“ demonstrieren. Weil etwa der Feminismus der Linken sich im Gebrauch des Binnen-I erschöpft, haben Autonome nicht einmal ein schlechtes Gewissen dabei, zusammen mit bärtigen Mullahs und verschleierten Frauen große Erfolge im Straßenkampf für sich zu reklamieren. Im gemeinsamen Allmachtsgefühl des Sieges über „Pro Köln“ vereinen sich Islamisten und ohnmächtige Antifaschisten. Vereinzelt finden sich zwar vermeintlich islamkritische Versatzstücke in den Pamphleten und Reden der Anti-Pro-Köln-Demonstranten. Dann ist die Rede von „einer durchaus angebrachten Kritik an allen Religionen und dem Islamismus…“ (Redebeitrag des Antifa AK in Köln), die aber faktisch sogleich wieder revidiert wird, indem der "Islamismus" als ein zu verurteilender „Seufzer“ (ebd.) der unterdrückten Muslime schöngeredet wird. Die Demonstranten wollen „den Kopf aus dem Sand ziehen und religiöse Kollektive kippen.“ (ebd.) Der politisch korrekte Jargon des Antifaschismus weigert sich, den Islam beim Namen zu nennen, und greift lieber auf Formulierungen zurück, die aufgrund ihrer Beliebigkeit auch von Antiimperialisten gegen Israel in Anschlag gebracht werden könnten. Man möchte „[d]en Unterschied zwischen Islam und Islamismus“ (ebd.) klarstellen und verkennt die Tatsache, dass der Islam sich immer auch als eine politische Bewegung versteht. Insofern ist es nur konsequent, dass die islamischen „Seufzer“ der Unterdrückten, die an diversen Aktivitäten im Rahmen der Proteste gegen "Pro Köln" teilnahmen, sich keinem Protest der sich selbst als radikal links verortenden Demonstranten ausgesetzt sahen. Das Motto der Demonstration am 8. Mai lautete nicht zufälligerweise: „Europa – Deutschland – Köln, (alles) Scheiße“; ein Motto, das jeder Gotteskrieger mit Freude unterschreiben würde.

Kritikern des islamischen Antisemitismus wird dieser Logik entsprechend in stalinistischer Manier vorgeworfen, dass sie den „Schulterschluss mit den ‚Bürgerlichen’“ (KGB) suchen würden. [1] Dieser Vorwurf bringt vermutlich die etwas merkwürdig anmutende Analyse des Antisemitismus des Autors zum Ausdruck, die „ergibt, dass der Antisemitismus in der bürgerlichen Gesellschaft wurzelt, also niemals verschwinden wird, solange diese existiert.“ „Wer Wurzeln sucht, geht in den Wald“ (Scheit) und wer zwecks antibürgerlicher Propaganda Argumente dafür sucht, dass die bürgerlicher Gesellschaft einen hinreichenden Grund für den Antisemitismus darstelle, geht zur KGB, die nichts kommunistischeres zu tun hat, als die linke Restvernunft zu denunzieren, um endlich die eigenen Ohnmachtsgefühle im breiten Bündnis mit den Massen, einschließlich der radikalen Moslems, zu betäuben. Liquidiert wird dabei das, was es für Kommunisten zu retten gilt: der Gedanke an die Möglichkeit von individuellem irdischem Glück.

Apokalyptische Geschichtsphilosophie?

Der unidentifizierbare Autor vermag mit Kenntnissen der Kritischen Theorie über den Antisemitismus sowie der Antisemitismustheorie von Postone zu glänzen. Es ist richtig, dass die Kritische Theorie und Postone einen Zusammenhang zwischen Antisemitismus und der Wertvergesellschaftung postulieren, allerdings ist Auschwitz nicht das notwendige Resultat jeder Form von kapitalistischer Vergesellschaftung, sondern das Ergebnis einer spezifischen historischen Entwicklung. Wenn die Shoah dem Kapitalverhältnis unmittelbar entspringen würde, wie es die KGB behauptet, dann stellt sich die Frage, was Auschwitz mit den konkreten gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Bedingungen in Deutschland zu tun hatte. Wer wie die KGB argumentiert, der möchte entweder bewusst zur Entlastung der Deutschen beitragen oder Auschwitz für seine propagandistischen Zwecke gegen den Kapitalismus instrumentalisieren. Letzteres klingt dann so:

„Die logische Ableitung aus Adornos kategorischem Imperativ, das Handeln so einzurichten, ‚daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe’, ist somit schnellstmöglich für eine Ende des Kapitalverhältnis zu sorgen.“ (Fehler i. O.)

Warum man aus einem Imperativ eine Handlungsanweisung ableiten möchte, wenn dieser doch bereits sagt, was zu tun ist, bleibt das Geheimnis des Autors. [2] Es wird nicht nur unterschlagen, dass nicht nur das Handeln, sondern auch das Denken [3] so einzurichten ist, „daß Auschwitz nicht sich wiederhole…“, sondern auch, dass Adorno auf den „Stande der Unfreiheit“, in dem sich die Menschheit befindet, verweist. Dieser Zusatz besagt zweierlei: Erstens muss die Unfreiheit beendet werden und zweitens muss im Stande der Unfreiheit alles getan werden, um eine Wiederholung von Auschwitz zu verhindern. [4]

Der Autor jedoch entwickelt ein interessantes geschichtsphilosophisches Modell. Seiner Ansicht nach kulminiert Kapitalismus notwendigerweise in einer neuen Shoah. In bester deutscher Tradition wird von einer unabwendbaren Apokalypse schwadroniert, da „jegliche Unterstützung Israels in bestehenden Verhältnissen sein Leben nur verlängern und eine neue Shoah somit nur hinauszögern kann.“ Dies bedeutet nichts anderes als die Absage an praktische Solidarität mit dem jüdischen Staat.

Die Affinität des Autors zum Heideggerschen „Sein zum Tode“ und die damit einhergehende Sehnsucht nach einer Destruktion, die alles erfasst, wäre für sich schon Grund genug, die KGB auf der Müllhalde der deutschen Ideologie zu entsorgen. Wenn aber unterstellt wird, Israel sei am meisten „damit geholfen […], den Kommunismus wieder denkbar zu machen“ und die politische Verteidigung Israels mit „Suppenküchen“ [5] verglichen wird, dann wird klar, worum es der KGB geht: nämlich um die politisch korrekte Entsorgung der Israelsolidarität innerhalb der antifaschistischen Linken. Es wird moralinsauer unterstellt, wer sich nicht ausschließlich der kommunistischen Agitation verschreibe, sei mitschuldig an einer neuen Shoah, und das impliziert nicht zufälligerweise, dass die Juden in Israel an ihrem eigenen Schicksal mitschuldig seien, da sie nicht erkannt hätten, dass der Kommunismus ihre Rettung ist. So schreibt die KGB:

Linke Bewegungen vor 1945 konnten zu Recht annehmen, dass die Emanzipation der JüdInnen mit der Emanzipation der Menschheit zusammenfallen würde. In dieser Logik lehnten auch viele ‚jüdische’ SozialistInnen, AnarchistInnen und KommunistInnen den Zionismus ab.“

Dieser Satz alleine wirft erneut Fragen über den Geisteszustand des Autors auf. Offensichtlich stellt für unseren Autor nicht Auschwitz die Grundlage für Adornos Kategorischen Imperativ dar, sondern die Befreiung von Auschwitz. Es stellt sich die Frage, warum der Autor nicht spätestens mit den so genannten „Nürnberger Gesetzen“ von 1935 die jüdische Emanzipation in Deutschland für gescheitert hält, sondern vielmehr die Zerschlagung des Nationalsozialismus durch die alliierten Truppen im Jahre 1945 als Zeitpunkt der Niederlage der politischen Linken bestimmt. Anstatt einzugestehen, dass der Zionismus schon weit vor 1945 eine konsequente jüdische Antwort auf den Antisemitismus in Europa darstellte, werden jüdische (warum der Autor „jüdisch“ in Anführungszeichen setzt, ist eine Frage, die wohl besser ein Psychoanalytiker klären sollte) Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten als Kronzeugen gegen den Zionismus instrumentalisiert. Es ist eine nicht zu bestreitende Tatsache, dass Herzl und Jabotinsky besser über die bürgerliche Gesellschaft bescheid wußten, als Lenin und Kautsky. Die Errichtung eines jüdischen Staates vor 1933 hätte Millionen Menschen das Leben gerettet, aber das zieht der Autor nicht in Erwägung, denn eine solche "Lösung der Judenfrage" ist in seinen Augen schließlich "bürgerlich".

Solidarität mit Israel – Gegen jeden Antizionismus

Während der israelischen Militäroperation gegen die islamfaschistische Hamas fanden in Deutschland und Europa die zahlenmäßig größten antisemitischen Aufmärsche seit dem Ende des Nationalsozialismus statt, während auf internationaler Ebene die Neuauflage der „Antirassismuskonferenz“ von Durban vorbereitet wurde, die ein Tribunal gegen Israel war. Die KGB und die Zeitschrift Decrypt lassen es sich in einer solchen Situation nicht nehmen, in diesem Konflikt Partei zu ergreifen, indem sie eine Demonstration, die sich explizit gegen jeden Antizionismus richtete, denunzieren. Sie unterstellen, es habe sich bei dieser Demonstration um einen rechtsextremen Aufmarsch gehandelt, denn nichts anderes impliziert das nicht in Bochum, sondern in Köln aufgenommene Bild von einer Demonstration der rechtspopulistischen Gruppe „Pro Köln“, welches neben dem in Rede stehenden Artikel über die israelsolidarische Demonstration in Bochum platziert wurde. [6] In bester antiimperialistischer Tradition wird dem Leser suggeriert, dass Zionisten und antideutsche Kommunisten letzten Endes doch nur Rassisten seien.

Angesichts der erneuten Verurteilung Israels durch eine UN-Konferenz und den zunehmenden Angriffen auf Juden in Europa haben die antizionistischen „Kommunisten“ (in diesem Fall sind die Anführungszeichen mehr als angebracht) nichts besseres zu tun, als Herrn Gollancz nachzueifern, der während der Vernichtung der europäischen Juden durch die Deutschen eine nationale sozialistische Revolution in Deutschland plante. Wenn das Möchtegern-ZK seiner Gefolgschaft dekretiert, die „eigene Zeit und Energie darauf zu verwenden, den Kommunismus möglich zu machen“, dann ist die Solidarität mit Israel ein zu ahndender Verstoß gegen die Parteilinie. Insofern ist es konsequent, dass die KGB den linken Antisemitismus zu retten versucht, indem sie ihn als „personalisierende Kapitalismuskritik“ rehabilitiert. Linker Antisemitismus ist für unseren Autor Ausdruck eines berechtigten Interesses, das falsch artikuliert wird. Man muss eine Lüge nur oft genug aussprechen, damit sie wahr wird, und daher verwundert es auch nicht, dass vermeintliche Kommunisten beständig die Lüge, es handele sich bei dem Antisemitismus um eine Form von Kapitalismuskritik, wiederholen.

Die Erkenntnis, dass der Islam momentan das größte und barbarischste antisemitische Aggressionspotential in sich birgt, ist für die KGB kein hinreichender Grund, um sich politisch für die Existenz Israels einzusetzen. An die Stelle einer ideologiekritischen Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus tritt vielmehr eine Politik des Appeasement, die sich politisch korrekt und kommunistisch wähnt:

Es handelt sich also um einen Rückfall hinter die eigenen theoretischen Erkenntnisse, Realpolitik – im Extremfall ohne jeglichen linken Inhalte und mit bürgerlichen Partnern – für Israel zu machen, denn – wie bereits festgestellt – kann diese das Problem nicht lösen.“ (Fehler i. O.)

Wer es nicht für nötig hält, die Kritik des Antisemitismus auch in Form von Demonstrationen zu betreiben und sich damit gegen jene Kräfte zu stellen, die menschliche Emanzipation und damit auch die Bedingung der Möglichkeit von Kommunismus ein für allemal erledigen möchten, der steht für einen Begriff von Kommunismus im denkbar schlechtesten Sinn. [7] Die Kritik des Antisemitismus vermag ebenso wenig die Toten zu „wecken und das Zerschlagene zusammenfügen“ (Benjamin), doch zieht sie aus der Erfahrung des Nationalsozialismus die Konsequenz, dass Israel nach Auschwitz eine Bedingung der Möglichkeit für menschliche Emanzipation und die Israelsolidarität somit ein Gebot der Vernunft ist.


Anmerkungen:

[1] Die Kritik an Demonstrationen gegen den Antisemitismus und dem Bündnis mit den Bürgerlichen hält die KGB nicht davon ab, selbst zu jeder noch so scheußlichen Demonstration zu pilgern, auf der sie sich gemeinsam mit der DKP und MLPD auf der Straße austoben kann.

[2] Das Ableiten aus der Befehlsform ist entweder ein formidables sprachliches Kunststück oder das Resultat mangelnder Kenntnisse von Sprache und Logik.

[3] In diesem Falle sollte man nachsichtig sein, da das Denken nicht die Stärke des Autors ist und er deshalb vermutlich darauf verzichtet hat, es in seinem Text explizit zu erwähnen.

[4] Die KGB stellt sich der Aufgabe, „die Ursachen des Antisemitismus aufzuheben, um ihn dauerhaft zu bekämpfen, d.h. den Kapitalismus abzuschaffen.“ Leider trägt meiner Erfahrung nach das Aufheben eher zu Bandscheibenvorfällen bei als zur Kritik des Antisemitismus. Auch die Kritik der KGB an der Israelsolidarität wird immer unverständlicher, da ihrer Meinung nach die dauerhafte Bekämpfung des Antisemitismus mit der Abschaffung des Kapitalismus gleichzusetzen ist. Dieser Logik zufolge wäre es vor allem an Israel, für den Kommunismus kämpfen.

[5] Dass der Kommunismus der KGB nichts mit der Befreiung der geknechteten Kreatur zu tun hat, verrät der pastorale Ton, in dem man sich über die Hilfe im Kleinen ereifert. Wie einst die Priester den leidenden Menschen das Paradies versprachen, so verweist die KGB auf den Kommunismus; das Leid der Individuen wird im Sinne der vulgärmarxistischen Verelendungstheorie als Mittel für den eigenen politischen Zweck gerechtfertigt. Wenn es einem (wie der KGB) UMS GANZE! geht, ist die Minderung des menschlichen Leidens scheinbar ausgeschlossen.

[6] Das Foto wurde der rechtsextremen Website Politically Incorrect entnommen und der Bochumer Demonstration dreist untergeschoben. Vgl. http://www.pi-news.net/wp/uploads/2009/01/pk_israel.jpg

[7] Die proletarische, handwerkliche Fähigkeit, „den Rahmen dessen, was als Emanzipation der Menschheit zu gelten hat, zu schärfen…“ (Hervorhebungen - P.M.) reicht leider nicht, um einen derart verkommenen Begriff von Kommunismus zu retten.