Ausgabe #11 vom

Auftrag und Verbrechen

Über das Verhältnis von Selbstmordattentat und Amoklauf

JAN HUISKENS

Ein gewöhnlicher amerikanischer Collegefilm läuft nach folgendem Muster ab: Ein „nerd“ ist verliebt in ein hübsches und von allen begehrtes Mädchen, das allerdings von ihm nichts wissen will, weil er ein Verlierertyp ist, der von den Mitschülern gemobbt und gedemütigt wird. Der Nerd, der wahlweise Computerfreak, Schachspieler oder Bücherwurm ist und immer eine Brille trägt, ist einsam und traurig, weil er von den anderen ausgestoßen wird. Doch die Angebetete hat die Rolle einer Vermittlerin inne: Gewinnt er ihre Gunst, so steigt er auf, genießt Respekt und gehört dazu. In der Regel ändert sich das Verhalten des Mädchens dergestalt, dass aus der bloßen Ignoranz zunächst eine verteidigende Bemutterung wird, bevor sie die wahren, natürlich „inneren Stärken“ des Ausgegrenzten entdeckt und sich in ihn verliebt.
 
 Die Realität, das weiß jeder, der eine deutsche Schule besucht hat, sieht anders aus. Gerade darin liegt ja der Reiz des Collegefilms, dass er einen glücklichen Ausgang des Unheils verspricht, der Hoffnung bei den Verzweifelten entfacht, die sie – unabhängig vom Zwang durch die Eltern oder den Staat – dazu antreibt, doch jeden Tag aufs Neue ins Unglück zu rennen, sprich: zur Schule zu gehen. Die Bildung, die den Kindern „vermittelt“ werden soll, wie es im Lehrersprech heißt, ist schon immer eine der Disziplinierung gewesen, die nicht nur autoritär von oben herab die lieben Kinderlein mit dem Rohrstock oder einem immateriellen Surrogat züchtigt, sondern unter ihnen eine Konkurrenz entfesselt, die mitunter furchtbarer ist als diejenige im Leben der Erwachsenen. Die Furcht, aus der Klassengemeinschaft ausgeschlossen, misshandelt und verlacht zu werden, treibt die kleinen Monster an, nach unten zu treten und sich keinerlei Mitgefühl zu gestatten. Für einige ist die Schule daher Qual und Drangsal, sie hilft ihnen nicht, ein autonomes Subjekt zu werden, sondern verwandelt sie in Duckmäuser, die ihrer selbst so unsicher sind, dass sie mit ihren Mitmenschen ohnehin nichts anfangen können. 
 
 Ein solches Kind muss, wenn man den Recherchen der Tageszeitungen Glauben schenken darf, Tim K. gewesen sein, der im März an seiner ehemaligen Schule im schwäbischen Winnenden acht Mitschülerinnen und einen Mitschüler sowie drei Lehrerinnen erschoss. Er sei, so die FAZ (13.03.09), ein „depressiver, verzweifelter Mensch“ gewesen, dem „Anerkennung und Selbstachtung“ gefehlt hätten. Die Psychiater, die ihn laut Polizeiauskunft (die Eltern bestreiten das) behandelten, waren offenbar erfolglos darin, ihm diese mentalen Zustände einzutrichtern. Doch der baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau weiß, dass Tim eine „doppelte Identität“ hatte. Nach außen hin sei er „kein Junge zum Fürchten“ gewesen. Eine Nachbarin bestätigt: „Der Tim war ein guter, lieber Junge. Ich kann einfach nichts Schlechtes sagen.“ Und schiebt hinterher: „Der Tim war ein ruhiger Bub’, nicht aggressiv.“ Niemand habe ahnen können, dass Tim diese Bluttat begehen würde – und doch hat er es getan. Das verlangt nach einer Erklärung. Die Nachbarin Hartmann meint: „Ich gebe nicht dem Bub’ die Schuld, ich gebe den Waffen die Schuld.“ Doch auch wenn Waffen wie alle Waren sinnlich-übersinnliche Dinge sind: Von alleine ziehen sie nicht los und schießen Menschen über den Haufen. Die Ermittlungen der Polizei ergaben nur, dass Tim ein mittelmäßiger Schüler war, der gerne und gut Tischtennis spielte, ein paar Horrorfilme besaß und gelegentlich so genannte „ego shooter“ auf dem Computer spielte. Über eine extreme politische Ausrichtung sei nichts bekannt, doch habe ihn der Vater – ein Mitglied des örtlichen Schützenvereins – des Öfteren zu Schießübungen mitgenommen. Seine Eltern arbeiteten viel, seien aber umgängliche Menschen. Eine Freundin habe er schon längere Zeit nicht mehr gehabt. Mit anderen Worten: Tim war ein ganz normaler, fast schon zu durchschnittlicher Jugendlicher, an dem absolut gar nichts auffällig war. Warum er ein Massaker angerichtet hat, ist aus seiner Biographie allein nicht zu erklären. Bei ihm brach sich eine allgemeine Tendenz nachbürgerlicher Subjektivität Bahn, die aufgrund ihres objektiven Charakters von allen nachempfunden werden kann: Wer verspürt nicht gelegentlich tiefe Abscheu gegenüber den Menschen, die da ihre Intrigen und Neidbeißereien mit der niederträchtigsten Selbstzufriedenheit betreiben? Dass einem die Sicherungen durchbrennen und er diese in der Regel durch den Verstand in Schach gehaltenen Gefühle nicht nur zu Vernichtungsfantasien heranreifen lässt, sondern sie auch noch praktisch auslebt, ist zwar schrecklich, klingt allerdings nicht völlig absurd. Denn gerade weil die Kränkung, die dem Verbrechen  zu Grunde liegt, so nachvollziehbar ist, ist das Gerede, man sei „fassungslos“ und „tief erschüttert“ ob dieser „sinnlosen Tat“, in vielen Fällen als Versuch zu sehen, sich der eigenen Gefühlswelt zu erwehren. Die von Tim nur auf die Spitze getriebene, vom Kapital verursachte Kälte, die Bedingung wie Produkt repressiver Vergleichung ist, und die gerade in der Schule trotz aller von den Pädagogen ergriffenen Gegenmaßnahmen („Streitschlicht-AG“, „Klassenfahrt“ etc.) den zukünftigen Warenhütern praktisch beigebracht wird, hat ihr Telos in der Vernichtung all derer, die der eigenen Verwertung im Wege stehen. 
 
 Vieles spricht dafür, dass Tim recht eigentlich kein anderes Motiv hatte als das, möglichst viele Menschen zu töten. Eine überlebende Schülerin sagt: „Er hat die Tür des Klassenraums aufgestoßen und einfach nur geschossen. Er hat kein Ziel gehabt, und er hat nichts gesagt.“ Später allerdings, als er zum zweiten Mal in einen benachbarten Klassenraum rannte und sah, dass sich noch Leute bewegen, rief er: „Seid ihr immer noch nicht alle tot?“ Tim K. wollte töten und er tat es. Darin schüttelte er jede Menschlichkeit ab, formierte sich zur Tötungsmaschine, die keinen außer ihr liegenden Zweck hat, sondern um ihrer selbst willen zur Tat schreitet. 
 
 Eine brauchbare, d.h. sinnstiftende und die Staatsgewalt legitimierende Erklärung allerdings ist das nicht. Um Handlungsfähigkeit zu beweisen, überschlagen sich Politiker, Leitartikler und Unternehmerverbände, das Waffengesetz, die Horrorspielfilmindustrie, gefährliche Computerspiele oder die mangelnde Ausstattung mit Schulpsychologen als Grund für die Tat zu benennen. Dabei liegt es viel näher, den Tatort und die Opfer in die Analyse einzubeziehen. Es dürfte kein Zufall gewesen sein, dass Tim ausgerechnet in seine ehemalige Realschule stürmte und ebenso wenig wird der „gute Schütze“ (FAZ) aus Versehen fast nur Mädchen und Frauen erschossen haben. Er war ein potentieller Verlierer dieser Gesellschaft wie so viele andere auch, im Unterschied zu ihnen aber gab er den Versuch und den Glauben auf, einmal zu den Gewinnern zu gehören, sondern sann auf blutige Rache. Besonders Frauen – also jene Geschöpfe, die sich dem Weltbild des pubertierenden Sohnes eines Schützenvereinsmitgliedes gemäß unterordnen sollen, die jedoch in keinem Falle als reguläre Konkurrenten gelten können – sollten dafür büßen, ihn auch noch verschmäht und ständig verlacht zu haben. Sein Menschen- und speziell Frauenhass muss zum Zeitpunkt der Tat so groß gewesen sein, dass er den Selbsterhaltungstrieb mit aller Kraft überwand. Die schusssichere Weste, die Tim vor dem Blutbad angelegt hatte, konnte ihn nicht schützen, weil er sich am Ende selbst erschoss. Die Schule, der Ort, den er mit all den erlittenen Kränkungen keineswegs völlig zu Unrecht identifizierte, sollte die Bühne eines Lehrstücks werden, dessen Botschaft lautete: Ich bin wertvoll, also respektiert mich gefälligst.
 
 Die Logik des Kapitals, Menschen überflüssig zu machen, wurde von Tim K. voll und ganz akzeptiert: Nur sollte nicht er der Überflüssige sein, sondern die anderen. Indem er ihr Leben auslöschte, bekam sein Leben einen, wenn auch barbarischen Sinn. Insofern war der Amoklauf von Winnenden nicht „sinnlos“. Interessanterweise sind all die Bedenkenträger dieser Republik weniger darüber betrübt, dass mehrere Menschen ermordet wurden als vielmehr darüber, dass die Opfer „unschuldig“ waren. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wären sie „schuldig“ gewesen, würde die Tat schon in Ordnung gehen. Freilich, so einfach ist die Sache nicht. Denn wer schuldig ist – das lernt man nicht nur in der Schule, sondern auch in den nachmittäglichen Gerichtsshows –, bestimmt nicht ein einzelner Bürger, sondern die unabhängige Justiz: Schließlich ist die BRD ein Rechtsstaat. Der Einwand, Tim habe sich „angemaßt“, über Leben und Tod zu entscheiden, zielt ab auf die Erhaltung des Gewaltmonopols des Staates, der die Entziehung des Lebensrechts an seine Polizisten und Soldaten, gelegentlich des Ausnahmeszustandes auch an die einfachen Volksgenossen delegiert. Der Idee nach soll das Recht die Gewalt einhegen, sie begrenzen - doch wohnt dem Recht immer schon die Möglichkeit seiner negativen Aufhebung inne: Wenn es brenzlig wird, werden die zu Bestien vergesellschafteten Staatsbürger von der Leine gelassen und die vormalige Totalität des Rechts in die Grenzenlosigkeit der Gewalt aufgelöst: Der größte, allerdings mit industriellen Mitteln kollektiv betriebene Amoklauf der Geschichte war der Holocaust. Jenes monströse Verbrechen konstituiert bis heute das, was „deutsches Volk“ heißt. [1] Die Sehnsucht nach dem Zustand des erneuten Losschlagenkönnens umtreibt seither die Volksgenossen, die dem Blutbad als Erlösung von der widersprüchlichen Existenz entgegen fiebern. Der alltäglich sich aussprechende und über die Bildzeitung oder die Junge Welt undgebende Hass auf die Schmarotzer und andere (scheinbar) Glückliche präjudiziert das Vollstreckungsurteil, das die endlich wieder zu sich selbst kommende Volksgemeinschaft im avisierten historischen Augenblick sprechen wird – sollte dieser Augenblick nicht verhindert werden können.
 
 Doch auch ohne die befreiende Tat, die der deutsche Staat aufgrund von Verwertungsinteressen untersagt – obwohl sich schon jetzt keineswegs alle an dieses Verbot halten, was nur zeigt, dass die Deutschen gelegentlich autoritärer sind als ihr Staat –, muss das Grundbedürfnis der postnazistischen Warenmonaden nach Bestrafung der Volksfeinde bedient werden, sollen sie im Zaum gehalten werden. Und so ist es kein Zufall, dass die Kulturindustrie zur Stelle ist, um dieses deutsche aber nicht nur auf Deutschland beschränkte Bedürfnis zu befriedigen. Der preisgekrönte und politisch engagierte Film Slumdog Millionaire etwa präsentiert eine Figur, die sich ihrer Sünden bewusst wird und ihr Leben – den eigenen Tod einkalkulierend – damit beendet, einen Haufen Verbrecher über den Haufen zu schießen. Dass dieser Bösewicht, der am Ende durch das Selbstopfer doch noch zum Helden wird, in den letzten Sekunden seines Lebens Koranverse brabbelt, erstaunt wenig. Denn hier, in der kulturindustriellen Visualisierung der kollektiven Rachegelüste der Zukurzgekommenen, erweist sich, dass der deutsche Wahn heute auch ein islamischer ist. Es handelt sich nicht bloß um Parallelen oder Analogien zwischen deutscher und islamischer Ideologie, wie die schlaueren Experten für Antisemitismustheorie meinen, sondern um eine Wesensidentität. Niemals war bekanntlich der Wahn Adolf Hitlers ein starres, auf den deutschen Sprachraum festgelegtes „Sondermodell“ eines abstrakten Nationalbewussteins, sondern immer schon – paradox genug – die bewusstlose Reflexionsform, Ideologie eben, der negativen Tendenz des Kapitals zur Barbarei. Aus den Braunhemden sprach das falsche Ganze in so abgrundtief reiner und konsequenter Form, dass vielmehr die Frage gestellt werden muss, warum sich andere Nationen der Unterwerfung unter diese wahnwitzige Objektivität erfolgreich verweigerten.
 
 Ebenso ist es mit den islamischen Gotteskriegern: Sie haben nicht die antisemitischen Verschwörungstheorien der Deutschen rein äußerlich übernommen, sondern produzieren aus sich selbst heraus den Wahn, der in den Protokollen der Weisen von Zion sich nur artikuliert. In ihrer zu allem entschlossenen Kompromiss- und frömmlerischen Selbstlosigkeit sind die radikalen Muslime die Nazis des 21. Jahrhunderts. Sie haben den Deutschen, die sich nach zwei verlorenen Weltkriegen nicht mehr so recht trauen, die Rolle abgenommen, der Welt die Herrschaft des Todes zu verkünden. Jene Verkündigung ist die negative Einheit von Theorie und Praxis, die von Joseph Conrads Figur des anarchistischen Bombenlegers über George Sorel bis zur RAF gepredigte „Propaganda der Tat“. Die Schriften der Imame, ihre auf aller Welt als Tonträger verkauften Freitagspredigten sind sowohl die Anleitung zum Terror als auch dessen  theoretische Rechtfertigung. Der Terror gegen das irdische Glück und besonders gegen die Juden ist das Primäre, Propaganda der Tat, die Theorie das Sekundäre. Nicht das Portrait Tariq Ramadans tragen die arabischen Kids in Paris oder Rom auf ihren T-Shirts, sondern das Gesicht Osama bin Ladens – Inbegriff der  entfesselten Gewalt. Er ist die Verkörperung des muslimischen Ich-Ideals, Mohammeds, der die Vereinigung der Muslime zur Selbstmordsekte vorantreibt und wie ein Damoklesschwert über den arabischen Massen hängt. Die durch Terror geleistete Produktion einer bedingungslosen politischen Einheit ist vor dem Hintergrund einer faktisch nicht existierenden Staatsgewalt so schrankenlos, dass selbst die Deutschen vor Neid erblassen und anerkennend von der „tiefen Gläubigkeit“ und dem „islamischen Gemeinschaftssinn“ sprechen. Im Jihad ist das Opfer vollends zum ausschließlichen Inhalt des Umma-Genossen eskaliert, sogar der Pelz, den der Wehrmachtssoldat von der Ostfront nach Hause schickte, gilt in Masar-i-Scharif als unislamischer Luxus und damit als Verstoß gegen den auf Mord und Totschlag ausgerichteten Sittenkodex der Umma.
 
 In diesem gesellschaftlichen Gefüge, in diesem islamischen Produktionsverhältnis, verkehrt sich der Amoklauf von einer bedauerlichen Einzeltat zum gesellschaftlichen Allgemeingut. Was in Deutschland als Anzahlung auf das zukünftige Inferno fungiert und vom Staat noch geächtet wird, das preist der Islam schon als heiligen Auftrag. So sehr sich der Amoklauf Tim K.s und das islamische Selbstmordattentat gleichen mögen, so sehr unterscheiden sich  die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Die Tat darf nicht isoliert betrachtet werden, sondern im Zusammenhang des politischen Produktionsverhältnisses, vor dessen Hintergrund der jeweilige Amoklauf stattfindet. Die Anerkennung als politisches Subjekt, die beide – Tim und Khalid, der prototypische Selbstmordattentäter aus Gaza-Stadt – erstreben, wird dem einen auch nach seinem Tod verweigert, dem anderen gewährt: In Winnenden werden Kerzen für die Ermordeten angezündet, in Gaza-Stadt Märtyrerplakate geklebt. Doch es gibt noch einen weiteren Unterschied: Obwohl Tim nach einhelliger Meinung „Selbstachtung“ gefehlt habe, verhält es sich genau umgekehrt: Er hatte Selbstachtung, aber diese ausschließlich. Nur sich selbst liebte und verehrte er, die anderen waren für ihn Ratten und Schmeißfliegen, die man aus der Welt säubern muss. [2] Tim handelte nicht im Auftrag, sondern auf eigene Rechnung. Khalid dagegen mordet im Namen der Umma und des göttlichen Prinzips. Während Tim sich selbst vergöttlichte und sich dementsprechend zum Richter über Leben und Tod aufschwang, vollstreckte Khalid ein von außen kommendes Urteil. Deshalb kann dem Palästinenser im Paradies Erlösung zuteil werden, dem Schwaben aber nicht: Beide töteten sich, um in den Himmel zu kommen, Khalid in den Allahs, Tim in den der Massenmedien. 
 
 In diesem Unterschied zwischen Amoklauf und suicide attack reproduziert sich die Spaltung des Bürgers in bourgeois und citoyen auf höherer Stufenleiter: Weil der Bürger weitgehend – und in Palästina vollends – Geschichte ist, ist es aber auch die Einheit der widersprüchlichen Bestimmungen des Kapitalsubjekts. Nichts anderes synthetisiert die gesellschaftlichen Widersprüche mehr außer der Tod; der Widerspruch wird nicht zur Versöhnung gebracht, sondern kalt gestellt. Gerade weil aber die Einheit - die Rechtsform - entsubstantialisiert (Deutschland) bzw. zerbrochen (Palästina) ist, fallen die einst antagonistischen Sphären des bürgerlichen Subjekts im islamfaschistischen Bandenkollektiv unmittelbar zusammen. Das Recht gilt nur noch als das wilde Treiben unzulässig behinderndes Relikt, das durch den kollektiven Willen des Volkes oder der Umma gemaßregelt und damit aufgehoben werden muss. Übrig bleibt die Willkürherrschaft der Scharia, die jeden Gläubigen in einen skrupellosen Krieger verwandelt. Weil in Deutschland, entgegen seinem nationalsozialistischen Kern, aber noch weitreichende und zweifellos oktroyierte zivilisatorische, das Individuum vor dem Zugriff der Gemeinschaft und die Gesellschaft vor verrückten Einzelnen schützende [3] Momente Bestand haben und von einer immer kleiner werdenden „Partei“ verteidigt werden, muss sich hier der Amoklauf noch als dem Gemeinwohl widersprechendes und seiner gesellschaftlichen Grundlage entsprungenes Verbrechen darstellen. In Palästina dagegen agiert der suicide bomber immer schon im Einklang mit der pervertierten, nachbürgerlichen Form des Gemeinwohls [4], er negiert den bourgeois, indem er ihn in sich zurücknimmt und auf dem Altar Gottes opfert. Beide Seiten des nachbürgerlichen Subjekts sind, obwohl geschichtlich auseinander gerissen, ineinander verschränkt: Der Einzelne muss tun, was die Gemeinschaft von ihm verlangt, aber sie nimmt es ihm auch nicht ab: Barbarei in Eigenregie. Das bedeutet: Khalid macht vor, wonach sich die Tim K.s noch sehnen: Sinnstiftung durch Mimesis an den objektiven Gang, Einfügung in den Strom der Geschichte.
 
 
 Anmerkungen:
 
 [1] Vgl. dazu: Initiative Sozialistisches Forum, Der Staat des Grundgesetzes, auf: www.isf-freiburg.org.
 
 [2] So schrieb etwa der Amokläufer von Emsdetten: "Nazis, HipHoper, Türken, Staat, Staatsdiener, Gläubige...einfach alle sind zum kotzen und müssen vernichtet werden!" Und weiter: "Sie sollten alle vergast werden!" http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24032/1.html. Übrigens belegt ein Großteil dieses Abschiedsbriefes die in diesem Text bezüglich des Winnendener Massakers vertretenen Thesen.
 
 [3] Figuren wie Ismail Haniye kommen hierzulande, wenn alles seinen gesetzlichen Gang geht und er nicht gerade als Diplomat eines anderen Volkes auf Deutschland-Tour ist, in den Knast.
 
 [4] Pervertiert ist sie, weil die Produktion gesellschaftlichen Reichtums in Palästina durch die des Todes ersetzt wird.