Ausgabe #10 vom

Mission Impossible: Agent verbrannt

Das Ende des „moderaten Islams“

HORST PANKOW

Nicht nur die Auseinandersetzung um das so genannte BKA-Gesetz hat verdeutlicht, dass der Kampf gegen den islamischen Terrorismus seitens der politischen Funktionsträger vor allem als eine mit geheimdienstlichen Mitteln geführte Auseinandersetzung begriffen wird. Aus durchaus plausiblen Gründen, wie auch die im gleichen Zusammenhang stattfindenden Initiativen für die Möglichkeit eines innerstaatlichen Einsatzes der Bundeswehr zeigen: Kann man doch so die Illusion einer Differenz von grundsätzlich friedfertigem Islam und diesen missbrauchenden Islamismus aufrechterhalten. Die Bedrohung kann auf diese Weise externalisiert, einem äußeren Feind traditioneller Provenienz zugeschrieben werden.

Doch ebenso wie die Motivation für die innerstaatliche Aufrüstung von Geheimdiensten und Militär liegen die Gründe für ihre tatsächliche Ineffektivität auf der Hand. In islamisch-militanten Kreisen dürfte ein jihadistischer Heißsporn, der sich im Internet eine Anleitung zum Bombenbasteln runterlädt, wohl als Selbstmörder, aber nicht als Selbstmordattentäter gelten, wahrscheinlich bedauerte man ihn als einen, den sein Dilettantismus um den Märtyrerstatus bringt. Die Londoner Attentäter, die im Juli 2005 willkürlich Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel massakrierten, waren zuvor niemals den staatlichen Lausch- und Observationsorganen aufgefallen, weil es sich um ganz gewöhnliche Mitglieder der großen islamischen Community handelte. Und die nordrhein-westfälischen „Kofferbomber“ konnten zwar aufgrund der in deutschen Bahnhöfen inzwischen reichlich vorhandenen Überwachungskameras identifiziert und verhaftet werden, doch erst nachdem man ihre technisch defekten Sprengsätze gefunden hatte. Was eine asymmetrische Kriegsführung tatsächlich bedeuten kann, hat man derzeit am ehesten wohl in der US-amerikanischen Kulturindustrie realisiert. In dem Actionfilm Der Mann, der niemals lebte, mit dem Regisseur Ridley Scott das tot geglaubte Genre des klassischen Agentenfilms mit einer Handlung aus dem zeitgenössischen War on Terror zu neuem Leben erweckt hat, verweigern sich die Gotteskrieger einfach den überwachungsfähigen Kommunikationsmitteln. Sie benutzen keine Handys, schreiben keine Emails, alle wichtigen Informationen werden direkt mündlich übermittelt. „Unser Feind hat erkannt, dass wir aus der Zukunft kommen“, sagt der skrupellose ältere CIA-Agent seinem idealistischen jüngeren Kollegen, deshalb ziehe dieser Feind es vor, „aus der Steinzeit“ zu agieren.

Dabei handelt es sich freilich um eine postmoderne Steinzeit. Aber dies trifft in gewisser Weise auch auf die hypertechnisierte Welt der westlichen Staaten zu, die es vorziehen, einem fanatisierten Feind dessen freimütig zur Schau gestellten Vernichtungswillen schlichtweg nicht glauben zu wollen und es stattdessen vorziehen, mit historisch obsoleten Mitteln aus einer Zeit, in der Kriegsparteien sich noch wechselseitig rationales Kalkül unterstellen konnten, zu reagieren. Eine Strategie, deren wesentliche Komponenten in der Zerschlagung der erkennbaren militärischen Strukturen einerseits und in dem Angebot zur Integration von Infrastruktur und Anhängerschaft andererseits besteht, wird nicht aufgehen. Man kann den Leuten noch so viele islamische Republiken, wie in Afghanistan und im Irak, errichten und diese zu „gemäßigten“ erklären, man mag ihnen schulischen Islamunterricht offerieren, mit ihnen staatstragende Islamkonferenzen veranstalten und den Gedanken nicht abwegig finden, zumindest Teilen der Scharia eine auskömmliche Koexistenz mit den Gesetzen des weltlichen Staates zu gestatten – es wird vergeblich sein: Die Idee eines „Weltkalifats“ ist islamisches Allgemeingut, und wurde bislang nur von solchen Staaten mit mehrheitlich moslemischer Bevölkerung effektiv eingedämmt, die mit ungehemmter Brutalität westliche Ideale wirtschaftlicher und politischer Stärke nachholend zu realisieren strebten. Namentlich können hier der Saddam-Husseinsche Irak und die kemalistische Türkei genannt werden. Das Schicksal des Irak ist bekannt, das der Türkei vollzieht sich gerade unter den beifälligen Kommentierungen westlicher Beobachter.

Eine annähernd effektive Abwehr gegen islamische Bedrohungen würde tatsächlich nur in der offensiven Verteidigung historisch erreichter „westlicher“ Essentials bestehen können: Der Primat des Individuums und seiner Freiheit in ihren sämtlichen privaten und öffentlichen Aspekten müssten mit den Mitteln von Strafe und Belohnung seitens der staatlichen Gewaltmonopolisten verteidigt werden. [1] Eine nahezu aussichtslose Forderung, gewiss, haben doch gerade die Inhaber des berühmten Gewaltmonopols in Geschichte und Gegenwart hinreichend bewiesen, dass sie die Auszeichnung Dogmatiker der bürgerlichen Freiheitsrechte für durchaus verzichtbar halten.

Innerstaatliche Aufrüstung von Geheimdiensten, Polizei und Militär bewirkt jedenfalls keinen Schutz vor islamisch motivierten Angriffen und Massenmorden. Vielmehr wird sie Entwicklungen zu einer weiteren autoritären Formierung der bestehenden Gesellschaft Vorschub leisten. Nicht die Pläne von Selbstmordattentätern würden durch Online-Durchsuchungen staatlicher Schnüffler aufgedeckt werden, sondern die alltäglichen schäbigen Geheimnisse gewöhnlicher Staatsbürger. Die Spuren von Ausflügen durch die Pornographie-Landschaften des Internet würden ebenso ermittelt wie mögliche Schwarzkonten von Hartz-IV-Empfängern; als Resultate könnten dem Volkszorn zahlreiche Objekte in Form von auf frischer Tat ertappten „Sexualtätern“ und „Sozialschmarotzern“ zugeführt werden. Nun ist aber das BKA-Gesetz gerade deshalb vorerst gescheitert, weil einem beträchtlichen Teil des politischen Funktionspersonals Zweifel an seiner Effektivität gekommen waren. Nicht dass man grundsätzliche Bedenken gegen das Ausschnüffeln des staatsbürgerlichen Alltagslebens hätte. Nur: Was sollte eigentlich mit all den gewonnenen Informationen geschehen, vor allem auf „rechtsstaatlicher“ Grundlage? So war dann bald von einer möglichen Hypertrophie der Überwachungsorgane die Rede. Hatte sich nicht auch die Staatssicherheit der DDR als unfähig erwiesen, weil sie in der angesammelten Datenflut buchstäblich ertrunken war?

Hypertrophie staatlichen Überwachungsstrebens beinhaltet aber nicht nur die Wahrscheinlichkeit von Unfähigkeit und Ineffizienz, auch gewisse irrationale, ja groteske Züge sind ihr eigen. Deutlich wurde dies anlässlich der geplanten Einführung des so genannten Nacktscanners auf europäischen Flughäfen. Dass dieses Gerät zur kleidungsdurchleuchtenden Inspektion der Anatomie von Flugzeugpassagieren ausschließlich das Arbeitsleben des Personalsegments voyeuristisch interessierter Sicherheitsleute bereichern würde, war schnell klar. Der Nacktscanner wurde zu Recht ein Objekt von Kabarett und Karikatur, die verantwortlichen EU-Instanzen beeilten sich, die Einführung des Geräts schnellstmöglich zu canceln.

Dennoch scheint es sinnvoll, bei diesem für das staatliche Überwachungsstreben peinlichen Intermezzo noch ein wenig zu verharren. Ältere erinnerte die Präsentation des Nacktscanners vielleicht an ein Produkt, dass in den 60er Jahren der (männlichen) Leserschaft von Romanheften und Boulevardblättern annoncierte wurde: die Röntgenbrille. Sie sollte den Augen ihrer Träger die Fähigkeit verleihen, die Kleidung des anderen Geschlechts zu durchdringen. In den Annoncen war stets eine Zeichnung zweier Röntgenbrillen tragender junger Männer enthalten, die feixend durch die Kleider von Passantinnen deren pralle Rundungen unter knapp sitzender Unterwäsche fixierten. Das Versprechen eines solchen infantilen Vergnügens dürfte wohl auch damals schon ein leeres gewesen sein, anderenfalls hätten uns längst die Freunde der Theorie des Monopolkapitalismus erklärt, warum die EU statt der wahrscheinlich kostengünstig zu produzierenden Röntgenbrillen die kostenintensiven, digitalisierten Scanner ordern wollte. Ein Versprechen, auch ein leeres, kann allerdings nur dann eine geschäftliche Transaktion initiieren, wenn ihm ein auf Erfüllung wartendes Bedürfnis entspricht. Gewiss war dieses in der, traditionelle Prüderie gerade überwindenden, Zeit der Röntgenbrille vor allem eines nach Informationen über den weiblichen Körper. Es war aber auch eines nach Zuwachs persönlicher Souveränität: Denn wenn sich ein junger Mann noch vor direkter Kontaktaufnahme einen optischen Eindruck von dem Körper des möglichen Sexualobjektes zu verschaffen vermochte, war er dann nicht auch sicherer in seiner Entscheidung für oder gegen es, konnte er nicht vielleicht auch bei der heimlichen Körpersichtung Informationen sammeln, die Rückschlüsse auf eventuelle erotische Präferenz zuließen? Man kann solches Streben nach Souveränitätszuwachs durchaus auch als eines nach Macht kennzeichnen, denn ohne Kenntnis des jeweils anderen gesammelte Informationen ermöglichen ihrem Träger eine zumindest potentielle Berechenbarkeit und damit die Fähigkeit der positiven wie negativen Selektion des Objekts sowie Chancen für dessen Beeinflussung. Womit wir den Bogen vom naiven Röntgenbrillenträger der 60er Jahre zum smarten Geheimdienstler nicht nur unserer Tage geschlagen hätten.

Die Geheimdienste demokratischer Regimes sind offiziell Organe der Legislative und beschaffen nicht allgemein zugängliche Informationen über Aktivitäten und Absichten staatlicher Konkurrenten bzw. tatsächlicher oder vermuteter nichtstaatlicher Gegner. Von Geheimdiensten beschaffte Informationen, für die das Englische den eindrucksvoll schillernden Begriff Intelligence geprägt hat, dienen den Zwecken staatlicher Machtausübung, indem sie als Grundlage für die Berechnung und Beeinflussung der Konkurrenten und Gegner Anwendung finden. Den Geheimdiensten demokratischer Regimes ist es offiziell versagt, exekutive Aufgaben durchzuführen, allzu schnell könnte dies sonst aus- und inländische Miesmacher zu dem Ausruf „Gestapo“ verleiten, und schon hätte man ein Imageproblem. [2] So müssen die grandiosen Erzählungen über die stets aufs Neue zu vollziehende Eliminierung, Liquidierung, Terminierung etc. des Bösen auf dieser Welt in den Bereichen der fiktionalen Prosa und des populären Unterhaltungsfilms verbleiben. Von dort aus entfalten sie freilich eine immense Wirkung in den Köpfen der ganz gewöhnlichen Zeitgenossen ebenso wie in denen Prominenter, etwa des Doktor Schäuble, dem lange Zeit glücklos erscheinenden „Vater“ des umstrittenen BKA-Gesetzes.

Es sind Erzählungen exekutiver Omnipotenz in einer durch Sinnhaftigkeit gekennzeichneten Welt. Sinn wird dort hergestellt, indem jedes Ding und jede Person, jedes Ereignis und jede Situation eine andere Bedeutung haben kann als die zunächst offensichtliche. Wie im Kriminalroman und in der paranoiden Verschwörungstheorie erhält eine scheinbar in Disparatheit versinkende Welt einen neuen Zusammenhalt durch die (Neu-)Interpretation ihrer Bestandteile und ihres Personals. Solche Interpretationsleistung führt in den Erzählhandlungen vor allem zur Aufdeckung unbekannten sinnhaften Agierens – zumeist Intrigen, Komplotte und Verschwörungen –, auf deren Grundlage den jeweiligen Bösen dann der Garaus gemacht wird. Die Fähigkeit zur heilsamen Umdeutung der bislang als bekannt unterstellten sinnlosen Welt beinhaltet oft auch die Fähigkeit, auf die Welt der Gegenseite Einfluss zu nehmen, d. h. die Interpretation des Gegners gegen dessen Interesse zugunsten eigener Zwecke zu steuern. Ausgebreitet wird diese Fähigkeit in den Erzählungen gigantischer Täuschungsmanöver, in denen Doppel- und Einflussagenten eine zentrale Bedeutung zukommt. In den heroischen Spionagemythen beider Seiten des Kalten Krieges spielen gerade Einflussagenten bisweilen eine wichtige Rolle. Ein Einflussagent wird aus berufenem Mund wie folgt definiert: „Agent, dessen Tätigkeit nicht primär die Beschaffung von Informationen ist, sondern der aktive Einfluß auf die Maßnahmen und Einrichtungen des Gegners, indem er z. B. meinungsbildend tätig ist.“ [3]

Das so genannte BKA-Gesetz soll vordergründig islamische Terrorangriffe verhüten helfen. Wenn es wohl auch am effektivsten gegen die banale Alltagsdelinquenz gewöhnlicher Bürger zum Einsatz kommen wird, dürfte gelegentlich doch Islamisches von den Schnüfflern der Öffentlichkeit präsentiert werden. Schließlich wird man die Legitimation der geheimdienstlichen Maßnahmen nicht durch Untätigkeit dahinschwinden lassen wollen. Der gewalttätige Islam wird also weiterhin seine Darstellung als ein von außen agierender Feind erfahren. Was aber ist mit seinem positiven Gegenstück, dem grundsätzlich friedfertigen Islam? Alle noch so genialen Interpretationsversuche der vom Omnipotenzwahn dominierten geheimdienstlichen Welt versagen am simplen Nichtvorhandensein von, wie dringend auch immer benötigtem, Material. Oder vielleicht doch nicht?

Wer über qualifizierte Einflussagenten verfügt, ist zumindest prinzipiell in der Lage, ein real nur gedanklich existierendes Phänomen zum praktischen Leben zu erwecken. Warum sollte es nicht möglich sein, nach dem realen Scheitern bei der Suche nach einem „moderaten Islam“, der wie ein gefälliger grüner Farbtupfer seine Freude im geselligen Miteinander der zivilgesellschaftlichen Idylle findet, auf andere Weise erfolgreich zu sein? Könnte es nicht gelingen, den Wunsch vom Fluch seiner Nichterfüllung zu erlösen, indem man ein wenig nachhilft und sich als Geburtshelfer des „moderaten Islam“ betätigt? Wozu hat man schließlich Einflussagenten? So paranoid derlei Gedanken anmuten mögen und tatsächlich auch sind, irrealer als das Ansinnen, mit dem Einsatz von Überwachungs-Hochtechnologie einen dieser Technologie völlig inadäquaten Feind bekämpfen zu wollen, sind sie jedenfalls nicht. Deshalb wird im Folgenden der spielerische Versuch unternommen, die seltsame Geschichte des Muhammad Kalisch als Geschichte eines gescheiterten Einfußagenten zu erzählen.

Sollte der „moderate Islam“ in diesem Land jemals einen realen Ort gehabt haben, so war dieser gewiss das Centrum für Religiöse Studien (CRS) an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Dafür stand seit 2004 der Leiter des CRS ein. Professor Doktor Muhammad Kalisch, ein zum Islam konvertierter Deutscher, war nicht nur mit theologischen und historischen Fragenstellungen seines Forschungsgebiets befasst, ihm oblag ab dem Wintersemester 2005 auch die Supervision des bislang einzigen universitären Ausbildungsplatzes für islamische Religionslehrer an deutschen Schulen. Eine zeitlang schien sich die Öffentlichkeit an einer gelungenen und zukunftsträchtigen Darbietung des ergreifenden Schauspiels einer liberalen Ausbildung in Sachen islamischer Religionsunterricht bzw. Islamkunde erfreuen zu dürfen. Im September 2008 fand dies allerdings ein jähes Ende, der Professor Kalisch wurde von seinem „Dienstherrn“, dem nordrhein-westfälischen Wissenschaftsminister, von der Lehrerausbildung „entbunden“, wie es im Bürokraten-Jargon der Verwaltung heißt. Kalisch, der es wissen muss, sieht sich inzwischen selbst als Objekt islamischer Strafgelüste: In entsprechenden Kreisen verzichte man jetzt nämlich auf die Nennung seines islamischen Vornamens, man rede und schreibe wieder über Sven Kalisch. „Einige betrachten mich nicht mehr als Muslim“, erklärte er dem Spiegel (22.09.08, S. 38). Was war geschehen? War hier ein Einflussagent verbrannt?

Doch bringen wir zunächst die Geschichte in eine chronologische Reihenfolge. Ein Einflussagent bedarf – das weiß jeder, der sich zumindest einmal ein entsprechendes literarisches oder filmisches Machwerk zu Gemüte geführt hat – einer glaubwürdigen Legende. Gleichermaßen eilfertige wie glaubwürdige Legendenbildner sind in diesem dummen Land die Massenmedien. Und an herzergreifendem Legendenstoff mangelt es der Phantasie dort beschäftigter Lohnschreiber nicht, wie das folgende Beispiel aus dem Berliner Tagesspiegel zeigt: „Es war aus Höflichkeit, dass der Hamburger Junge anfing, im Koran zu lesen. Der Vater eines türkischen Freundes hatte ihm das Buch geschenkt, weil er sich so freute, dass der Deutsche die türkische Sprache lernte. Das war Anfang der 80er Jahre. Der Hamburger Junge hieß Sven, aber seine Augen waren schmaler als bei den anderen und sie standen schräger. Die Vorfahren seiner Mutter stammten aus der Mongolei, der Sohn wurde gehänselt deswegen.“ Als solchermaßen Geächteter litt er natürlich furchtbar unter dem, was politisch korrekte Deutsche „Ausgrenzung“ nennen, und so kam es, wie es kommen musste: „Der Ausgegrenzte freundete sich an mit den anderen Ausgegrenzten, den Türken, die in den Hochhaussiedlungen im Süden Hamburgs wohnten, nicht weit von da wo Sven groß wurde. Sein eigener Vater mochte das nicht, wieso spielte der Junge bloß immer mit den Türken? Als eines Tages der Schweinebraten auf dem Tisch stand, sagte der Junge: Ich kann das nicht essen, ich bin jetzt Moslem. Der Vater war schockiert.“ Konsequenz war schon früh ein signifikantes Merkmal des Jungen aus der Hamburger Peripherie: „Seit seinem 16. Lebensjahr ist Sven Kalisch Muslim, seitdem nennt er sich Muhammad. Das Konvertieren ging ganz schnell: Er sprach das Glaubensbekenntnis vor zwei türkischen Freunden.“ Dem Erwachsenen sollte sich der Konsequenz noch ein ausgeprägter Hang zur Moderation hinzugesellen: „Kalisch ist vom Glauben Muslim und vom Temperament Norddeutscher, er kennt sich aus im Islam, in der christlichen Kultur und mit den gegenseitigen Vorurteilen. Er ist unverdächtig, agitieren zu wollen. [...] Für die Deutschen ist er ein idealer Ansprechpartner bei Fragen zu der Religion, die heute fast automatisch zusammen mit Terrorismus gedacht wird.“ [4]

Andere Blätter verweisen auf die eindrucksvolle berufliche Laufbahn des 42jährigen. Nach dem Jurastudium verfasste er eine Promotionsschrift mit dem Titel Vernunft und Flexibilität in der islamischen Rechtmethodik, die er 1997 an der Technischen Hochschule Darmstadt vorlegte. Danach arbeitete er bis 2001 als Rechtsanwalt in Hamburg. 2002 habilitierte er sich an der Universität Hamburg mit einer Schrift, deren Titel Islamunkundigen wie aus einer Erzählung von Jorge Luis Borges entnommen anmutet: Fiqh und Usul-al-Fiqh in der Zaidiya. Die historische Entwicklung der Zaidiya als Rechtsschule. Die Hamburger Uni engagierte ihn daraufhin für die kommenden drei Jahre als Privatdozent im Fachbereich Islamwissenschaft. 2004 wechselte er dann nach Münster.

In der westfälischen Provinz zum Sunnyboy der deutschen Freunde eines „moderaten Islam“ avanciert, machte er sich bei den Rechtgläubigen seiner Religion offenbar nur wenig Freunde. Ein locker und hemdsärmlig auftretender Muhammad verkündete, das islamische Kopftuch sei zwar eine nützliche Sache, doch seine Frau trage es nicht und seinen Töchtern wolle er eine Entscheidung darüber nicht aufherrschen. Dennoch malte er auch am irrealen, aber der deutschen Öffentlichkeit gefälligen, Bild einer „emanzipierten“ Kopftuchträgerin: „Es herrscht eine aus meiner Sicht absurde Diskussion über das Kopftuch, die in der Praxis dazu geführt hat, dass gerade emanzipierte Muslimas vom Berufsleben ausgeschlossen werden.“ [5] Anlässlich der islamischen Ausschreitungen während des so genannten „Karikaturenstreits“ im Frühjahr 2006 bemühte er sich nahezu mustergültig um die Darstellung einer wahrhaft „moderaten“ Haltung, stets folgte dem einerseits ein äquivalentes andererseits. Einerseits: „Wenn man weiß, dass Muslime eine bildliche Darstellung des Propheten als besonders verletzend empfinden, dann sollte jemand, der Kritik am Islam hat und sich in einem ehrlichen Dialog mit Muslimen über seine Kritik auseinandersetzen möchte, sich fragen, ob er seine inhaltliche Kritik in gleicher Schärfe vielleicht nicht mit einem Mittel ausdrücken könnte, das sein Anliegen genauso klar zum Ausdruck bringt, aber die Gegenseite weniger verletzt. Dies ist eine Frage des Anstands und des Stils.“ Andererseits: „Trotzdem bleibt festzuhalten, dass dabei auftretende Konflikte nicht mit dem Strafrecht gelöst werden können und dürfen. Im Spannungsfeld von Meinungsfreiheit und Wissenschaftsfreiheit einerseits und Religion andererseits muss es eine absolute Freiheit der Meinung und der Wissenschaft geben, auch wenn dies religiöse Gefühle verletzen mag. Jeder Versuch, hier zu begrenzen, ist mit dem Wesen der Grundfreiheiten nicht zu vereinbaren und alle historische Erfahrung zeigt, dass dabei nichts Gutes herauskommen kann.“

Tatsächlich: Ein Liberaler auf den Spuren des Propheten. Ein waghalsiges Abenteuer, wie spätestens mit dem folgenden Zitat deutlich wird: „Wer wirklich glaubt, dass alle Muslime, alle Juden oder alle Atheisten Verbrecher seien, der kann in dieser Auffassung nicht mehr von der Meinungsfreiheit geschützt werden, weil er die Grundlage, auf der die Meinungsfreiheit selbst beruht, nicht akzeptiert, nämlich die Würde des Menschen und die Vorstellung, dass Schuld immer individuell und nie kollektiv sein kann, mithin es also unsinnig ist, bestimmten Gruppen pauschal unmoralisches und ungesetzliches Verhalten zu unterstellen.“ [6] Mag deutschen Freunden des „moderaten Islam“ die Idee, Schuld könne nie kollektiv sein, besonders zu Herzen gehen (Kollektivschuld, da war doch mal was...), dürfte die Gleichsetzung von Muslimen, Juden und Atheisten in den Kreisen der Rechtgläubigen für Empörungsschrei gesorgt haben. Man wundert sich, dass es nicht schon früher zum Skandal kam.

Zumal an Kalischs Centrum für Religiöse Studien noch anderes für Begeisterung bei deutschen Islamophilen und für Entsetzen bei Rechtgläubigen sorgte. Eine auch als Grundschullehrerin tätige wissenschaftliche Mitarbeiterin hatte ein Schulbuch für den Islamunterricht mitverfasst, das in den Massenmedien allgemeines Lob für seine tolerante Darstellung der Religionen erntete. Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zum „moderaten Islam“: Denn Saphir. Ein Koran für Kinder und Erwachsene vertritt den begeisterten Medienberichten zufolge nicht nur die Gleichheit der Religionen und Geschlechter, es zeigt sogar Abbildungen Mohammeds und diesen gemeinsam mit dem Stifter der christlichen Religion beim Schachspiel, außerdem – „heikle Wörter wie Dschihad und Scharia kommen in dem Buch nicht vor.“ (Die Zeit, 13.03.08) Der taz vom 2. Februar 2008 war zu entnehmen: „’Saphir’ aber darf ab diesem Schuljahr in den fünften und sechsten Klassen in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Bremen und Niedersachsen eingesetzt werden. Der Verlag plant zwei weitere Bücher für die Klassenstufen sieben bis zehn.“

Der Skandal war da, nachdem ein Bombe platzte, deren Lunte der erfolgreiche und wohl im Übermaß selbstsichere Muhammad Kalisch selbst entzündet hatte. Im Rahmen seiner „historisch-kritischen Islamstudien“ war er zu der Auffassung gelangt, der Prophet Mohammed habe als eine historische Figur niemals existiert, diese sei vielmehr eine Projektion, in der sich mancherlei reale und mythologische Figuren und Ereignisse verdichteten. Der katholischen Wochenzeitung Rheinischer Merkur bekannte er Mitte Oktober in einem Interview offenherzig: „Ich bin ein Häretiker“. Auf die Frage, wie er es denn mit dem Propheten halte, gab er zu Protokoll: „Schon vor meiner Berufung habe ich die Nicht-Existenz von Abraham, Moses und Jesus vertreten, und bereits das ist für viele Muslime eine schwerwiegende Angelegenheit. Der islamischen Überlieferung habe ich nie groß vertraut, allerdings niemals einen historischen Kern, einschließlich der Person Mohammeds, bezweifelt. Ich bin aber nunmehr der Ansicht, dass insbesondere unter Einbeziehung der nichtislamischen Überlieferung und der archäologischen Faktenlage die Geschichtlichkeit Mohammeds zweifelhaft ist.“ [7] War dies die Selbstenttarnung eines Einflussagenten? Oder ist Kalisch gar kein Einflussagent gewesen, sondern nur ein Idealist, dem bei dem Projekt der Realisierung eines „moderaten Islam“ eine agentenartige Rolle zugeschoben wurde? Oder war alles überhaupt nicht agentenhaft geheimnisvoll, das ganze Theater vielleicht nur eine typische Posse im islamophilen Deutschland?

Wie auch immer, verbrannt im mehrfachen übertragenen Sinne des Wortes war Muhammad Kalisch bereits einige Wochen vor seinen ketzerischen Interviewäußerungen. Im September hatte eine sich selbst als „Koordinationsrat der Muslime in Deutschland“ bezeichnende Allianz, bestehend aus den in Doktor Schäubles Islamkonferenz vertretenen Islamorganisationen (abzüglich der Aleviten), über Kalisch den Bannfluch ausgesprochen. Man könne islamischen Studenten nicht länger empfehlen, sich als Lehramtsanwärter am Centrum für Religiöse Studien einzuschreiben. „Also, wenn es den Propheten nicht gegeben hat, dann gibt es den Koran nicht. Und wenn es den Koran nicht gibt, was bleibt dann übrig?“ orakelte es aus dem Munde eines Mannes namens Ali Kizilkaya, der als „Sprecher“ des dubiosen Koordinationsrates auftritt. „Also, dann“, so das „Sprecher“-Orakel weiter, „müsste man die Religion abschaffen.“ Was bekanntlich den Untergang des Morgenlandes zur Folge hätte.

Die Abwendung einer solchen Katastrophe fällt offenbar auch in den Zuständigkeitsbereich des Andreas Pinkwart, eines FDP-Politikers, der aktuell die Rolle des nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministers darstellt. Unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Koordinationsrats-Fatwa suspendierte er Muhammad Kalisch, der jetzt für Rechtgläubige wieder Sven heißt, von der Islamlehrerausbildung. Der Posten ist derzeit noch vakant, wes Geistes Kind sein Nachfolger sein wird, mag man sich denken, ein Anhänger des phantastischen „moderaten Islam“ gewiss nicht wieder.

Damit endete nicht nur die alberne Story vom Einflussagenten, der in einer wahrhaften Mission Impossible das Phantom „moderater Islam“ zu realem Leben erwecken sollte, damit ist wohl auch das Phantom-Projekt selbst seinem Verschwinden ein Stück näher gekommen, wenngleich es in der Phantasie deutscher Islamophiler wohl noch etwas länger herumspuken dürfte. Der Umstand freilich, dass ein „liberaler“ Wissenschaftsminister springt, wenn ein islamischer Verein pfeift, provoziert düstere Prognosen: Vielleicht werden ja die im BKA-Gesetz des Doktor Schäuble vorgesehenen High-Tech-Schnüffler in nicht allzu langer Zeit von einer islamischen Religionspolizei assistiert. Auf freiheitlich-demokratischer Grundlage, versteht sich.


Anmerkungen:

[1] Auch als Ideologiekritiker qua Berufung sollten wir gelassen konstatieren, dass das Individuum und seine Freiheit sich nicht in ideologischer Fiktion und polit-ökonomischer Funktion erschöpfen. Eine emanzipatorische Abschaffung von Staats- und Marktverhältnissen soll ja gerade die Befreiung der Einzelnen aus den Fesseln unverstandener gesellschaftlicher Verhältnisse bewirken. Diese Aufhebung des Individuums ist das Gegenteil seiner Abschaffung zugunsten dubioser Kollektive, vielmehr der Beginn einer tatsächlichen Souveränität der Einzelnen als gesellschaftliche Wesen. Ein Zurück hinter den in der bestehenden Gesellschaft möglichen Entfaltungsspielraum des Individuums beinhaltet notwendig autoritäre Implikationen.

[2] Auch das BKA-Gesetz des Doktor Schäuble hätte die Grenzen staatlicher Gewaltenteilung durchbrochen, indem es einem Polizeiorgan – dem BKA – geheimdienstliche Befugnisse erteilt hätte. Noch ein Grund für „Nachbesserungen“...

[3] www.spionage-sabotage.de/ND_Lexikon/ND_Lexikon_E.html

[4] Wer den gesamten hagiographischen Entwurf lesen möchte, kann dies unter: www.tagesspiegel.de/zeitung/Die-Dritte-Seite;art705,2287923.

[5] Muhammad Kalisch, „Der Islam und wir Muslime werden zu einem Feindbild aufgebaut“, unter: de.qantara.de/webcom/show_article.php

[6] Quelle der drei letzten Kalisch-Zitate wie in vorangegangener Fußnote.

[7] Interview unter: www.merkur.de/index.php.