Ausgabe #10 vom

„Ich nehme diesen Preis nicht an“

German Images (6)

RAINER WASSERTRÄGER

Als Marcel Reich-Ranicki öffentlich mit großem Tamtam erklärte, er nehme den Deutschen Fernsehpreis nicht an, weil er schockiert sei über den niveaulosen Müll, der ihm soeben präsentiert worden war, da sah man in den Gesichtern der Stars und Sternchen zweiter, nämlich deutscher Ordnung einen Ausdruck der Ratlosigkeit. Einerseits fühlte man sich ertappt, andererseits hielt man sich doch für einen Künstler – einen ganz kritischen noch dazu – und fühlte sich insofern verpflichtet, dem alten Mann entschieden Recht zu geben. Als dann der oder die erste losklatschte – vermutlich war es die notorische Analphabetin und überdrehte Nervensäge Elke Heidenreich – entspannten sich die Gesichtszüge und es gab kein Halten mehr. Dass Reich-Ranicki soeben ihr gesammeltes Schaffen als Schund denunziert hatte, störte sie nicht, weil ohnehin jeder wusste, dass es nicht so arg gemeint war, wie es zunächst geklungen hatte. Thommy Gottschalk rettete die Situation souverän und bot dem gerne im Mittelpunkt stehenden Literaturkritiker an, zusammen mit ihm und den Intendanten der öffentlich-rechtlichen Sender vor laufender Kamera über den Kulturverlust im deutschen Fernsehen zu diskutieren. Gesagt, getan. Man fabulierte ein wenig herum und war sich einig, dass ein gesunder Ausgleich zwischen Schund und Hochkultur gefunden werden müsse.
 
 Nur Günni Grass, der schon oft von Reich-Ranicki eins über den Schädel gezogen bekommen hatte, maulte noch ein wenig herum und versuchte, die Chance zur Rache zu nutzen. Doch das wirkte nur noch lächerlich. Alle waren sich einig, dass der Bücherpapst schon einen wunden Punkt getroffen habe, ab und an machte sogar das Wort „Kulturindustrie“ die Runde. Keiner jedoch machte sich die Mühe, mal zu überprüfen, was Reich-Ranicki wirklich gesagt hatte. Denn er hatte nicht nur den allzu offensichtlichen Müll à la deutsche Comedy moniert, sondern vor allem ein dickes Lob an die Kultursender Arte und 3Sat ausgesprochen, die man bitteschön dem Atze Schröder vorziehen solle. Dass, wer schon von Kulturindustrie redet, Arte und 3Sat eindeutig dazu zählen muss, versteht nur, wer die hochkritischen Töne dieser Sender als ideologische Sauce zu entlarven vermag. Wenn irgendwo die neueste deutsche Ideologie, die sich aus den Ingredienzien „Kulturen“, Antikapitalismus und Ökologie zusammensetzt, dann hat sie ihren festen Platz sowohl auf den genannten hochoffiziellen Kultursendern im europäischen Auftrag, als auch in den Sendungen für die Elite der „Okay-Verdiener“ (Bahamas), etwa die schwer subversive Titel, Thesen, Temperamente (ARD), der globalisierungskritische und ganz bestimmte die Eigenart fremder Kulturen respektierende Weltspiegel (ARD) oder das auslandsjournal (ZDF). Und auch bei Kerner, Beckmann, Maischberger, der Lindenstraße oder dem allwöchentlichen Tatort kommt der ideologiesüchtige Staatsbürger voll auf seine Kosten. Da bleibt nur eins: Die Glotze abschalten!