Ausgabe #10 vom

Ein Mann der Wahrheit

Eine abschließende Würdigung George W. Bushs

JAN HUISKENS

Die Deutschen sind demokratisch in dem Sinne, dass jeder Einzelne dem kollektiven Willen nachspürt und sich bar jeder Reflexion dem nationalen Auftrag verpflichtet fühlt. Das Resultat dieser Konstitution des postnazistischen Subjekts ist eine erstaunliche ideologische Homogenität, die nur notdürftig durch angebliche politische Interessengegensätze übertüncht wird, welche dann den Anschein erwecken, als handele es sich bei der Bundesrepublik um eine herkömmliche westliche Demokratie. Tatsächlich kreisen diese Interessengegensätze immer um das am Gemeinwohl orientierte Zentrum und treiben damit die politische Form negativer Vergesellschaftung in abschreckender Weise auf die Spitze. Ansprüche gelten nur dann als legitim, wenn sie der sozialstaatlich regulierten Produktionsgemeinschaft zugute kommen – das Beharren auf individuellem Glück ist mit der Aura des volksfeindlichen Egoismus behaftet und zieht schon daher das antikapitalistische Ressentiment auf sich.
 
 Wie sehr sich die Deutschen einig sind, wenn es um die Verteidigung dieser Staatsräson geht, zeigt sich in ihrem gemeinsamen Feindbild. Der Feind scheint ganz von diabolischer Bosheit durchdrungen zu sein und verkörpert damit das Antiprinzip zum wärmenden und schützenden Kollektiv. Die extremste Verkörperung dieses Antiprinzips ist in den letzten acht Jahren ein Mann gewesen, der dafür gescholten wird, einseitig, arrogant, gewalttätig und verlogen zu sein. Er habe die Welt in kindischer Weise in gut und böse aufgeteilt und sie mit diesem gefährlichen Stumpfsinn in die Krise geführt. Sein imperialistisch-missionarisches Gebaren habe den Terrorismus hervorgebracht und deutsche Soldaten in den Krieg gezwungen. Selbst vor der Natur habe er nicht Halt gemacht, sondern trage wegen der Nichtunterzeichnung des Kyoto-Protokolls Schuld daran, dass die Wüsten sich ausdehnen und die Eisberge schmelzen. Deutlich wurde diese Wahnvorstellung, die sich ihrerseits durch eine besonders forsch auftretende Schlichtheit des Gemüts auszeichnet, wieder einmal in drastischer Schärfe, als der schmalzige Talk-Pappenheimer Johannes B. Kerner am 5. November anlässlich der US-Wahlen sechs echte Experten darüber diskutieren ließ [1], wie denn nun das Wahlergebnis zu bewerten sei. Selbstredend war jeder der Diskutanten – der greise Journalist Prof. Dieter Kronzucker, der ehemalige Leiter des ZDF-heute journals, Wolf von Lojewski, Henryk M. Broder, der Washington-Korrespondent Werner Sonne, der Geschäftsführer der Hertie School of Governance, Prof. Michael Zürn, sowie der vermeintliche US-Kenner Claus Kleber – ein begeisterter Anhänger Barack Obamas, denn warum sollte man auch gelegentlich einer Diskussionsrunde eine abweichende Position zu Wort kommen lassen, wo doch laut empirischer Studien circa 92% der Deutschen Obama gewählt hätten. Außer der Tatsache, dass Obama „bestimmt besser als Bush“ sei, fiel den Gesprächspartnern, die sich eigentlich gar nichts zu sagen hatten, kein besonderer Grund ein, warum man sich denn nun so freuen solle. Kleber, der aus Washington zugeschaltet war und von hinten aus einem Monitor grinste, behauptete, Obamas Sieg sei der „Abschluss einer über hundertjährigen Geschichte“, die mit Abraham Lincolns Abschaffung der Sklaverei begonnen habe. Er hätte auch gleich sagen können, was man bei Indymedia schon lange weiß: „Dass der künftige US-Präsident ein Afroamerikaner ist, ist das einzig Gute an ihm.“ [2] Und Henryk M. Broder, der manchmal auch besser den Rand halten sollte, brachte flapsig hervor, Obama bringe den „Sexappeal zurück in die Politik“. Mehr positives gab es über Obama nicht zu berichten, weil es keinem der Teilnehmer überhaupt um politische Inhalte ging, sondern nur um das Ausagieren eines tief verankerten Antiamerikanismus, gegen den anzustinken sich Broder, der womöglich nur deshalb eingeladen worden war, immerhin bemühte.
 
 Insofern ging es in Kerners lustiger Runde überhaupt nicht um die US-Wahlen oder um Barack Obama, sondern weiterhin um George W. Bush, der immer noch als das Antiprinzip schlechthin verkörpernde Hassfigur auf einem Thron sitzt, den die Bescheidwisser vom Dienst nur allzu gerne mal selbst erklimmen würden. Insofern ist es – bevor der neue Mann den Chefsessel im Weißen Haus einnimmt – angezeigt, noch ein letztes Mal danach zu fragen, wie Bush es geschafft hat, den blanken Zorn der Massen wie der Eliten – nicht nur in Deutschland – auf sich zu ziehen.
 
 In erster Linie war George Walker Bush – so erstaunlich das klingen mag – ein Mann der Wahrheit. Unabhängig davon, ob er wirklich geglaubt hat, dass das irakische Baath-Regime Massenvernichtungswaffen besitze, oder ob er bewusst gelogen hat – was unwahrscheinlich ist, weil er wissen konnte, dass es herauskommen würde –, um einen Krieg gegen den Irak zu legitimieren: Die Welt hasst ihn, weil er Klartext gesprochen hat. Das Lamento, Bushs dichotomische Weltsicht sei allzu schlicht, kommt gerade von jenen, die sich scheuen, Böses beim Namen zu nennen. Bush hat unterschieden zwischen der „Achse des Übels“, wozu er einige der Staaten zählte, die den islamischen Terror finanzieren oder anderweitig unterstützen, und einer „Koalition der Willigen“, die den USA dabei behilflich sein wollen, den radikalen Islam in Schach zu halten. Dass bei dieser grundsätzlichen Unterscheidung zahlreiche Widersprüche auftreten – wie der, das Pakistan und Deutschland auf einmal der Seite der Bündnispartner zugeschlagen werden –, spricht nicht gegen diese Differenzierung, sondern gegen eine Weltordnung, in der Pakte mit dem Teufel geschlossen werden müssen, um zwar die Seele, wenigstens aber nicht den Körper zu verlieren. Dass Bush einen Krieg – und zwar den im Irak - vom Zaun gebrochen hat, entspricht den Tatsachen. Das alleine sollte jedoch nicht zu einer moralischen Verurteilung führen. Der Krieg gegen die Taliban aber war nicht vom Zaun gebrochen, sondern bekanntlich eine direkte Antwort auf den Massenmord vom 11. September, der von Afghanistan aus geplant wurde. Das kurzfristige Ziel dieses Krieges – die Zerstörung der al Kaida-Ausbildungslager – wurde erreicht, das langfristige – Afghanistan Ruhe und Freiheit zu bringen – droht zwar angesichts der wieder erstarkenden Taliban, die durch Helfer aus dem Irak unterstützt werden, verfehlt zu werden, aber sogar Obama hat angekündigt, das Augenmerk verstärkt auf Afghanistan zu lenken, so dass die Zukunft zeigen muss, ob es gelingt, aus Afghanistan ein besseres, d.h. menschenfreundlicheres Land zu machen. Ohnehin: Das Reich der Taliban war eines der Barbarei und wäre die Welt eine vernünftige, hätte ihre Herrschaft keinen Tag Bestand gehabt. Ähnlich verhält es sich mit dem Irak: Alleine, dass der Menschenschlächter Hussein die Iraker unterjochte, quälte, tötete, reicht moralisch gesehen vollkommen aus, um den militärischen Sturz des Regimes zu rechtfertigen. Dass jeder Krieg Unschuldige ums Leben bringt, ist wahr, dass aber ein falscher Frieden mitunter grausamer ist als ein Krieg, der nicht auf Vernichtung, sondern auf regime change abzielt, ist ebenso wenig zu leugnen. 
 
 Oft wird unterschlagen, dass Bush zwei Begründungen für den Krieg nannte: Die erste war die Bekämpfung des islamischen Terrorismus, die zweite die demokratische Erneuerung des Nahen Ostens. Unter Saddam Hussein hatten die radikalen Moslems – sofern sie nicht Mitglieder der Baath-Partei oder Familienangehörige waren – nichts zu melden, die Belohnungen für Familien palästinensischer Selbstmordattentäter, die Hussein großzügig fließen ließ, waren Investitionen in die Wahrung des guten Rufes. Doch kaum war Hussein in seinem Erdloch gefangen genommen worden, wurde der Irak zum Hauptkampfplatz des Westens mit dem radikalen Islam. Für al Kaida und Co. ging es darum, das Projekt der demokratischen Erneuerung des Nahen Ostens von Anfang an zu sabotieren, ja, es zum Einsturz zu bringen. Daher bestand und besteht die Strategie al Kaidas in der Erzeugung von Chaos und Schrecken, kein Todesopfer ist aus dieser Perspektive eines zuviel. Nur wenn der body count in die Höhe getrieben werden kann, ist es möglich, die USA zum Abzug zu zwingen, um dann endlich den ersehnten Gottesstaat ausrufen zu können. Momentan sieht es zwar so aus, als habe die neue Taktik der Generäle Petraeus und Odierno Erfolg und der Irak könne nach so vielen Jahren des Schreckens doch einmal zum Alltag übergehen, doch die neokonservative Idee, der Welt freedom & democracy zu bringen, der Bush überzeugt folgte, scheint ausgespielt zu haben. Diskreditiert und zum Scheitern gebracht wurde sie durch den radikalen Islam, der im Verein mit den Kollaborateuren in Moskau und Berlin, in Paris und Madrid nicht nur den USA, sondern der Freiheit überhaupt den Krieg erklärt hat.
 
 Dazu zählt auch, dass der Krieg gegen Israel verschärft wurde. In Bushs Amtszeit rüstete der Iran soweit auf, dass er nun kurz vor der Produktion der ersten Atombombe steht, die Hisbollah führt einen recht erfolgreichen Zermürbungskrieg, die Hamas wurde Regierungspartei in den Palästinensergebieten. Doch es wäre vermessen, ausgerechnet der Bush-Administration die Schuld an diesen Entwicklungen zu geben, schließlich waren es die Europäer, die immer aufs Neue zum Dialog mit noch den gedungensten Mördern riefen und kategorisch alle härteren Maßnahmen ablehnten. Das größte Versagen Bushs besteht vielleicht darin, dass er es nicht geschafft hat, wichtige europäische Mächte aus der „axis of weasels“ (D. Rumsfeld) herauszulösen.
 
 Sicher, Bush war kein großer Diplomat, gerade deshalb eckte er in einer Umgebung an, in der den Protagonisten Lüge und scheinheiliges Grinsen zu biologischen Charaktereigenschaften geworden sind. Wenn er lächelte – etwa, wenn er Angela Merkel auf seiner Ranch empfing –, dann war das im Gegensatz zur vermeintlich so verbreiteten amerikanischen Oberflächlichkeit keine Farce, sondern Ausdruck einer Gefühlsregung. Denn eines kann man Bush ganz sicher nicht vorwerfen: dass er ein kalter Bürokrat gewesen wäre, der skrupellos das ausgeführt hätte, was irgendwelche ominösen dunklen Mächte von ihm verlangten. Nein, Bush war ein Idealist und zwar einer, der vom Geist des amerikanischen Universalismus beseelt war, welcher angesichts der vonstatten gehenden Zerfaserung der Gesellschaft in „Kulturen“ und „Ethnien“ noch immer das Bessere darstellt. Der Bushismus, wie ich den von ihm und den Neokonservativen vertretenen Universalismus hier um der Ehrung eines großen Mannes willen nennen möchte, ist verwandt mit dem Kommunismus [3], insofern beide das Individuum befreien und ihm das größtmögliche Glück angedeihen lassen wollen. Der Bushismus versucht wie die Kommunisten, gesellschaftliche Bedingungen zu schaffen, in denen die Verwirklichung und Erfüllung des Individuums gelingt. Dass ersterer nicht nur fälschlich Bürger und Individuum in Eins setzt und damit den zivilisatorischen Überschuss der bestehenden Ordnung beständig zu kassieren versucht, sondern sich auch darin täuscht, dass Warenproduktion und demokratischer Staat automatisch zur gepriesenen Erfüllung des Bürgers führen müssen, ist eine Sache. Eine andere ist es, das Ziel der Befreiung des Individuums überhaupt zu formulieren und damit die Bedingung der Möglichkeit dieser virulent zu erhalten. Insofern war der antiamerikanische Hass auf Bush seinem Wesen nach zugleich immer auch antikommunistisch – in einem Sinne, der mit einer Feindschaft gegen stalinistische und maoistische Diktaturen nichts, mit dem Hass auf Aufklärung und Emanzipation dagegen alles zu tun hat.
 
 Die Amtszeit Bushs ist vorbei. Nun gilt es zu hoffen, dass einmal Zustände erkämpft werden können, in der die kommunistische Kritik des Bushismus auf der Tagesordnung steht, weil es der einzig würdige Gegner ist, mit dem Freunde der klassenlosen Gesellschaft es aufnehmen müssen. Dass Bushisten allerdings heute eine ähnlich verschwindende Minderheit darstellen wie Antideutsche, bedeutet, dass vorerst leider ein unwürdiger, aber umso gefährlicherer Feind mit den Waffen der Kritik traktiert werden muss: der radikale Islam und seine Sympathisanten.
 
 
  Anmerkungen:
 
 [1] www.jbk.zdf.de/ZDFde/inhalt/3/0,1872,7399075,00.html.
 
 [2] de.indymedia.org/2008/10/230981.shtml.
 
 [3] Vgl. John Gray, Vom Kommunismus zum Neokonservativismus. Zur Aktualität von Kolakowskis Hauptströmungen, in: Transit. Europäische Revue, Nr. 34, Winter 2007/2008, S. 44-51.