Ausgabe #10 vom

Der Großmeister des Rechtschreibanarchismus

Bernhard Schmid hat wieder zugeschlagen

PHILIPP LENHARD

Er hat es wieder getan. Bernhard Schmid, der Großmeister des orthographisch-grammatikalisch-semantischen Anarchismus, hat ein weiteres Mal das Internet mit einer seiner „Reportagen“ vollgemüllt. Sein Thema: Der – verhinderte – Kölner Rassistenkongress und die Neocon- sowie Antideutschen-Szene.* Ob der – investigative – Journalist etwas Substantielles über diese Bindestrich-Szenen herausfinden konnte? Aber natürlich doch. Ein Mann wie Bernhard, immerhin Jurist, Klassenkämpfer, Journalist und Islamwissenschaftler in Personalunion, erzielt immer Ergebnisse – selbst dann, wenn er gerade ein Bad nimmt oder zu tief ins Glas geschaut hat. Schmid führt aus: Angesichts der Tatsache, dass – je nach Ausdrucksweise der jeweiligen Protagonisten – ‚der Islam’ respektive ‚der islamische Faschismus’ eines der Hauptbedrohungsbilder oder den ‚Weltfeind Nummer 1’ auch eines Teils der früheren Linken darstellt, wollten wir einen Blick auf deren Standpunkt zu den Kölner Ereignissen vom 19./20. September werfen. Dass Bernhard von sich im Plural redet, ist bloß seiner majestätischen Erhabenheit in Sachen politische Analyse geschuldet, man darf sich also nicht irritieren lassen. Und auch die komplizierte Verschachtelungsstruktur des Satzes ist Teil seiner Genialität. Weil es, spräche man es so plump aus, wie es gedacht ist, eben plump klänge, verrätselt Schmid den Satz so, dass er kompliziert klingt. Das muss ihm erst mal jemand nachmachen! Bedeuten soll der Satz folgendes: 1) Manche Linke sehen im Islam den derzeit größten Feind. 2) ‚Den’ Islam gibt’s gar nicht. Warum allerdings ‚sie’, d.h. seine Majestät Bernhard, angesichts der Tatsache 1) einen Blick werfen wollten, das muss dem Geheimwissen des Meisters vorbehalten bleiben. Für uns Ahnungslose reicht es aber vollkommen aus zu wissen, dass er bzw. ‚sie’ den erwähnten Blick auf den Standpunkt von ‚der’ Teil der Linken geworfen hat.
 
 Neben dem Motiv des ‚Wollens’ nennt Schmid ein weiteres: Es war auch aus anderen Gründen heraus interessant, sich zu betrachten, welche Wahrnehmung dieser Ereignisse die zu glühenden Anhängern der Neocon.s mutierten Ex-Linken pflegen. Wohin die Gründe gegangen sind, nachdem Bernhard sich im Spiegel betrachtet hat, soll hier nicht weiter interessieren, entscheidend ist, dass Mutanten eine Wahrnehmung pflegen. Denn eben diese Frage ist es ja, die unseren Bernhard umtreibt. Doch bevor er sich der Frage direkt zuwendet, erklärt er – wie es sich für einen guten Journalisten gehört – der geneigten Leserschaft, was es mit den Mutanten auf sich hat. Denn es kann ja nicht angehen, dass man sich deren Argumente anschaut ohne vorher zu wissen, wie sie ticken. Deshalb gibt Bernhard den Einführungskurs Neocon.sDie German Neocon.s sind ihrerseits zur festen Größe in der politischen Landschaft geworden. Über Henryk M. Broder als Redakteur beim SPIEGEL, über ihre eigenen Verlautbarungsorgane wie beispielsweise ‚Die Achse des Guten’, aber auch über ihre Ausstrahlung auf Teile der intellektuellen Rest-Linken und Noch-Linken. In Teilsegmenten explizit linker Medien, unter ihnen KONKRET und ‚Jungle World’ (bei denen jeweils anderen Strömungen zugehörige Autoren, auch mit klar gegenläufigen Orientierungen, ebenfalls zu Wort kommen), kommen auch als neokonservativ zu charakterisierende Autoren ausführlich zu Wort. Ah ja. Dann wissen wir ja jetzt Bescheid. Die Mutanten sind also –ihrerseits! – eine feste Größe geworden und zwar über verschiedene Publikationen, die sie als Redakteure nicht ‚des’, sondern beim Spiegel fabrizieren. Ätzenderweise darf Bernhard – der es als großer Literat immerhin schafft, lange Sätze ohne Verben zu konstruieren – konkret und jungle world noch nicht alleine voll schreiben, sondern muss verschiedene Sorten von Ex-, Noch-, Nochnicht-, Post- und Restlinken neben sich dulden – und das, obwohl doch der Bernhard immer wieder bewiesen hat, dass es nur einen Meister gibt! Eine regelrechte Frechheit.
 
 Die pro-kapitalistischen Neocon-Lautsprecher sind übrigens, das hat Bernhard mal wieder brillant analysiert, Wortführer, also Leute, die ihren Schäfchen sagen, was zu tun ist. Wie die Anhänger der Gurus, die sich verordnen lassen, was sie zu denken haben, gestrickt sind, das kann uns Bernhard nonchalant in einem spontanen soziologischen Exkurs erhellen: ,Antideutsch' bleibt in bestimmten jugendlichen Kreisen, die ein autonomes Outfit und mitunter einen starken moralischen Rigorismus pflegen, ‚schick’. Auch unter jüngeren Intellektuellen mit radikalem Anspruch findet sich noch ein gewisser Zuspruch zu ‚antideutschen’ Thesen, da diese vermeintlich als besonders globaler Gegenentwurf zur ‚deutschen’ Mehrheitsgesellschaft und ihrer Ideologie auftreten und mit besonderer Verve vorgetragen werden. Gleichzeitig war und ist die ‚antideutsche’ Ideologie (der zufolge die – absolut ins Zentrum zu rückende - Hauptbedrohung in der gegenwärtigen Weltkonstellation ‚der Antisemitismus’ ist und laut derer sich die gegenwärtigen Weltereignisse zu maßgeblichen Teilen auf der Folie der Jahre 1941 – 45 interpretieren lassen müssen), ein wichtiges Bindeglied zu den ex-linken ‚Neocon.s’. So einfach also kann man diese Antideutschen erkennen: Sie sind jung, achten darauf, was schick ist und tragen gerade deshalb gerne schwarze Carhartt-Hosen plus Windbreakerjacke. Sieht man solche Gestalten, die auch noch Mitgefühl mit vom 'Antisemitismus' bedrohten Juden äußern, dann kann man sich sicher sein, es mit wichtigen Bindegliedern zu den Neokonservativen zu tun zu haben. Diese politisch verkommenen Menschen erdreisten sich, Thesen aufzustellen, welche dann, wie von Gottes Hand mit Leben erfüllt, als Gegenentwurf auftreten – aber eben nur vermeintlich, denn tatsächlich machen sich die Thesen einen netten Tag im Straßencafé um die Ecke. Nun ja, solche Tricks und Täuschungen kann eigentlich nur der Hodini der politischen Realanalyse aus dem Hut zaubern! Und so ist es selbstverständlich auch dem lieben Bernhard vorbehalten, Henry M. Broder (wenn der nicht mit Henry Morgenthau verwandt ist!) als – natürlich –Wortführer zu entlarven. Dieser Wortführer ist übrigens ernster zu nehmen als Andere, etwa die Khmer Rouges-Fraktion innerhalb der ‚Antideutschen’- und Neocon-Szene, das bekannte Polpot-Fanblatt Bahamas, das laut Schmid ohnehin intellektuell nicht satisfaktionsfähig ist – und er muss es ja schließlich wissen (außerdem sagt es Bernhards Analytikerkollege Jörn Schulz). Deshalb muss man sich glücklicherweise nicht länger mit Varianten aufhalten, aus denen etwas heraus sprudelt, sondern kann sich gleich mit Henry M. Broder und Anderen auseinandersetzen. Broder ist – das weiß Bernhard, der auch unentgeltlich keine Polemiken schreibt (obwohl er es natürlich ohne weiteres könnte!), weil er das für unseriös hält, ganz genau – ein Berufspolemiker, also einer, der andere Leute aus reiner Geldgier niedermacht. Dieser wortgewaltige Radaupublizist, diese Figur ist im Zweifel eher auf Seiten der Staatsmacht oder der Etablierten denn auf jener des (sozialen oder politischen) Protests, wie man ja an Broders Reaktion auf die Demonstrationen gegen die etablierte Staatsmacht, welche gemäß Schmidscher Logik von Pro Köln angeführt wird, hat sehen können. Dem Burschen muss das Handwerk gelegt werden. Deshalb tritt Bernhard sogleich als Jurist auf den Plan und schmidet folgende Beweiskette: Broder hat in einem Interview gesagt, dass er das Wort Generalverdacht nicht mag, aber für die Ängste vieler Anwohner [von Moscheen, P.L.] wirklich Verständnis habe. Unserem Staatsanwalt, der den sozialen Protest gegen die Staatsmacht und die Etablierten unterstützen möchte, gelingt es mit einigen gekonnten handwerklichen Kniffen, den eigentlichen Gehalt der genannten Aussage herauszufiltern: Also: Wir haben überhaupt nichts gegen Moslems an und für sich, ABER... Das aber ist entscheidend, denn wenn Broder – zweifelsohne ein Rassist – sagt, er verdächtige nicht alle Muslime, dann sagt er das nur, um seine eigentlichen Gedanken, die das Gegenteil zum Inhalt haben, zu verschleiern. Zwar macht die Verteidigung Einwände – Um nicht den Vorwurf auf mich zu ziehen, durch verkürzte Wiedergabe Zitate zu fälschen: Zwei bis drei Sätze zuvor unterscheidet Broder noch zwischen guten und bösen Moslems, nämlich Betenden einerseits und islamistischen Terroristen andererseits. Aber daraufhin ist er selbst es, der das Wort vom ‚Generalverdacht’ in den Mund nimmt– doch der Fall ist klar, denn Broder lehnt ausdrücklich die Unterscheidung zwischen ‚Islam’, als Religion, und ‚Islamismus’ als politischer Bewegung ab. Zack, so einfach geht das und schwuppdiwupp hat der Bernhard den Henry eingesackt.
 
 Ist Broder erst aus dem Weg geräumt, kann sich unser Großmeister den nächsten Wortführer vornehmen: Thomas von der Osten-Sacken, den Herrn Adelssproß, der eines der wichtigsten personellen Bindeglieder zwischen erklärten Neocon.s einerseits, (noch Kontakte zur früheren Linken unterhaltenden) ‚Antideutschen’ und ähnlichen politisch irrlichternden Fehlströmungen andererseits ist. Das personelle Bindeglied Osten-Sacken jedenfalls ist geschickt genug, sich der Fehlströmung, die Bernhard entdeckt hat, nicht anzuschließen und auch nur spärliche Kontakte zur früheren Linken zu unterhalten. Stattdessen hat er sich ins gemachte Nest, nämlich Iraq (es ist eines von vielen nur Bernhard selbst zugänglichen Mysterien, dass er ständig vorsätzlich Wörter anders schreibt als es der Duden angibt), gesetzt und kassiert nun ordentlich Moneten von einem Staatsorgan der Besatzungsmacht ab. Dabei kann er davon profitieren, dass die Besatzungsmacht notwendig auf der Suche nach ‚Verbündeten in der Zivilgesellschaft’ und humanitären Rechtfertigungen für ihre Aktion sowie Präsenz ist, denn das Bindeglied Osten-Sacken rechtfertigt die Aktion ständig mit dem Verweis auf die negativen Erfahrungen von irakischen Kurden und ähnlichem Schnickschnack. Verschärfend kommt hinzu, dass der Kollaborateur auch noch ein Fan von Sarah Palin ist, von der doch mittlerweile jeder weiß, dass ,die Dame’ von internationaler Politik schlicht keinerlei Ahnung hat und sich auch offenkundig nicht aus Zeitungen informiert. Doch solchen und anderen allseits zugänglichen Informationen gegenüber kneift Herr von Münchhausen, pardon, von der Osten-Sacken sich peinlich berührt die Nase zu. Nicht hören will Osten-Sacken, dass Palin schlimm ist, deshalb kneift er sich die Nase zu und wird dabei auch noch rot. Eine solche Figur schafft der Bernhard aber mit links. Er muss nur wieder den Gerichtssaal betreten und den Geschworenen die Beweise vorlegen: Im Jahr 2007 hatte von der Münchhausen-Sacken selbst auf der Webpage Wadinet.de/blog noch die geplante Kundgebung von ‚Stopp the islamisation of Europe’ in Brüssel – die maßgeblich vom rechtsextremen belgisch-flämischen Vlaams Belang sowie von dänischen Rechten organisatorisch getragen wurde – insofern ideell unterstützt, als er wortreich ihre Untersagung durch die Brüsselerei Polizei bejammerte. Und dass der Herr Adelssproß es wagt, eine Kundgebung ideell zu unterstützen, die nicht mal richtig Englisch kann und Stop mit doppeltem P schreibt, ist schließlich ein starkes Stück. Und wenn dann auch noch ideell die Brüsselerei angeklagt wird, kann es nur ein Urteil geben: Der Mann ist ein geschickt auftretender Propagandist und sollte schnellstens ins Arbeitslager deportiert werden.
 
 Potzblitz, schon ist auch dieser Wortführer erledigt – und zwar mit leichter Hand. Doch Bernhard hat sich einiges vorgenommen: Die ganze Bindestrich-Szene soll heute abgeurteilt werden, denn Platz ist – zumal im Internet – genug da. Deshalb wird bereits die nächste Figur ins Visier genommen, eine ex-linke Dame namens Gudrun E. –nein, nicht Gudrun Ensslin, sondern Gudrun Eussner. Bei ihr geht’s schneller: Sie ist eine Kleinbürgerin und Steuersenkungs-Apostelin und schon deshalb quasi eine pro-kapitalistische Neocon-Lautsprecherin. Und auch die pseudo-intellektuelle Pöbelfraktion von der in Köln ansässigen Bürgersöhnchentruppe ‚Georg Weerth-Gesellschaft’ (GWG) ist qua Klassenzugehörigkeit (Bernhard erkennt das mit geschultem soziologischem Blick bekanntlich am Outfit!) auf der anderen Seite des Schützengrabens zu verorten. Über sie braucht man daher gar nicht weiter reden, sie wird ohnehin an die Wand gestellt, wenn der Staatsanwalt Schmid endlich die Macht übernommen haben wird. Schließlich handelt es sich bei ihren Mitgliedern nicht nur um Bürgersöhnchen, sondern auch noch um solche pseudo-intellektueller Provenienz, was ein echter Liebhaber der Sprachkunst und der hohen Philosophie wie unser Bernhard natürlich auf keinen Fall durchgehen lassen kann. Genauso wenig wie er schweigen kann, wenn ein weiterer Wortführer im Internet und sogar auf ‚Antifa-Konferenzen’ sein Unwesen treibt: ‚Lizas Welt’ ist ein, im Vergleich zur rein ideologischen Brandschrift ‚Bahamas’ – mit ihren möchte-gern-provokatorischen Radau-Auftritten und ihren sterbenslangweiligen, ellenlangen Bleiwüstenelaboraten –, recht anspruchsvoll und intelligent aufgemachtes Medium. Es existiert nur im Internet, und seine Artikel genügen oft journalistischen Ansprüchen: ansprechende Einleitung, gekonnter Abspann. Aber ‚Lizas Welt’ befördert auch klare, unverwässerte ‚antideutsche’ Ideologie, mit einer gewissen Affinität zur neokonservativen Weltsicht. Mit dem Blog Lizas Welt meint Bernhard nun wirklich einen ebenbürtigen Gegner gefunden zu haben. Denn dessen Autor verabscheut sowohl Radau-Auftritte (Broder!) als auch Möchte-gern-Provokationen, die niemanden – vor allem nicht den Bernhard – jucken (deshalb schreibt er auch nie darüber, erst recht kein Buch). Nein, Lizas Welt veröffentlicht keine ideologische Brandschrift, aber es befördert trotzdem unverwässerte, ‚antideutsche’ Ideologie, mit einer gewissen Affinität zur neokonservativen Weltsicht. Der besonderen Raffinesse des Blogbetreibers ist es zu verdanken, dass die veröffentlichten Artikel journalistisch seriös wirken (nicht Broder!), aber dennoch eine teuflische Weltsicht transportieren. Anders als die Bahamas, denkt sich Bernhard, aber genau wie er selbst, publiziere auch Lizas Welt keine ellenlangen Bleiwüstenelaborate, sondern journalistischen Ansprüchen genügende Artikel mit einer ansprechenden Einleitung und einem gekonnten Abspann. Auch Bernhard hat es bekanntlich drauf, ansprechende Einleitungen zu schreiben. Wir erinnern uns, die Sache mit dem Blicke auf Standpunkte von Mutanten werfen. Aber wie sieht es aus mit einem gekonnten Abspann? Auch den hat der Schwertkämpfer unter den Florettfechtern der politischen Analyse, Bernhard Schmid, natürlich auf Lager: Bricht man eine Diskussion über religiösen ‚Aberglauben’ (im Beispielsfalle: jüdischer Provenienz) und seine Sinnlosigkeit aus atheistischer Sicht genau dann vom Zaun, wenn die Synagoge brennt? Das ist vielleicht nicht unbedingt die richtige Haltung. Die aktuelle Situation bezüglich der Moslems gleicht dem insofern nicht, als wir uns im Hinblick auf den ihnen entgegenschlagenden Rassismus nicht auf dem Niveau einer ‚Reichskristallnacht’ befinden. Aber strukturell reduziert sich der Unterschied auf eine Frage des Ausmaßes...
 
 
 
 * Alle kursiv gesetzten Passagen aus: Bernhard Schmid, Der – verhinderte - Kölner Rassistenkongress und die Neocon- sowie Antideutschen-Szene, auf: trend online, Nr. 10/2008. www.trend.infopartisan.net/trd1008/t451008.html. Orthographie und Grammatik im Original, an einzelnen Stellen wurden Casus, Genus oder Numerus angepasst.