Ausgabe #1 vom

Zurück zum Glück

Eigentlichkeit als Marktvorteil, oder: Was ist Deutsch-Pop?

PHILIPP LENHARD

"Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit", schrieben Horkheimer und Adorno Anfang der 40er Jahre in der Dialektik der Aufklärung. (Horkheimer/ Adorno 1998: S. 128) "Die ästhetischen Manifestationen noch der politischen Gegensätze" verkündeten "gleichermaßen das Lob des stählernen Rhythmus."
 
 Betrachtet man vor dem Hintergrund, dass die Kulturindustrie alle musikalischen Ergüsse in identische Schemata zwingt, das Phänomen des Deutsch-Pop, welches derzeit die Hitparaden stürmt und der noch vor ein paar Jahren angeblich tief in der Krise steckenden deutschen Plattenindustrie Gewinne beschert, die alle vorherigen heimischen Musikerzeugnisse in den Schatten stellen, so muss man den Hype um den deutschen Pop als bloßen Schein entlarven, der die tatsächliche Monotonie der Kulturindustrie notdürftig verdeckt. Und wirklich: All das Geschrei über ein angeblich neu gebrochenes Tabu des Deutsch-Singens kann als Scheingefecht bezeichnet werden, um dem Gleichklang der Popmusik wenigs-tens illusorisch noch etwas Differenz abzutrotzen. Denn auf deutsch wurde in Deutschland schon immer gesungen, die Ausnahme stellte eine Periode dar, in der aufgrund der totalen Niederlage im Zweiten Weltkrieg sämtliche Wahn- und Wunschvorstellungen eines "Lebensraumes", "Herrenvolkes" etc. untergingen und das Deutsche mittelfristig beschämt als der amerikanischen Kultur unterlegen betrachtet wurde. Nach 1945 nahm der Rock´ n´ Roll seinen Siegeszug auch in Deutschland auf, die Massenbegeisterung für Elvis Presley dürfte sich nicht nur durch dessen Musik und Image erklären lassen, sondern auch durch den unreflektierten Umschlag von antisemitischer Raserei in philo-amerikanisches Konsumentendasein. (1) Trotz des enormen Einflusses der amerikanischen Massenkultur waren deutsche Liedermacher, Volksmusiker und Schlagersänger niemals von der Bildfläche verschwunden, im Gegenteil: Noch in den 90er Jahren wurden die meisten Schallplatten und CDs mit Abstand im Bereich Schlager und Volksmusik verkauft.
 
I.
 
 Der Deutsch-Pop steht also genau betrachtet in zwei Traditionen: er verbindet den heimeligen Schlager mit der mittlerweile globalisierten Pop-Musik, sein Begriff "Deutsch-Pop" spricht diese Janusköpfigkeit offen aus. Doch Schlager und Pop als Gegensätze zu verwenden, als die sie hier erscheinen könnten, geht fehl, weil die Kulturindustrie längst alle Differenz eingeebnet hat. Wer sich deutsche Popbands anhört, wird immer ein nichtdeutsches Pendant finden, und je mehr die Popmusik in sich differenziert erscheint, desto größer ist ihre Einigkeit, wenn man die Motive betrachtet, die sie benutzt. Sowohl die rhythmische Regression, die alle Musik in einen Vier/Viertel-Takt presst (2) und damit zum Gefängnis wird, als auch die einfachen Harmoniefolgen, die zu allem Überdruss noch so oft wiederholt werden, dass sie sich dem Konsumenten einhämmern, verheißen nichts als das stumpfe Spiegelbild des ohnehin schon kargen Lebens. Nicht nur ihre Autonomie, auch ihren Charakter als ein immanent über sich hinausdenkendes hat die Kunst eingebüßt. Das, was an ihr erscheint, ist nichts als ein Verrat an Utopie. Das "Lob des stählernen Rhythmus" vereint alle populäre Musik, sei es Hip Hop oder Soul, Punk oder Heavy Metal. Zugleich appelliert sie an die niedersten Instinkte ihrer Hörer, ist denkfeindlich und auf bloßen Konsum, im Sinne einer Vernichtung von Gebrauchswerten, abgestellt. Nichts an ihr darf den alltäglichen Trott stören, sondern nur die jeweiligen Stimmungen der Konsumenten und ihre nach Unterscheidbarkeit schreiende Identität bestätigen, wobei noch jene Identität ihr Ideal am Souverän ausbildet und folglich alle vermeintliche Differenz in Konformismus ersäuft: Individualität wird undenkbar, geschweige denn realisiert. Was bleibt, ist der "Konsument als Ideologe" (Enderwitz), d.h. der Staatsbürger.
 
 Warum also sollte der Deutsch-Pop eine Besonderheit darstellen, wo doch seine Mittel die gleichen stereotypisierten der Kulturindustrie sind, die keine Landesgrenzen kennt? Die besondere Abscheulichkeit des Deutsch-Pop liegt außerhalb des musikalischen Materials in den Texten, die bestimmte Bedürfnisse der Konsumenten befriedigen. Sind die kulturindustriellen Güter grundsätzlich affirmativ, so sind sie namentlich in Deutschland ekelhaft, weil sie das Bestehende nicht nur bestätigen, sondern ihm ein anzustrebendes "Eigentliches" entgegensetzen, getrieben durch eine barbarische Sehnsucht nach Ursprünglichkeit. Der Titel der neuen Platte der Toten Hosen drückt das unverhohlen aus: "Zurück zum Glück". Das Motiv, das durch Kommerz verstellte Eigentliche wiederfinden zu müssen, die ausgegorene Zivilisationsfeindlichkeit, die jede Vermittlung als widernatürliche Machenschaft geißelt und sich auf Ursprung, Tradition, das Echte (3) und deshalb Unmittelbare kapriziert, ist dem Deutsch-Pop jeder Ausprägung zu eigen. Sei es der Deutschen Liebling, Herbert Grönemeyer, der in seinem Song "Mensch" einem wie auch immer moralisch verquasten Menschen an sich auf der Spur ist und in regressiver Sehnsucht die Mächte verteufelt, die den Menschen von seiner eigentlichen Bestimmung abhielten - Mächte, die er einige Jahre zuvor schon mit dem Namen "Amerika" deutlich benannt hat; sei es die Punkband Kettcar, die gerne auf Innerlichkeit macht, an der Welt verzweifelt und in einer Art Spiegelfechterei von ihren Kollegen Oma Hans dafür kritisiert wird, dass sie ihre deutsche Soße aus rein kommerziellen Interessen produziere und also gar nicht echt sei - "Ausverkauf" heißt das dann, womit durchscheint, wie wenig den Akteuren die Warenförmigkeit ihrer Musik bewusst ist; sei es die deutsche Version des amerikanischen Tierrechts-Softtechno-Stars Moby, eine Band mit dem nicht zufällig narzisstischen Namen Ich + Ich, die wissen will, "wer du wirklich bist": Sie alle stehen in der nicht abreißenden deutschen Tradition der "negativen Aufhebung" bürgerlicher Gesellschaft, die der Ansammlung von Vereinzelten auf dem Markt die Sehnsucht nach echter Gemeinschaft, der zivilisatorischen Herrschaft über die Natur die vermeintliche Verschmelzung mit Natur und der Reflexion Tiefe und Innerlichkeit entgegensetzt.
 
II.
 
 Nun mag man einwenden, diese Innerlichkeit sei nun wirklich nichts spezifisch deutsches, auch in anderen Ländern gebe es Musik, Kunst und Literatur, die Gefallen an romantischer Selbstbespiegelung finde. Der Kitsch in den Filmen des Hollywood-Kinos sei doch gerade von der Kritischen Theorie dafür kritisiert worden, einen falschen Schein zu erzeugen und die Zuschauer um das ihnen vorgegaukelte Glück zu betrügen. Doch so falsch es wäre, die deutsche Ideologie als ein außer der kapitalistischen und daher totalen Welt hockendes Wesen zu behaupten, so falsch wäre es auch, alle historisch entstandenen Unterschiede einzuebnen. Dass die ganze Welt eine kapitalistische ist und sich folglich die Kulturproduktion überall nach den Gesetzen von Wert- und Warenform richtet, also den Kulturwaren allgemein ein Fetischismus anhaftet (Vgl. Adorno 1997b: S. 24f.), der die Erkenntnis über ihre gesellschaftliche Genesis versperrt, bedeutet auch, die spezifische Durchsetzung der Warenform und das mit ihr unauflöslich verbundene Bewusstsein gerade nicht allgemein zu untersuchen. Es gilt das Paradox zu ergründen, wie das Allgemeine im Besonderen erscheint und umgekehrt. Denn das Allgemeine ist ohne das Besondere lediglich eine leere Abstraktion, während umgekehrt das Besondere an sich nicht mit dem Allgemeinen in Zusammenhang zu stehen scheint. 
 
 Die deutsche Ideologie - und über diese ist notwendig zu reden, wenn das Besondere des Deutsch-Pop herausgearbeitet werden soll - ist, wie bekannt sein dürfte, kein ontologischer Tatbestand des "deutschen Menschen", sondern ein zum Sozialcharakter verfestigtes Verhältnis zwischen Individuum und Souverän, zwischen Arbeit und Kapital. Marx hat dieses Verhältnis anhand der im bürgerlichen Subjekt erscheinenden Dualität von bourgeois und citoyen, der "Verdoppelung aller Elemente in bürgerliche und Staatswesen" (Marx 1959: S. 537), veranschaulicht: Wie die Ware einen Gebrauchs- und einen Tauschwert besitzt, ist auch der Warenhüter ein in sich gespaltenes Wesen. Ständig verheddert er sich in Widersprüche, weil er zwar seine Interessen ganz egoistisch verfolgt, aber zugleich für den Staat in die Bresche springen muss, der die Fortexis-tenz des Ganzen garantiert. Während in den westlichen Industriestaaten das bourgeoise Einzelinteresse mit der bürgerlichen Revolution die Oberhand gewann, zerfiel der Bürger in Deutschland nicht in egoistisches Einzelwesen und Staatsbürger, sondern beide waren immer schon identisch.
 
 Der konstitutive Widerspruch des bürgerlichen Subjektes wurde durch die Herausbildung des Volksstaates, der die Einzelnen schicksalsgleich an den naturalisierten Staat, den völkischen Organismus schweißte, hypostasiert. Individuelles Profitstreben, das Glück des Einzelnen, galt als verpönt, insofern es nicht dem Gemeinwohl diente. Mit der verspäteten Geburt des deutschen Nationalstaates war von Anbeginn untrennbar die Unmöglichkeit zur Ausbildung von auf egoistischem Interesse fußen der Individualität verbunden. Die Deutschen "haben nämlich die Restauration der modernen Völker geteilt, ohne ihre Revolutionen zu teilen." (Marx 1962: S. 95) Denn zur Revolution fehlte "jeder besonderen Klasse in Deutschland nicht nur die Konsequenz, die Schärfe, der Mut, die Rücksichtslosigkeit, die sie zum negativen Repräsentanten der Gesellschaft stempeln könnte", sondern auch "jene revolutionäre Kühnheit, welche dem Gegner die trotzige Parole entgegenschleudert: Ich bin nichts, und ich müsste alles sein. Den Hauptstock deutscher Moral und Ehrlichkeit, nicht nur der Individuen, sondern auch der Klassen, bildet vielmehr jener bescheidene Egoismus, welcher seine Beschränktheit geltend macht und gegen sich geltend machen lässt." (S. 105) Anstatt der Herausbildung bürgerlicher Subjektivität, welche aufgrund der Abtrennung vom familiären und lokalen Zwangsverband historisch erst das Individuum ermöglichte, transformierte sich die deutsche Feudalgesellschaft unter dem Eindruck der Durchkapitalisierung in eine völkische Schicksalsgemeinschaft: "Gutmütige Enthusiasten dagegen, Deutschtümler von Blut und Freisinnige von Reflexion, suchen unsere Geschichte der Freiheit jenseits unserer Geschichte in den teutonischen Urwäldern." (S. 96) Die romantische Sehnsucht nach vermeintlich rosigen vergangenen Zeiten ist daher entgegen ihrem Schein kein Überbleibsel der alten Gesellschaft, welches bloß noch in Vergessenheit geraten müsste, sondern ein Produkt der deutschen "bürgerlichen" Gesellschaft. Die deutsche Ideologie lässt sich auf die das Opfer zur Substanz der völkischen Gemeinschaft erhebende Kurzformel "Du bist nichts, dein Volk ist alles!" bringen.
 
III.
 
 In dem Bestseller des Nationalsozialismus, Ernst Wiecherts Das einfache Leben, lässt der Autor seinen Romanhelden folgendes verlautbaren: "Es schien ihm, als wisse er nun erst, was Stille sei, der tiefe Atem eines Daseins, das nichts wollte und nichts begehrte, nichts zu bedauern und sich an nichts zu erinnern hatte, das nicht fröhlich oder traurig war gleich einem menschlichen Herzen, sondern das abrollte wie eine Sternenbahn, groß, weil es ein Gesetz erfüllte, und gut, weil es notwendig war." (Wiechert 1939: S. 231) Jenes Ideal vom "einfachen Leben" ist von einem Realitätsverlust geprägt, der die gegebenen Verhältnisse und Entwicklungen verleugnet, anstatt sich mit ihnen abzufinden oder sie gar zu bekämpfen. Besonders auffällig an Wiecherts Roman ist, dass trotz allem überbordenden Kitsch, trotz dieser ausgemachten Schnulzigkeit des ständig mit sich hadernden Helden, Gefühle überhaupt keine Rolle spielen. Körperliches Empfinden, also erlittener Schmerz und das Verlangen nach Glück, werden verdrängt, der Leib gemartert, um die eherne Notwendigkeit des "Gesetzes" vollziehen zu können.
 
 Verknüpft ist zweierlei: die Absage an die Vernunft und die Verleugnung des eigenen Körpers. Das Individuum ist vollständig "aufgehoben", ist identisch geworden mit der Volksgemeinschaft, die mythisch zur Schicksalsgemeinschaft verklärt wird. In dieser falschen Allgemeinheit verwirklicht sich Gemeinschaft gerade nicht als Versöhnung von Individuum und Gesellschaft, sondern in der vollständigen Regression individueller Ansprüche. Mit dem bürgerlichen Egoismus stirbt auch die Fähigkeit, an den Waren den Gebrauchswert genießen zu können, weil alle sinnliche Erfahrung radikal verdrängt werden muss. Konsumtion gilt lediglich als Ausweis des gesunden Volksempfindens, als Beleg für die Mitgliedschaft in der Produktionsgemeinschaft: der Volksgenosse hat den Wert zu denken. Für das musikalische Bewusstsein der Massen bedeutet das: "Genußfeindschaft im Genuß". (Adorno 1997b: S. 19) Und nicht zufällig regrediert die Musik im Nationalsozialismus zum technischen Mittel der Herrschaft, wird also Unterhaltungsmusik für Hitlers willige Vollstrecker. 
 
IV.
 
 Der Deutsch-Pop ist vor allem deshalb erfolgreich, weil er als authentisch gilt. Selbstzufrieden lobt die Frankfurter Allgemeine Zeitung die jungen Musiker für ihre "Unbefangenheit", "Natürlichkeit" und "Ehrlichkeit". Einfach nur nette Jungs von nebenan seien die Bands, gänzlich ohne Star-Allüren oder übertriebenen Kitsch. Das Attribut "deutsch" gilt daher als Gegenstück zur amerikanischen Unterhaltungsapparatur, der Begriff "Kulturindustrie" hat sich längst von seiner bei Adorno intendierten universalen Bedeutung gelöst und ist zum antiamerikanischen Propagandabegriff avanciert. (Vgl. Claussen 1999) Deutsche Musik soll echt sein, weshalb sie auch möglichst einfach und schlecht produziert ist (4), ihre Interpreten, allesamt Charaktermasken, die sich niemals vom Gemüsehändler oder von der Jura-Studentin unterscheiden dürfen. Ein deutscher Michael Jackson, eine deutsche Madonna - schier undenkbar. (5) Nicht etwa der Schein von Künstlichkeit wird kritisiert, also dass die ganze Show, die schicken Klamotten, der sexy Augenaufschlag, die exaltierte Hitzigkeit der Musik nur vom Klang des Immergleichen ablenken, sondern dass diese Form der Kulturindustrie überhaupt noch vorgibt, etwas anderes zu sein als verdinglichter Tauschwert. Gleichzeitig jedoch präsentiert der Deutsch-Pop sich ebenfalls als könne er sich der Warenförmigkeit entziehen: nur verheißt er nicht Glück, nicht das Entkommen aus der Hölle des allgegenwärtigen Zwanges, sondern Ursprünglichkeit. Er will nichts als Gebrauchswert sein, konkret und einfach aus der Tiefe der Seele sprudelnd. Doch dass auch er sich gesellschaftlicher Vermittlung durch den Wert verdankt, wird geflissentlich dadurch verdeckt, dass der Deutsch-Pop das Image der aufgeregten Jugendlichkeit pflegt.
 
 Wir sind HeldenJuliTocotronic - sie sind nette Studis, die richtig wütend werden, wenn da draußen in der großen weiten Welt Globalisierung und Krieg, Rassismus und Nationalismus herrschen. (Vgl. Misik 2005: S. 94-120) (6) Sie sind scheinbar die Sachwalter des kleinen, aber jungen Mannes, der auf irgendeine diffuse Weise genug hat von all den Anforderungen, die der Alltag der Konkurrenz in Zeiten der Überflüssigkeit an das Subjekt stellt. Musikalisch mögen sie den stumpfen Trott nur reproduzieren, wenn sie ihre immer wiederkehrenden Harmoniefolgen runterspulen, oft in die Länge gezogen bis zur Monotonie: textlich verkörpern sie jene schale Kulturkritik, die sich nach einem Zustand zurücksehnt, den es niemals gab. Sie fordern die Aufhebung aller Vermittlung, möchten bloß noch schwerelos und konfliktfrei dahinvegetieren: zurück zur Mutterbrust, um auf diese Weise mit der Welt wieder eins zu werden. (7) Sie predigen blinden Konsum, der Inhalt spielt keine Rolle mehr, sondern nur noch der Störenfried, der sich der narzisstischen Vereinnahmung widersetzt. (8) Alles, was different erscheint, soll identisch gemacht werden, um die Welt als organisches Ganzes zu konstituieren, in das der Einzelne sich bloß noch einfügen muss. (9) Auch die eigene Individualität, das reflektierte Begehren, wird diesem Identitätszwang geop-fert. 
 
V.
 
 Nun möchte man entgegenhalten, das alles möge ja für diese und jene Band seine Richtigkeit haben, es gebe aber auch tolle Gegenbeispiele: gerade Tocotronic sei doch eine Band, die stets ihre Distanz zu Deutschland ausgedrückt und sich dagegen gewehrt habe, in den Deutsch-Pop-Topf gesteckt zu werden. Eine Initiative, die solcherlei Thesen vertritt, um mit dem Pop gegen das Attribut "deutsch" zu streiten, heißt I can´t relax in Deutschland! Die Initiative besteht aus unabhängigen und unkommerziellen Konzertveranstaltern, Internet-Foren, dem Conne Island in Leipzig und einer subkulturellen Plattenfirma und hat soeben einen Pop- Sampler einschließlich Buch gegen die "Nationalisierung des Pop" herausgegeben. Dass das Projekt grandios scheitert, hängt nicht nur damit zusammen, dass die Initiative sich mit Roger Behrens, Martin Büsser und der Gruppe Sinistra! nicht gerade große Denker engagiert hat, um den deutschen Nationalismus zu kritisieren. (10) Das Problem liegt darin, dass die Initiatoren den Deutsch-Pop zu einem Bekenntnisproblem machen. In die Kritik gerät einzig, wer laut "Ich bin stolz ein Deutscher zu sein!" schreit. Immer wieder kapriziert sich die Deutsch-Pop-Kritik deshalb auf Mia. und das Duo Heppner/von Dyk, weil diese es so einfach machen, den Nationalismus zu kritisieren ohne allzu substantielle Kritik üben zu müssen - die möglicherweise auch die eigenen Favoriten in Mitleidenschaft ziehen könnte. Die anvisierte antideutsche Kritik gerät dem Sampler-Projekt zum bloßen Anti-Nationalismus, das Ziel wird also meilenweit verfehlt.
 
 Dieser Anti-Nationalismus unterscheidet sich kaum von dem neuen deutschen Selbstbewusstsein, welches er zu kritisieren vorgibt. So schreibt der I can´t Relax-Vorbereitungskreis: "Einen ernsthaften Bruch mit der Gemeinschaft, die Auschwitz hervorgebracht hat, kann es solange nicht geben, wie an der tief im reaktionären Denken des 19. Jahrhunderts wurzelnden deutschen Nation festgehalten wird." (Relax 2005: S. 8f) Dieses reaktionäre Denken habe in den rassistischen Pogromen Anfang der neunziger Jahre seinen Ausdruck gefunden. Doch mittlerweile sind die rassistischen Pogrome passé, Neonazis werden von Staats wegen bekämpft, die Bundesregierung geht auf Abstand zu revisionistischen Positionen und bemüht sich, ein nicht-völkisches Staatsbürgerrecht zu etablieren. Die Initiative will dergleichen Entwicklungen nicht wahrhaben, weil nicht sein kann, was nicht sein darf: dass die BRD längst eine anti-nationale Macht ist, deren Zusammenhalt nicht in der Identifikation, sondern vielmehr in einem Bruch mit Auschwitz gestiftet wird. (Vgl. S. 20) Gerade die Verdrängung des Zusammenhanges zwischen postnazistischem Sozialstaat und Vernichtungs- und Raubkrieg fördert immer wieder die offensive Abgrenzung gegenüber dem Rechtsvorgänger zu Tage und lässt die Deutschen den Nationalsozialismus in Serben, Israelis oder Amerikanern erblicken. Von "Schlussstrich" jedoch kann - wie die Gruppe Sinistra! behauptet (S. 23) - keine Rede sein.
 
 Im Gegenteil: Die Funktion der Schlussstrichdebatte besteht gerade darin, die Vergangenheit niemals enden zu lassen, sondern sie immer wieder neu als moralisches Kapital instrumentalisieren zu können - der Vorwurf der "Instrumentalisierung unserer Schande" (Walser) insistiert auf dem deutschen Exklusivitätsanspruch, die richtigen Lehren aus der Vergangenheit gezogen zu haben. Die Kritik des Deutsch-Pop geht fehl, weil trotz aller weitschweifigen philosophischen Diskurse völlig im Dunkeln bleibt, was das deutsche des Pop ausmacht. Mit einer bloß oberflächlichen Nationalismus-Kritik und der Aufzählung von ganz besonders reaktionären Diskursen kann jedenfalls weder dem Deutsch-Pop zu Leibe gerückt werden noch den herrschenden Verhältnissen. So ehrenhaft der Versuch auch ist, er schlägt doch nur wieder um in ein Partikel des anderen, neuen, besseren Deutschland.
 
 
Anmerkungen:
 
 (1) Dan Diner hat darauf hingewiesen, dass dieser Umschlag keineswegs so bruchlos und total war, wie es des Öfteren dargestellt wird. Die "Entfremdung Deutschlands von sich selbst" sei "nach 1945 ein immer wiederkehrender Topos amerikafeindlicher Rede" gewesen und stellte somit eine Abwehrhaltung gegenüber der westlichen Kultur dar. (Diner 2003: S. 115f.)
 
 (2) Im Jazz hat durch die neumodische Melange aus Jazz und Hip Hop oder Rock ein reduzierter und ohne synkopische Finessen auskommender Vier-Viertel-Takt Einzug erhalten und etwa den wenigstens noch Aufbrechendes vorgaukelnden Cakewalk-Rhythmus (3/16+3/16+2/16 aufgelöst in einem Zwei-Viertel-Takt) verdrängt. Beschrieb Adorno noch den "Scheintakt" (Adorno 1997a: S. 70), also die Pseudo-Freiheit, die dem Jazz anhaftete, so legt heute niemand mehr auf solche Abenteuer wert. Die "maschinenhaft starr festgehaltene Grundzählzeit" (ebenda) ist den Konsumenten schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass es ihnen nicht einmal mehr auffällt.
 
 (3) So klagt etwa die Band Virginia Jetzt!: "Diese Zeit hat keinen Namen/ Und keine echten Ideale/ Doch wir irren durch unser Leben/ Auf der Suche nach Erinnerungen/ Um festzuhalten, was schön ist - obwohl hier gar nichts geschehen ist" in ihrem Song "Das ganz normale Leben" auf dem Album "Anfänger" (2004).
 
 (4) Die schlechte Qualität der Produktion äußert sich darin, dass viele Aufnahmen, erwähnt sei etwa die erste Platte der Band Juli, einen sehr direkten, scheinbar ungeschliffenen Zugang des Hörers zum musikalischen Material suggerieren. Die Produktion ist klar, verzichtet auf sofort identifizierbare Effekte und vermeidet somit, dass die Distanz zwischen Hörer und Stück bei der Konsumption ins Bewusstsein dringt. Eine "gute" Produktion würde diese Distanz reflektieren und verstünde sich darauf, diese durchaus kunstvoll zu setzen.
 
 (5) Ganz in diesem Sinne geißelt die Band Wir sind Helden den amerikanischen Pop mit den Worten: "Zieh dir was an - Mädchen/ Was glaubst du, was das bringt, außer dreckigen Zoten/ Außer dem kleinen bisschen besseren Quoten/ Außer den paar Werbeangeboten/ Und einem Erfolg der stinkt wie Hundepfoten" in dem Song "Zieh dir was an" von der Platte "Von hier an blind" (2005). Dass sie auf Amerikaner anspielt, ist daran zu erkennen, dass sie das besungene Pop-Sternchen an einer anderen Stelle des Liedes als Kind von "Quäkern" identifizierbar macht. Kein Wunder, dass das oberflächliche Geschwätz, welches jeder anständige Deutsche mit "dem Amerikaner" verbindet, mit dem jiddischen Begriff "Geschäker" bezeichnet wird - es reimt sich ja auch so schön.
 
 (6) Rätselhaft bleibt, warum Misik trotz seiner bisweilen vortrefflichen Analyse doch nicht zum letzten Schritt gelangt, die von ihm bei den Jugendbewegungen prognostizierte Sehnsucht nach "Eigentlichkeit" als reaktionär zu verwerfen, sondern warum er immer wieder darauf verfällt, doch noch positives, kreatives etc. finden zu wollen.
 
 (7) Auf der Platte "Pure Vernunft darf niemals siegen" (2005) von Tocotronic heißt es paradigmatisch: "Im Blick zurück entstehen die Dinge/ Die dazu führen, dass wir uns finden/ Dass unsere Träume uns gelingen/ Bevor sie sanft ins All verschwinden". Ein unveröffentlichter Text von den Sternen beginnt ganz ähnlich folgendermaßen: "Du hast die Welt in deiner Hand/ Du hast die Welt in deiner Hand/ Du hast die Welt in deiner Hand/ Du hast die Welt in deiner Hand/ Gib sie wieder her/ Ich brauche sie so sehr/ Gib sie wieder her/ Bring sie doch zurück zu mir". (http://skyeyeliner.endorphin.ch/sternetexte.html)
 
 (8) Noch einmal O-Ton Die Sterne: "Hier geht's nicht um Inhalt/ hier geht's um uns!/ Nehmt dies als Warnung/ und nicht als Kunst!" in ihrem Song "Wir/Ihr" (sic!) auf der Platte "Das Weltall ist zu weit" (2004).
 
 (9) Tocotronic sangen einmal: "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein" auf der Platte "Digital ist besser" (1995). Auch wenn sich Sänger Dirk von Lotzow angesichts des von der Jungle World und der KP Berlin organisierten "Deutschland, du Opfer"-Festivals, zu dem eine nonkonforme Minderheit von 10.000 Antinationalisten zusammenkam, in der taz (7.5.05) betonte, in diesem Lied sei es um die Unmöglichkeit einer deutschen Jugendbewegung gegangen: der Wunsch, Glied auch nur irgendeiner Bewegung zu sein wird in dem Text mehr als deutlich. Die Form der Masse ist in diesem Falle gegenüber ihrem Inhalt gleichgültig, auch wenn die Form in Inhalt umschlägt.
 
 (10) Das gedankliche Geschwurbel zu kritisieren, würde nicht nur zu weit führen, sondern ist angesichts des erheblichen Mangels an logisch stringenten Argumenten geradezu unmöglich. Stattdessen herrscht Jargon vor. Exemplarisch sei hier Roger Behrens zitiert: "Die Nation wird zum Leitbild der Kultur, die Kultur wird zur Bühne eines Nationalismus, der als Gesinnung begriffen werden muss. Popkultur als populäre Kultur gründet in der Gesinnung; sofern die populäre Kultur in Deutschland ihre volkstümliche Wurzel nie abgeschlagen hat, ist diese Gesinnung auch in der deutschen Popkultur immer die deutsche Gesinnung gewesen." (Relax 2005: S. 39) Interessant auch Martin Büssers Engagement für vermeintlich nicht-warenförmige "schwarze" Musik: "Im Gegensatz zur Lohnarbeit bewegt sich der Körper hier aus freien Stücken heraus, ohne einem erkennbaren ökonomischen Zweck zu dienen und wird sich so über die zweck-freie Bewegung des Unterdrücktseins bewusst" (S. 33) - bloß dass die Bewegung um ihrer selbst Willen nichts mit einer Kritik des ökonomischen Zwanges zu tun hat, sondern ausdrückt, wie ohnmächtig das Subjekt sogar seinem eigenen Körper gegenübersteht. Büsser, der die Sublimationskraft der Kunst am liebsten austilgen und der elitären Hoch- eine demokratische Popkultur gegenüber stellen möchte, steht dem, was deutsch ist, so dermaßen blind gegenüber, dass man sich fragt, was sein Beitrag überhaupt in einem solchen Sampler zu suchen hat.
 
 
 Literatur:
 
 Adorno, Theodor W., Theorie der neuen Musik. Neunzehn Beiträge über neue Musik, in: Theodor W. Adorno, Musikalische Schriften V, Gesammelte Schriften 18, Frankfurt a. M. 1997a.
 
 Adorno, Theodor W., Über den Fetischcharakter in der Musik und die Regression des Hörens, in: Theodor W. Adorno, Dissonanzen. Einleitung in die Musiksoziologie, Gesammelte Schriften 14, Frankfurt a. M. 1997b.
 
 Claussen, Detlev, Die amerikanische Erfahrung der Kritischen Theoretiker, in: Detlev Claussen, Oskar Negt, Michael Werz (Hrsg.), Keine Kritische Theorie ohne Amerika, Frankfurt a. M. 1999.
 
 Diner, Dan, Feindbild Amerika. Über die Beständigkeit eines Ressentiments, München 2003.
 
 Diverse, I Can´t Relax In Deutschland, Sampler und Buch, Köln 2005.
 
 Horkheimer, Max/ Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt a. M. 1998.
 
 Marx, Karl, Die bürgerliche Gesellschaft und die kommunistische Revolution, in: MEW 3, Berlin 1959.
 
 Marx, Karl, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, in: MEW 1, Berlin 1962.
 
 Misik, Robert, Genial dagegen. Kritisches Bewusstsein von Marx bis Michael Moore, Berlin 2005.
 
 Wiechert, Ernst, Das einfache Leben, München 1939.

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