Ausgabe #1 vom

Wirklicher und unwirklicher Antisemitismus

Der "Fall Martin Walser": a never ending story

DIRK LEHMANN

Es ist ein Leichtes, den pöbelhaften Radau obskurer (Rasse-)Antisemiten vom Schlage eines Eugen Dühring, Theodor Fritsch oder Wilhelm Marr in ihren Publikationen, Schmähreden und sonstigen Anstößigkeiten als eben antisemitisch aufzuweisen. Indes gerät die Auseinandersetzung mit dem zumal noch zu belegenden Vorbehalt, ja Ressentiment gegenüber den Juden, geachteter Schriftsteller oftmals quälend und mündet nur allzu regelmäßig in der Frage, ob der betreffende Urheber, der gewiss mindestens einen Juden zu seinem Freundeskreis zu zählen weiß, tatsächlich Antisemit ist und wie die inkriminierten Stellen wirklich zu verstehen sind. Der "Fall Richard Wagner", den der Heidelberger Germanistik-Professor Dieter Borchmeyer seit Jahr und Tag sinn- wie erfolglos vom Vorwurf des Antisemitismus zu befreien sucht, unterscheidet sich letztendlich nicht grundlegend vom "Fall Rainer Werner Fassbinder", dessen Theaterstück über Stadt, Müll und Tod immer mal wieder Anlass gibt, gegen den vermeintlichen Zeitgeist anzudenken. Dabei sind die Ergebnisse biographischer Annäherung wie auch philologisch-kritischer Textexegese von Leben und Werk der einschlägigen Literaten, Gelehrten und Künstler eindeutig: "Judenbilder transportieren stereotype Ressentiments, affirmieren Feindbilder, und dies in besonderem Maße, wenn die negativen Judenbilder Bestandteil erstklassiger Literatur, die Autoren renommiert sind." (Wolfgang Benz)
 
Der "Fall Martin Walser"
 
 Spätestens seit 1998 gibt es einen weiteren Fall von Auseinandersetzung mit dem Judenbild eines geachteten Schriftstellers, an dem recht anschaulich beobachtet werden kann, wie peinigend akribische Analyse und hermeneutische Strenge mitunter geraten können. Anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels hält Martin Walser, um dessen literarisches und essayistisches Werk es hier geht, seine als Selbstgespräch inszenierte Rede über die Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede. Martin Walser, der "es geschafft (hat), in jeder Phase der bundesrepublikanischen Entwicklung als 'bad guy' dazustehen", so genussvoll der handzahme Haus- und Hofbiograph des Geehrten, Jörg Magenau, in der taz vom 23.09.2005, empfiehlt sich, unter stehenden Ovationen fast der gesamten Festgesellschaft, auch mit dieser Stellungnahme als Kreuz- und Querdenker der Republik. Anlass, Applaus zu spenden, geben Passagen wie die folgende: "Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag an dem sie uns nicht vorgehalten wird. Könnte es sein, dass die Intellektuellen, die sie uns vorhalten, dadurch, dass sie uns die Schande vorhalten, eine Sekunde lang der Illusion verfallen, sie hätten sich, weil sie wieder im grausamen Erinnerungsdienst gearbeitet haben, ein wenig entschuldigt, seien für einen Augenblick sogar näher bei den Opfern als bei den Tätern"? Ausgehend von diesem knappen Abschnitt aus der Festrede des Preisträgers lassen sich Teile des Weltbildes Walsers rekonstruieren. Walser geht von einem eigentümlichen Dualismus zwischen den "Intellektuellen", die via Medienmacht die NS-Vergangenheit vorhalten, und einem passiv erduldenden "Wir", dem diese vorgehalten wird, aus. Mit ihrem "Erinnerungsdienst" versuchen die schon mal als "Gewissenswarte" oder auch "Meinungssoldaten" vorgeführten "Intellektuellen" sich, laut Walser, der historischen Last zu entledigen, die Seite der Täter zu verlassen.
 
 Für den Preisträger hingegen steht unverrückbar fest, diese Seite, i.e. die "Seite der Beschuldigten" niemals verlassen zu können. Dies darf allerdings nicht als ein spätes Schuldeingeständnis missverstanden werden. Vielmehr kommt in solchen Auslassungen des Dichters sein national-völkisches Deutungsmuster zum Ausdruck. In einem früheren Essay aus dem Jahr 1965, veröffentlicht unter dem vielsagenden Titel Unser Auschwitz, findet sich eine Passage, die dieses Muster näher erläutert: "Wenn aber Volk und Staat überhaupt noch sinnvolle Bezeichnungen sind für ein Politisches, für ein Kollektiv also, das in der Geschichte auftritt, in dessen Namen Recht gesprochen und gebrochen wird, dann ist alles was geschieht, durch dieses Kollektiv bedingt, dann ist in diesem Kollektiv die Ursache für alles zu suchen. Dann ist keine Tat mehr bloß subjektiv, dann ist Auschwitz eine großdeutsche Sache. Dann gehört jeder zu irgendeinem Teil zu der Ursache von Auschwitz. Dann wäre es eines jeden Sache, diesen Anteil aufzufinden". Das "Volk" also ist die letzte Ursache allen Geschehens. Subjektives Handeln erscheint nur als solches, ist in Wahrheit durch und durch vom "Volksganzen" her bestimmt, ja bloßer Ausdruck völkischer Einheit. Demnach hat jedes Glied seinen Anteil an der Geschichte des Kollektivs. Auschwitz ist für Walser ganz und gar deutsche Tat, darum unser Auschwitz. Die hier aufgestellte Forderung, Auschwitz als Selbstverhältnis zu begreifen, hat mit einem dialektischen Geschichtsverständnis aber nur sehr wenig zu tun. Das "Selbst", von dem Walser hier redet, ist ein deutsches "Wir-Selbst", das sich durch die gemeinsame Tat konstituiert. "Volk", "Heimat" und "Nation" bilden ontologische Substanzen, denen sich niemand entziehen kann. Nachgerade auf der Hand liegt, dass in diesem "Tätervolk" für eine Gruppe kein Platz ist: denn, wo Kollektivität rein negativ vermittelt ist durch die Tat, da bleiben die Opfer notwendig außen vor. Die deutsche Nation konstituiert sich erneut gegen die Juden. Zwar leugnet Walser Auschwitz keineswegs, aber er macht es zu einer "großdeutschen Sache", die allein durch die substanzielle Kollektivität begriffen und "bewältigt" werden kann.
 
Deutsche und Möchtegernopfer
 
 An anderer Stelle seiner Preisrede gibt Walser den aufmerksam-einfühlsamen Zuhörer und Analysten. "Kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz; kein noch zurechnungsfähiger Mensch deutelt an der Grauenhaftigkeit von Auschwitz her-um; wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, dass sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Ich möchte verstehen, warum in diesem Jahrzehnt die Vergangenheit präsentiert wird wie noch nie zuvor. Wenn ich merke, dass sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich die Vorhaltung unserer Schande auf Motive hin abzuhören, und bin fast froh, wenn ich glaube, entdecken zu können, dass öfter nicht mehr das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken". Walser spricht jeder Form des öffentlichen Gedenkens, ja bereits der Darstellung seine beziehungsweise ihre Ernsthaftigkeit ab. Als öffentliches ist es lediglich seinsvergessener und volksfremder Ausdruck der Vorhaltung durch sauertöpfische und miesepetrige Opfer und Möchtegernopfer. Schließlich sind es doch gerade sie, die in ihrer Urteilskraft nur zu beschränkt sind. Aufnehmen, behalten und tragen können nur die Deutschen, noch mal: unser Auschwitz. Sie waren im Gegensatz zu den Juden fasziniert vom Nationalsozialismus und haben ihn bis zum Untergang verteidigt. Schönes Erinnern ist deutsche Kernkompetenz. Literarisch verbrämt heißt das dann bei Walser, im Gespräch mit Ignaz Bubis: "Darf ich ihnen mal einen ganz ris-kanten Satz von Jakob Taubes vorlesen, diesem jüdischen Religionsphilosophen…: Es ist kein Geheimnis, dass ich Jude bin… und das bringt für mich einige Probleme mit sich, überhaupt in deutschen Landen. Konträr zu dem, was viele tun, bringt mich das in die Lage, mich des Urteils zu enthalten. (…) Wer keine Wahl hat, ist auch im Urteil eingeschränkt. Das heißt, er kann nicht beurteilen, was die Faszination anderer ist, die stolpern, die rutschen, die wollen, die fasziniert sind".

 In solchen Auslassungen liegt aber ein Element von "Wahrheit", insofern als Walser dem "Leid des deutschen Volkes" zur Sprache verhilft. Hieraus gewinnt er seine Stärke. Zuhauf finden sich Passagen, nicht allein in seiner Sonntagsrede, in denen es um das vermeintliche Trauma der Deutschen geht, um die Deutschen, die sich abgeurteilt fühlen und sich als Verlierer der Geschichte begreifen. Beständig kreist Walser um das Sentiment der kleinen Leute, nämlich zu den Opfern von Krieg und Vertreibung zu zählen und in diesem Opferstatus doch keinerlei Anerkennung zu finden. Seine Reden versprechen Linderung. Noch dazu, wo er im "Volk" lediglich eine verführbare Masse erkennt.
 
 Über die Deutschen urteilt er: "Fromm und lenkbar. Deshalb auch zum Schlimmsten verführbar. Das heißt aber, glaube ich, dass wir auch zum Besten verführbar wären". In dem Satz, den der Festredner vor "Kühnheit" zitternd seinem Publikum aufsagte, bündelt sich vermutlich ein guter Teil der Abwehrhaltung der sich vernachlässigt, übergangen und verführt Fühlenden: "Aber in welchen Verdacht gerät man", spekuliert der Redner kühn und ängstlich, "in welchen Verdacht gerät man, wenn man sagt, die Deutschen seien jetzt ein ganz normales Volk, eine gewöhnliche Gesellschaft"? - "Moralkeulen", "Gewissenswarte", "Instrumentalisierung zu gegenwärtigen Zwecken". In solchen Wendungen erkannte der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignaz Bubis, der die Sonntagsrede in der Paulskirche hörte und als einziger dem Festredner den Beifall verweigerte, seinerzeit zu Recht "geistige Brandstiftung". Mit Walser nahm einer der führenden bundesdeutschen Schriftsteller Begriffe, Behauptungen und Anschauungen, die zuvor fast ausnahmslos in den Gazetten und Schmierblättern der extremen Rechten zu finden waren, in den honorablen Diskurs auf.
 
Ein denunziatorisches Buch mit inquisitorischer Akribie
 
 Noch einmal dramatisiert wird der "Fall Martin Walser" im Jahr 2002 mit der Veröffentlichung seines "Schlüsselromans" (Tod eines Kritikers), so Elke Schmitters im Spiegel vom 5.09.2005. In diesem phantasiert Walser nur zu offensichtlich über die Ermordung Marcel Reich-Ranickis und bedient sich dabei freizügigst antisemitischer Klischees. Spätes-tens seit diesen Ereignissen stehen Walsers Äußerungen sogar beim FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher unter Verdacht; eine philologisch-kritische Exegese seines Oeuvres, das sich nicht allein auf Literarisches beschränkt, sondern auch Beiträge für Rundfunk und Fernsehen, Rezensionen, Hörspiele und Theaterstücke zu zeitpolitischen Themen umfasst, blieb bislang Desiderat. Matthias N. Lorenz legt nun mit seiner Dissertation “Auschwitz drängt uns auf einen Fleck.” Judendarstellung und Antisemitismus-diskurs bei Martin Walser (J.B. Metzler Verlag, Stuttgart 2005, 560 Seiten, 50 Euro) eine Arbeit vor, die den Nachweis führt, dass weder Sonntagsrede noch der Tod eines Kritikers Betriebsunfälle in Walsers umfangreichem Werk sind, sondern dass dies vielmehr "tatsächlich und zwar von Anfang an, von antisemitischem Ressentiment durchzogen ist" (Micha Brumlik in der Frankfurter Rundschau vom 8.09.2005).
 
 Mit der Publikation hat der Doktorand eine öffentliche Erregung hervorgerufen, die fast an die Wallungen deutscher Historiker, Publizisten etc. zu Zeiten Goldhagens Hitlers willige Vollstrecker erinnert. Wo damals die Rede von einem schlichtweg schlechten und methodisch nicht haltbaren Buch, manchmal auch einfach das Wort von einem jüdischen Scharfrichter, war, da spricht man heute von einem "in Aufbau und Umfang monströse(n), im Gehalt denunziatorische(n) Buch", das auf "wissenschaftlich indiskutable Weise" argumentiere, so der bereits erwähnte Germanist und Wagnerfreund Borchmeyer in der Süddeutschen Zeitung vom 23.08.2005. Ulrich Greiner schimpft in der Zeit (1.09.2005) über eine "Fleißarbeit mit 1660 Fußnoten", die mit dem "Auge des Verdachts" Walsers Werk "durchpflügt" und, was Wunder bei so viel unterstellter Voreingenommenheit, "überall hässliche Spuren" findet. In der taz vom 23.09.2005 darf der servile Biograph, Jörg Magenau, ganz gegen den Zeitgeist der "Anti-Antisemitismusfraktion", über Lorenz' "inquisitorische Akribie" fabulieren. Lorenz zählt wohl nun zu jener Gattung zwar "sportiver" aber doch "pedantischer Sprach-Inspektoren". Einen notorischen Querdenker wie Walser ficht dies aber nicht an. "Kann es sein", fragt Magenau schließlich, "dass Lorenz' Befund weniger dem Werk Walsers als der Brille geschuldet ist, mit der es betrachtet"? Andere halten dem Doktoranden einen "Tunnelblick" vor, der "Entlastungsmomente" ausspare, so Roman Bucheli in der Neuen Zürcher Zeitung vom 13.09.2005. Lorenz verfehle damit den "Grundkonflikt" Walsers: "eine nie verwundene, weil angesichts der übrigen Opfer unstatthafte Verletztheit".
 
Ein wahrer Freund Victor Klemperers
 
 Solcherlei Vorwürfe sind so wenig einfallsreich, wie sie witzlos sind. Immer wieder trifft die kritische Analyse antisemitischer Phänomene im Schaffen respektabler Gelehrter, Literaten und Künstler solcher Vorhalt. Von ganz anderer Qualität ist hingegen das Urteil, zu dem die Fachwissenschaftler kommen, so sie sich nicht primär als Spezialisten ihrer Disziplin äußern, sondern als Deutsche. In den Augenblicken anschwellender Erregung finden sich dann einige - gelinde gesagt -interessante Blüten darüber, was deutsch ist.
 
 Hellmuth Karasek nimmt in der Welt vom 30.07.2005 seine Leser mit auf eine Erinnerungsreise in die 1960er Jahre, eine Zeit, in der Walsers Argumentationsmuster ihm noch nicht so verfestigt erscheint. Karasek wagt den Versuch, Walsers frühe Arbeiten zu kontextualisieren und nennt daraufhin Lorenz' Ergebnisse als "aus dem politisch gesellschaftlichen Zusammenhang gerissen". Auch wenn Karasek hier eher verdruckst suggeriert, Walser habe sich vom Furor der 68er, das heißt ihrer "antizionistischen Terroristenbewunderung", mitreißen lassen, um ihn so zumindest ein wenig zu retten, so liefert er an anderer Stelle doch einen wertvollen Hinweis auf Walsers Laudatio anlässlich der posthumen Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises an Viktor Klemperer. Genau diese Rede nämlich dient Dieter Borchmeyer als letztgültiger Aufweis, dafür, dass Walser, dem die Publikation der Tagebücher Klemperers "zu verdanken" ist, gar kein Antisemit sein könne. Der Beweis: im Anschluss an die Rede umarmte der Neffe des Verstorbenen, Peter Klemperer, Walser und bekannte, frei nach Borchmeyer: "So wie Walser seinen Onkel geschildert habe, sei er wirklich gewesen. Seither stehen Walser und Peter Klemperer in freundschaftlicher Verbindung". Der alte Trick klappt noch immer. Von irgendwoher taucht immer noch ein jüdischer Freund auf, der den schlagenden Beweis für die Unschuld des Gescholtenen liefert. Die Anspielung aber reicht Borchmeyer nicht aus. Mit aller Deutlichkeit stellt er Klemperer jun. und Walser als den "anscheinend nichtsahnende(n) Jude(n) und de(n) neuerdings entlarvte(n) Antisemit(en)" vor, um schließlich Walsers Unschuld zu beweisen. Tatsächlich ist dieser voll des Lobes ob der biographischen Leistungen Viktor Klemperers. Interessant aber ist, was der Laudator hervorhebt. Anhand der "Klemperer-Geschichte" soll sich nämlich zeigen, "dass das deutsch-jüdische Verhältnis nicht in Auschwitz hätte enden müssen. Es hätte unvorstellbar harmonischer verlaufen können". Das "Wie" ist bei Walser dann von bestechender Einfachheit: wären die Juden nämlich nur dem Beispiel Klemperers gefolgt, hätten sie nur von ihrem Judentum abgeschworen, sich voll und ganz assimiliert, es wäre heute nicht von "unserer Schande" zu reden. Walser, wie nach ihm Borchmeyer, werden den Juden Auschwitz wohl nie verzeihen.
 
Braune Stelle auf deutscher Oberfläche
 
 Überboten wird solcherlei Nonchalance einzig noch von Ulrich Greiners fast schon obszöner Freizügigkeit. Im bereits zitierten Zeit-Artikel schreibt er ernsthaft: "Wer lange genug an der Oberfläche eines durchschnittlichen Deutschen kratzt, muss sich nicht wundern, wenn er irgendwann eine braune Stelle findet. Das bedeutet aber nicht viel. Walser hat an keiner Stelle seines Werks getrennte Parkbänke gefordert. Er ist ein Deutscher und legt Wert darauf, es zu sein. Das schließt gemischte und heikle Empfindungen naturgemäß ein. Wer sich aber vor Augen hält, was der wirkliche, der aggressive Antisemitismus, wie man ihn bei radikalen Muslimen oder auf der äußersten Rechten findet, zu bewirken vermag, der kann das Antisemitismusspiel nur erbärmlich finden". Dass Walser und mit ihm die ganz gewöhnlichen Deutschen nun gleich mit Sprengstoff und Brandsätzen bewaffnet gegen jüdische Einrichtungen zu Felde ziehen, das hat weder Lorenz noch sonst irgendwer behauptet. Warum seine Verteidigungsrede so gerät, weiß vielleicht nur der Greiner selbst. Allerdings stellt sie dem Literaten, wie auch dem Volk, in dessen Namen er schreibt, ein Zeugnis aus, dessen Offenherzigkeit nur dankbar zu nennen ist. Von nun an wird man wohl unterscheiden müssen zwischen einem "wirklichen Antisemitismus", der ganz schlimm und ganz aggressiv ist, und einem naturgemäßen, durchschnittlich deutschen, der angesichts brennender Synagogen im Gaza-Streifen "erbärmlich" und bedeutungslos ist. Dass es einen Zusammenhang zwischen dem von der 68er Linken beeinflussten Antisemitismus Martin Walsers und dem "aggressiven Antisemitismus" "radikaler Muslime" geben könnte, verdrängt Greiner. Antisemiten - das sind bloß die Anderen. In dieses Horn stößt schließlich auch der erwähnte Jörg Magenau, insofern als er sich für die Debatte um Walser und vermutlich auch für all die anderen zahlreichen Antisemitismus-Debatten wünscht, den "Oberbegriff ‚Antisemitismus' ersatzlos (zu) streichen".
 
 Was an solchen Äußerungen angesehener Literatur- und Kulturwissenschaftler überrascht, ist weniger der Umstand, dass sie einmal mehr aus Überzeugung statt aus Vernunft handeln. Das ist seit Richard Wagners berühmt berüchtigtem Wort, nach dem Deutschsein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun, bekannt. Überraschen könnte vielmehr, wie pudelwohl sich deutsche Ressentiments in den Redaktionsstuben liberaler Zeitungen fühlen. Man sieht dem deutschen Liberalismus die Beschädigung an, die der Nationalsozialismus an ihm hinterlassen hat.

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