Ausgabe #1 vom

Mohammed´s enemies

Rezension

PHILIPP LENHARD

Es erscheint mittlerweile eine so große Zahl an Büchern über den Islam und die islamistische Bewegung, dass es wahrlich keine Schande ist, den Überblick verloren zu haben. Neben Berichten von Frauen, die ihr Leid in der islamischen Alltagskultur darstellen, gibt es vor allem solche Veröffentlichungen, die dem Leser noch ein weiteres Mal weismachen wollen, der Islam habe mit dem Islamismus überhaupt nichts zu tun. Einer, der in eine ähnliche Kerbe schlägt, ist Abdelwahab Meddeb in seinem Buch Die Krankheit des Islam. Der viel versprechende Titel, der an Thomas Manns Rede vom Nationalsozialismus als Krankheit der Deutschen angelehnt ist, hält jedoch nicht, was er verspricht. Meddeb geht es nämlich nicht darum, aufzeigen, wie die islamische Bewegung aus dem Geist des Koran heraus in der Moderne angekommen ist und wie sich diese eigenartig ambivalente, ständig zwischen tiefstem Mittelalter und modernster Technologie changierende Bewegung aufmacht, die Worte des Propheten auf furchtbare Weise in die Tat umzusetzen. Vielmehr ist es ihm darum zu tun, die "islamische Zivilisation" gegen ihre vermeintlichen Zerstörer zu verteidigen: einerseits gegen die wahabitische Clique in Saudi-Arabien, andererseits gegen den Westen, der Meddebs Buch zufolge dem Islamismus aus geostrategischen Gründen auf die Sprünge geholfen hat und zugleich die Muslime in globalem Maßstab verhöhnt und erniedrigt. Dass eine solche Argumentation gegen radikale Moslems nichts ausrichten können wird, weil diese selber auf der Suche nach der glorreichen Zeit unter dem Kalifat sind und nicht nur den Westen, sondern auch die islamisch-aristokratischen Regimes stürzen möchten, um anstatt ihrer eine echte Gottesherrschaft einzusetzen, stört keinen der reichlich Lob austeilenden Rezensenten von der FAZ bis zur Neuen Zürcher Zeitung.

Gänzlich sympathischer verfährt der unter dem Pseudonym Ibn Warraq schreibende pakistanische Autor des Buches Warum ich kein Muslim bin. In frühesten Kindesjahren durch die streng religiöse Familie auf eine Koranschule geschickt, stellte er immer mehr fest, dass der Islam fundamental individueller Freiheit widerspricht. Die Fatwa gegen Salman Rushdie wegen dessen Blasphemie in den Satanischen Versen, die Ayatollah Khomeini 1989 ausgesprochen hatte, wurde für Warraq zu einem Wendepunkt: von nun an wollte er sich nicht nur vom Islam abwenden, sondern zugleich über diesen aufklären und für dessen Opfer einstehen. Das ist ihm in seinem Buch auch hervorragend gelungen. Die einzige Gemeinsamkeit, die Warraq mit dem Koran hat, sind die vielen Wiederholungen, die jedoch nicht weiter stören, weil das Buch dennoch flüssig geschrieben und gut lesbar ist. Trotz der umfangreich zitierten Sekundärliteratur ist Warum ich kein Muslim bin an keinem Punkt langweilig oder aufgeblasen: aus jeder Zeile spricht die Wut über das Erlebte. Penibel verleiht Ibn Warraq längst vergessenen Ketzern Lebendigkeit, indem er sie genau das tun lässt, was die Tugendwächter aus vergangenen Zeiten geflissentlich verhindern wollten: er lässt sie über den Islam sprechen und über Mohammed spotten.

Darüber hinaus klärt Warraq schonungslos über das autoritäre Wesen des Islam auf; stellt ihn als unvereinbar mit einer freien Gesellschaft dar. Der einzige Wermutstropfen ist Warraqs Wissenschaftsfetisch. So meint er tatsächlich, der Islam lasse sich "wissenschaftlich widerlegen". Einen Glauben, noch dazu einen "ungeglaubten Glauben" (Adorno), mit den Mitteln der Vernunft widerlegen zu wollen, kommt dem Versuch gleich, einem Geisteskranken als Therapie vorzuschlagen, Kants "Kritik der reinen Vernunft" ausgiebig zu studieren. Zum Glück ist das Buch nicht so akademisch, wie es der Autor vielleicht gerne hätte, sondern besticht vor allem durch Polemik. Diese ist scharf und sie kann von einem Apologeten des Islam nur durch das Schwert oder durch absolute Selbstverleugnung stumpf gemacht werden. Leider, das sollte man schon einräumen, ist der Islam eine Ideologie, die nicht gerade resistent gegen Selbstverleugnung macht. Das ist auch das Ergebnis von Ibn Warraqs Buch, der damit auch das Dilemma seines eigenen Unterfangens benennt.

Meddeb, Abdelwahab, Die Krankheit des Islam, Heidelberg 2002.

Warraq, Ibn, Warum ich kein Muslim bin, Berlin 2004.

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