Ausgabe #1 vom

Frieden ohne Gaza?

Dafür müssten auch die Palästinenser ihn wollen

SIMONE DINAH HARTMANN

Yehudi Lo Megaresh Yehudi - ein Jude vertreibt keinen Juden - war der Slogan dieses Sommers in Israel. Nicht nur in traditionellen Zentren der nationalreligiösen Bewegung wie Jerusalem wehten orange Fahnen, auch im säkularen Tel Aviv trug beinahe jedes dritte Auto eine orangefarbene Schleife. Orange prangt auf dem Wappen von Gush Katif, einem Ort, der Geschichte ist, wie all die anderen Siedlungen in Gaza und Shomron, die in der glühenden Sommerhitze des August von israelischen Soldaten und Polizisten geräumt wurden. Wer die Bilder des "Abzugs" im Fernsehen sah, mag einen kleinen Einblick in die Tragik dieses Augenblickes gewonnen haben. Auf der einen Seite aufgebrachte Siedler und deren politische Anhänger, auf der anderen Seite Ordnungskräfte, die gemeinsam mit jenen, die sie wenige Minuten später aus der Synagoge tragen werden, ein Gebet sprechen. Es gab auf beiden Seiten viele Tränen. Viele Israelis sahen in der Abkopplung einen schmerzlichen, aber notwendigen Prozess. Für einen möglichen Frieden müsse man eben auch Abstriche machen, so die oft gehörte Meinung. "Wir haben in Gaza nichts verloren", war bei den Befürwortern des Abkopplungsplans eine der beliebtesten Phrasen. Schließlich riskierten junge Soldaten und Soldatinnen ihr Leben für einen Haufen "fanatischer" Siedler. Anschläge ließen sich ohnehin nicht durch die "Besatzung" stoppen und Israel könne von einem Rückzug eigentlich nur profitieren. Wenn auch nur wenige tatsächlich der Auffassung waren, dass damit die Angriffe auf Israel aufhören würden, meinten doch viele, mit der Übergabe an die Palästinensische Autonomiebehörde könne diese dann vollends für alles verantwortlich gemacht werden, was von Gaza ausgeht, und Israel könne dann, das Recht auf seiner Seite, auch mit den entsprechenden Mitteln zurückschlagen. Unterschätzt wird dabei einmal mehr, wie wenig es auch den internationalen Beobachtern um die Einhaltung rechtlicher Konventionen geht. Israel ist nun einmal an allem schuld, gestern war es die "Besatzung", heute ist es die Schaffung des "weltweit größten Gefängnisses" in Gaza.

Die Gegner der Hitnatkut (hebr. Trennung) waren zwar in der Minderheit, aber ob ihrer Lautstärke nicht zu überhören. Viele, aber bei weitem nicht alle, zählen sich zum nationalreligiösen Lager, das einen Rückzug aus den umstrittenen Gebieten strikt ablehnt und sich dabei auf die Tora und tausende Jahre alte historische "Fakten" beruft. Gleichzeitig wurde aber auch auf die jüngste Geschichte Bezug genommen, wenn es darum ging, die Befürworter des Abzugs anzuprangern. "Sharon = Hitler/would have been proud" wurde an eine Wand im Stadtzentrum Jerusalems gesprüht. Die im letzten Jahr geplante "Aktion", sich gelbe Davidsterne anzuheften wurde glücklicherweise aufgegeben. Ihren Höhepunkt fand diese Kampagne während der Räumung Kerem Atzmonas im Gazastreifen, wo einige der Siedler den "Judenstern" in orange trugen, ihr Haus samt ihrer Kinder mit erhobenen Händen verließen und damit ein Bild produzierten, das dem jenes kleinen jüdischen Jungen im Warschauer Ghetto ähnelte, das nicht nur in Israel jeder kennt und das auch auf Postern gegen den Abzug zu sehen war. In den Augen jener bereitet die israelische Regierung mit dem Rückzug aus der Westbank und Gaza anscheinend einen neuen Holocaust vor. Sharon kommt in dieser Analogie der Status eines Kapos zu, der die Vernichtung durch die arabischen Mörderbanden vorwegnimmt. Natürlich erntete ein solcherart vorgebrachter Protest in nahezu allen politischen Lagern viel Kritik. Sharon hat alles andere vor, als die israelische Nation in die Vernichtung zu führen. Allerdings sind es die wenigen Kritiker, die, wenn auch mit den falschen Mitteln, wenigstens einen Hinweis darauf geben, wem nun eigentlich dieses Land gegeben wird und was das für Juden und Jüdinnen heißt. Warum müssen die Siedlungen evakuiert werden? Warum ist es nicht möglich, dass jüdische Siedlungen unter palästinensischer Autonomie bestehen bleiben? Der Gaza-Streifen ist nun tatsächlich "judenrein". Und für die ganze Welt ist es selbstverständlich, dass erst einmal die jüdischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten verschwinden müssen, bevor es zu einem "echten Frieden" kommen kann.

Während es aber für Israelis auf der Hand liegt, dass ein jüdisches Leben in arabisch-islamischen Staaten aufgrund der Bedrohung kaum möglich ist, verschwenden deutsch-europäische Friedensengel keinen Gedanken an die Verfasstheit einer Gesellschaft, die keine Juden in ihr zulässt. Mit Hilfe der Nachfolgestaaten der nationalsozialistischen Judenmörder entsteht ein Staat der Judenmörder von heute, in dem der Judenhass einen wesentlichen Teil der Nationalideologie ausmacht. Es mag israelische Militärstrategen geben, die der Meinung sind, dass Angriffe auf Israel zukünftig abnehmen werden - momentan lässt darauf allerdings nichts schließen. Dem Wunsch nach der Vernichtung des jüdischen Staates tut eine Räumung keinen Abbruch. Im Gegenteil: Für Palästinenser jeglicher Couleur stellt sich der israelische Abzug aus Gaza als Sieg dar. Es ist gewissermaßen der erfolgreiche Abschluss der zweiten Intifada und gleichzeitig ein Signal und Aufruf an die islamischen Massen weltweit, dass Terror sich lohnt. Abbas bedankte sich bei einer öffentlich ausgestrahlten Rede in Gaza sowohl bei den Märtyrern, die vom in seinen Augen größten Märtyrer Yasser Arafat angeführt werden, wie auch bei der israelischen Linken für deren Hilfe beim Abzug. Rechtsgerichteten Israelis ist dies nur ein weiteres Argument dafür, dass Sharon eine linke Politik betreibt, die das Land in den Abgrund führen wird. Stattdessen schlagen sie eine Politik der Härte vor. Sie werfen der Regierung vor, nicht konsequent genug den Terrorismus bekämpft und sich dem Druck der Linken und der USA gebeugt zu haben, die den Abkopplungsplan wollten.

Tom Segev, der sich als "neuer Historiker" auch in Deutschland einen Namen gemacht hat, steht beispielhaft für den Zustand einer Linken, die sich durchaus darüber im klaren ist, wozu der palästinensische Mob imstande ist, aber dennoch nicht die rosarote Brille weglegen will: "Wenn die Palästinenser nichts zu verlieren haben, ist das auch für uns Israelis die schlechteste Situation. Mit Gaza haben sie jetzt etwas gewonnen, was für das Konfliktmanagement sehr wichtig ist. Natürlich gibt es da eine Gefahr, weil sie es durch Terror erreicht haben. Tatsächlich sind wir geschlagen abgezogen. Die Palästinenser haben uns dazu gezwungen. Also macht es Sinn, dass sie uns erneut zu zwingen versuchen könnten. Gut ist das nicht. Trotzdem halte ich für wichtig, dass sie etwas gewonnen haben." (Frankfurter Rundschau, 14.09.2005) Es ist unter anderem der unerschütterliche Glaube daran, dass die meisten Palästinenser letzten Endes auch ein Leben in Frieden und Wohlstand dem Krieg gegen Israel vorziehen, der Linke in Israel hoffen lässt, dass der Abzug aus Gaza das Morden von jüdischen Männern, Frauen und Kindern beenden wird. Selbst wenn das stimmen sollte (einige Umfragen sprechen dafür, andere, sowie das Verhalten zahlreicher Fatahfunktionäre und -anhänger leider dagegen): Seit der Trennung von Gaza sind unzählige Waffen über die ägyptische Grenze geschmuggelt worden und die südisraelische Stadt Sderot wurde mit einem Kassam-Hagel auf den neuen "Frieden" vorbereitet. Die Palästinensische Autonomiebehörde paktiert wie eh und je mit jenen Kräften, die keinen Hehl daraus machen, dass es ihnen um die Vernichtung des jüdischen Staates geht, wie dem Islamischen Jihad in Palästina. Dessen Sprecher Khaled El Batsh führte in einem Interview mit der Welt (13.01.2005) aus, was mit der Forderung nach einer Beendigung der israelischen Besatzung gemeint ist: "Wir akzeptieren den israelischen Staat, als fait accompli, als etwas, das wir einzig aufgrund seiner militärischen Stärke akzeptieren müssen. Niemals werden wir Moslems Israel als einen jüdischen Staat respektieren. Kein Moslem kann einen jüdischen Staat respektieren. Die Juden sind im Gegensatz zu uns Moslems unrein, weil sie Alkohol trinken, weil sie rauchen, weil sie Mischehen eingehen, weil sie der Fleischeslust verfallen sind." Ein solcherart begründeter Vernichtungswille würde sich erst dann zufrie den geben, wenn Israel sich aus Israel zurückzöge.

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