Ausgabe #1 vom

Die Protokolle der Weisen von Hollywood

Christoph Türckes affirmative turn

FABIAN KETTNER

Der gewagte Denker ist philosophisch bewandert und vermag damit zu beeindrucken und einzuschüchtern, weil die Unbelesenen glauben, die philosophisch Gebildeten hätten sich etwas angeeignet, was anderen nicht zugänglich sei. Denn ihnen allen gilt Philosophie als Schatz, nicht als Entwicklung der Gedanken, die jeder in sich trägt. Sie tragen die Dialektik der Philosophie als Einheit von Herrschaftswissen einerseits und Ausgang aus Unmündigkeit andererseits nicht aus. Das gewagte Denken traut sich was, aber es bricht keine Tabus. Der gewagte Denker ist kein "Querkopf". Querköpfe waren anfangs friedensbewegte Pastoren und von der Theologie kommende Papst-Kritiker. Sie moralisierten und klagten Heuchelei an. Damit standen sie gut erkennbar im Licht des Humanismus. Der gewagte Denker aber sucht das Abseitige. Inzwischen ist jeder ein Querkopf, (Vgl. Hecht 1997) doch damit lässt sich keine Distinktion erzielen. Für einen Querkopf ist das gewagte Denken qua akademischen Werdeganges nicht nur zu gebildet, sondern auch zu klug. Dies gilt für Linke noch mehr, denn diese müssen sich auf Grund ihres Stallgeruchs wesentlich mehr anstrengen, um Anerkennung zu erlangen. Anders als Rechte wie bspw. Ernst Jünger, der auch bei Abwesenheit literarischen Talents gefeiert wurde und brav die Pose einnahm, für die andere ihn verehrten; anders als Rechte werden Linke nicht von dem profitieren, was sie für andere nur vorbereiten durften, indem sie sagten, was andere sich angeblich nicht trauen durften. Zurecht ist man von der Linken angeödet und angewidert, aber man hält auch auf Distanz zu offensichtlich rechten Positionen. Stattdessen liebäugelt das gewagte Denken mit einer konservativen Haltung und mit der der Geistesaristokratie in Geschmack, Kleidung und Pose für den Fotografen. Man hält Äquidistanz. Die gewagten Denker verstoßen gegen ihre ideologische Herkunft. Sie sind Renegaten gegen ihre Zunft, indem sie sie übertreffen wollen. Kommen sie von rechts, kokettieren sie mit revolutionären Ideen, mit Vorstellungen von Umsturz, die einer alten Mär zufolge dem autoritären Charakter widersprächen. Kommen sie von links, sehnen sie sich nach der Chimäre eines "echten Konservatismus". Sie möchten nicht sehen, dass bei den Linken die Idee gegen eben diese, gegen ihre Theorie und Praxis, noch zu retten ist - bei den Rechten hingegen nicht. Weil die Linke versagte, will man nicht nur von ihr  nichts mehr wissen, sondern auch gleich von dem Vorhaben, eine "vernünftige Gesellschaft" (Adorno) herbeizuführen. Weil man an einer vernünftigen Gesellschaft nicht interessiert ist, weil in ihr die Pose, die man pflegt, nicht mehr gefragt wäre, deswegen zeigt man mahnend bis herablassend auf die Linke und ihr Versagen.
 
Christoph Türcke, Jahrgang 1948, ist gegenwärtig Professor für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und Privatdozent am Philosophischen Seminar der Universität Leipzig. Er galt lange als fähiger Schüler der Kritischen Theorie und als scharfer Kritiker. Andere, Klügere, freilich erkannten in ihm bereits früher die "Charak-termaske des objektiven Unfugs" (Schenk 1984, S. 120), die er ist. Seine stetig wiederholten und immer weiter eingekochten Parforceritte durch die Philosophiegeschichte, stets wie aus dem kleinen Störig abgeschrieben, aber mit marxistischem Standpunkt, seine oberflächlichen Einlassungen zur Kritik der politischen Ökonomie, v.a. aber sein angedrehter Ton, der stets gellte, hier künde einer Unerhörtes, haben inzwischen ein neues Stadium erreicht. Eine "ausschließlich an Marx geschulte Urteilskraft" (2002, S. 318) tauge nicht, wie er mit einem Zitat der Marxistischen Gruppe (MG) zu belegen weiß. Veraltet sei am Marxschen Werk die objektive Arbeitswerttheorie, welche sich in ihm zwar nicht finden lässt, die Türcke aber dort entdeckt zu haben meint (vgl. ebd., S. 281). Ebenso sei die bürgerliche Nationalökonomie veraltet, mit der Türcke jedoch darin konform ist, den Kapitalismus auf Grund der von ihm erpressten Innovationsfreude im Ganzen zu legitimieren (vgl. ebd. S. 306), genauso wie der Marxismus, von dem Türcke sich absetzen will. Stattdessen hat er nun mit den Postmodernen, sowie diversen Theoretikern der no globals ein gemeinsames Projekt.
 
War es bislang eine seiner Pointen, das unbedingte Heilsversprechen der Theologie gegen den sozialtechnologischen Revolutions- und Kommunismusgedanken des Marxismus hochzuhalten und so deren Gemeinsamkeit mit Marx und Kritischer Theorie herauszustellen (vgl. 1983, 1984, 1990b), so tadelt er nun letztere genau deswegen für ihre "infantile Allmacht der Gedanken" (2002, S. 303). Der sozialistischen wie der theologischen Vision sei eine "krasse Fehleinschätzung des Machbaren" (ebd., S. 309) gemein: "sie lassen sich nicht realisieren" (ebd., S. 305). Wo man sich an dieser Realisierung doch versuchte, sei das schlechte Wesen der Idee folgerichtig zur Erscheinung gekommen (vgl. ebd. S. 304). Stattdessen spricht er, der früher Adornos so genannte Praxisverweigerung verteidigte (vgl. 1990a, 1992), sich nun für die Zapatisten und für Naomi Kleins No Logo! aus, dessen Gedankenarmut er früher nur zerlegt hätte, für Greenpeace und für das von Pierre Bourdieu formulierte "Gegenfeuer" der NGOs (vgl. 2002, S. 315ff.). Seine Gedanken decken sich erstaunlich weitgehend mit denen der no globals. Wie andere ihrer Theoretiker [1] so kann auch Türcke den "gemeinsame(n) Nenner zahlloser zerstreuter, zusammenhangloser Aktionen und Tätigkeiten" sehen, "in denen das diffuse Aufruhrpotential der allgemeinen Suchtverfassung die Kontur des Widerstands bekommt." Ihnen allen sei der "Gedanke des Bremsens" gemeinsam (ebd., S. 310). Warum und wofür gebremst wird, interessiert Türcke freilich nicht. Aber er weiß, wie es geht und wann es Not tut. Er findet sich nämlich in "lauter kleinen alltäglichen Notwehrlagen" wieder, die aber, so Türckes Version angewandter Dialektik, "in ihrer ganzen Trivialität eine ungewohnte Bedeutungsschwere" bekämen: "etwas so Läppisches wie die Entscheidung, ob man sich Hintergrundmusik im Restaurant gefallen läßt oder nicht, kann plötzlich zur Prinzipienfrage, zum Probierstein von Zivilcourage werden" (ebd., S. 311). Er, der Marx' Bemerkung über die Verkürzung des Arbeitstages (vgl. MEW 25, S. 828) nutzt, um jenen einer "bemerkenswert bescheidene(n) Utopie" zu tadeln (2002, S. 305), entdeckt für sich die Wohltaten des harten, exerzitienhaften Lebens und der Entsagung: "Das Abschreiben von Texten und Formeln (...) kann unter den Bedingungen allgemeiner Bildschirmunruhe (...) unversehens zu einer Maßnahme der motorischen, affektiven, mentalen Sammlung, der inneren Einkehr, um nicht zu sagen, des Eingedenkens werden" (ebd., S. 311).
 
Im gewagten Denken treffen sich Links und Rechts. Man ist gegen den Zeitgeist, steht quer zu ihm. Hier hält man sich für kritisch. Das gewagte Denken rezipiert, was für andere anrüchig ist: Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger, Carl Schmitt, Otto Weininger, Ernst Jünger, Richard Wagner usf. Alles, was bereits für einen Flirt oder mehr mit dem ästhetischen oder politischen Faschismus taugte. Man beschäftigt sich mit Dunklem, mit dem Verfemten, dem, was unter der Oberfläche lauere, weil einen die irrationale Gewalt fasziniert, deren Quell man dort vermutet; jedoch nicht, um dem "unerhellten Trieb" (Adorno) zu seinem Recht zu verhelfen. Mit den Anschlägen auf das World Trade Center vom 11.09., so einer der Topoi der europäischen - und vor allem deutschen - Interpretamente, sei die Gewalt, die von den USA in die Dritte Welt ausgegangen sei, dorthin zurückgekehrt, sei das Verdrängte wieder hervorgebrochen. Ein Zusammenhang wird konstatiert. Die behauptete Wechselbeziehung ist so allgemein, so abstrakt, dass sie immer irgendwie stimmen kann und dass man dem, der sie äußert, keinerlei Sympathie für die Anschläge nachweisen kann. Die Konstatierung allerdings wird mit einem Gefühl der Genugtuung verbunden: Recht so! Auf die erste Stufe: Konstatierung folgen die Stufen PlausibilisierenVerstehen und entschuldigendes Verständnis.
 
Türcke entschuldigt nicht. Er nennt die Anschläge "ein ganz gemeines Verbrechen" (2003, S. 9), diejenigen, die sie verübten, allerdings schon "diejenigen, die beim Wettstreit der Kräfte auf der Strecke geblieben waren" (ebd., S. 7). Aber es sprechen aus ihm gewisse Sympathien für den Islam, den er ordentlich vom Islamismus unterscheidet, wenn er ihn als "stolze Siegerreligion" bezeichnet, die, gegen das Christentum gehalten, "im Sieg nicht so maßlos zudringlich und ressentimentgeladen" sei, sondern "vergleichsweise generös" (ebd., S. 94). Dem Massaker vom 11.09. habe zum einen "die geheime Furcht" zugrunde gelegen, "dass gegen die flüchtige [...] Sende- und Bildmacht" des modernen Westens, die alles entweihe, "alles, was bis anhin ‚Gott' oder ‚Allah' hieß, nicht aufkommt" (ebd., S. 150). Zum anderen sei der Anschlag Ausdruck eines inneren Kampfes gewesen. Die ökonomische wie militärische Gewalt der USA, die über die islamischen Länder kam, habe die Attentäter als Angehörige einer Siegerreligion an sich selbst erinnert. In der Gewalt, die von den USA ausgehe, erkenne der militante Islam seine eigenen Wunschbilder. Um nun diese Wunschbilder "im eigenen Inneren nicht hochkommen zu lassen, stürzten sich die Attentäter in die Twin Towers." Man habe sein Spiegelbild vernichten wollen, das man "nicht ertragen konnte." Das Massaker vom 11.09. sei also ein verworrener Weg der Abwehr von Vernichtungs- und Allmachtphantasien gewesen, - nicht deren Realisierung. "Der Weltfundamentalismus stieß mit sich selbst zusammen" (ebd., S. 151). Auf den miserablen Weltzustand im Allgemeinen beruft man sich seit dem 11.09. immer dann, wenn man islamistische Massaker in einer Gemengelage von Gewalt und Extremismus verschwinden lassen und aus ihnen ableiten möchte. Von ihm ist nicht mehr die Rede, wenn man über das spricht, was einen an diesem Weltzustand ganz persönlich besonders stört.
 
Der Fundamentalismus, den man dem Islamismus ankreidet, so weiß auch Türcke, habe nicht nur seinen begrifflichen Ursprung in den USA. Türcke untersucht vier Typen von Fundamentalismus, die alle um 1910 entstanden sein sollen. Zwei von ihnen seien jüdischer Natur, ein dritter, der sogenannte "weiche Fundamentalismus" des Christentums, jüdischer Abstammung (vgl. ebd., S. 88). Aber für die Fundamentalismen jüdischen Wesens reiche "der Verständnisschlüssel des Christentums" nicht aus (ebd., S. 99). Da werden also Dimensionen gesprengt. Der Zionismus und damit auch die Gründung des Staates Israel sei nämlich getragen von dem "Wunsch (...), das jüdische Blut möge sich endlich auf dem ihm einzig angemessenen Boden entfalten" (ebd., S. 107). Mit diesem Wunsch sei der Zionismus "eher ein Pionier als ein Ausläufer des neuen Erdkults" (ebd., S. 145) gewesen. Was Türcke nicht schreibt, aber suggeriert, das kann der Sympathisant vervollständigen: ist der Zionismus ein Pionier der Erdkulte, dann hat er anderen Erdkulten den Boden bereitet. Wohlgemerkt schreibt Türcke hier über den Stand der Dinge im Jahre 1910. Zu diesem Zeitpunkt aber war der Erdkult völkische Bewegung in Deutschland bereits fünfzig bis sechzig Jahre alt und hatte sich ab der Reichsgründung 1871 verfestigt. (Vgl. Mosse 1991) Wenn aber, wie Türcke meint, der Zionismus "eher" ein Mitinitiator der Erdkulte war, so kann man weiter denken und die einmal angestoßene Logik in ihrem Verlauf weiter beobachten: Ist dann den Zionisten mit dem Nationalsozialismus nicht ein Bumerang gegen den Kopf geflogen? Hat sich nicht ihr eigenes Prinzip gegen sie selbst gewandt? Und hat man dann nicht endlich die alle Antisemiten umtreibende Täter-Opfer-Verkehrung vollzogen? Auch wenn Türcke es nicht schreibt, so verweigert er dem Sympathisanten des gewagten Denkens doch nicht die Erfüllung: im Grunde habe der Zionismus die Lebensraumpolitik des Nationalsozialismus schon vorweggenommen. Denn dieser "neue Erdkult" (ebd., S. 109) habe dazu geführt, dass die Urbevölkerung der Region, die man seinerzeit Palästina nannte, nicht nur "vertrieben" sondern sogar "ausgerottet" (ebd., S. 110) worden sei. Und es sei "diese Erdkult-Logik im Zionismus selbst", die heutzutage immer noch die Politik in Israel bestimme, indem beispielsweise "kleine ultrareligiöse Parteien in den Rang von ‚Königsmachern' gehoben" (ebd., S. 118) und über eine mächtige Sperrminorität verfügen würden.[2] "Der libidinös, politisch, militärisch besetzte Boden Palästinas ist nur ein besonders exponiertes" Beispiel für die Tendenz des Kapitalismus, "profane, triviale Gegenstände [...] mit höherer Bedeutung" aufzuladen (ebd., S. 119f.). Dann lässt sich aber weder erklären, wieso Türcke seinerseits vom "palästinensischen Boden" (ebd., S. 118, 144) spricht, den es laut ihm gar nicht geben kann, noch wieso er, wie alle anderen Ankläger der neuen Weltordnung, den Israel-Palästina-Konflikt dermaßen in den Mittelpunkt stellt. Ist darüber hinaus Israel nicht nur mit Bedeutung hoch aufgeladen, sondern tatsächlich von hoher Bedeutung, weil es nämlich das Land ist, in das alle Juden jeglicher Herkunft jederzeit vor ihren Feinden flüchten und von wo aus sie sich gegen diese wehren können?
 
Das gewagte Denken begibt sich auf "Grenzgänge". Da ist es einsam, wie um Nietzsches Zarathustra im Gebirge. Da werde man nicht nur missverstanden. Hier sage man Wahrheiten, die von den Kritikern des gewagten Denkens sofort mit "Denkschablonen" und "Denkverboten" gebannt würden. So etwas braucht das gewagte Denken, denn so kann es sich immunisieren und das, was gesagt wird, von vornherein freisprechen, - und das Schlechte, was gesagt wird, den Wahrnehmungssperren seiner Kritiker zuschreiben. Die gewagten Denker und ihre gesinnungslinken oder gutmenschelnden Kritiker brauchen einander. Klagen diese an, so ist dies für jene schon Beleg genug, einen ebenso gewagten wie wahren Gedanken geäußert zu haben. Bei den Juden tut sich für Türcke immer wieder ein Abgrund auf und als in der Wolle gefärbter Theologe entlässt er sie nicht aus der Bibel. Die Bücher Josua und Richter, in denen die Landnahme nach dem Auszug aus Ägypten beschrieben wird, seien Teil einer "abgründigen literarischen Komposition" (ebd., S. 110) und die Doppeldeutigkeit des Symbols im Allgemeinen habe sich im Ritus des Passahfestes "auf abgründige Weise niedergeschlagen" (ebd., S. 111). Die Gründung des Staates Israel sei "nach einem alten theologischen Modell gedacht" worden (ebd., S. 105), auch wenn die Belege, die er dafür heranzieht, dies nicht bestätigen. Die Landnahme in Palästina sei wie unter Josua erfolgt (vgl. ebd., S. 110). Auf irgendeine Weise möchte Türcke den Judenstaat und die USA, die jeder Antiamerikaner und Antizionist als Agentur des Weltjudentums kennt, zusammenbringen. Also nennt er Hollywood das "Gegenstück" zu Palästina (ebd., S. 120). Die von den Juden dort produzierten Filme, mit denen sie zum "Tanz ums bewegte Bild" einluden (ebd., S. 147), seien ihnen "wie ein brennender Dornbusch" aufgeleuchtet (ebd., S. 125). Ihr Aufstieg von den Hinterhöfen ins glänzende Hollywood nennt er den Auszug "aus der modernen Knechtschaft Ägyptens" (ebd., S. 139).
 
Laut Türcke existiert eine besondere Affinität der Juden zum Film. Die vorherrschende Stellung von Amerikanern jüdischer Herkunft leitet er aus sozialen und kulturellen Umständen ab. Weder vertritt er einen rassentheoretischen Antisemitismus, noch phantasiert er eine jüdische Weltverschwörung zusammen. Er versammelt nur die Stereotypen, die man aus jenem ideologischen Fundus kennt und sprachlich teilt Türcke so aus, dass es einem kultivierten Nazi das Herz wärmt. Für einen Juden sei, in Türckes Diktion, "die Region um Los Angeles [...] sein Palästina, Hollywood sein Jerusalem, Beverly Hills sein Zion" (ebd., S. 134). Von "Filmjuden" spreche er nur, weil filmhistorische Literatur dies tue (ebd., S. 127, Fn. S. 136). Auch wenn es so schlagelüstern und verächtlich klingt wie "Judenbengel", soll man ihm aus Wörtern keinen Strick drehen dürfen. So abgesichert kann man sich die kernige, knurrende Sprache derjenigen genehmigen, die wie Türcke wissen, dass Juden in Hollywood nicht nur eine "Weltmacht ohnegleichen" gründeten (ebd., S. 122), sondern sich stets geschickt in ihren Wirtsvölkern zu verbergen wussten: "Die volle Bedeutung von Hollywood" aber erschließe sich erst, "wenn man diesen Namen als Kryptogramm für Jerusalem, als Fluchtpunkt der jüdischen Religionsgeschichte - als Punkt ihrer äußersten Selbstverleugnung begreift" (ebd., S. 141). Die erlangte "Weltmacht ohnegleichen" "siegte nicht mit Waffengewalt, aber nachhaltiger als es Militärs je könnten: indem sie mentale Standards produzierte, die zu Schemata der allgemeinen menschlichen Wahrnehmung und Mitteilung aufstiegen" (ebd., S. 122). Diese Schemata seien "gleichsam ins Grundwasser der menschlichen Kommunikation eingedrungen" (ebd., S. 141). Nun ist es vergiftet. Wer mag noch die Brunnen nutzen, die zu ihm führen? Schöner hat noch niemand Habermas' "systemisch verzerrte Kommunikation" unter Zuhilfenahme von Formeln aus dem Kulturindustrie-Kapitel der Dialektik der Aufklärung von Adorno und Horkheimer ins Antisemitische übertragen.
 
Vielleicht merkt Türcke nicht, was er schreibt; vielleicht spricht nur etwas aus ihm, das sich in seine Texte verteilt. Mag sein, dass er seine Texte nur schreibt und nicht liest. Genauso wenig wie sein Verlag, denn sonst wären Türckes Flüchtigkeitsfehler, wie der, einmal George Orwell (vgl. ebd., S. 116), dann Aldous Huxley (vgl. ebd., 135) zum Autor von Animal Farm zu machen, getilgt worden. Wieso zu Klampen ein solches Buch verlegt, ist fraglich. An fast all den Büchern und Aufsätzen der Nachfolger und Nachlassverwalter, der Werk-rekonstrukteure und Aspektsachbearbeiter (Adorno und ...) der Kritischen Theorie, die sich um den zu Klampen-Verlag sammeln, aber fällt eines auf: dass man einen Bogen um ein Herzstück der Kritischen Theorie macht, nämlich um die Kritik des Antisemitismus. Bei Christoph Türcke ist nun plausibel, warum. Verstehen kann man es nicht, entschuldigen schon gar nicht. 
 
 
 Anmerkungen:
 
[1] Vgl. Hardt & Negri 2002, 44, 67, 70f., 142 und Holloway 2002, 173, 179, 216, 217, 236.
 
[2] Türcke bezieht sich hier selbstredend auf den Kronzeugen des deutschen Antizionismus, Moshe Zuckermann.
 
 
 Literatur:
 
Hardt, Michael & Negri, Antonio, Empire. Die neue Weltordnung, Frankfurt/M - New York 2002.
 
Hecht, Martin, Unbequem ist stets genehm. Die Konjunktur der Querdenker, Reinbek 1997.
 
Holloway, John, Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen, Münster 2002.
 
Marx, Karl, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, MEW 23-25, Berlin 1989.
 
Mosse, George L., Die völkische Revolution. Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus, Frankfurt a.M. 1991.
 
Schenk, Jörg M., Einige Probleme der Sprache, in: Martin Büchsel & Henri Lonitz (Hgg.): Dialectica negativa I. Wider den Fortschritt der Regression des Denkens, Lüneburg 1984, S. 103-121.
 
Türcke, Christoph, 
Über die theologischen Wurzeln der Marxschen Kritik, in: Gerhard Schweppenhäuser, Dietrich zu Klampen, Rolf Johannes (Hgg.): Krise und Kritik. Zur Aktualität der Marxschen Theorie, Lüneburg 1983, S. 15-30.
Gottesgeschenk Arbeit. Theologisches zu einem profanen Begriff, in: Michael Löbig, Gerhard Schweppenhäuser (Hgg.): Hamburger Adorno-Symposion, Lüneburg 1984, S. 87-98.
Praxis und Praxisverweigerung nach Adorno, in: Frithjof Hager, Hermann Pfütze (Hgg.): Das unerhört Moderne. Berliner Adorno-Tagung, Lüneburg 1990, S. 48-62 (1990a).
Zum ideologiekritischen Potential der Theologie. Konsequenzen einer materialistischen Paulus-Interpretation, Lüneburg 1990 (1990b).
Abwarten, in: Frithjof Hager (Hg.): Geschichte denken. Ein Notizbuch für Leo Löwenthal, Leipzig 1992, S. 137-140.
Erregte Gesellschaft. Philosophie der Sensation, München 2002.
Fundamentalismus - maskierter Nihilismus, Springe 2003.
 

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