Ausgabe #1 vom

Dialog der Kulturen in Rheinform

Zu der Veranstaltungsreihe Der neue Orient

JAN HUISKENS

Im Rheinland liegen die Städte dicht beieinander, die Menschen sprechen denselben Dialekt, sind dem Alkohol (ob nun Kölsch oder Alt) nicht abgeneigt und lieben den Karneval - doch gerade aufgrund ihrer Gleichartigkeit müssen sie sich beständig voneinander abgrenzen. So kommt es zu der seltsamen Situation, dass die Kölner die Düsseldorfer für abgehoben und arrogant, die Düsseldorfer wie-derum die Kölner für zu proletarisch halten. Die Bonner versuchen sich weltmännisch aus diesem Streit herauszuhalten und betonen bei jeder Gelegenheit, Bewohner der ehemaligen Bundeshauptstadt zu sein. Aber so sehr auch an allen Ecken und Enden in Deutschland immer wieder der längst beerdigte Charakter der Kleinstaaterei einschließlich seiner diversen lokalen Frotzeleien hervorquillt, es drängt die Deutschen zur Einheit: und wie könnte, wenn die Wirklichkeit beständig die Staatsbürger daran erinnert, dass das Deutsch-Sein sie nicht davor schützt, arm, schwach oder hässlich zu sein, diese Einheit besser realisiert werden als in der Projektion? Immer wieder lockt die Versuchung, die eigene Misere zu projizieren, weil die Projektion der Verdrängung immer noch den Lustgewinn voraus hat, der entsteht, wenn am fremden Objekt das individuelle Unglück abgespalten und gehasst wird. Das fremde Objekt nimmt traditionellerweise "der Jude" ein, der im Wahn des Projizierenden auch schon mal als Amerikaner, Spekulant oder Immobilienhai auftreten kann.
  
 Weil aber der deutsche Souverän es sich derzeit nicht leistet, diesen antisemitischen Wahn aus einem individuellen in einen kollektiven Wahn zu übersetzen, weil also seit der Niederschlagung des Nationalsozi-alismus der Antisemitismus nicht mehr Staatsprogramm ist, schaut sich der nach Identifikation mit einem übermächtigen Kollektiv sehnende Bürger nach anderen Kollektiven um, die seinem psychologischen Bedürfnis entsprechen könnten. Und da sind sie, klar und hell erleuchtet, vor ihm sichtbar: die Araber, die dem "Koloss auf tönernen Füßen" (Scholl-Latour), dem verhassten Amerika, scheinbar heroisch Widerstand leisten. Sie lassen sich durch nichts und niemanden, das heißt weder durch Dollars noch durch die Kulturindustrie, davon abbringen, ihrer angestammten Kultur die Treue zu halten, also den Judenhass zu pflegen. Der deutsche Bürger ist sich darüber im Klaren, dass er den Antisemitismus der Araber nicht zu frenetisch bejubeln darf, sondern sich stattdessen auf deren differente Kultur und Religion beziehen muss, die in einem multikulturellen und weltoffenen Deutschland beliebte Güter sind. Deshalb geht er gerne zum "Tag der offenen Moschee" und lässt sich den Döner so richtig schmecken, ist aber peinlich berührt, wenn er im Ägypten-Urlaub freudig mit "Heil Hitler!" begrüßt wird.
  
 Eine breit angelegte Veranstaltungsreihe soll dieses arabophile Bedürfnis nun befriedigen und zugleich dafür sorgen, dass Deutschland Exportweltmeister bleibt, indem der gigantische arabische Markt nach und nach durch deutsche Firmen mit "Pro-Islam"-Bonus erschlossen werden kann. Zusammengeschlossen haben sich die Rheinstädte Bonn, Köln, Düsseldorf und Duisburg, um das regionale Kulturprojekt "Der neue Orient" zu gründen. Mit Unterstützung des Landes NRW und des Westdeutschen Rundfunks wurde eine beachtliche Fülle an Veranstaltungen organisiert, die von September bis Dezember in allen vier Städten verteilt stattfinden sollen. Neben den Themen "bildende Kunst", "Film", "Musik", "Literatur" und "Tanz/Theater" wird selbstverständlich mit dem Thema "Islam - zur Kultur einer Religion" aufgewartet, das am 10. Februar mit einem internationalen Symposium unter dem Titel "Feindbild Orient - Feindbild Westen" ausklingen soll.
  
 Zuvor jedoch muss erst einmal in aller Breite dargestellt werden, worin das "Feindbild Orient" besteht und warum das "Feindbild Westen" gar keines ist, sondern eine Kritik der westlichen Lebensweise: Dr. Georges Tamer etwa, Mitarbeiter des Institutes für außereuropäische Sprachen und Kulturen der Universität Nürnberg, vertritt die These, "dass es neben dem westlichen Weg zur Zivilgesellschaft" auch einen gleichberechtigten "orientalisch-muslimischen Zugang" gebe, "der sich aus den Traditionen und dem Geist des Islam" herleite. Dr. Hussein Omran, seines Zeichens Botschafter der Arabischen Republik Syrien, fügt auf seiner Veranstaltung "Zusammenprall - Dialog der Kulturen" hinzu, dass das "Vertrauen zwischen den Kulturen" notwendig sei und meint damit vermutlich, dass niemand zu genau nachfragen solle, wie weit Syrien bereits mit seinem Nuklearwaffenprogramm vorangekommen ist.
  
 Die islamwissenschaftliche Zunft wird u.a. vertreten durch Dr. Stefan Leder, Vorsitzender der Deutsch-Morgenländischen Gesellschaft, der auf der Veranstaltung "Die politische Theorie des Islam" wohl keine Einführung in die Rechtstheorie der Sharia geben wird, sondern wie alle anderen für einen "Dialog mit den islamischen Akteuren" eintritt. Doch im Themenbereich "Tanz/Theater" geht es wie gewohnt kritisch zu: das HipHop-Tanztheaterstück "Kopf & Tuch" wendet sich etwa der Frage zu, "was uns ausmacht: Herkunft, Glaube, Kopf oder Tuch?" Auf diese Frage wird es keine einfachen Antworten geben. Nicht bei einem Publikum, das sich subversive Geister wie den bei Kanak Attak engagierten Feridun Zaimoglu zu Gemüte führt, dessen Buch "Koppstoff" im Rahmen der Veranstaltungsreihe das erste Mal als Theaterstück aufgeführt wird und der höchst selbst Liebesgeschichten vorliest und mit Weisheiten wie jener aufwartet, die Kampfansage der Gotteskrieger laute "Menschenbomben gegen Sexbomben" - also irgendwie alles dasselbe. Veranschaulicht wird die These der Menschen- gegen die Sexbombe durch den Film "Paradise Now", einem antizionistischen Propagandafilm, von dem an anderen Stellen bereits zur Genüge die Rede war. Welche verzweifelte Situation die Palästinenser überhaupt erst in die Lage versetzt, sich in eine menschliche Bombe verwandeln zu wollen, erklärt der Film "Mauer", der den israelischen Sicherheitszaun als Zubetonierung der palästinensischen Freiheit darstellt und damit einmal mehr Ursache und Wirkung verkehrt.
  
 Kurzum: Ein kompaktes Programm, etwa 190 Veranstaltungen intensivieren den "Austausch mit einer uns nahen und doch zugleich fernen Kultur" (Vorwort der Veranstalter). Dass dem Individuum mittels der Projektion das ferne scheinbar nah werden kann, berührt trotz allem nicht den Umstand, dass das Objekt dieser psychischen Leistung, der Orient, keineswegs zufällig gewählt ist. Wie die Nazis sich einst mit den urgermanischen Horden identifizierten, weil diese wie sie nichts als Raub und Mord im Sinn hatten, so identifizieren sich die heutigen Deutschen nur allzu gerne genau deshalb mit den Arabern, weil diese spätes-tens in den letzten hundert Jahren bewiesen haben, dass "ihre Kultur" in vielerlei Hinsicht mit der deutschen kompatibel ist: insbesondere mit dem Hass auf die Juden. 
  
  
   Alle Zitate aus::
  Der Neue Orient. Zeitgenössische Kunst und Kultur, Programm September - Dezember 2005, Bonn 2005

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