Ausgabe #1 vom

Der braune Gockel

Wie verträgt sich Avantgardismus mit Antisemitismus?

Vincent Gallo macht es vor

FELIX HEDDERICH

Mit Buffalo 66, seinem 1998er Debüt als Filmemacher, gelang es Vincent Gallo, in Europa noch mehr als in den USA, mit einem Schlag zum Kritiker-Liebling aufzusteigen. Vorher vor allem als Model für Calvin Klein bekannt, zeigte sich Gallo als talentierter Regisseur und Schauspieler und darüber hinaus verantwortlich für den Soundtrack des Films. Alles in allem, da war sich die Presse mit Gallo einig - ein "Meisterwerk". Fünf Jahre später langweilte und verärgerte Gallo die Jury und das Publikum von Cannes mit seiner zweiten Regiearbeit The Brown Bunny. Der Film ist jetzt um 30 Minuten gekürzt auf DVD erschienen.
 
 I.
 
 Und wieder einmal hat Vincent Gallo alles alleine gemacht. Er hat sogar persönlich die Filmrollen seines zweistündigen Films nach Cannes eingeflogen und sich, nachdem The Brown Bunny als schlechtester Film in der Geschichte von Cannes verrissen wurde, auch ganz schnell wieder mit dem Filmmaterial verkrümelt. Jedoch nicht ohne vorher noch für einen Skandal um den Skandal zu sorgen, indem er den Filmkritiker Roger Ebert als "fettes Schwein" beschimpfte und ihm den Krebs an den Hals wünschte.
 
 Gallo, das ist offensichtlich, kann mit Kritik an seiner Person nicht umgehen. So unnahbar Gallo sich in seinen Filmen zeigt, so verhält er sich auch privat. Auf Kritik reagiert er wie ein kleines Kind: er beschimpft einfach seine Kritiker und gesteht sich selbst keine Fehler ein.
 
 Stattdessen ist er kritisch allen anderen Menschen gegenüber. "Kannst du irgendjemandem trauen? - Nein." Menschen sind für ihn nur "creepy creeps". Er selbst aber hält sich für eine Art Jesus. Kein Gallo-Artikel in einer Zeitschrift, wenn Gallo nicht auch auf dem Cover abgebildet ist. "Würde ich mich nicht kennen, wäre es mein Traum, mich zu treffen." Nur was er selbst macht ist gut genug für ihn. O-Ton Gallo: "Das beste Interview mit Vincent Gallo wurde von Vincent Gallo geführt, die besten Artikel über Vincent Gallo wurden von Vincent Gallo geschrieben, die beste schauspielerische Leistung von Vincent Gallo gab es unter der Regie und Bearbeitung von Vincent Gallo nach einem Drehbuch von Vincent Gallo, sogar die besten Fotos von Vincent Gallo wurden von Vincent Gallo geschossen."
 
 Dass The Brown Bunny in Cannes floppte kann aus dieser Sichtweise heraus natürlich nicht an Gallo selbst gelegen haben. Schließlich hat er wiedereinmal Regie, Produktion und Hauptrolle übernommen. Schuld an seinem filmischen Misserfolg kann in einer Welt, wie Gallo sie sich erklärt, demnach nur die Presse ("Es tut mir Leid, dass ich nicht schwul oder jüdisch bin und somit keinen speziellen Kreis von Journalisten habe, der mich unterstützt") oder die Jury ("Ich möchte einen Film mit einer handicapped Black Jew lesbian-Hauptdarstellerin machen, damit ich bei Sundance gewinnen kann.") haben. 
 
 II.
 
 Über den Film The Brown Bunny gibt es eigentlich nur wenig zu sagen. Der Film ist, anknüpfend an Buffalo 66 eine weitere Variation des Themas vom einsamen Vincent Gallo. "I'm always sad when I'm lonely" singt Gallo auch auf seiner letzten CD When. War Buffalo 66 noch bis in die Nebenrollen mit Hollywoodstars besetzt, wenngleich der Film kein Hollywood-Film, sondern das eigenwillige Projekt Vincent Gallos war, so verzichtet Gallo nun bis auf Chloë Sevigny völlig auf Stars und setzt ganz allein auf sich als Schauspieler. Das mag sowohl daran liegen, das er mit niemand anderem zusammenarbeiten kann, sicher aber auch umgekehrt daran, dass mittlerweile niemand mehr Lust hat an Gallos Filmen mitzuwirken.
 
 In The Brown Bunny spielt Gallo den Motorradfahrer Bud Clay, der sich in einem schwarzen Van auf die Suche nach seiner großen Liebe Daisy (Chloë Sevigny) begibt. Der Zuschauer blickt durch die Augen Gallos und durch eine verschmutzte Autoscheibe auf die verlassenen Straßen anonymer amerikanischer Städte. Nur hier und da stoppt Gallos Fahrt. An einer Tankstelle, bei Daisys Eltern und in einer Tierhandlung, in der Bud nach einem braunen Hasen sucht. Einen solchen hat Daisy nämlich einst besessen und Bud versucht alles, um die Erinnerung an Daisy und darüber hinaus Daisy selbst zurückzugewinnen. Drei Versuche, sich auf seiner Reise mit anderen Frauen einzulassen scheitern. Aber allein dieser Versuch eines Flirts zeigt das Alter Ego Gallos viel aufgeschlossener als noch Buffalo 66. Dort spielte er noch den verschlossenen und verklemmten Billy Brown, der nicht pinkeln kann, wenn in einer öffentlichen Toilette ein Mann neben ihm steht, der in Unterhose in die Badewanne geht und mit seiner Filmpartnerin Layla (Christina Ricci) ein Paar spielt, "das sich nicht anfasst." Wie Buffalo 66 endet auch The Brown Bunny in einem Hotelzimmer. Die dortige Begegnung mit Daisy, die sich letztendlich nur als Traum herausstellt, endet mit einem mehrminütigen Blowjob, der etwa die Hälfte von Chloë Sevignys Rolle im Film einnimmt. Eine derartige Darstellung wäre noch in Buffalo 66 undenkbar gewesen. Dort ist Billy weniger auf der Suche nach einer Freundin, als nach einem Ersatz für die Mutter, die ihn nie geliebt hat. Die Bettszene im Hotelzimmer macht dies überdeutlich: Anstatt Sex sieht der Zuschauer Billy, wie er sich in Embryo-Stellung an Laylas Schulter schmiegt. Weiter, als die in Buffalo 66 autobiografisch verarbeitete mangelnde Liebe der Eltern für seine Einsamkeit verantwortlich zu machen, geht Gallo mit seinen Filmen nicht. Ging es den anfänglichen avantgardistischen Filmemachern noch um Subversion und die Infragestellung der Realität mit filmischen Mitteln, so liegt Gallo nichts an derlei Absichten - auch wenn er auf einige Stilmittel des avantgardistischen Kinos, wie Split-Screen oder Einzelbildmontage, zurückgreift. Ihm geht es einzig und allein um die Darstellung seiner selbst und die Erregung von Mitleid beim Publikum.
 
 III.
 
 So wie er es liebt sich sowohl privat als auch mit seinen Filmen als Avantgardist zu geben, so vermeidet Gallo es peinlich genau, auch nur in den Verdacht zu geraten ein Intellektueller zu sein. Laut spiegel-online ist er stolz darauf, nie ein Buch gelesen zu haben und bezeichnet sich in Interviews gern selbst als "small-minded".
 
 In seinen Filmen eher verschwiegen und verschlossen ist er privat ein ziemliches Großmaul, gerade wenn es darum geht sich über die Minderheiten in der amerikanischen Gesellschaft auszulassen. Die oben erwähnten Äußerungen bilden da keine Ausnahme, sind keine Ausrutscher. So beschwert sich Gallo in einem Interview unter anderem über Demonstrationen von Puerto Ricanern und Homosexuellen (die er "spics" - ein Schimpfwort für "hispanics" - und "fags" - Schwuchteln - nennt) in der Innenstadt von New York. Dafür hat Gallo kein Verständnis, stattdessen fordert er: "Reden wir über Rache." "Ich bin ein extremer Rechtskonservativer" brüstet sich Gallo und bezeichnet auf seiner Homepage (www.vincentgallo.com) ein ehemaliges Mitglied seiner ersten Band The Blue Mood als fetten, hässlichen Juden. Erleichtert schreibt er an gleicher Stelle über seine zweite Band Zephyr: "Eine perfekte Band - keine Juden, keine Rotschöpfe." In einem mit sich selbst geführten Interview für das Grand Royal Magazine der Beastie Boys beschimpft er unter anderem Todd Feldman als "kleinen Juden-Bastard" und schwafelt an anderer Stelle von der jüdischen Dominanz in Hollywood. Auf Pressekonferenzen trägt er gerne T-Shirts mit der Aufschrift "Fuck Israel", oder auch schon mal ein Hakenkreuz an seiner Lederjacke.
 
 In einem Interview mit der Zeitschrift Spex konnte man unkommentiert lesen: "Martin Luther King hatte keine Bedeutung. Seine größte Bedeutung war seine Ermordung, retrospektiv, ein Melodrama. Richard Nixons Einfluss war weitaus fundamentaler. Die wichtigste Person des 20. Jahrhunderts war ohnehin Hitler. Als das Life-Magazin die Wahl zum bedeutendsten Menschen des 20. Jahrhunderts ausgeschrieben hat, haben sie nur Einstein genommen, weil die Juden massiv Geld ausgegeben haben, um per Mail tausendfach abzustimmen." "Ich bin kein Antisemit, aber..." - diese Floskel gehört mittlerweile zum guten Ton eines jeden Antisemiten. Und auch Gallo, der einem Interviewer auf die Frage, ob er Jude sei die Antwort gab: "Nein, ich habe nicht das Juden-Gen", behauptet von sich "Ich bin mit Sicherheit kein Juden-Hasser".
 
 Was in der Zukunft noch alles von Vincent Gallo zu erwarten sein wird, kann man sich denken. Wahrscheinlich ein Film, der gänzlich auf andere Schauspieler verzichtet und nur noch Gallo, Gallo und nochmals Gallo zeigt. Und bis es soweit ist: eine Reihe weiterer Hasstiraden auf Juden und Schwule. Für Letzteres sollte Gallo endlich einmal in erster Linie kritisiert werden, ganz gleichgültig, was man von seinem nächsten Film halten mag. 

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